Ganz unbrauchbar zu jeder richtigen »Buschfahrt«, abseits von der Heerstrasse, sind Wanyamwesi und vor Allen Wasukuma. So ausdauernd diese bei guten Rationen und reichlichem Wasser auf gewohnten Wegen sind, so wenig bewähren sie sich in nur einigermaassen ungewöhnlichen Verhältnissen. Betreffs der Sudanesen machte ich schlechte Erfahrungen, so vorzüglich dieselben im Stationsdienst und auf kleinen Expeditionen, sowie vor dem Feind sich bewähren, so wenig sind sie grossen Strapazen gewachsen, wie auch Stanley erfahren hat. Die Expeditionen der Schutztruppe, welche höchstens einige Wochen hindurch Anspannung aller Kräfte erfordern, dann aber wieder lange Ruhepausen gewähren, sind natürlich in keiner Weise mit einer grossen Forschungs-Expedition zu vergleichen, die Monate und Jahre lang dauert und Kräfte, die für die Schutztruppe genügen, sind für solche Zwecke noch lange nicht ausreichend.

Besonders bei wasserlosen Märschen zeigt sich der Unterschied zwischen erfahrenen und unerfahrenen Leuten. Während erstere mit ihrem Trinkwasser haushalten, trinken letztere alles unterwegs, sind dann im Lager dem Verschmachten nahe und am nächsten Morgen marschunfähig. So war es auch am 11. Februar: Eine ganze Anzahl Wanyamwesi blieb verzweifelt liegen, während wir unsern Marsch durch die glühende Wüste — Steppe ist für diese fast kahle rothe Fläche zu gering — eilig fortsetzten. Gegen Mittag erreichten wir einen ansehnlichen Wassertümpel, Mabani, und Mensch und Vieh schlürften mit Wollust das schwarze, schlammige Nass. Die unermüdlichen Askari hatten kaum den ersten Durst gelöscht, als sie Gefässe mit Wasser füllten und zurückliefen, um die Wanyamwesi zu laben. Sie fanden dieselben fast sterbend, konnten jedoch alle retten und brachten sie ins Lager. Auch hier hatten einige Elephantenjäger aus Pangani ihr Lager aufgeschlagen und bereits recht ansehnliche Elfenbeinvorräthe gesammelt.

Von nun an ging es mit dem Wasser besser; Graswuchs bedeckte stellenweise das Land, Tümpel mit rothem, grünem oder schwarzem Wasser waren ziemlich häufig: wir näherten uns dem Rand der Steppe. In der Ferne tauchten die Berge von Unguu auf, bewohntes Gebiet, dessen erster Anblick Jubelgeschrei hervorrief. Am 14. Februar lagerten wir unweit des Talama-Berges bei einer Wandorobo-Niederlassung. In dichtem Gestrüpp verborgen lagen die elenden, halbrunden Grashütten, an der Einzäunung standen schlanke Männer, auf den Bogen gestützt und zwischen den Hütten, inmitten von Fleisch- und Knochen-Ueberresten, kauerten ihre eisengeschmückten, kahlköpfigen Weiber.

Am 15. Februar veränderte sich die Landschaft; nach kurzem Marsch durch offene Steppe traten wir in lichten Laubwald ein, das Land wurde hügelig, die wohlbekannten Formen der Unguuberge traten näher, an den Hängen nahm man die grünen Vierecke der Felder wahr. Nachmittags wurden auch die zaunumgebenen Gruppen der spitzen Kegelhütten wahrnehmbar und mit Trommelklang und Hörnerschall marschirten wir in das Grenzdorf Unguus, in Kwa Maligwa ein.

Am nächsten Morgen erreichten wir Mgera, den Hauptort dieser Gegend, der mir schon von 1890 her bekannt war. Damals machten mir die Eingeborenen einen ziemlich urwüchsigen Eindruck, jetzt, wo wir von den Höhlenmenschen kamen, erschienen sie mir in ihrer reichen Baumwollkleidung als hochcivilisirte Menschen. Die gutmüthige, dicke »Königin« Mandaro, eine alte Bekannte, machte mit einigen ganz niedlichen Hofdamen ihre Aufwartung.

