[[←]] III. KAPITEL.
Im östlichen Nyansa-Gebiet.

Katoto und Mwansa. — Ukerewe. — Ukara. — Der Baumann-Golf. — Gefechte in Mugango. — Die Schaschi-Länder. — Ngoroïne. — Ikoma. — Kämpfe in Ututwa. — Ntussu. — Meatu. — Munyihemedis Niederlassung. — Zur Nyarasa-Steppe. — Der Salzfluss Simbiti. — Die Elephantenjäger. — Die Weiber der Karawane. — Usmau und Usukuma. — Mwansa.

In dem ansehnlichen, von festem Stangenzaun umgebenen Hüttenkomplex des Häuptlings schlugen wir wenige Schritte vom Nyansa, in Katoto, unser Lager auf. Die Eingeborenen, mit Ziegenfell bekleidete Waschaschi, waren rasch mit uns befreundet und brachten Lebensmittel. Wir schwelgten in seltenen Genüssen wie Fischen, Zuckerrohr, Tomaten und vorzüglichen Gurken, wozu in den nächsten Tagen noch Bananen aus Ukerewe und Reis aus Usukuma traten. Behaglich lagen die Leute am Strand, nahmen auch trotz der Krokodile eifrig Bäder im Nyansa, beobachteten die Flusspferde, die manchmal ihr breites Maul über die Wasserfläche erhoben, die Tauchervögel, die mit unendlicher Leichtigkeit der Bewegung über das Wasser schwebten und die Kanus, die von kräftigen Ruderern getrieben, den sonnenbestrahlten See belebten. Sie bemerkten dabei auch merkwürdige scheinbare Ebbe- und Flutherscheinungen des Nyansa und kamen eilig, mir dies zu melden. Ich lachte über diese Wahrnehmung, da das Vorkommen von Gezeiten bei einem Binnengewässer wie dem Victoria-See ganz ausgeschlossen erscheint. Wie gross war jedoch mein Erstaunen, als ich in den nächsten Tagen thatsächlich einen Wechsel des Niveaustandes um ca. 30 cm wahrnehmen konnte! Die Erklärung dafür bieten die regelmässigen Seewinde die täglich einsetzen und das Steigen des Wasserspiegels am Ufer hervorrufen.

Das Dolce far niente meiner Leute wurde fast täglich durch mächtige Donnerwetter gestört, die stets Nachmittags mit unerhörter Wucht hereinbrachen. Einmal wurde sogar ein Askari vom Blitz gestreift, war mehrere Tage fast blind, erholte sich jedoch dann vollständig.

Da ich die Absicht hatte meiner Mannschaft in Katoto längere Erholung zu gönnen, so begann ich unter einigen schönen Baumakazien grössere Lagerhütten zu errichten, theils um uns einen angenehmeren Aufenthalt zu schaffen, theils um die Leute zu beschäftigen. Mit Eifer schleppten Träger und Eingeborene, die unsere besten Freunde waren, Stangen und Papyrus herbei und bald erhoben sich leichte luftige Hütten mit Grasdächern, in welchen es sich sehr gut leben liess. (Siehe Kopfleiste des Kapitels.)

Ich verbrachte meine Zeit mit wissenschaftlichen Arbeiten, mit Jagdexkursionen in der nahen wildreichen Steppe und Kanufahrten auf dem Nyansa. Bald nach meiner Ankunft, hatte ich Boten an die englische Mission Nassa gesandt und auch die deutsche Station Mwansa verständigt. Kompagnieführer Langheld machte sich sofort nach Empfang dieser Nachricht auf und am 22. April hatte ich die Freude, ihn in Katoto zu begrüssen. Ich folgte seiner Einladung, ihn nach Mwansa zu begleiten, übergab die Expeditionsleitung für einige Tage an Mzimba und schiffte mich mit ihm in dem grossen Boote von Mr. Stokes ein.

Bei frischer Brise segelten wir rasch über die Fluth des Speke-Golfes, welcher hier im innersten Theil der Bucht grau und mit zahllosen salatartigen Wasserpflanzen bedeckt ist. Um 2 Uhr Nachmittags landeten wir am schilfreichen Strand der fruchtbaren, dicht bewohnten Landschaft Nassa, wo auf einer Anhöhe die englische Mission der »Church Missionary Society« gelegen ist. Sie besteht aus einigen blättergedeckten Lehmhütten mit niedrigen dumpfen Räumen und einer Rundhütte als Kirche. Von derselben geniesst man einen prächtigen Blick auf den Speke-Golf und seine bergigen Ufer. Wir kamen gerade in einem ungünstigen Augenblick, denn der eine Missionar war am Morgen gestorben und der andere, ein bleicher junger Engländer, der nun völlig einsam seine Tage hier verbringen sollte, von dem Todesfall natürlich sehr angegriffen. Dennoch liess er es sich nicht nehmen uns zu bewirthen und setzte uns ein Mahl vor, das, wie meist in englischen Missionen, hauptsächlich aus Konserven bestand. Einige derselben waren mir deshalb merkwürdig, weil sie der Sendung entstammten, die Dr. Hans Meyer und ich 1888 nach dem Victoria-Nyansa befördert hatten. Da wir, durch den Aufstand gehindert, nicht an den See gelangten, wurden die Provisionen an die englische Mission abgegeben und ich hätte nicht gedacht, dass wenigstens ein kleiner Theil derselben doch noch ihrem ursprünglichen Zweck, nämlich dem, von mir gegessen zu werden, zugeführt werden sollte.

Unter den Eingeborenen der Umgebung hat die Mission so gut wie gar keine Erfolge und dient wohl hauptsächlich als Transport-Station für Uganda. Auch die Zöglinge entstammen fast ausschliesslich dem englischen Seeufer. Besonders merkwürdig ist in Nassa ein Schuppen, in dem sich die Bestandtheile des Dampfers befinden, den die Mission am Nyansa erbauen wollte. Mit grossen Opfern an Geld und Menschenleben wurden diese Eisentheile in's Herz Afrika's befördert und verrosten jetzt — ein Fall, der im Innern Afrika's keineswegs vereinzelt dasteht.

Längs des Südufers, an dem sich felsige, theilweise bewohnte Inselchen hinziehen, segelten wir am nächsten Morgen weiter und langten Nachmittags in der von mächtigen Granitblöcken eingesäumten Landschaft Sina an, an deren Strand sich der Nyansa in prachtvollen dunkelgrünen Wogen bricht. Nach dem Sonnenuntergang, der mit seltener Farbenpracht stattfand, segelten wir weiter und waren am Morgen an der Mündung der Bukumbi-Bai, die westlich durch die theilweise waldige Insel Yuma bezeichnet ist. Dieselbe ist dadurch merkwürdig, dass darauf ein Engländer Namens Wise als Einsiedler lebt. Er hatte den Wunsch, sein Leben ungestört und beschaulich zu verbringen und hielt eine Insel im Nyansa dafür als den geeignetsten Ort. Er sollte sich aber getäuscht haben; denn der Geist der »Amtlichkeit« schwebt auch über den Wassern des Victoria-Nyansa. Die Rechtstitel, welche Wise auf den Besitz der früher fast unbewohnten Insel erworben, wurden bestritten. Als Gartenarbeiter wurden ihm einmal Kinder von der Station übergeben, dann, nachdem er sie schon abgerichtet, ohne Grund wieder abgenommen und Mr. Wise ist wahrscheinlich zur Erkenntniss gekommen, dass man mitten in London viel ruhiger leben kann als mitten im Victoria-Nyansa.