Ruderblatt, Ukerewe.

Längs des von riesigen Granitblöcken eingesäumten Ostufers der Bai fuhren wir nach Süden. Die Bai ist durchsetzt von zahlreichen kleinen Felsinseln und belebt von Möwen und Tauchervögeln. Wir begegneten in derselben einem Kiganda-Kanu der Station Mwansa, das uns mit der angelangten europäischen Post entgegenkam und stiegen, da der Wind nachgelassen hatte, in dasselbe über. Es war das erste Mal, das ich diese fest und schlank gebauten röthlichen Fahrzeuge mit ihren originellen Schiffsschnäbeln sah, die sich an Leichtigkeit der Bewegung mit allen afrikanischen Fahrzeugen messen können. Am oberen Kongo werden grosse, aber weit plumpere Kanus gebaut, höchstens die Dualla in Kamerun verstehen ähnliche Boote herzustellen. An diese erinnert auch das Rudern im Sitzen mit spitzen Paddeln, die von 20-30 Ruderern mit grosser Kraft und Gleichmässigkeit geführt werden. Den Takt giebt ein nicht unmelodischer Gesang, den ein Vorsänger angiebt, welcher zugleich auf kleine lecke Stellen zu achten hat und dieselben mit Bast verstopft.

Gegen 4 Uhr Nachmittags fuhren wir in die tiefe, von felsigen, malerischen Inseln durchzogene Bai von Mwansa ein und sahen die Station, hinter der eine dunkle, mit Granitblöcken bestreute Waldhöhe sich erhebt. Eine breite, von Papayas und Aloë eingesäumte Strasse führte vom See zur Station. Diese ist von einer festen Lehmmauer umgeben und besteht aus einem Stein- und einem Luftziegel-Haus, sowie Askari-Wohnungen und Wirthschafts-Gebäuden. Ueberall herrschte musterhafte Reinlichkeit und Ordnung und am Exerzierplatz sah man die schwarzen, theilweise am See selbst engagirten Soldaten, in tadelloser Uniform ihre Uebungen mit derselben Strammheit ausführen, wie man sie an der Küste zu sehen gewöhnt ist. Unweit des Strandes lag ein hübscher Garten in welchem Tomaten, rothe Rüben, Kartoffeln und andere europäische Kulturgewächse vortrefflich gediehen und auch mit Papayas, Kokospalmen und Mangobäumen Anbauversuche gemacht wurden.

Die Station war eine der schönsten die ich in Innerafrika gesehen und legte einen glänzenden Beweis für die Thatkraft des Kompagnieführer Langheld und seiner braven Untergebenen, Feldwebel Kühne und Hofmann, ab. Aber nicht nur in diesen Aeusserlichkeiten zeigte sich die Tüchtigkeit dieser Männer, sondern auch in der ganzen Stellung des Deutschthums am Victoria-Nyansa. Mit den Engländern in Uganda sowohl, wie mit der französischen und englischen Mission und mit dem Händler Mr. Stokes unterhielt Kompagnieführer Langheld vorzügliche, nie getrübte Beziehungen. Trotz seiner geringen Truppenmacht stand er bei den Eingeborenen in hohem Ansehen, diese leisteten ihre Abgaben und waren jederzeit bereit Arbeiter, Träger und Kanus der Station zu stellen. Obwohl er den Schwarzen oft genug »deutsche Hiebe« ertheilt hatte, nennen sie ihn doch »bwana Msuri« (der gute Herr) und standen sich im Allgemeinen vorzüglich mit ihm.

Ich hielt mich nur kurze Zeit in Mwansa auf und kehrte dann mit dem Stokes'schen Boot nach Katoto zurück. Wir liefen unterwegs die reizende unbewohnte Vesi-Insel an, die mit mächtigen Granitblöcken bedeckt ist, zwischen welchen üppige Vegetation und schattige Bäume gedeihen. In Katoto fand ich alles in bester Ordnung; nur einige Massai, welchen das Klima ungewohnt war, erkrankten und starben bald darauf.

Um die Expedition leichter beweglich zu machen, sandte ich eine Anzahl Lasten mit dem Boot nach Mwansa, da ich diese Station später wieder zu berühren gedachte. Die Packesel, die bis zum See ihre Schuldigkeit gethan hatten, wurden in den Ruhestand versetzt und über Land nach Mwansa geschickt, ebenso eine Anzahl Rinder, die den Grund zu der Heerde der Station und zu dem später vielgerühmten Milch- und Butterreichthum derselben legten. Auch 16 schwächliche Träger entliess ich, welche mit Kompagnieführer Langheld an die Küste gingen. Durch die Verminderung der Lasten wurde eine Anzahl Leute dienstfrei und ich wählte aus den Trägern 12 »Ruga-Ruga«, junge bewegliche Burschen, die Askaridienste thaten und sich vorzüglich bewährten. Sie wurden in Katoto nothdürftig eingedrillt.

Am 6. Mai verliessen wir unser Lager in Katoto endgiltig um die Erforschung des östlichen Nyansa-Gebietes zu beginnen.

Längs des Nordufers des Speke-Golfs wandernd, durchzogen wir stundenlang das Feld- und Dorfgebiet von Katoto, das sich längs des papyrusreichen Nyansa hinzieht und betraten dann lichten Wald, durch den wir nach der ärmlichen Niederlassung Butimba gelangten. Hier hat der Nyansa stellenweise steile, felsige Ufer und ist frei von Schilf, so dass man oft schöne Ausblicke geniesst. Durch Parkland, stets in der Nähe des Seeufers, dem hier felsige Inseln vorgelagert, ging es am nächsten Tage weiter. Das Land war früher von einem mächtigen Hirtenstamm, den Wataturu, bewohnt, welche jedoch den Massai und Wakerewe erlagen, ihren Wohnsitz verliessen und jetzt als elende Parias in Ukerewe ihr Dasein fristen. Ihr früheres Dorfgebiet war nicht einmal von Pfaden durchzogen, da die Bewohner des Nyansa-Ufer nur in Kanus mit einander verkehren. So gelangten wir denn direkt aus wegloser Wildniss in das Fischerdorf von Hakahi, zum grossen Entsetzen der Einwohner, die hier am Nyansa-Ufer und auf der nahe gelegenen Insel Matschwera[1] ein weltverlassenes Dasein führen.

Auch am 8. Mai durchzogen wir hügeliges, von schönen Baumgruppen durchsetztes Parkland, am Fusse des 300 m hohen Kiruwiru-Berges. Zwischen den Bäumen erblickten wir oft den tiefblauen Nyansa, aus dem die bergige Insel Nafua mit ihren weissen Strandriffen sich malerisch erhebt. Leider liess ich mich durch diese landschaftlichen Reize verleiten, am Seeufer zu lagern, was ich Nachts durch einen wahren Kampf mit unzähligen Moskitos büssen musste. Ich bin in puncto Moskito ziemlich abgehärtet und glaubte schon in jüngeren Jahren am Kongo das höchste Maass derselben genossen zu haben. Aber ich sollte mich geirrt haben: die Nacht am Speke-Golf übertraf alles dagewesene. Es gab nur einen Menschen in der Karawane, der in dieser Nacht einschlief und dieser war ein — Wachtposten.