Die Regierungsform der Warundi war wohl stets eine monarchische und zwar wurden sie jedenfalls sehr lange Zeitepochen hindurch von dem Geschlecht der Mwesi (Monde) beherrscht. Wie weit deren Reich sich ursprünglich ausdehnte wäre schwer zu ermitteln, doch überschritt es jedenfalls die Grenzen des heutigen Urundi. In den Nachbarländern nennt man Urundi heute noch stets »charocha Mwesi« (Land Mwesi's) und glaubt noch vielfach an die Existenz dieses Herrschers. Nach Aussage der Meisten waren die Mwesi lichtfarbige Watussi und der letzte Mwesi hiess Makisavo (Bleichgesicht), ein Name der auch mir beigelegt wurde. Diese Ansicht von der lichten Farbe des Mwesi ist allgemein verbreitet, doch giebt es Leute die behaupten, dass er kein Mtussi, sondern ein Mrundi, also ein nationaler Herrscher gewesen sei.

Die Residenz des Mwesi lag zweifellos unweit der Kagera-Nil-Quelle, wo sie auch Burton erkundete. Man kann dies schon daraus schliessen, dass die heute noch bekannten Mwesi-Gräber sich am Ganso-Kulu, einem Berg an der Kagera-Quelle, befinden. Die Träger der Königleiche ruhten in einem dunklen Hain, Wuruhukiro, und beerdigten hierauf die Leiche am Ganso-Kulu. Die waldigen Missosi ya Mwesi, die Berge Mwesi's oder Mondberge, gelten als Sitz der Geister verstorbener Mwesi.[22]

Wann der letzte Mwesi gelebt hat und warum das Geschlecht ausstarb konnte ich niemals bestimmt erfahren, doch muss es schon an 100 Jahre her sein, dass er — angeblich in einem Kriege im Ausland — verschollen ist. Alle Warundi haben übrigens den festen Glauben, dass der Mwesi heute noch lebt und erwarten ihn als eine Art Erlöser. Es war daher sehr natürlich, dass ich, ein von Norden kommender, lichtfarbiger Mensch, ihnen als die Verkörperung dieser mythischen Person erscheinen musste. Zu welch' tollem Fanatismus die Warundi durch diesen Glauben hingerissen wurden versuchte ich in der Reiseschilderung darzustellen.

Der Glaube an meine Sendung nahm erst ab, als ich die Missosi ya Mwesi und die Begräbnissstätten der früheren Könige ohne Schaden besucht. Denn nach der Tradition darf ein lebender Mwesi diese Gegenden nicht betreten: geschieht dies doch so muss er sterben. Da mir jedoch nichts geschah, so wurde die allgemeine Begeisterung stark abgekühlt. Als ich später vom Tanganyika her, also vom Westen wieder in Urundi eindrang, hielt mich Niemand mehr für den Mwesi, der von Norden kommen muss, doch wurde mir berichtet, dass der Mwesi kurz vorher Nord-Urundi im Triumph durchzogen und alle seine Feinde niedergeworfen habe, ohne dass man ahnte, dass ich mit diesem »Mwesi« identisch war. Der Widerstand der Watussi im Norden lag keineswegs in einem Zweifel an meiner Sendung, sondern nur in der Abneigung dieses Raubadels, ein für sie angenehmes Interregnum, durch das Auftauchen eines Mwesi beendet zu sehen.

Zur Regierungszeit der Mwesi lebten wohl die Watussi, ähnlich wie jetzt in Ruanda, als deren Statthalter im Lande verstreut, jetzt ist dasselbe in zahllose kleine Gemeinden zerrissen, die von Häuptlingen verschiedener Abkunft regiert werden. Ihre Würde ist auf den Sohn, event. auf die Tochter erblich; stirbt eine Familie aus, so wird ein neuer Häuptling gewählt. Die Autorität des Häuptlings ist nicht bedeutend, er übt zusammen mit den Aeltesten Gerichtsbarkeit aus. Diebe werden geköpft, doch ist Lösegeld üblich, von welchem die Hälfte der Bestohlene, die andere Hälfte der Häuptling bekommt. Mörder werden stets geköpft. Entfliehen sie zu einer Nachbargemeinde, so werden sie unter keinen Umständen ausgeliefert und es finden ihretwegen Kämpfe statt. Männliche Kriegsgefangene werden dabei getödtet, weibliche und Kinder jedoch zurückgegeben. Der siegreiche Häuptling betrachtet das besiegte Land als unterworfen. —

Sklaverei ist in ganz Urundi unbekannt, doch wurden von den Ujiji-Arabern schon mehrfach Razzias nach Süd-Urundi unternommen und Sklaven ausgeführt, deren man auch an der Küste einzelne findet. Nach Mittel- und Nord-Urundi haben sie sich jedoch niemals gewagt.

Eine grosse Rolle spielen in Urundi die Volksbelustigungen und Tänze von welchen in der Reiseschilderung[23] ausführlich die Rede war. Das Tanzen ist in Urundi eine förmliche Kunst, welche von Jugend an geübt und mit Meisterschaft betrieben wird. Die Trommel ist unbekannt, doch wird ein Kuhhorn geblasen und ein Saiteninstrument gespielt.

Als gewöhnlicher Gruss dient Niederknien und Händeklatschen, sowie Ueberreichen von Laub. Als Friedenszeichen pflegt man Feldfrüchte oder mit Laub umwundene Spaten darzureichen. Auch Geschenkvieh wird mit Laub bekränzt.

TAFEL XXIII