Wenn ich auch überzeugt bin, dass solche Erscheinungen zu den Kinderkrankheiten einer jungen Kolonie gehören, die sich mit der Zeit verlieren, so konnte ich es doch meinen alten Elephantenjägern nicht übel nehmen, dass sie es unter solchen Umständen vorzogen in Umbugwe zu bleiben.

Am 3. Februar nahmen wir Abschied von den Zurückbleibenden und traten den Marsch durch die Massai-Steppe an. Um deren Erforschung in grossen Zügen zu vollenden, beschloss ich dieselbe in einer schrägen Linie nach Mgera in Nord-Unguu zu durchqueren. Als Führer für die ersten Tage dienten uns einige Wambugwe, später Massai, die wir von Irangi zu diesem Zwecke mitgenommen. Nach Verlassen der Felder von Umbugwe kamen wir an das Südende des salzigen Laua ya Sereri-Sees und traten dann in lichten Akazien- und Baobab-Wald ein. Vorbei an den nördlichen Ausläufern des Ufiomi-Gebirges gelangten wir an den kleinen Sickerbach Tschem-Tschem, wo wir lagerten.

Schwärme kahlköpfiger Aasgeier, die übliche Staffage der Lager im Massai-Land, hatten sich eingestellt und bedeckten die umliegenden Baumwipfel. Sie waren diesmal besonders frech und rissen in pfeilschnellem Fluge nicht selten den Leuten die Fleischstücke aus der Hand oder vom Feuer weg. Diese rächten sich, indem sie den Geiern mit der — Angel nachstellten. Sie banden eine gewöhnliche Fischangel mit einer Schnur an einen Ast und hingen ein Stück Fleisch daran. Ich lachte erst über diese komische Idee und war sehr erstaunt nach wenigen Minuten einen der gefrässigen Raubvögel an der Schnur zappeln zu sehen, mit dem Haken tief im Rachen.

Der nächste Marsch führte uns durch pfadlosen Steppenwald zum Tarangire-Fluss, der tiefe Tümpel enthielt, in welchen die Leute massenhaft Welse fingen. Am jenseitigen Ufer lag der frische Leichnam eines Nashorns, das von einem Löwen gefällt worden war. Der Wüstenkönig, den unsere Ankunft in seiner Mahlzeit gestört hatte, kam Nachmittags wieder um dieselbe zu vollenden. Es war ein riesiges, männliches Thier, der erste Löwe, den ich auf meinen langjährigen afrikanischen Reisen lebend in Freiheit sah. Natürlich versuchte ich ihn anzupürschen, doch nahm er schleunigst Reissaus und jagte in langen Sätzen über die Ebene davon.

Am 5. Februar ging's durch Steppenland, das öfter gänzlich offene, in der Regenzeit jedenfalls versumpfte Senkungen unterbrachen, dem Sambo-Berg zu, der mit seinen südöstlichen Ausläufern, den Lolduman-Hügel, vor uns auftauchte. Viel Wild war zu sehen, darunter besonders Rhinozeros, deren ich eines, meine Leute zwei erlegten. Wir fanden Abends etwas Wasser in einem Thalriss und zogen am nächsten Tage durch die, von tiefen Schluchten zerrissenen Vorhöhen des Sambo, einigen Wasserlöchern zu, die südlich von diesem Bergkegel lagen. Zu jener Zeit brachen wir nicht Morgens, sondern stets Mittags auf, um die Sonne im Rücken zu haben und lagerten erst Abends. Ich selbst wurde fast fortwährend von kleinen Fiebern geplagt und konnte nur mit Mühe topographische Arbeiten verrichten.

