Nachts wurden wir von einem wilden Thiere, über dessen zoologische Stellung Meinungsverschiedenheiten herrschten, belästigt, welches zwei Mal in's Lager einbrach und erst einen Askari an der Schulter, dann einen Jungen an der Ferse verwundete. Die Patienten wurden am nächsten Morgen nach Umbugwe zurückgeschickt, während wir den steilen, felsigen Hang des Abfalls hinanstiegen.

Je höher wir kamen, desto frischere Luft wehte uns entgegen, bis wir die offene, grasige Hochfläche von Iraku erreichten. Zahlreiche Bäche durchschneiden das gewellte Land, im Norden und Nordosten ragen dunkle Waldberge auf. Die Eingeborenen gleichen völlig den Wafiomi, leben auch in ähnlichen Temben und sehen womöglich noch schmutziger, abenteuerlicher und wilder aus. Dennoch kamen sie uns sehr freundlich entgegen und machten den Eindruck friedfertiger Menschen. Als Ackerbauer leisten sie wirklich Hervorragendes; weite Strecken bedecken die schön gehaltenen, viereckigen Felder, die eben umgeackert wurden und als rothe Quadrate an den grasigen Hängen erschienen. Ueberall konnte man eifrig hackende Eingeborene sehen.

Durch ähnliches Gebiet, in dem sich ein stolzer Gipfel erhob, auf seiner Höhe förmliche Felszinnen tragend, ging es am 19. Januar nach der Residenz des Wataturu-Häuptlings Sagiro. Derselbe hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich, er hat schon im Massai-Land, in Unyanyembe und Usongo residirt und wurde von seinen Erbfeinden, den Massai, in diese entlegenen Höhen verdrängt. Seine Leute, unter welchen man auffallend wohlgebildete, echt hamitische Gestalten trifft, sehen verkommen aus, schmutzig und elend ist auch sein Dorf, ein halbverfallener Tembenring.

Landschaft in Iraku.

Am 20. Januar ging es südwärts durch Iraku. Ueberall dehnte sich reich bebautes Land aus, von rothen Viehpfaden durchzogen, und belebt von Farnen- und Phönixpalmen-Gruppen. Hier haust ein uralter Häuptling, der mit seiner langen, schmutzig weissen Haar- und Bartmähne wie ein Kobold aussah. Ueberall standen die abenteuerlichen Gestalten der Eingeborenen in neugierigen, harmlos freundlichen Gruppen am Wege und boten mit ihren scharfgeschnittenen Zigeuner-Gesichtern und dem Leder-Ueberwurf einen originellen Anblick. Das Merkwürdigste waren ihre Wohnungen, in die Erde eingelassene, geräumige Erdställe, in welchen es bei der herrschenden Kühle trotz der Dunkelheit ganz angenehm war. An den Eingängen standen dichtgedrängt die fellbekleideten Weiber, darunter auch manches ganz niedliche Höhlenmädchen, die uns vergnügt anlachten, aber bei dem leisesten Versuch sich zu nähern, in ihrem Mauseloch verschwanden.

Iraku-Leute.

Am 22. Januar verliessen wir das Dorfgebiet von Iraku, dessen letzte Siedelungen am Rande des Steilabfalles liegen und stiegen auf felsigem Pfade dem Kwou-Thale zu. Ueppige Krautvegetation bedeckt die rauhen Felswände aus deren Spalten reizende Phönixpalmen ihre schlanken Wipfel erheben.

Am klaren Kwou, dessen Ufer hochstämmiger Galleriewald säumt, lagerten wir und stiegen am nächsten Morgen über reich bewachsenen Hang zur welligen Plateaulandschaft Meri an. Hier haust eine kleine Kolonie von Irakuleuten und Wataturu, heitere, gutmüthige Leute, die in schönen Temben leben, welche in Gruppen geordnet, mit den ziegelrothen Dächern sich scharf aus der grünen, hügeligen Umgebung abheben. Ringsum dehnen sich prächtige Felder hinter welchen der begraste Berg ansteigt. Das Schönste an Meri ist jedoch die herrliche Aussicht über den gewaltigen Steilabfall des Grabens, die Niederung mit ihren schimmernden Seen, die graubraune Steppe mit ihren dunklen Gebirgsinseln und in weiter Ferne die Bergriesen des Meru und Kilimanjaro. Letzterer hatte eben eine neue Schneehaube bekommen und erschien in scharfen, blendend weissen Umrissen am Horizont.