Unabhängig von den Wanyoro-Völkern und wahrscheinlich den Wanyamwesi näher als diesen stehend sind die Warundi-Völker, welche den Ostrand der Centralafrikanischen Spalte vom Tanganyika bis zum Albert-Edward-See, also Uha, Urundi und Ruanda bewohnen.

Erst lange nach Ansiedlung dieser Bantustämme traten die Hamiten als Watussi auf, welche, aus den Galla-Ländern kommend, nach und nach sich über das Nilquellgebiet und bis Unyanyembe und Fipa ausdehnten. Theils behielten sie ihre ursprüngliche Stellung als Hirten bei, theils verwandelten sie sich in eine herrschende Klasse, dabei ihre Sprache und Nationalität einbüssend. Aufs tiefste wurden die westlichen Nyansa-Stämme sowohl körperlich (durch Blutmischung) als geistig durch diese Hamiten beeinflusst, während die Wanyamwesi und Warundi trotz vielfacher Berührung sich reiner erhielten. Von den Watussi unberührt blieben die östlichen Nyansa-Völker, welche daher einen reinen, ursprünglicheren Zweig dieser Gruppe repräsentiren, jedoch durch die spätere Einwanderung der Hamiten mit nilotischer Sprache (Massai und Wataturu) und das südliche Vordrängen der reinen Niloten (Wagaya) beeinflusst wurden. Eine sehr junge Einwanderung aus dem Süden stellen die Wangoni vor, die der Zulu-Gruppe angehören.

Wenn wir die Gesammtheit der Nilquellvölker überblicken so finden wir, dass dieselben sprachlich ziemlich einheitlich sind und durchwegs der Bantugruppe angehören. Für den Linguisten findet sich hier also kein so reiches Material als im abflusslosen Gebiete, wenn auch vielleicht das Studium dieser nördlichsten Bantu-Idiome Ostafrika's geeignet ist auf den Zusammenhang der grossen Bantu-Gruppe mit den hamitischen Sprachen Licht zu werfen.

Ein wahrhaft klassisches Land ist das Nilquellgebiet, besonders Urundi und Ruanda, für den Ethnologen. Hier konnte sich, fern von dem nivellirenden Einfluss der Karawanenstrassen eine primitive Kultur entwickeln, wie sie gleich unverfälscht nur selten zu treffen ist. Auffallende Erscheinungen bieten sich hier in reicher Fülle; ich erwähne nur das Auftreten des Rindenzeuges in einem scharfumgrenzten Gebiet im Herzen Afrika's, welches westlich an Mattenzeug, östlich und nördlich an Fellkleidung grenzt. Das Studium der ethnologischen Thatsachen, welches geeignet ist auf alte, vielleicht sogar egyptische Kultureinflüsse Licht zu werfen, ist jedoch nicht nur wichtig sondern auch in hohem Grade dringlich zu nennen. Denn mit dem Vordringen des Küstenhandels wird das Land mit europäischen Industrie-Artikeln überschwemmt und die einheimische Kultur, die auf Jahrhunderte zurückreicht, geht mit einem Schlage verloren. Dem Pionier freilich, der in raschem Fluge weite Länderstriche durcheilt, ist es nicht möglich die Fülle der Erscheinungen festzuhalten. Dazu bietet sich dem Stationsbeamten, dem Missionar, reiche Gelegenheit, der jahrelang unter einem und demselben Volksstamm lebt. Wie selten aber wird gerade in Deutsch-Ostafrika diese Gelegenheit ausgenutzt!

Schädel des Watussi-Rindes.

Tabora.

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Der wirthschaftliche Werth des Landes.

Der Karawanen-Handel. — Die Massai-Karawanen. — Der Tabora-Handel. — Die Manyema-Araber. — Rohprodukte des Landes. — Anbaufähigkeit des Gebietes. — Bevölkerungsdichtigkeit. — Kulturpflanzen. — Viehzucht. — Import. — Eingeborene und fremde Einwanderung. — Ostafrikanische Eisenbahnen.