Als ich gegen Abend gerade beim schwarzen Kaffee sass, kamen plötzlich die Dorfältesten ganz angstbebend und beschworen mich, sie zu retten, »die Massai kämen.« Diese Gefahr konnte mich allerdings nicht im Genuss meines »Schwarzen« stören; ich begnügte mich, einige Askari vor das Dorf zu schicken. Wirklich hörte man nach einiger Zeit einen gellenden Gesang: es war ein Trupp Elmoran, die unweit des Dorfes vorbeikamen, wohl ein paar arme, hungrige Teufel, die irgendwo einige Ziegen gestohlen hatten und nun mit Triumphgeschrei heimwärts zogen. Zu ihrem Glück dachten sie nicht daran, unser Dorf zu belästigen und ihr Gesang verklang in der Ferne. Die angsterfüllten Waschaschi hatten sich jedoch so gründlich verkrochen, dass wir sie selbst am nächsten Morgen nicht mehr zu sehen bekamen.
Ein tüchtiger Marsch brachte uns am 8. Juni durch stets offenes, bewohntes Land nach Ikoma, wo wir den alten Lagerplatz vom 2. April wieder bezogen. Auch diesmal standen wir in freundlichem Verkehr mit den Eingeborenen. Zwei weitere Tagereisen brachten uns durch die südlichen, am Grumeti gelegenen Dorfgebiete Ikomas, deren äusserstes Urungu ist. Die Dörfer mit ihren Feldern schliessen sich meist an den schmalen, aber hochstämmigen Galleriewald des fischreichen Grumeti, während das übrige Land, dornige, offene Nyika ist. Auch das niedrige Stachelgestrüpp hörte auf als wir am 11. Juni erst den Grumeti, dann dessen Randberge überschritten und in weite, fast baumlose Grassteppe eintraten. Einzelne Wasserrisse mit schmalen, dunklen Vegetationsbändern durchzogen die gelbe Fläche, am Horizont standen reihenweise hohe Schirmakazien und Gruppen von Borassus-Palmen. Grosse Heerden von Antilopen umschwärmten uns. Ein ausgetretener Pfad durchschnitt diese Einöde, der den Handelsweg der Wasukuma, der nördlichsten Wanyamwesi mit den Schaschi-Gebieten bildet. Wir begegneten mehrfach kleinen Gruppen derselben, die mit Hackenklingen und trockenen Fischen gegen Norden zogen.
Durch topographische Arbeiten aufgehalten, war ich gerade ein gutes Stück hinter der Karawane zurückgeblieben, als ich wahrnahm wie die Träger, die sich eben zu kurzer Rast niedergelassen, plötzlich aufstanden und ein wüthendes Feuer auf einen Punkt in der Ebene eröffneten. Leider lag dieser Punkt gerade zwischen ihnen und mir, sodass ich mich zu meinem geringen Vergnügen im dichtesten Kugelregen befand. Doch zum Glück hörte das Schiessen bald auf und ein mächtiges Triumphgebrüll ertönte; die Leute hatten, wie ich beim Näherkommen sah, einen Löwen getödtet. Derselbe erhob sich plötzlich aus dem Grase, wo er wahrscheinlich sanft geschlummert hatte, und bekam sofort ganze Salven in den Leib gefeuert. Ganz ausser sich vor Freude rissen die Leute dem Thiere das Herz aus und verschlangen es, um Löwenmuth zu bekommen, was jedenfalls nichts schaden konnte.
Die trockene Jahreszeit machte sich immer mehr geltend, in den Wasserrissen fanden sich nur spärliche Tümpel, das hohe Gras war gelb und dürr und in der Ferne stiegen schon die weissen Wolken der Grasbrände auf, die Nachts den Himmel mit glühender Lohe übergossen.