Mehr als das freute mich jedoch das Eintreffen der Postboten, die mir lang ersehnte Nachrichten von der Heimath brachten. Hatte ich doch während der ganzen Reise nur zweimal veraltete Postsendungen bekommen! Wir waren eben zu schnell gereist, die Herren, die an der Küste die Beförderung der Posten leiteten, rechneten mit dem üblichen Schneckengang der Expeditionen, und wenn eine Sendung irgendwo eintraf, war ich immer schon längst über alle Berge. Der Grund, warum wir so rasch vorwärts gekommen, liegt, wie ich glaube, hauptsächlich darin, dass wir niemals Gewaltmärsche machten, dass es uns niemals auf einen oder zwei Rasttage ankam, dass wir überhaupt niemals Eile hatten. »Haraka haïna baraka« (Eile bringt kein Glück) sagt der Swahíli, und was das Reisen im Innern anbelangt, hat er gewiss Recht. Jede unnütze Ueberanstrengung der Kräfte, jede überstürzt eingeleitete und mangelhaft vorbereitete Unternehmung rächt sich durch endlose Aufenthalte, die dem Reisenden alle Lust benehmen und den Geist der Mannschaft schwer schädigen.

Wenn es der Küste zu geht, ist es freilich ein alter Karawanenbrauch, dass die letzten Tage in Gewaltmärschen zurückgelegt werden. Die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen der Küstenstädte, nach dem »Msonga nyuele«, dem geflochtenen Haar der reizenden Swahíli-Damen, lässt die Leute nicht ruhen. So ging es denn förmlich im Trab hügelauf, hügelab, durch die reich bebauten Gehänge Usegua's. Mir war die Gegend schon bekannt und im Fluge gings bei Makoma, der Stätte unserer blutigen Kämpfe von 1890, und den zahllosen grossen und kleinen Dörfern vorbei.

Selbst ein Krieg, der etwas abseits von unserer Route »wüthete«, konnte unser Interesse nicht erregen. Es kämpften da Leute des verstorbenen räuberischen Häuptlings Kiro mit einer eingeborenen Regierungspartei, die im amtlichen Auftrage diese Rebellen bestrafen sollte. Der »Krieg« bestand darin, dass alle 10 bis 20 Minuten ein Schuss fiel; zur Mittagszeit und bei Regenwetter wurde überhaupt nicht Krieg geführt. Ob dieser gemüthliche Kampf heute noch »tobt« oder ob die Regierungspartei inzwischen der gerechten Sache zum Sieg verholfen, ist mir nicht bekannt.

Uebrigens konnte ich es den braven Kämpfern nicht übel nehmen, wenn sie sich die Sache etwas bequem machten, denn die Sonne brannte in diesen Tagen ganz höllisch, es herrschte das, was man sich gewöhnlich unter einer »afrikanischen Hitze« vorstellt. Dieser und meiner schadhaft gewordenen Kopfbedeckung verdanke ich es, wenn ich am Nachmittag des 20. Februar plötzlich von einem Hitzschlag getroffen wurde, der mich vom Reitesel herab bewusstlos ins Gras warf.

Als ich nach Stunden aus tiefer Ohnmacht erwachte, fand ich mich blitzschnell durch einen nächtlichen Wald schwebend, den zahlreiche strahlende Lichter mit feenhaftem Glanz übergossen. Ich glaubte mich schon in einem Zauberreich, als ich, durch die scharfe Morgenbrise völlig zum Bewusstsein gebracht, erkannte, dass ich durch einen Wald getragen wurde, während vor und hinter mir Askari mit Magnesiumfackeln liefen. Meine Leute hatten mich nämlich, nach vergeblichen Versuchen mich zu erwecken, in eine Hängematte gepackt und im Laufschritt den Marsch angetreten, um mich nach Pangani zum Arzt zu bringen.