Mit dem Soldatenkleid scheint der Schwarze — und vielfach ja auch der Weisse — einen anderen Menschen anzuziehen und wer es versteht, diesem den rechten Geist einzuflössen, der kann auch den Neger zum Helden erziehen.
Am 22. Mai setzte ich mit einer Abtheilung über den Fluss, um nach etwaigen Ueberlebenden der Patrouille Munyishomari's zu suchen. Ich hatte jedoch kaum einen Kilometer zurückgelegt, als Schiessen und wüthendes Angriffsgeschrei der Eingeborenen mich in's Lager zurückriefen. Bald nach meinem Abmarsch sah Mzimba plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, Hunderte schwarzer Krieger mit wilden Federkopfputz auf das Lager anrücken. Er liess sofort die Trommel rühren, um mich zurückzurufen, besetzte den Flussübergang, schickte eine Patrouille in die rechte Flanke, um den Eingeborenen ein Umzingeln des Lagers unmöglich zu machen und griff diese hierauf, ohne ihr Kommen zu erwarten, energisch an. Ein paar wohlgezielte Salven — die Leute bekamen mit der Zeit Uebung — richteten schwere Verheerungen an und ich kam gerade zurecht, um auch meinerseits durch energischen Flankenangriff die Niederlage zu vollenden. Ihre Waffen grösstentheils wegwerfend rannten die Krieger — wohl 800 an der Zahl — davon; die Panik war so gross, dass wir einige derselben abfangen konnten. Wir brannten hierauf sämmtliche Dörfer nieder und schickten einen der Gefangenen an die Eingeborenen ab, um sie aufzufordern, die Gewehre der gefallenen Soldaten herauszugeben, was auch geschah.
Am 23. Mai verliessen wir das Ufergebiet des Nyansa und marschirten durch welliges, unbewohntes Land, aus welchem sich im Osten der ansehnliche Mrandirira-Berg erhob. Jenseits des Kihemba-Baches trafen wir auf Dörfer freundlicher Waschaschi, bei welchen wir gastliche Aufnahme fanden und uns einen Tag erholten. Dort erfuhren wir erst, warum die Mugango-Leute uns überhaupt angefallen hatten. Der Wagaya-Häuptling Kaditi von Irieni hatte ihnen nämlich bei der Nachricht von unserem Herannahen geweissagt, dass unsere Gewehre nicht losgehen und sie unsere Tauschwaaren erbeuten würden. Vielleicht hätten sie aber doch einen Angriff nicht gewagt, wenn der Zwischenfall mit dem vermissten Sudanesen nicht eingetreten wäre. Dieser kranke, wehrlose Mensch war von ihnen niedergemacht worden, worauf sie die abgesandten Patrouillen, die sie für Strafabtheilungen hielten, angriffen. Die leichte Zersprengung derselben ermuthigte sie zu dem grösseren Angriff, der ihnen verhängnissvoll wurde.
Am 25. Mai durchzogen wir stärker gewelltes Kampinen-Land, aus dem die dunklen Euphorbienhecken der Dörfer hervorsahen. Diese lehnen sich meist an malerische Anhäufungen ungeheuerer Granitblöcke, deren Zinnen den Eingeborenen als Aussichtsthürme dienen. Zugleich sind diese auch der beliebte Aufenthalt zahlreicher grosser Affen und von weitem ist es oft schwer zu unterscheiden, ob Affen oder Waschaschi auf den Felsen herumklettern. Zwischen Felsen am Gipfel eines Hügels lag auch das Dorf Uanékera, wo wir zwischen den braunen Kegeldächern der Hütten lagerten. Wir wurden freundlich aufgenommen und erhielten massenhaft Arachis, die hier die Hauptnahrung bildet. Diese Erdnuss, die geröstet einen mandelähnlichen Geschmack hat, ist in kleinen Mengen recht angenehm zu geniessen, erregt jedoch als ständige Nahrung selbst bei abgehärteten Negermagen Beschwerden, so dass es erstaunlich ist, wie die Waschaschi dieser Gegend oft fast ausschliesslich davon leben können.
Dorf der Waschaschi.
Trotz der Freundschaft wurden wir Nachts durch vergiftete Pfeile belästigt, die von unsichtbaren Schützen, die wahrscheinlich in den Klüften der Felsen verborgen waren, auf die Lagerfeuer abgeschossen wurden. Morgens erschienen die Dorfältesten und fragten uns, freundlich lächelnd, wie wir geschlafen hätten. Als wir uns über die Pfeilschüsse beklagten, meinten sie, das sei ein kleiner Scherz, den die Krieger sich fremden Reisenden gegenüber zu erlauben pflegten. Ich befahl hierauf den Askari, eine der nebenstehenden Vorrathshütten für Getreide anzustecken. Als die Flamme emporloderte wollten die Aeltesten sich erschrocken entfernen, doch beruhigte ich sie mit der Versicherung, dass dies nur ein kleiner Scherz sei, den ich mir so liebenswürdigen Gastfreunden gegenüber nicht versagen könnte. Nachdem wir uns derart gegenseitig Beweise unseres Humors gegeben, nahmen wir mit süss-saurer Miene von einander Abschied.
Es ist bemerkenswerth, dass bei solcher summarischen Vergeltung doch schliesslich fast immer der Schuldige getroffen wird. So wusste — wie ich später erfuhr — der Besitzer der verbrannten Vorrathshütte sofort die nächtlichen Pfeilschützen herauszufinden und für seinen Schaden verantwortlich zu machen.
Je weiter wir uns vom Nyansa entfernten, desto bergiger wurde das Land; an den Hängen wechselten stets Gras mit Feldern und kleinen Waldgruppen, in den Mulden rieselten zahlreiche wasserreiche Bäche und die Höhen waren von wilden Felszähnen gekrönt, zwischen welchen die Hütten der Eingeborenen, umgeben von dichtem Euphorbiengestrüpp, verborgen lagen. Nördlich von uns dehnte sich eine breite Senkung aus, die der Marafluss als silbernes Band durchzog, der sich, an Stelle des Rubana, als Unterlauf des Ngare dabasch erwies.
Am 27. Mai durchzogen wir ein unbewohntes Gebiet und erreichten die Landschaft Uaschi, ein leicht gewelltes, an Feldern reiches Kampinenland mit einzelnen verstreuten Kuppen, die von wilden Anhäufungen ungeheurer Granitblöcke bedeckt sind, zwischen welchen die Hütten gleich Adlernestern kleben. Mit ihren langen Speeren kletterten die Wauaschi mit unglaublicher Gewandheit über die Felsplatten und schienen bereit, ihre Hochburgen energisch zu vertheidigen, falls wir daran gedacht hätten, sie anzugreifen. Kaum hatten sie jedoch unsere friedliche Absicht erkannt, als sie uns freundlich in ihr Hauptdorf führten. Hier beginnt der Einfluss der Massai sich in Moden sehr geltend zu machen, die Ohrläppchen werden ungeheuer ausgedehnt und auch der Fell-Ueberwurf nach Massai-Art getragen. Die Nachbarschaft dieser Viehräuber zwingt die Eingeborenen auch, sich derart in den Felsen zu verbergen.