Wir erreichten den Simbiti-Fluss, ein brackisches Gewässer mit lehmigem Löss-Ufer, auf welchem Schwärme von Flamingos und Pelikanen sitzen: der Unterlauf des Wembere. Die Leute waren durch den Durst, den salziges Wasser nicht stillen konnte, aufs Aeusserste erschöpft: ein weiteres Vorgehen in dieser Wüste hätte sicher Opfer an Menschenleben gefordert. Da jedoch der Zweck unseres Ausfluges, der Nachweis des Zusammenhangs zwischen Wembere und Eyassi-See, zweifellos nachgewiesen war, so hielt ich eine Verlängerung desselben nicht mehr für unumgänglich nöthig und trat den Rückweg nach Meatu auf anderer Route an.

Man sollte glauben, dass eine Wüste, in der ein Salzwind weht, zwar kein paradiesischer, aber doch ein gesunder Aufenthalt sei. Es erwies sich jedoch das Gegentheil; ein grosser Theil der Mannschaft und auch ich selbst wurde von heftigen Fiebern ergriffen. In solcher Zeit, wo man sich kaum auf dem Reitesel erhalten kann, wo der Kopf glüht und wilde Fieberbilder jedes klare Denken verwirren, in solchen Momenten die topographische Aufnahme ununterbrochen durchzuführen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben des wissenschaftlichen Reisenden. Erst in Meatu, wo wir am 1. Juli anlangten, fand ich die nöthige Erholung und gönnte mir und meinen Leuten eine Rast von 10 Tagen.

Während dieser Zeit hatten die Elephantenjäger, besonders aber ihre Weiber und Töchter, sich sehr mit meinen Leuten befreundet und lagen Munyi Hemedi fortwährend in den Ohren, diese Einöde zu verlassen, und sich mir anzuschliessen. Da dieser sehr begreiflicher Weise nichts davon wissen wollte, seine Niederlassung ohne besonderen Grund aufzugeben, so suchten sie ihn durch ein schlaues Manöver dazu zu zwingen. Einige Jäger brachen nämlich einen Streit mit den Eingeborenen vom Zaun, griffen sie an und brannten eines ihrer Dörfer nieder. Dadurch aufgeregt, sammelten sich die Wasukuma, die sonst stets sehr friedliche Leute gewesen, in grossen Schaaren und rückten gegen das Dorf, so dass es meines Einschreitens bedurfte, um sie zu verjagen. Dann erklärten die von Munyi Hemedi nicht abhängigen Jäger, etwa 20 Mann, mit mir aufbrechen zu wollen. Die übrigen 40 wollten zwar bei ihm aushalten, redeten dem ängstlichen Manne jedoch ein, dass dies unter den gegenwärtigen Umständen gewagt sei.

Als wir am 10. Juli aufbrachen, schloss sich uns ein ganzer Tross von Jägern mit Weib und Kind an. Munyi Hemedi hoffte bis zum letzten Augenblick bleiben zu können, doch als er sah, wie einer nach dem Anderen uns nachfolgte, packte schliesslich auch er seine Siebensachen und zog ab: die Niederlassung war verlassen.

Am Nenge-Bach, einem Wasserplatz am Rande der Steppe, hielt ich mit den Jägern grosse Berathung ab. Die 20 Makua, welche nicht Munyi Hemedi's Leute waren, sondern nur seine Niederlassung bewohnten, sagten sich endgiltig von ihm los, die übrigen gelang es mir zu bewegen, bei ihm zu bleiben, doch nur unter der Bedingung, dass er Meatu, das sie schon gründlich satt hatten, verliesse. Es blieben nur die Alten und Gebrechlichen, darunter ein feister Blinder, der Jahre in seiner Hütte kauernd verbracht hatte und nun kaum mehr gehen konnte. Diese willigte ich ein, nach Mwansa zu bringen, wo sie unter dem Schutze der Station ihr Dasein fristen konnten. Munyi Hemedi zog auf mein Anrathen mit seinen Leuten ab nach Uduhe, wo er mehrere Monate später von Herrn Wolf gesehen wurde.

