TAFEL VII

Felsdorf in Uaschi.

Am 28. Mai ging es durch eine breite, leicht versumpfte Niederung und über eine Hügelkette, auf der die letzten Dörfer von Uaschi lagen. Da es dort keine Felsen als natürliche Festungen gab, so mussten die Eingeborenen Steinwälle um ihre Dörfer aufrichten, deren einer (um das Dorf Matongo) einen Umfang von über 2 Kilometer hatte und mit Dornengestrüpp bedeckt war. Jenseits der Hügel ging es wieder in eine sumpfige Senkung, die nach den Regengüssen schwer passirbar war, sodass wir erst am Morgen des 29. Mai wieder Bergland erreichten. Dasselbe gehörte der Landschaft Ngoroïne oder Ungroïme an, die ähnlich wie Elmarau (Ikoma) ein Ultima Thule der Massai-Karawanen bildet. Das erste Dorf lag in einer Schlucht zwischen hohen Felsblöcken und war auf der einzig zugänglichen Seite durch eine etwa 2 m hohe Steinmauer abgeschlossen, deren Thor von Innen fest verrammelt war. Da draussen kein Raum zum Lagern war, während sich drinnen ein grosser freier Platz befand, riefen wir die Eingeborenen, die in drohender Haltung mit Bogen und Speeren zwischen den Felsen hockten, zu, uns aufzunehmen. Doch sie legten als Antwort nur die Pfeile auf und drohten, den ersten der sich der Mauer nähern würde, niederzuschiessen. Dieser erste war der dicke Digo-Askari Bakari Juko, der ohne Befehl, wie gewöhnlich laut fluchend die Mauer erkletterte. Die Bogen spannten sich, unsere Gewehre waren schussbereit, doch kein Pfeil schwirrte, kein Schuss krachte; andere stiegen Bakari nach, öffneten gemüthlich das Thor von innen und mit grossem Halloh zog die Karawane ins Dorf. Als wir uns nach unseren Gegnern umsahen, waren diese erst garnicht zu sehen, dann kamen sie demüthig und unbewaffnet und wurden noch unsere besten Freunde. Später brachten sie sogar ein originelles Saiten-Instrument an, zu dessen Klang sie hübsche Tänze aufführten. Es waren grosse, schön gewachsene Leute mit angenehmen Zügen und eigenartigem, aus Fasern bestehendem Kopfputz.

Saiteninstrument der Wangoroïne.

Ein tüchtiges Fieber — wohl die Folge der häufigen Sumpfwanderungen — fesselte mich für einige Tage an dieses Dorf. In wenig behaglichem Zustande sass ich am Morgen des 1. Juni vor meinem Zelt, als einige Leute auf mich zukamen und mir meldeten »safari anakuja«, eine Karawane kommt. Bald erschien denn auch eine abgemagerte, verrissene Gesellschaft, in der wir kaum unsere alten Freunde, die Leute Munyi Hatibu's aus Tanga, den wir in Aruscha verliessen, wieder erkannten. Sie liessen sich an den Lagerfeuern nieder und es ging ans Austauschen der Erlebnisse. Meine Soldaten und Träger wussten viel von blutigen Kämpfen zu erzählen, aber auch die Leute von Munyi Hatibu's Karawane hatten viel durchgemacht. In Ober-Aruscha waren sie durch Hongo-Erpressungen eines Theils ihrer Waaren beraubt worden. Dann zogen sie, meinen Spuren folgend, nach Elmarau. In Mutyek und Serengeti fanden sie freundliche Aufnahme bei den Massai, litten jedoch sehr unter Hunger und 60 Mann gingen auf diesem Marsche zu Grunde. Nun hatten sie sich im Hauptdorf von Ngoroïne niedergelassen, und der Trupp dem wir begegneten, war ausgeschickt worden um nach Elfenbein zu forschen.

In ihrer Begleitung brachen wir am 3. Juni auf, durchzogen schönes, reich bebautes und dicht bewohntes Hügelland und erreichten am Morgen des 4. Hindi, das ausgedehnte Hauptdorf von Ngoroïne, das in einer Mulde am Fusse einer niedrigen Bergkette liegt. Dort hatte Munyi Hatibu ein Lager erbaut und lebte auf bestem Fusse mit den Eingeborenen. Im Vergleich zu unserer wohlgenährten Mannschaft, bot die seinige ein wahres Bild des Jammers. Es fiel mir auf, dass Munyi Hatibu fast gar keine Massai in der Karawane hatte, und ich fragte ihn ob sich denn keine Verhungernde ihm angeschlossen hätten. »Allerdings,« meinte Munyi Hatibu, »wandten sich zahlreiche dieser Elenden an mich und es that mir leid genug, sie dem sicheren Tode preisgeben zu müssen, aber es musste doch geschehen, denn ich habe keine Lust mich an der Küste als Sklavenhändler aufhängen zu lassen.« Und er hatte nicht Unrecht. Denn ein Swahíli, der an der Küste behaupten wollte, er habe bei ihm aufgefundene, eingeborene Kinder nur aus Menschlichkeit aus dem Inneren mitgenommen, der würde höchstens ein Lächeln seiner Richter über eine so dumme Ausrede hervorrufen!

Munyi Hatibu bereitete mir eine Ueberraschung, indem er mir die Lasten aushändigte, die ich beim Lmorro-Bach in Mutyek vergraben hatte. Dem schlauen Swahíli war das Versteck nämlich nicht entgangen und er war ehrlich genug, mir mein Eigenthum nun zu übergeben, so dass ich, wie Polykrates zu seinem Ring, nun wieder zu meinen Glasperlen kam. Mit den Geschäften war der alte Händler keineswegs zufrieden, er hatte bisher fast gar kein Elfenbein bekommen und beabsichtigte nach Kavirondo zu ziehen. Den Mara, der einige Meilen nördlich von Ngoroïne vorbeifliesst, kennt man hier schon unter dem Namen Ngare dabasch, sodass der Zusammenhang dieser beiden Gewässer nachgewiesen war.

Wir befanden uns wieder an der Grenze des Massai-Landes, östlich von uns dehnten sich weite, unbewohnte Gebiete aus. Wir bogen jedoch gegen Süden um, durchzogen erst eine ausgedehnte, buschbedeckte Ebene und gelangten an den letzten Dörfern von Ngoroïne vorbei nach Nata. Es ist dies eine wellige Landschaft mit niedrigen Akazien, mit vielen Wasserläufen und fruchtbaren Boden, auf welchem die Pflanzungen der Nata-Leute gedeihen, deren zahlreiche Niederlassungen überall verstreut sind. Hier entspringt der Rubana, den wir am 7. Juni als kleinen Bach überschritten um dann in einem von dichtem Dorn- und Euphorbiengestrüpp umgebenen Dorfkomplex zu lagern. Die Eingeborenen, die völlig den Waschaschi von Ikoma glichen, empfingen uns mit der Freundlichkeit, die diesem harmlosen Stamm eigen ist, und brachten besonders viel Honig. Sie trugen einen eigenartigen Kopfschmuck aus Käferflügeldecken, der beim Gehen klapperte.