Glücklicherweise siegte meine kräftige Natur und als bei Morgengrauen die Palmenwipfel der Pangani-Ufer sichtbar wurden, war ich schon wieder auf den Beinen. In der Zucker-Plantage eines Arabers in Mauia fanden wir freundliche Aufnahme und Unterkunft in dem schönen, kühlen Steingebäude. Vom Hause blickte ich hinab auf den grauen, langsam dahinfliessenden Pangani mit seinen üppigen, palmengekrönten Ufern.

Jenseits lagen Tschogwe, Pongwe und Mundo, die frühere Schamba Buschiri's. Welche Fülle von Erinnerungen bargen diese Namen für mich! Hier war ich 1888 mit Dr. Hans Meyer von bewaffneten Schaaren Buschiri's geführt, und meiner letzten Habe beraubt worden. Tagelang mussten wir an diesen lachenden Palmenufern in Ketten unser Schicksal, einen wahrscheinlich schrecklichen Tod erwarten, dem wir nur durch ein Wunder entgingen. Mehr jedoch als unser Leben, bedauerten wir damals das Missglücken unserer Expedition, das Fehlschlagen unserer grossen Pläne. Und doch sollten wir beide diese Pläne noch einmal zur Wahrheit machen: Hans Meyer hat als erster den stolzen Gipfel des Kilimanjaro bestiegen und mir ist es gelungen unsere weiterreichenden, damaligen Entwürfe zur Wahrheit zu machen. Buschiri, unser Gegner von 1888, fand den verdienten Tod und über dem Schauplatz unserer Leiden weht die deutsche Flagge!

Nachmittags verliessen wir Mauia und zogen durch die reichen Pflanzungen des rechten Pangani-Ufers. Stolz erhob sich die königliche Kokospalme und der herrliche, schattige Mangobaum verbreitete süssen Duft. Mit den letzten Strahlen der Sonne zogen wir in Bweni, gegenüber Pangani, ein und sahen in magischer Beleuchtung die Steingebäude des ansehnlichen Städtchens am jenseitigen Ufer.

Die Deutschen Pangani's, die von meiner Ankunft wussten, kamen mir im Boot entgegen und ich konnte den Herren Pfrank, von Rode und Dietert die Hand drücken, alten afrikanischen Bekannten, die in ihren blüthenweissen Anzügen, mir zerfetztem, kothbespritztem Buschmann ungeheuer civilisirt vorkamen.

Dumpf rollte die Trommel, die Freudenschüsse der Leute erklangen und die Luft erzitterte von ihrem Jubelgeschrei. Stolz wehte die zerschlissene Flagge der Massai-Expedition im Abendwind. Und sie hatte ein Recht auf die Expedition stolz zu sein, der sie durch 14 Monate ein Banner gewesen!

An 4000 Kilometer hatten wir durcheilt, wovon mehr als zwei Drittheile durch gänzlich unerforschtes Gebiet führten. Die riesigen weissen Flecken, welche die Karte des nördlichen Deutsch-Ost-Afrika aufwies, waren ausgefüllt, weite Landstriche, die noch keines Weissen Fuss betreten, erforscht und Völker, die bis auf den Namen unbekannt waren, besucht worden. Zwei grosse Seen, der Manyara und Eyassi und eine tiefe Bucht des Victoria-Nyansa waren entdeckt und die letzten Räthsel des alten Nilquellproblems gelöst worden. Zahlreiche Kämpfe hatten wir zu bestehen gehabt, konnten jedoch mit Stolz behaupten, dass durch unsere Expedition das deutsche Ansehen in Afrika keinen Schaden gelitten hatte.

Zum letzten Male erklang am nächsten Tage, dem 22. Februar, die Karawanentrommel und die Mannschaft trat vor dem Usagarahaus in Pangani an, um ihren hart verdienten Lohn in Empfang zu nehmen. Die Braven erhielten ihn nebst einem reichen Geschenk und standen dann, ihrer Entlassung harrend, im Vorhofe des Gebäudes.

Noch einmal überblickte ich alle die dunkelfarbigen Gesichter, deren jedes einzelne eine Fülle von Erinnerungen für mich barg. Ich gedachte der schweren Zeiten, die wir gemeinsam verlebt und der Erfolge, die wir errungen, ich gedachte Jener die diese Stunde nicht erlebt, die den Heldentod vor dem Feinde gefunden oder Krankheit und Elend im Innern Afrika's erlegen waren.

Die Träger begannen ungeduldig zu werden. Bei der Auszahlung, als sie ihrem »Bwana kivunja« die Hand drückten, war wohl manchem dieser leichtlebigen jungen Burschen etwas weich zu Muthe geworden, nun forderte die Gegenwart ihr Recht, es galt die sauer verdienten Silberlinge rasch wieder anzubringen.

Ernster standen ihnen gegenüber die Askaris. Für diese wäre nun der Augenblick gekommen gewesen, mir nach dem Muster der Stanley'schen Getreuen zu Füssen zu fallen und mich dann im Triumph zu tragen. Doch nichts dergleichen geschah, sie standen nur stramm, wie es braven Soldaten geziemt. Aber ich hatte gelernt in den Augen meiner Leute zu lesen und sah recht wohl, dass im Innern dieser harten Buschläufer mehr vorging als das unbewegliche Aeussere verrathen mochte.