Irea-Insel und Baumann-Golf.

Längs des Fusses des Kiruwiru zogen wir durch offenes Steppenland zum sumpfigen Ende der Iramba-Bai, eines tief einschneidenden Armes der Hauptbucht und gelangten am nächsten Tage nach kurzem Marsch am papyrusreichen Nyansa-Ufer zum Dörfchen Biruscha. Dasselbe liegt auf einer Landzunge gegenüber der reizenden Berginsel Irea, die, wie alle Eilande des Baumann-Golfes, bewohnt und hoch hinauf mit üppigen Pflanzungen bedeckt ist. In den nächsten drei Tagereisen umgingen wir das Ostufer des Baumann-Golfes. Pfadlos zogen wir durch weite baumlose Ebenen, die durch den Regen in einen Morast verwandelt waren. Bei glühendem Sonnenbrand durchwanderten wir diese Einöden, aus welchen im Osten die Schaschi-Berge auftauchten, fanden oft kaum ein trockenes Fleckchen für das Lager und hatten empfindlich unter Brennholzmangel und Mosquitos zu leiden. Ein dichter Papyrusgürtel verhüllt von dem niedrigen Lande aus meist den freien Blick auf den Nyansa.

Am 20. Mai überschritten wir die schmale flache Landenge, welche die breite Bergmasse von Majita mit dem Festland verbindet und erreichten das Ufer des offenen Nyansa gegenüber den Kurasu-Inseln. Die Wakwaya, ein den Waschaschi nahestehender Stamm, hatten hier zahlreiche Dörfer angelegt, die sich stundenlang in ununterbrochener Reihe am felsigen Nyansa-Ufer hinziehen. Schöne geräumige Hütten bilden Ortschaften, die auf der Landseite von dichten buschigen Euphorbienhecken abgeschlossen sind, durch welche nur ganz niedrige, mit Stachelgestrüpp versperrbare Thore führen. An diese Hecken schliessen sich die weiten Felder, in welchen hauptsächlich Mawele (Penicillaria) mit seinen hohen Stengeln gedeiht und besonders viele Tabakpflanzungen auffallen. Die Eingeborenen begegneten uns freundlich, warnten uns jedoch vor ihren Nachbarn, einem Gemisch von Waruri und Wagaya, die den Distrikt Mugango bewohnen. Da solche Warnungen sehr häufig und meist wenig begründet sind, legten wir kein besonderes Gewicht darauf und brachen am 21. Mai nach Mugango auf. Wir überstiegen die Hügelketten, welche eine Halbinsel ausfüllen und gelangten an das Ende der Mugango-Bucht, die von zahlreichen Dörfern eingesäumt ist. Die Eingeborenen sassen mit ihren 3 m langen Speeren unbeweglich auf Termitenhügeln und anderen erhöhten Punkten und betrachteten die Karawane, welche durch die Felder zog. Sie waren jedoch keineswegs unfreundlich und als wir an den Suguti-Bach gelangten, der nicht durchwatbar ist, führten sie uns etwa eine Stunde landeinwärts, wo eine natürliche Brücke den Uebergang ermöglicht. Auf schwankenden Baumstämmen kletterten wir hinüber und lagerten jenseits auf einem Hügel, weit ausserhalb des Dorfgebiets.

Nachdem die letzten Nachzügler angelangt waren, wurde mir das Fehlen eines Sudanesen-Soldaten gemeldet. Diese Leute zeigten sich den Strapazen in keiner Weise gewachsen, waren als Soldaten nicht mehr und kaum noch als Viehtreiber verwendbar, und Mzimba hatte seine liebe Noth sie vom Fleck zu bringen. Diesmal war nun doch ein Nachzügler seinem Späherblick entgangen oder hatte sich, wie dies bei den Sudanesen zu jener Zeit gewöhnlich war, vor demselben verborgen. Uns lag nun die Aufgabe ob, diesen Sudanesen zu suchen und ich sandte 10 Mann unter Kipishi und 7 Mann unter dem Askari Munyishomari, der schon meine Usambára-Expedition mitgemacht, um dem Vermissten nachzuforschen. Bei der friedlichen Haltung der Eingeborenen hielt ich es keineswegs für bedenklich, so kleine Abtheilungen auszusenden.

