Allgemeine Uebersicht. — Das abflusslose Gebiet. — Der Kilimanjaro-Graben. — Die Massai-Steppe. — Der grosse ostafrikanische Graben. — Der Wembere-Graben. — Das Granitplateau von Unyamwesi. — Der Victoria-Nyansa. — Die Quelle des Nil und das Mondgebirge. — Das centralafrikanische Schiefergebirge und der centrale Graben.

Das Forschungsgebiet der Massai-Expedition, von welchem nachfolgend die Rede sein soll, dehnt sich von der nördlichen Küstenlinie Deutsch-Ostafrika's, der sogenannten Tangaküste, bis zur Westgrenze der Interessensphäre, die durch den Verlauf des Tanganyika-See gekennzeichnet ist. Dieses ungeheure Gebiet lässt sich in verschiedene, ziemlich scharf von einander getrennte Abschnitte theilen.

An die schmale Küstenzone, für welche das Auftreten jurassischer Kalke und Thonschiefer bezeichnend ist, schliesst sich eine Kette krystallinischer Gebirgsinseln, die unter dem Namen Ostafrikanisches Schiefergebirge zusammengefasst werden.

An diese Gebiete reiht sich westlich eine Zone, die durch grossartige geologische Störungen bemerkenswerth ist. Dieselbe ist vor Allem durch den Verlauf des grossen ostafrikanischen Grabens bezeichnet, jener ungeheuren meridionalen Bruchlinie, welche, wie Suess so meisterhaft nachgewiesen, vom Todten Meer bis Ugogo durch fast 40 Breitengrade zu verfolgen ist. Als Nebenbruch lässt sich im Osten jener Graben auffassen, dem der Meru und Kilimanjaro, vielleicht auch der Kenia entstiegen und dessen südlichen Verlauf das Panganithal undeutlich kennzeichnet, im Westen die Wembere-Spalte, die als Sackgasse in das Massai-Plateau eingerissen ist. Das ganze ausgedehnte Gebiet entsendet keinen Wasserlauf zum Meere und lässt sich daher als abflussloses Gebiet bezeichnen.

Im Westen von dieser theils krystallinischen, theils jungeruptiven Zone dehnt sich eine weite einförmige Hochebene aus, das Granit-Plateau von Unyamwesi, in welches nördlich das Becken des Victoria-Nyansa eingelagert ist. Theils dem Nil, theils dem Tanganyika-Gebiete angehörend, ist es durch den fast vollständigen Mangel ständig fliessender Gewässer ausgezeichnet.

Vom Granitplateau gelangt man landeinwärts abermals in ein krystallinisches Gebirge, das, dem ostafrikanischen Schiefergebirge fast gleichlaufend, als centralafrikanisches Schiefergebirge bezeichnet werden kann. Hier nimmt besonders die Hydrographie unser Interesse in Anspruch; schneidet doch hier die Wasserscheide zwischen Tanganyika-Kongo und Nyansa-Nil durch, liegt doch hier die Quelle der Hauptader des Victoria-See, die Quelle des Nil. Das Schiefergebirge stürzt in steilen Wänden zu einer anderen ungeheuren Spalte ab, dem centralafrikanischen Graben, dessen Sohle der Tanganyika-See einnimmt.

Das Vorland und die Komplexe des ostafrikanischen Schiefergebirges wurden schon an anderer Stelle[3] eingehend beschrieben, wir beginnen daher in der Beschreibung der einzelnen Abschnitte mit dem abflusslosen Gebiet.

Im Westen des Panganiflusses bei Aruscha erhebt sich das Litema-Gebirge, in seinen höchsten Punkten bis über 1700 m ansteigend und gegen Süden in niedrigen Kuppen verlaufend. Es bildet den Westrand des Kilimanjaro-Grabens, jenes Seitenzweiges der grossen Spalte, dem die vulkanischen Bergriesen des Kilimanjaro und Meru entstiegen. Das Litema-Gebirge ist der Hauptmasse nach krystallinisch mit stellenweiser Ueberlagerung archaischer, graphithaltiger Kalke und vorherrschend nordwestlichem Streichen mit nordöstlichem Fallen unter etwa 45°. Doch sind die Schichten vielfach stark verworfen und es haben grosse Störungen stattgefunden, wie auch das Vorhandensein jungeruptiver Durchbrüche anzeigt.

Das Litema-Gebirge fällt gegen das Pangani-Thal ziemlich steil, weit sanfter gegen die bedeutend höhere Massai-Steppe ab. Dieselbe bildet ein Plateau, welches allmählich bis zu 1500 m ansteigt, um dann eben so sanft gegen die Sohle des grossen Grabens zu fallen. Es ist durch das gänzliche Fehlen ständig fliessender Gewässer, überhaupt durch Wasserarmuth, bezeichnet. Aus der weiten, leicht gewellten Ebene erheben sich insular einzelne Bergkuppen, die bis zu 17-1800 m ansteigen und nicht nur weithin sichtbare Landmarken in dieser Wildniss bilden, sondern in ihren Klüften meist auch Quellen und Wassertümpel bergen. Im Norden sind es die Gruppen des Benne- und Sogonoi-Berges, des Mella, Lukutu und des ansehnlichen Donyo Kissale, welche im Distrikt Sogonoi und Balanga aufragen. Weiter im Süden erheben sich der Sambo, Neibor múrt, Kinyarók und die einzelnen spitzen Felsberge der Massai-Landschaft Kiwaya, welche einerseits bis zu den bewohnten Höhen von Unguu, andererseits bis zu den Vorbergen des Irangi-Gebirges in der Ebene verstreut sind.

Ueberall in der Steppe und in den Bergkuppen herrscht Gneiss und krystallinischer Schiefer vor, mit leicht geneigten meist landauswärts fallenden Schichten und verschiedenen, aber fast immer den meridionalen genäherten Streichungsrichtungen. Nur im Süden, gegen Unguu zu, treten Spuren jüngerer Kalke auf, die das frühere Vorhandensein von Süsswasserseen anzudeuten scheinen, deren einer, der Kinyaróksee, heute noch besteht und die vielleicht den südlichen Verlauf der Kilimanjaro-Spalte bezeichnen.