Am 17. Juni verliessen wir Ntussu und traten auf viel begangenem Wege, der nach den Salzlagern des Nyarasa führt, in die Steppe. Das Land wurde fast völlig flach, ausgedehnte Wiesengründe ohne Baumwuchs wechselten mit niedrigen Bodenschwellungen, auf welchen ärmliches Stachelgestrüpp gedieh. Am 18. überschritten wir den Simiyu-Fluss, der kein fliessendes Wasser enthielt und dessen tiefes Bett von dürren Akazien eingesäumt ist. Inmitten verbrannter, öder Steppe lagerten wir bei einigen Tümpeln, unweit eines riesigen einzelnen Baobabs Namens Mwandu, der von den Wasukuma als Sitz eines Geistes verehrt und mit Grasbüscheln bestreut wird.

Am 19. Juni wurde das Land welliger, von breiten, trockenen Wasserrissen durchzogen. Einzelne Felskuppen tauchten auf und vor unseren Blicken dehnten sich weite, gelbe Sorghumfelder: wir hatten die Landschaft Meatu, jenen äussersten Vorposten Usukuma's gegen die Steppe zu, erreicht. Aus den dunklen Euphorbien-Hainen der Dörfer kamen Eingeborene hervor: es waren nicht nur Wasukuma, sondern auch Wataturu die hier eine Kolonie besassen und sich durch scharfe hamitische Gesichtszüge auszeichneten.

An diesem weltentlegenen Platz, nach allen Seiten hin von Einöden umgeben, hatte ein Halbaraber Munyi Hemedi (Mwelekwanyuma) eine Niederlassung gegründet und sandte seine Jäger hinaus in die weite Steppe zur Verfolgung des edlen Dickhäuters, dessen Zähne ihn in diese Einsamkeit gelockt hatten. Munyi Hemedi hatte schon von unserem Herannahen gehört und kam uns entgegen. Es war ein netter lichtfarbiger Swahíli mit intelligentem Gesichtsausdruck, in tadelloses Weiss gekleidet. In seiner Gesellschaft befand sich eine Schaar baumlanger, herkulischer Gestalten in zerfetzter Küstentracht, viele mit weissem Haar und kühn blitzenden Augen, das lange Feuerrohr geschultert: die Elephantenjäger. Sie wurden gewöhnlich Makua genannt, da die ersten Leute, die dieses abenteuerliche Gewerbe betrieben, dem Stamm der Makua angehörten. Gegenwärtig sind es Leute aus allen Küstengegenden, die sich der Elephantenjagd widmen, in kleinen Trupps Jahre und Jahrzehnte lang das Innere durchstreifen, sich in Wildnisse wagen, die selbst ein Eingeborener kaum jemals betritt und in ihren Zügen bis Unyoro und Manyema vordringen.

Munyi Hemedi's Niederlassung in Meatu.

Zwischen zwei Felskuppen hatte Munyi Hemedi seine Niederlassung errichtet. Ihren Mittelpunkt bildete ein von einem Tembe umschlossener Hof, rings herum waren Hütten im Eingeborenen- und Küstenstil verstreut, alles nett und rein gehalten. Zahlreiche Weiber in Küstentracht begrüssten mit Jubelgeschrei die Karawane und noch zahlreichere braune, halbnackte Kinder lugten aus den Hütten hervor. Die Letzteren waren fast alle hier geboren, denn die Niederlassung bestand schon seit sechs Jahren. Erfreut, wieder einmal unter civilisirten, oder doch halbcivilisirten Menschen zu sein, schlugen wir Lager und ahnten nicht, dass unsere Ankunft zur Auflösung dieser hübschen Niederlassung Veranlassung geben sollte.

In reichen Mengen brachten die Eingeborenen Mehl und Hülsenfrüchte; sie alle schienen Munyi Hemedi, der sie mit seinen Jägern vor einigen Jahren aus Massai-Gefahr errettet, sehr hoch zu achten. Ich beschloss, in Meatu eine Anzahl kranker Leute, darunter besonders Kiroboto, der noch stets in der Hängematte getragen werden musste, zurückzulassen, ebenso auch das Vieh und den grössten Theil der Lasten, um mit leichter Expedition einen Vorstoss in das Gebiet des Eyassi-See zu machen. Dieser war den Elephantenjägern unter den Namen Mangora wohl bekannt, doch erklärten sie, dass ein direkter Vorstoss nach Westen in gegenwärtiger trockener Jahreszeit nicht möglich wäre und verwiesen uns auf den Pfad, der nach den Salzlagern von Nyarasa führt.

Wir brachen am 22. Juni auf, überschritten den Semu-Fluss, der klare Wassertümpel enthält und betraten das Dorfgebiet von Igulya, dem südlichsten Bezirk von Meatu, das gut bebautes Land und schöne Wiesen, aber nur schlechtes, faulig riechendes Trinkwasser hat. Dann gelangten wir in unbewohntes, vom Pfad der Salzkarawanen durchschnittenes Land. Der Boden war stets leicht gewellt, oft mit Quarzsplitter bestreut und mit dünnen Streifen Gras bewachsen. Einzelne breite, sandige Bachbette durchziehen die Senkungen und enthielten Wassertümpel, in anderen konnte man durch Graben schlechtes Wasser erlangen. Lichter, hochstämmiger Schirmakazienwald wechselte mit ödem, verbranntem Grasland und Stachelgestrüpp. Dicke Baobabs sind häufig, in welchen die Kletterpfosten eines Steppenvolkes, der Wanege, zu sehen sind, welche die Bäume auf der Suche nach Waldhonig ersteigen. An den Bachrissen gedeiht oft dichte Gallerievegetation, Tamarinden und ganze Wälder von Borassus-Palmen, in deren Schatten üppiges Grün aufschiesst. Wild sieht man nur wenig, doch giebt es auffällig viel Löwen, die Nachts das Lager umbrüllten.

Am 25. Juni stiegen wir den niedrigen aber steilen Abfall zum Wembere-Graben ab. Vor uns dehnte sich eine ungeheure Fläche mit erst sandigem, dann lehmigem Boden ohne Graswuchs aus, nur stellenweise bedeckt mit kriechendem Akaziengestrüpp. Zahlreiche Nashorne belebten den Rand dieser Wüste, von welchen ich eines, ein riesiges, weibliches Thier erlegte. Am Marago Mihinani fanden wir durch Graben Wasser in einem Bachriss und lagerten, um am nächsten Morgen weiter zu ziehen. Immer öder wurde die Steppe, der Strauchwuchs hörte fast ganz auf und in dicken Krusten bedeckte weisses, glänzendes Salz den Boden, das unter unseren Tritten wie Schnee knirschte.

Von Nordost, vom Eyassi-See her raste fast ununterbrochen ein Sturmwind über die Ebene, geschwängert von dichten salzigen Staubwolken, die alles einhüllen und ein intensives Durstgefühl hervorrufen. Fern im Norden tauchten durch den Staubnebel die dunkeln Umrisse der Neirobi-Berge auf. Auch die übliche Wüsten-Staffage, gebleichte menschliche Skelette, morsches Tragzeug und zerbrochene Töpfe, fehlte nicht: Eine Wasukuma-Salz-Karawane war hier vor längerer Zeit von Massai überfallen und niedergemacht worden. Wild ist nicht mehr zu sehen und die einzigen lebenden Bewohner scheinen mächtige Sandvipern, die mehrmals fauchend neben uns ihr geschwollenes Haupt erhoben.