Gegen 3 Uhr Nachmittags hörte ich heftiges Schiessen und schloss daraus, dass die Patrouillen angegriffen worden seien. Ich brach sofort mit 20 Mann in höchster Eile auf und kam eben zurecht um zu sehen, wie die Leute der Abtheilung Kipishi sich verzweifelt gegen eine riesige Uebermacht von Eingeborenen wehrten, die mit den Speeren wüthend auf sie eindrangen und sie immer weiter zurückdrängten. In ihrer blinden Wuth sahen diese Wilden uns gar nicht anrücken und eine plötzlich in ihre Flanke einschlagende Salve machte furchtbare Wirkung. In wilder Flucht lösten sich die überlebenden Gegner auf und unsere hart bedrängten Leute begrüssten mit Jubel ihre Rettung. Es war auch Hilfe in der Noth! Ein braver Ruga-Ruga, Borafya, lag von Speerstichen durchbohrt am Boden, viele Andere bluteten aus zahlreichen Wunden. Zwei Mann, der Anführer Kipishi und sein Vetter Hassani fehlten und wir eilten weiter um sie aufzufinden. Im Dorfgebiet, unweit des Nyansa, fanden wir die Leiche Kipishis, die Brust von Speeren zerfleischt. Hier hatte der räuberische Angriff stattgefunden.

Kipishi und seine Leute waren auf eine Anzahl Eingeborener gestossen und hatten sie gefragt, ob sie den vermissten Sudanesen nicht gesehen hätten. Da drangen die Krieger plötzlich auf sie ein; nach heftiger Gegenwehr, in der er zwei Mann fällte, fiel Kipishi und die anderen zogen sich dann langsam zurück. Von Hassani war nichts zu sehen und wir verzweifelten schon, ihn zu finden als wir von der Mündung des Suguti her laute Rufe hörten. Bald darauf wurde Hassani, mit dem Gewehr in der Hand und nur leicht verwundet aus dem Wasser gezogen. Er hatte an der Seite Kipishis bis zu dessen Ende ausgehalten, war dann, von den Gefährten abgeschnitten und von wüthenden Schaaren verfolgt, in den schilfreichen See gesprungen. In Kanus folgten ihm die Eingeborenen und stachen mit den langen Speeren in's Wasser, doch Hassani, ein geschickter Schwimmer und Taucher, wusste sich zu verbergen und rettete sich dadurch.

In dunkler Nacht kehrten wir ins Lager zurück und erfuhren, dass von der Abtheilung Munyishomari's noch Niemand angelangt sei. Es war anzunehmen, dass auch diese, noch dazu schwächere Patrouille angegriffen und möglicher Weise aufgerieben worden war. Wir suchten durch Raketen, Signalschüsse und Trommeln etwa versprengte Leute anzulocken, doch blieb unser Bemühen lange vergeblich.

Erst gegen zwei Uhr Nachts rief ein Mann von aussen die Wachtposten an; es war der Askari Kiroboto, ein ruhiger, intelligenter Bursche aus Tschumbageni bei Tanga. In strammer Haltung berichtete er mir, dass die Abtheilung Munyishomari's verrätherisch von riesiger Uebermacht angegriffen und zersprengt worden sei. Die Askari Munyishomari, Sadiki und einen Sudanesen sah er fallen, dann verlor er seine Gefährten aus dem Gesicht, verbarg sich in dichtem Dorngestrüpp und brach erst Nachts nach dem Lager auf. Ich fragte ihn, ob er selbst nicht verwundet sei, worauf er sich umwandte und ich einen meterlangen Pfeil in seinem Nacken stecken sah, der dann nur mit der Zange aus dem Rückgratknochen entfernt werden konnte! Ausserdem hatte er noch eine breite Speerwunde in der Hüfte.

Mit diesen schweren Verwundungen war der Mann stundenlang Nachts in wegloser Wildniss umhergeirrt und hatte dann noch die Kraft, in strammer Haltung, das Gewehr bei Fuss, eine Meldung abzustatten; gewiss ein Beweis, dass die höchste Stufe der Disziplin auch schwarzen Soldaten erreichbar ist. Und doch war der Mann ein Swahíli, gehörte also einem Stamme an, der von Vielen als »feig« verrufen ist. Es ist ja überhaupt eine eigene Sache um die sogenannte Feigheit der Neger. Dieselben Sudanesen, die heute als Muster von Muth und Disziplin gelten, sind in ihrer Heimath als Feiglinge verrufen, die sich von Sklavenjägern gleich Schafen wegtreiben und ausrauben liessen; dieselben Bakongo am unteren Kongo, die Vielen — und mir selbst — als das elendeste, feigste Gesindel Afrikas erschienen, sie bilden heute als Soldaten des Kongostaates den Schrecken der Araber in Manyema.