TAFEL VIII

Wasukuma-Weib.

Ich schloss mit den Makua, welche der Expedition beitraten, einen Vertrag, worin sie sich zu unbedingtem Gehorsam und zu allen Arbeiten bereit erklärten, wofür ich ihnen versprach, für sie eine Niederlassung im elephantenreichen Umbugwe zu gründen. Ich forderte sie dann auf, mir ihr Oberhaupt zu zeigen, worauf die baumlangen Kerle, unter denen sich auch einige grauhaarige befanden, zu meinem Erstaunen einen kleinen, hübschen Jungen von etwa 12 Jahren anbrachten. Es stellte sich heraus, dass sie wirklich alle die Sklaven dieses Jungen waren. Obwohl ich also seine Oberherrlichkeit anerkennen musste, bestimmte ich doch als seinen Stellvertreter den ältesten Jäger Fundi Mazazwa. Dann fragten mich die Leute, wie ich hiesse, worauf ich ihnen meinen Namen nannte. Denselben fanden sie »ngumu« (hart) und fügten in der blumenreichen Ausdrucksweise des Kiswahíli hinzu: »Umevunja mapori ya Massai, umevunja nguvu za washenzi, umevunja mji etu: bassi jina lako bwana Kivunja!« (Du bist durch die Massai-Steppen gebrochen, Du brachst die Kraft der Wilden, Du hast unsere Niederlassung gebrochen [gesprengt]: so heisse denn »der Brecher«.) So hatte ich denn einen schönen Namen und war auch für meine Leute von nun an stets der Bwana Kivunja.

Mit den Makua war das Element des »ewig Weiblichen« in der Karawane zur wahren Hochfluth angewachsen. Dasselbe war schon früher in stetem Steigen begriffen; aus den drei Weiblein, mit welchen wir Tanga verliessen, waren schon längst dreissig und mehr geworden; denn solch' eine Karawane übt auf die Schönen des Landes eine zauberhafte Anziehungskraft. Gar mancher schwarzen Dame aus Umbugwe und Schaschi, aus Ukerewe und Usukuma gefiel der flotte, reinliche Swahíli besser als der schmutzige Gatte mit seinem Ziegenfellchen. Nachts verliess sie das sichere Heim und lief der Karawane oft tagelang nach, um im Lager flüchtig geknüpfte Bande zu dauernden zu machen. Selbst dem Sultan Lukonge waren mehrere seiner zahllosen »Sultaninnen« — und nicht die schlechtesten — ausgerückt, indem sie einen ganzen Träger dem hundertsten Theil eines Sultans vorzogen. Nur selten kam der erboste Ehegatte nachgeeilt und erhielt die ungetreue Gattin zurück, meist liess er sie laufen und freute sich wohl noch darüber. Doch nun kamen plötzlich über sechzig Weiber und zahlreiche Kinder zur Karawane, denn jeder Makua hatte mindestens drei »Surias« (Kebsweiber) bei sich. Man sollte glauben, dass solcher Tross den Marsch verzögert, was jedoch kaum der Fall ist. Bepackt mit hohen Schachteln, in welchen Mehl und andere Lebensmittel verstaut sind, mit Kochgeschirr und allerlei Hausrath, womöglich noch einen Sprössling auf dem Rücken, marschirten die Weiber tapfer mit. Selbst die Kinder liefen im scharfen Tempo der Karawane und wurden, wenn sie müde waren, von ihren kraftvollen Vätern auf die Schulter gehoben. Im Lager war das Walten der Weiber ein höchst wohlthätiges; die ermüdeten Leute konnten ihre Ruhe völlig geniessen, denn das Sammeln von Brennholz und Wasserholen, das Mehlmahlen und Kochen, dies alles besorgten die Weiber, während die muntern Kinder durch Spiele und heiteres Wesen Leben in das Bild brachten.