TAFEL XIV

WATATURU AUS MANGATI

Hinter Meri ging es wieder steil bergan. Die Hänge bedeckten Gras und Farnvegetation. Manch' schöne Blumen, darunter reizende Primeln, leuchteten daraus hervor und wurden von farbenprächtigen, kleinen Vögeln umflattert. Dann traten wir in dunklen Laubwald ein, der völlig jenem von Mutyek glich. Lange Bartflechten hingen von den moosbedeckten mittelhohen Laubbäumen, dichte Krautvegetation, meist Nesseln und Farne, bedeckte den Boden. Stellenweise öffnete sich eine kleine Lichtung und breite Elephantenpfade durchschnitten diese herrliche unbewohnte Wildniss. Erst am nächsten Morgen verliessen wir den Wald und durchzogen ein offenes grasiges Land bis zum Rande des Steilabfalles. Vor uns stürzte ein schroffer, theils felsiger, theils bewaldeter Felshang mit eingestreuten Gruppen von Phönixpalmen ab. In der Tiefe erblickten wir die leicht gewellte, theils offene, theils mit Busch bedeckte Landschaft Mangati mit dem Balangda-See und den Temben der Wataturu. Uns gegenüber jedoch ragte in greifbarer Nähe, von dunklen Basaltwänden gekrönt, die kühne Bergpyramide des Gurui auf.

Durch Gestrüpp und Wald ging es auf felsigem Wege in die Tiefe. Bald hatten wir die Sohle des Grabens und die Niederlassung Barabeïda erreicht, wo ein jüngerer Bruder Sagiro's regierte. Hier lernte ich das Volk der Wataturu in seiner ganzen Ursprünglichkeit kennen. Langbeinige Krieger mit wildem Kopfschmuck von Straussenfedern kamen herbeigeeilt, auf den Kehrichthaufen kauerten Gruppen von Weibern mit Lederzeug und rasselndem Eisenschmuck, schwarzäugige, schmutzige Kinder auf dem Rücken tragend. Allen sieht man auf den ersten Blick die hamitische Abkunft an und negerhafte Züge sind hier nicht zu finden. Auch in Mangati fanden wir freundliche Aufnahme und bekamen reichlich Lebensmittel geliefert. Ein Ausflug brachte mich am nächsten Tage zum salzigen Balangda-See, der den Eingeborenen Kochsalz liefert. Von hier präsentirt der Gurui sich wieder anders, aber stets als prächtiger Bergriese.

Leider konnte ich meinen Wunsch, diesen Gipfel zu ersteigen, nicht erfüllen, denn ein Fieber, gegen das ich seit einigen Tagen ankämpfte, warf mich nun zu Boden und zwang mich, einen Tag in Barabeïda zu verbleiben. Obwohl mir am 27. Januar nicht viel besser war, reiste ich doch ab, um mein Fieber durch Ortsveränderung zu kuriren. Dieses alte Buschmittel versagte auch diesmal seine Wirkung nicht; als wir gegen Mittag am papyrusreichen Bubu lagerten, erholte ich mich ganz leidlich.

Durch bergiges, licht bewaldetes, fruchtbares Land ging es am 28. Januar an's Westufer des Maitsimba-See und nach unserem alten Lagerplatz in Ufiomi. Auf einer anderen Route längs des Kwou, der tief in den Lehmboden eingerissen ist, erreichten wir am 30. Januar Umbugwe wieder. Ich fand dort alles in bester Ordnung, meine Leute hatten mit den Wambugwe gutes Einvernehmen erhalten und reiche Vorräthe für den Marsch durch die Massai-Steppe gesammelt.

Noch hatte ich in Umbugwe eine Pflicht zu erfüllen, die Errichtung der Niederlassung, die ich in Meatu den Elephantenjägern zugesagt. Als Oberhaupt derselben bestimmte ich Mwanangwa Swetu, einen intelligenten Häuptling aus Unyamwesi, und wies demselben den Platz zur Errichtung einer Station an. Mit grossem Geschick hat dieser Mann seine Aufgabe gelöst und meinen Nachfolgern in Umbugwe gute Dienste geleistet. Von den Jägern blieben die meisten zurück, nur wenige, die sich vollkommen in die Expedition eingelebt, zogen mit uns nach der Küste.

Unter jenen, welche zurückblieben, gab es auch Leute, die schon Jahrzehnte im Innern zugebracht und unter andern Umständen vielleicht gern ihre Heimath wieder gesehen hätten. Wenn ich sie aber fragte, warum sie nicht mit nach der Küste wollten, meinten sie meist: »Hatutaki ku cheza ngoma ya Wazungu« (Wir wollen den Weissen nichts vortanzen). Diese Redensart stammt von den grossen Tanzfesten her, die von den Stationschefs bei festlichen Gelegenheiten, z. B. dem Erscheinen eines Oberbeamten zuweilen »amtlich« inscenirt, und von den Eingeborenen als lästiger Zwang empfunden werden.

Ueberhaupt ist es bemerkenswerth, dass weniger die grossen politischen Umänderungen, als die kleinen Polizeinörgeleien von der ostafrikanischen Bevölkerung als Druck gefühlt werden. Dass statt des Sultans von Sansibar nun ein deutscher Gouverneur regiert, ist den Leuten ganz gleichgiltig, aber dass sie nach 9 Uhr Abends nicht mehr spazieren gehen dürfen, Lampen brennen sollen, bei Tänzen und sonstigen Kleinigkeiten erst amtliche Erlaubniss einholen müssen, dann aber wieder auf Kommando, wenn sie keine Lust dazu haben, tanzen sollen, scheint den Swahíli unerträglich. Sie wollen ja gern Alles thun, im Nothfall selbst Steuern zahlen und für die Behörde arbeiten, aber tanzen wollen sie, wenn es ihnen Spass macht und nicht, wenn es der »Bwana mkubwa« befiehlt. Ein Bakschisch an die farbige Polizei befreit ja freilich von diesen und von den meisten anderen Lasten, wer aber darüber nicht verfügt der muss eben tanzen. Der grosse Mann freilich, zu dessen Ehren solche Feste arrangirt werden, ahnt von alledem nichts und sieht wohlgefällig dem »muntern Treiben« zu, wirft auch vielleicht einige Rupies unter die tanzenden Weiber, die ihnen nachträglich von den Polizisten wieder abgenommen werden. Zum Glück versteht er und seine Umgebung meist so gut wie kein Swahíli, sonst würde er grosse Augen zu den sonderbaren Schmeicheleien machen, die ihm in Form von Huldigungsliedern an den Kopf geworfen werden.[2]