Unsere Freundschaft mit den Eingeborenen wurde durch diesen etwas summarischen Vorgang in keiner Weise getrübt, da er vollkommen den afrikanischen Rechtsanschauungen entspricht und von Eingeborenen untereinander sehr oft ausgeübt wird. Thatsächlich ist es in einem Lande, wo keine Polizei existirt auch nahezu unmöglich, zu seinem Recht zu kommen ohne dieses Geiselsystem.

Wir hielten uns am nächsten Tage in Ikoma auf, stets umschwärmt von den harmlos friedlichen Eingeborenen, die für Glasperlen und Messingdraht ungeheure Mengen Mehl und andere Lebensmittel, auch grosse Welse brachten. Am Morgen des 4. April, an welchem ich einen zweiten Rasttag halten wollte, meldete mir Mzimba zu meinem sehr grossen Erstaunen, dass vier Träger ausgerissen seien. Natürlich waren es Wabondeï, diese unverbesserlichen Davonläufer, die so spät ihr Heil in der Flucht gesucht. Im Interesse der Disziplin schien es mir unumgänglich nothwendig, diese Leute zu fangen und ich beschloss, abermals zu dem afrikanischen Verfahren zu greifen. Vier eingeborene Geiseln wurden festgenommen und ich eröffnete den Ikoma-Leuten, dass ich diese erst freigeben würde, wenn meine vier entsprungenen Träger eingebracht würden. Die Eingeborenen fanden diesen Vorgang sehr begreiflich und baten uns, zum Schein abzuziehen, da sich die Flüchtlinge wohl erst dann wieder zeigen würden. Wir brachen denn auch nach dem zwei Stunden entfernten Dorf Niasiro auf, das etwa 100 Hütten hat, die auf der Kuppe eines Hügels zwischen dunklem Euphorbiengestrüpp verstreut liegen. Am Fusse rauscht der ansehnliche, fischreiche Grumeti-Bach. Auch hier überboten sich die Eingeborenen an Freundlichkeit und Mzimba veranstaltete unter einem schattigen Baum einen förmlichen Markt und häufte Lebensmittel-Vorrath an, als ob wir noch einmal das Massailand passiren sollten.

Waschaschi-Dorf in Usenye.

Am Morgen des 6. April wurden die vier Deserteure gebunden eingeliefert und die Geiseln, die sich bei uns sehr behaglich gefühlt hatten, nahmen reich beschenkt Abschied. Die feigen Eingeborenen, die vor den Flinten der Ausreisser Furcht hatten, lockten dieselben erst freundlich an, fielen dann über sie her und legten sie in Fesseln. Sie wurden von ihren Kameraden mit höhnischen Zurufen und Pfiffen empfangen, erhielten ihre tüchtige Strafe und wurden an die Kette gelegt. Als ich sie fragte, warum sie fortgelaufen seien, meinten sie: die Massai-Reise habe sie ermüdet und sie wollten als Sklaven bei den Eingeborenen bleiben um auf eine andere Karawane zu warten. Wenn man bedenkt, dass oft viele Jahre vergehen, bevor eine Karawane nach Ikoma kommt, so kann man das Unsinnige dieses Planes ermessen.

Die weitere Reise führte uns durch Usenye, einer reich bebauten, von stärkeren Hügelwellen durchzogenen Landschaft, mit zahlreichen grossen Dörfern, in deren Innern die Euphorbien- und Dornhecken förmliche Irrgärten bilden. Am 7. April überschritten wir den Rubana, einen nach den Karten sehr bedeutenden Fluss, der aber in Wirklichkeit nur ein schmaler Bach ist. Schon damals schien mir zweifelhaft, dass dieses Gewässer der Unterlauf des Ngare dabasch, eines ansehnlichen Flusses im Massailand sein sollte. Jenseits des Rubana betraten wir wieder pfadloses Steppengebiet und zogen unter Führung eines Usukuma-Händlers, den wir in Ikoma getroffen, schnurgerade auf einen Kegelberg, Tschamliho, los. Das Land war offen und grasig, nur die zahlreichen Wasserrisse von Laubbäumen, Akazien und Tamarinden eingesäumt. Viele Antilopen und Gnus sowie einzelne Nashorne tummelten sich in der Ebene; von Büffeln sah man auch hier nur Scelette.

Am 9. April erreichten wir den Tschamliho-Berg, der den höchsten Punkt des Distriktes Ikiju bezeichnet, ein bewohntes, bergiges Land. Auch hier leben Waschaschi, wohlgenährte kräftige Leute in sehr einfacher Kleidung, mit Bogen und Pfeil bewaffnet.

Sie hatten unser Herannahen schon bemerkt und zogen uns entgegen, eine feindliche Invasion fürchtend, beruhigten sich jedoch bald, als sie uns als Küstenkarawane erkannt. Auch sie pflegen auf einem Fuss zu stehen und den anderen oberhalb des Knies aufzustemmen.

Angel für Welse der Waschaschi.