Auf steinigem Pfade durchzogen wir mehrere an den Hängen verstreute Dorfgebiete und lagerten an einem Bach, wohin die nun völlig zutraulichen Eingeborenen uns reichliche Lebensmittel brachten. Am nächsten Tage trugen sie sogar die Lasten der Leute, als wir auf steilem, schlechten Felsweg den Berg jenseits wieder abstiegen und dann ein wasserreiches, theilweise versumpftes Thal durchzogen. Stellenweise ragten abenteuerlich geformte Granitfelsen auf, meist in der Nähe der Dörfer gelegen und den Eingeborenen als Warte dienend. Am 11. April führte ein angenehmer Marsch uns durch offenes welliges Land mit vielen Dörfern und prächtigen Anpflanzungen der verschiedensten Kulturgewächse, unter welchen Gurken, Kürbisse, Arachis und Maniok auffielen. Getrocknete Fische wurden uns zum Verkauf angeboten, welche zugleich mit Fischereigeräth in den Hütten uns die Nähe des Victoria-Nyansa anzeigten.
Am 12. April begannen wir bei leichtem Regen den ziemlich steilen Abfall der Schaschi-Berge abzusteigen. Kaum eine halbe Stunde vom Lager eröffnete sich uns plötzlich der Ausblick auf die dunkle Fläche des Speke Golfes mit dem fernen Horizont des Nyansa. Ein grauer Himmel umspannte die Landschaft, der Majita-Berg im Norden und die Nassa-Berge im Süden waren nur undeutlich sichtbar.
Dennoch war es für mich ein freudiger Augenblick: konnte ich mir doch sagen, dass der schwierigste Theil unserer Aufgabe gelöst war. Die direkte Route durch das Massai-Land, die als unpassirbar galt und die ein Stanley geplant und als zu schwierig aufgegeben hatte, diese Route war von der Massai-Expedition in der kurzen Zeit von 2½ Monaten bewältigt worden.
TAFEL VI
Station Mwansa am Victoria-See.
Vor den Schaschi-Bergen dehnte sich eine flache, von einzelnen Wasserrissen durchzogene Grasebene aus, durch die unser Weg dem See zu führte. Ungeheure Heerden von Gnus, Antilopen und Zebras waren sichtbar, auch ein Rhinozeros konnte ich erlegen und die Träger knallten ein zweites gemeinsam nieder, nachdem sie ihm ein förmliches Feuergefecht geliefert. Gegen Mittag erreichten wir das Papyrus-Ufer des Nyansa beim Distrikt Katoto. Zwischen Feldern und zerstreuten Hütten waren Fische auf Gestellen zum trocknen ausgelegt, in den Papyrussaum des Ufers hatte man für die Kanus Strassen gehauen und durch diese blickte man hinaus auf die schimmernde Fläche des afrikanischen Binnenmeeres.
Graf Schweinitz, photogr.
Kanu am Victoria-Nyansa.