Für Alle, für Deutsche, Engländer, Franzosen und für den Kongostaat wirbt Sewah Haji Träger an. Aber er lässt sich auch dafür bezahlen. Während er selbst dem Küstenmann höchstens 10 Rps. pro Monat, dem Mnyamwesi und Msángo gar nur einige Ellen Baumwollstoff giebt, muss der Europäer 15-20 Rps. monatlich bezahlen! Durch kleine Beträge, die Sewah den Schwarzen in ihrer arbeitsfreien Zeit vorschiesst und dann wucherisch verzinst, weiss er sich stets Leute an der Hand zu halten. Durch hohe Bezahlungen gewinnt er einflussreiche Karawanenführer, dafür werden die Anderen in ihren hart verdienten Löhnungen um so mehr verkürzt. Ausser den Vorschüssen, die mit Zins und Zinseszins bis ins Unendliche anwachsen, werden ihnen noch allerlei »Gebühren« abgezogen, besonders wenn es sich um naivere Inlandleute handelt. Schliesslich ist der arme Afrikaner froh, wenn er nur einige Rupies oder etwas weissen Baumwollstoff bekommt, ja er freut sich noch, wenn man ihm eine rothe Mütze oder sonst einen Plunder als »Bakschisch« schenkt. Er führt ja keine Bücher, während der Inder alles schwarz auf weiss hat und Unzufriedene auffordert, nur immerhin auf die Station zu gehen und sich über ihn zu beschweren. Der Begriff »Station« ist jedoch in Ostafrika noch so innig mit dem Begriffe »Prügel« verbunden, dass Jedermann es sich dreimal überlegt dahin klagen zu gehen, wenn er seiner Sache nicht ganz sicher ist.
Es ist jedoch begreiflich, dass die Mannschaften unter solchen Umständen dem Unternehmen wenig Lust und Liebe entgegenbringen und besonders wenn der europäische Gebieter, den sie am Abmarschtage zum ersten Mal sehen, ihnen nicht zusagt, einfach davonlaufen. Geschieht dies in der Nähe der Küste, so muss Sewah Haji selbst, sonst seine Agenten in Tabora und Mwansa freilich Nachschub leisten und der Karren wird mit Mühe und Noth im Gange erhalten, doch mit unendlichem Aerger und Verzögerungen muss der Reisende die Mussestunden an der Küste büssen.
Da ich während der Dr. Meyer'schen Expedition 1888 das Sewah Haji'sche Trägerelend gründlich ausgekostet, so beschloss ich mich nie mehr mit diesem oder einem andern Agenten einzulassen, sondern meine Leute selbst zu engagiren. Schon 1890, während der Usambára-Expedition, war mir dies trefflich gelungen, und obwohl »Kenner« mir diesmal versicherten, dass bei der herrschenden »Trägertheuerung« und dem »Trägermangel« Sewah Haji absolut nicht zu umgehen sei, wollte ich dies dennoch versuchen.
Von einschneidender Wirkung für das Gelingen einer Expedition ist die Wahl guter Karawanenführer. Für mich war dies um so mehr der Fall, als ich beschlossen hatte, keinen europäischen Begleiter mitzunehmen, sondern allein zu reisen. Vor Allem brachte mich zu diesem Entschluss der Umstand, dass ich, wie ich offen gestehe, mich in Afrika unter Schwarzen am wohlsten fühle. Doch würde dieses, mehr persönliche Moment, mich selbstverständlich nicht abgehalten haben einen Europäer mitzunehmen, falls ich dies im Interesse der Expedition für nothwendig gehalten hätte. Ich bin jedoch zu der Ansicht gelangt, dass man Europäer in Afrika nur da verwenden soll, wo Schwarze absolut nicht zu brauchen sind. Dies ist bei einer Expedition nur bezüglich der Oberleitung und der wissenschaftlichen Forschung der Fall, denn alles Andere, von der Marschdisziplin angefangen, bis zu den kleinsten Details des Karawanenlebens, verstehen ja die Schwarzen unendlich besser als wir. Es ist ja begreiflich, dass ein Mann, dessen Väter schon vor Livingstone und Krapf nach dem Innern Afrika's zogen, der in den Verhältnissen geboren und darin aufgewachsen ist, unter kräftiger Leitung und bei entsprechender Befähigung ganz anderes leisten muss als ein europäischer Neuling. Ob durch Mitnahme des Vertreters eines anderen Faches wissenschaftlich mehr ausgerichtet worden wäre, ist noch fraglich. Denn bekanntlich können verschiedene Fachleute sehr schwer zusammen arbeiten und es ist ferner sicher, dass man allein, schon durch Langeweile getrieben, weit mehr Studien macht als etwa in angenehmer Gesellschaft.