Ueber breite, flache Bodenwellen, deren Höhen mit Buschwald bedeckt sind, gingen wir am 7. Februar weiter. In einem felsigen Riss fanden wir Nachmittags Wasser, in das unsere durstigen Rinder förmlich hineinsprangen. Durch die Wegweiser verleitet, marschirten wir jedoch noch weiter, einem Wasserplatz zu, der angeblich nahe war. Doch erreichten wir ihn nicht und mussten wasserlos in der Steppe lagern. Mit seinem ziegelrothen Boden, seinen Termitenbauten und dürrem Stachelgestrüpp, schien das Land eine rechte Einöde und ich dachte eben darüber nach, wie selten wohl ein Mensch hierher gelangen mochte, als sich die Büsche theilten und eine Schaar Wandorobo hervortraten. Sie jagten in der Umgebung und waren stark mit Massai gemischt, die in ihrem Elend zu Wandorobo wurden. Auch einige schreckliche Hungergestalten waren unter ihnen, die Ueberreste ganzer Stämme, deren Gebeine in der Steppe bleichten.

Die Wandorobo führten uns am nächsten Morgen zum Wasserriss Kivululo, in dem viele ständige Tümpel sich ansammeln. Dann ging es bei glühendem Sonnenbrand wieder in die Steppe hinaus; auf weite Strecken ist das Land mit niedrigem, schwer passirbarem Gestrüpp bedeckt, über welches Heerden von Giraffen ihre langen Hälse erheben. Wir sollten Abends ein Wasserloch erreichen, fanden dasselbe jedoch leer und mussten abermals ohne Wasser lagern.

Am 9. Februar ging es auf den langen Felshügel Neibor-murt zu, der wie ein riesiger Elephantenrücken aus der welligen Steppe hervorragte. An seinem Fusse lagen, von Schattenbäumen umgeben, einige Tümpel. Dort hatten Jäger aus Usegua ein Lager geschlagen und durchstreiften mit einigen Massaiführern die Steppe nach Wild und Elfenbein. Zum letzten Mal erblickten wir vom Neibor-murt die fernen Gipfel des Kilimanjaro und zogen dann weglos durch Dorngestrüpp nach Südosten. Die alten Viehpfade der Massai waren alle verwachsen, nur mit dem Buschmesser kamen wir Schritt für Schritt vorwärts. Glühend brannte die Sonne auf den nackten, rothen Boden zwischen den Stachelbüschen und selbst die Nacht brachte uns kein Labsal, denn ohne Wasser mussten wir abermals bei einem Felshügel Ndigira lagern.

Die furchtbare Hitze, der Wassermangel und die schwierigen Terrainverhältnisse stellten an die mit Proviant schwer bepackte Mannschaft harte Anforderungen. Die »alte Garde« der Massai-Expedition allerdings war Allem gewachsen und behielt ihr flottes Marschtempo und ihren guten Muth bei. Die Neulinge jedoch, die in Tabora hinzugekommen, hauptsächlich die Wanyamwesi fielen vollständig ab, waren auf's Aeusserste erschöpft und kaum noch vorwärts zu bringen. Solche Steppenmärsche sind überhaupt die besten Prüfsteine für die Leistungsfähigkeit einer Mannschaft. Wenn ich die Ostafrikaner nach ihrer Eignung zu Pionier-Expeditionen eintheilen sollte, so würde ich die Pangani-Leute entschieden obenan stellen. An Massai-Reisen gewöhnt, halten sie unter allen Umständen, bei jeder Nahrung aus und sind auch vor dem Feinde muthig. Besonders die Sklaven aus Bwenyi, meist Manyema, sind ein vorzügliches Material. Ihnen fast ebenbürtig sind die Wadigo, ausdauernde, muthige Bursche, die noch dazu nicht das unruhige Wesen der Manyema besitzen.

Die echten Tanga- und Mtangata-Leute, sowie die Wassegeju sind vielfach ebenfalls in Massai-Reisen erfahren, stehen jedoch den Pangani-Leuten im Allgemeinen nach. Die Wabondeï sind weder physisch noch moralisch ähnlichen Aufgaben gewachsen, besser sind Waschambaa und Wasegua, unter denen besonders die Wanguu sich als zähe, tapfere Leute auszeichnen. Unter den Bagamoyo-Trägern muss man die echten Wasaramo von der Küstenbevölkerung unterscheiden. Erstere sind weniger brauchbar, letztere recht tüchtig, aber mehr für Karawanenstrassen-Dienst und zu Soldaten verwendbar. Bezüglich der Nahrung sind sie weit empfindlicher als die Pangani- und Tanga-Leute, passen also weniger zu Forschungsreisen.