Ufiomi.
Zwei Tage marschirten wir durch unbewohntes, grasiges, von lichtem Akazienwald bedecktes Plateaugebiet und stiegen am 8. Januar nach der Landschaft Ufiomi ab. Zu beiden Seiten des langgestreckten, blauen Maitsimba-Sees dehnen sich bebaute Landschaften, aus welchen die viereckigen, ziegelrothen Flecken der Tembendächer hervorstechen. Im Nordost ragt die dunkle, waldige Masse des Ufiomi-Berges auf.
Die Eingeborenen, welche vor den Temben oder auf den Dächern hockten, sahen mit ihren verschlissenen Lederschürzen, den Laubmassen im Ohrlappen und dem verfilzten Haar, in dem eine ruppige Feder steckte, unglaublich wüst aus. Sie galten jahrelang als äusserst bösartig und ihr Land wurde von allen Fremden sorgfältig gemieden. Sei es, dass sie ihre Sitten geändert haben, sei es, dass die Niederlage ihrer Nachbarn sie gewitzigt hatte: sie begnügten sich uns anzustarren und unternahmen nichts Feindliches. Nachmittags hatten wir sogar das Vergnügen die Damenwelt Ufiomi's kennen zu lernen, die sich bisher in den Dachsbauen verborgen hatte, welche diese Eingeborenen in den Lehmboden ihrer Hütten graben, und nun kothbespritzt ans Tageslicht kam. Aus ethnographischem Interesse besuchte ich eine dieser Schutzhöhlen, musste etwa fünf Minuten durch einen beängstigend niedrigen Schacht bergabkriechen und gelangte dann in einen grösseren Raum, der durch einen Luftschacht mit der Oberfläche in Verbindung steht.
Von Ufiomi, das wir am 10. Januar verliessen, ging es leicht bergab durch fruchtbares, waldiges Land. Zwischen den Bäumen erblickt man die glänzende Fläche des Manyara-See. Auch die graue Ebene von Umbugwe wurde sichtbar und erweckte die Erinnerung an unsere Todten, die nun fast ein Jahr in fremder Erde lagen.
Ich war einigermaassen gespannt darauf, wie man uns in Umbugwe empfangen würde. Nachdem unsere Kämpfe im März 1892 in Deutschland bekannt geworden, waren nämlich einige »Kenner« aufgestanden, welche die Meinung aussprachen, dass Umbugwe nun endgiltig für alle Karawanen gesperrt sei. Ich war zwar vom Gegentheil überzeugt und die Erfahrungen der Irangi-Araber bewiesen dasselbe, aber wer kann mit Bestimmtheit auf die Gesinnung so unbeständiger, wilder Völkerschaften zählen?
Weib aus Ufiomi.
Mit gewohnter Vorsicht betraten wir daher am 11. Januar das Tembengebiet Umbugwe's, aber schon die ersten Eingeborenen zeigten uns, dass sich hier viel verändert hatte. Statt der Kriegerschaaren, die uns bei der ersten Ankunft umschwärmt, erblickten wir überall friedliche, unbewaffnete Menschen, die uns ihr »Tálala« als Gruss boten. Bald kam Mbaruk, der Elephantenjäger, der immer noch hier weilte und mit ihm die Führer von Küsten-Karawanen, welche die Freundlichkeit der Eingeborenen nicht genug loben konnten. Bei dem ernsten freundlichen Häuptling Mbi, dem stets wie ein Schatten sein ewig heiterer Minister folgte, schlugen wir das Lager auf.
In den nächsten Tagen trat ich eine kleine Rundreise durch Umbugwe an, die mich zu Kutadu und auch nach dem Schauplatz unserer früheren Kämpfe in Mtakayko's Land brachte. Ueberall wurden wir freundlich, wenn auch etwas scheu empfangen und erhielten von allen Häuptlingen, auch von Mtakayko, reiche Geschenke. Unter diesen Umständen hielt ich es nicht für gewagt, den grössten Theil der Karawane in Umbugwe zurück zu lassen und mit einer kleinen Abtheilung die Reise nach Iraku anzutreten. Natürlich durften die Zurückgebliebenen einzeln das Lager nicht verlassen, eine Maassregel, die eben nur durchführbar ist, wenn man Poscho (Wegzehrung) in natura und nicht in Zeug an die Leute vertheilt. Denn sonst kann man es ihnen nicht verbieten, einzeln auszuziehen und Lebensmittel einzukaufen, was kriegerische Eingeborene geradezu zu Mordthaten auffordert. Allerdings erfordert die Verpflegung in natura mehr Erfahrung und der Expeditionsführer muss auf Wochen hinaus auf Beschaffung von Proviant bedacht sein.
Mit leicht beweglicher Schaar verliess ich am 17. Januar Umbugwe, übersetzte den Kwou-Fluss und zog auf gutem Wege durch buschbedecktes Land nach dem Fuss des Steilabfalls. Auf einer Vorkuppe desselben lagerten wir und genossen bei Abenddämmerung einen schönen Blick auf die Seen Manyara und Laua ya Sereri und auf die weite, graue Massaisteppe über deren Horizont, wie ein lichtes Phantom der glänzende Schneedom des Kilimanjaro aufragte.