Am Mittag des 12. Juni betraten wir wieder bewohntes Gebiet von Ututwa, eine Landschaft, die bereits dem nördlichen Usukuma angehört. Mit ihren trockenen Wasserschluchten, ihren öfter von Granitkuppen gekrönten Hügelzügen, machte sie gerade nicht den Eindruck besonderer Ueppigkeit; doch die weiten, dem Schnitt entgegenreifenden Sorghumfelder bewiesen, dass auch dieser Boden kulturfähig ist. Auch die Dörfer, deren Hütten zwischen den Felsen gelagert sind, machten den Eindruck des Wohlstandes. Die in Schmutz starrenden Eingeborenen freilich, mit ihren Ziegenfellschürzchen, die oft kaum die Brust bedecken, mit ihren Lederschilden, Speeren und wildem Kopfputz, machten keinen übermässig civilisirten Eindruck. Dennoch waren es schon echte Wanyamwesi, Leute, deren viele an der Küste gewesen und die Weltsprache Ostafrikas, das Kiswahíli, recht leidlich verstanden. Obwohl noch nie ein Weisser das Land betreten, erregte mein Erscheinen hier doch kein besonderes Aufsehen. Die Leute führten uns ins Dorf, brachten reichlich Nahrung und feierten dann ein Freudenfest, bei dem viel Pombe getrunken und Hanf geraucht wurde, was für uns noch unangenehme Folgen haben sollte.
Krieger aus Usukuma.
Als wir nämlich am Morgen des 13. Juni aufbrachen, rotteten sich zahlreiche halb betrunkene Krieger zusammen und verfolgten uns mit wildem Geschrei. Gegen dieses hatten wir nichts einzuwenden, wohl aber dagegen, dass sie uns später mit Pfeilen beschossen, was wir mit der üblichen Salve beantworteten, die auch hier ihre Wirkung nicht verfehlte. Die Schaar der Betrunkenen stob auseinander. Aber die Schüsse liessen leider auch die Nüchternen vermuthen, dass wir Böses im Schilde führten, und überall sah man dunkle Krieger-Gestalten aus den Dörfern hervorkommen und, in langen Linien schwärmend, sich uns nähern. Ich rief ihnen Friedensversicherungen zu, die sie jedoch nur mit Kriegsgeschrei erwiderten, das in komischer Weise das Geheul der Hyäne, U-u-hi! nachahmte. Ich besetzte ein Dorf, das von Menschen verlassen schien, liess die Lasten dort zurück und begann dann, den Gegner anzugreifen. Mit wohlgezielten Salven — der besten Feuerart gegen Wilde — trieben wir die U-u-hi-Schreier in die Flucht und bald rannten sie querfeldein, verfolgt von ironischem U-u-hi-Geschrei meiner Leute. Die Träger hatten inzwischen die Granitfelsen, die beim Dorfe lagen, gründlich untersucht und in den Klüften zahlreiche Weiber und Kinder gefangen. Nun waren wir die Herren der Situation — zwar kehrten die Hyänen-Krieger noch einmal zurück, doch wurden sie ebenso leicht, und zwar diesmal allein von den Trägern verjagt, die sich dies als Gunst erbeten hatten, und aus ihren Vorderlader-Flinten tadellose Salven abgaben. Einige junge Burschen, die offenbar zu den Habitués der Exerzierplätze von Tanga und Pangani gehörten, kommandirten dabei mit der schnarrenden Schneidigkeit eines alten Unteroffiziers.
Nachmittags kamen einige alte Leute mit einer Ziegenheerde ins Lager und erklärten, sie hätten nun genug des Krieges, wir möchten diese Heerde nehmen und ihnen ihre Weiber geben, was auch geschah. Es dauerte keine Viertelstunde, so kamen die Eingeborenen wieder ins Lager, begannen Lebensmittel zu verkaufen als ob nichts geschehen wäre und erzählten uns, dass so und so viel Leute todtgeschossen wurden. Einer meinte ganz harmlos: »Wir haben jetzt unsere Prügel: das genügt uns.« Ganz scheint es ihnen aber doch nicht genügt zu haben, denn als mehrere Wochen später Lieutenant Werther durch das Land kam, griffen sie ihn ebenfalls an und holten sich neue Hiebe.
Am 14. Juni erreichten wir nach Ueberschreitung des Duma-Baches die Landschaft Ntussu. Eine weite, leicht gewellte Ebene dehnte sich vor uns aus, in der sich nur einzelne Granithügel erhoben. Ungeheure Sorghum-Felder bedeckten das Land, in welchen man überall die Gestelle mit den schreienden und winkenden, lebenden Vogelscheuchen erblickte. Dazwischen grosse Dörfer mit breiten, ausgetretenen Wegen zwischen Euphorbienhecken, an welchen die kleinen eingezäunten Hüttenkomplexe grenzen. Die Eingeborenen nahmen uns mit Begeisterung auf, viele von ihnen waren an der Küste gewesen, was sie nicht abhielt in sehr einfacher Fellkleidung, oft sogar splitternackt einherzulaufen.