Vorläufig hatten die Wakara noch keine Anstalten getroffen, ihre Insel unsichtbar zu machen. Vor uns ragte das Eiland auf mit seinen felsigen, röthlichen Bergen im Osten, an denen sich in der Mitte eine grasige Senkung, und im Westen felderbedeckte, von wilden Felszähnen gekrönte Höhen anschlossen. An der letzteren Seite näherten wir uns der sandigen Küste und sahen die nackten Eingeborenen am Strande wild umherlaufen und ihre Rinder in Sicherheit bringen. Von Zwergen konnte ich nichts wahrnehmen, manche Leute waren wohl unter Mittelmaass, andere dagegen normal gewachsen, eine Wahrnehmung die nach mir auch andere Reisende gemacht, so dass Wilson's Angabe sich als irrthümlich erwies.
Der Moment war übrigens zu anthropologischen Beobachtungen wenig günstig, denn zahlreiche dunkle Krieger sammelten sich auf der hellgelben Fläche des Ufersandes, drohten uns mit gespanntem Bogen und winkten uns heftig ab. Als wir darauf keine Rücksicht nahmen, zogen sie sich auf etwa 50 Schritt zurück, wo Granitblöcke ihnen Deckung boten und liessen uns ruhig landen, so dass ich schon hoffte mit ihnen friedlich auszukommen. Unser Dolmetsch, ein Mkerewe-Mann, begann mit ihnen zu sprechen, wurde jedoch durch ein Wuthgebrüll unterbrochen; einzelne Pfeile schwirrten und die Krieger, lauter nackte Burschen mit schmalem Lendenschurz, mit Bogen, Pfeilen und Speeren rückten auf uns an. Ich zögerte nicht mehr meine zwölf Leute antreten zu lassen und eine Salve abzugeben, die volle Wirkung ausübte, indem einige Krieger fielen, andere verwundet wurden und die übrigen sich schleunigst davon machten. Unter diesen Umständen war an eine nähere Untersuchung der Insel nicht zu denken und ich begnügte mich mit einem Rundgang, bei dem wir fortwährend von den Kriegern belästigt wurden und Mühe hatten sie von uns abzuhalten.
Hütten und Futterschober der Wakara.
Der rothe Lateritboden der Insel ist von vielen Wasserrissen durchschnitten und bestreut mit riesigen Granitblöcken, zwischen welchen die Felder mit Sorghum und Arachis und niedrige, stellenweise in Reihen gepflanzte Bäume verstreut sind, deren reiches Laub den zahlreichen Rindern als Nahrung dient. Dazwischen kleine Waldgruppen, in welchen die spitzen Kegelhütten der Eingeborenen liegen. Trotz ihrer Wildheit scheinen diese doch einen gewissen Kulturgrad zu besitzen, wie die schön gehaltenen Felder und Baumschulen, sowie die Trockenmauern, als Wellenbrecher, die sie am Strande errichten, andeuten. Von einem hohen Punkte der Insel bot sich uns ein herrlicher Ausblick auf den tiefblauen, mächtigen Nyansa mit seinen bergigen, üppig grünen Gestaden.
Wir wandten uns gegen Abend wieder dem Strande zu, was den Wakara Veranlassung zu einem neuen Angriff gab, der jedoch so gründlich abgeschlagen wurde, dass ihnen die Lust zu weiteren verging. Schon früher hatten sie versucht, sich der Boote zu bemächtigen, doch eröffneten die drei Askari, die ich dort als Wache zurückgelassen, im Verein mit den Küchenjungen, die gerade das Nachtmahl kochten, ein mörderisches Feuer auf sie und verjagten sie ohne Schwierigkeit. Am Strande verzehrte ich die unter so erschwerenden Umständen bereitete Mahlzeit und schiffte mich dann wieder ein, um über die Agnes-Strasse nach Schisu zu fahren.
Mit der Raschheit der Aequinoctien war die Nacht hereingebrochen und prächtiger tropischer Mondschein übergoss die glatte Fläche des Sees mit strahlendem Licht. Eine laue Brise strich vom Lande herüber, dessen dunkle Umrisse sich vor uns erhoben, taktmässig tauchten die spitzen Ruder in die Fluth und pfeilschnell durchschnitten unsere Kanus den glänzenden Spiegel des Nyansa. Der melodische Gesang der Ruderer in seiner eintönigen Schwermüthigkeit übte, verbunden mit der ergreifenden Ruhe der Natur und dem Gedanken an die eben überstandenen Gefahren, einen tiefen Eindruck auf mich aus und ich werde diese nächtliche Nyansafahrt so leicht nicht vergessen.
Am Morgen des 13. Mai fuhren wir von Schisu, wo wir übernachtet hatten, ab, und langten gegen Mittag in Bukindo an. Dort hatte sich nichts verändert, Lukonge war immer noch abwesend und wir hatten alle Mühe, genügende Kanus aufzutreiben, um die Ueberfahrt der Expedition nach Majita zu bewerkstelligen. In zehn Kanus wurden Lasten und Träger mit Mühe und Noth verladen, und meine Leute mussten selbst rudern. Anfangs ging es ganz lustig vorwärts, doch in der Grant-Bai sprang starker Gegenwind auf und wir kamen kaum vom Fleck. Das Kanu in welchem ich mich befand fing an stark zu lecken und füllte sich immer mehr mit Wasser. Die Lage wurde bedenklich, das Wasser drang wie durch ein Sieb ein, die Wellen schlugen in's Kanu und wir sassen bis zum Knie im Wasser. Die braven Manyema-Träger, die als Ruderer arbeiteten, sangen jedoch lustig weiter, während alle dienstfreien Hände mit Mützen, Körben und Töpfen das Wasser ausschöpften, so dass wir glücklich das Festland gegenüber Ukerewe erreichten. Wir kalfaterten unser Fahrzeug so gut es ging und fuhren in die Bai ein, deren Nordufer durch den hohen Tafelberg von Majita bezeichnet ist und deren Ostufer — nach der Karte zu schliessen — die grasige, leicht ansteigende Landschaft Bwenyi bildete, wo wir Nachmittags anlangten und in einem kleinen Dorfe lagerten.
Da einige Kanus noch im Rückstande waren, blieben wir am 14. Mai in Bwenyi, ein Aufenthalt, den ich zur Besteigung des Bwenyi-Hügels benutzte, wo sich mir ein überraschender Anblick bot. Bwenyi war nicht das Ufer des Festlandes sondern eine von tiefen, fjordartigen Kanälen durchfurchte Halbinsel, die nur an der Südseite eine schmale Verbindung mit dem Lande hatte. Mit hohen grünen Ufern und zahlreichen bergigen Inseln erstreckte sich gegen Osten eine tiefe Bucht in's Land, die an Länge fast dem Speke-Golf gleichkam und von deren Existenz die Karten nichts ahnen liessen. Diese Bucht, die ich damals als erster Europäer erschaute, wurde später von Kapt. Spring nach mir, als dem Entdecker, »Baumann-Golf« genannt.
Am 15. Mai marschirten wir über die Landzunge, welche Bwenyi mit dem Festlande verbindet. Auf derselben liegen Dörfer, deren Bewohner ihre Ziegen und Rinder durch einen eigenartigen Bau gegen feindliche Ueberfälle sichern. Sie errichten nämlich an der kaum 100 Schritte breiten, schmalsten Stelle der Landenge einen etwa 3 m hohen festen Steinwall, dadurch ihre Halbinsel künstlich in eine Insel verwandelnd. Sie selbst verlassen dieselbe nur in Kanus und wir hatten grosse Mühe, mit den Lasten diesen Steinwall zu passiren.