Einer jener Leute, welche mir mehr werth sind als ein und selbst mehrere Weisse, stellte sich mir nach meiner Rückkehr in Tanga vor. Es war Mzimba bin Omari, ein Swahíli aus Bweni bei Pangani, der s. Zt. bei der Usambára-Expedition als Träger eintrat, durch seine Tüchtigkeit es rasch zum Askari (Soldaten) brachte und während einer Krankheit des damaligen ersten Mnyapara (Anführers) dessen Stelle vertrat. Diesmal hatte ich ihn selbst trotz seiner Jugend — er ist kaum 25 Jahr alt — zu diesem wichtigsten Posten bestimmt. Der Mnyapara spielt eine ähnliche Rolle in der Expedition, wie der Feldwebel in der Kompagnie, nur dass die Expedition eben vollständig selbstständig ist und alle Zwischenglieder zwischen Hauptmann und Feldwebel fehlen. Mehr als einmal hat Mzimba während meiner Abwesenheit und Erkrankung meine Stelle vertreten und ich hatte dann stets das Gefühl dass es eben so gut, ja besser ging, denn Mzimba hatte den Ehrgeiz, mir zu beweisen, dass er auch ohne mich fertig werden könne. Ueberhaupt hatte er eine bei Schwarzen seltene Selbstständigkeit und hat mehr als einmal allein Gefechte mit Besonnenheit und Muth auf das Schneidigste geleitet. Der Mannschaft gegenüber besass er grosse Autorität, die er hauptsächlich dadurch aufrecht erhielt, dass er nur mit einigen jüngeren Verwandten unter den Trägern, sonst aber mit den Leuten garnicht verkehrte. Obwohl musterhaft gehorsam, zögerte Mzimba doch nie, eine ganz bestimmte Meinung abzugeben, wenn ich ihn um seinen Rath befragte. Freilich hatte er sich derart in mein Reisesystem und in meine Denkweise eingelebt, dass er meist nur das äusserte, was mir selbst als das richtigste erschien.
Während Mzimba ein untersetzter, lichtbrauner Bursche mit klugen Augen und von nicht übermässiger Schönheit ist, war Mkamba, der zweite Anführer der Kirongozi, ein hochgewachsener, schwarzer junger Hüne, ein ernster, auffallend hübscher Bursche. Er war im Gegensatz zu Mzimba Sklave, doch schienen ihn seine Fesseln gerade nicht zu drücken, denn ungehemmt durchstreifte er jahraus jahrein das Massailand. Er bildet den Typus eines »Msafíri« (Karawanenmannes) aus Pangani. Heute kehrt er vom Rudolfsee zurück um einige Tage darauf wieder nach Kavirondo aufzubrechen, bei einer Karawane zahlt man ihm seinen spärlichen Lohn und bei der andern nimmt er schon Vorschuss für die nächste Reise.
Eine weitere, sehr wichtige Persönlichkeit für eine Massaireise ist der Leigwenan, der Dolmetscher. Diesen fand ich in der Person des Bakari bin Mfawme aus Mtangata, der meist mit seinem Massainamen »Kiburdangóp« genannt wurde. Er war ein im Massailand ergrauter Mann, der die Sprache der gefürchteten Viehräuber fliessend handhabte und eine erstaunliche Landeskenntniss besass, ein gutmüthiger, etwas ängstlicher Swahíli.
Nachdem ich diese drei Stützen der Expedition gesichert, ging ich daran mit ihrer Hilfe die Askari und Träger anzuwerben. Vor Allem die Askari, die Soldaten. Denn es ist selbstverständlich, dass der Reisende in unerforschten Theilen Afrika's auch heute, wo die rothen und blauen Grenzlinien der Kolonien, Schutzgebiete und Interessensphären Kreuz und Quer durch die Karte des Kontinents gezogen sind, doch noch einzig und allein auf seine eigene Kraft angewiesen ist. Die Stationen, die hunderte von Meilen weit entfernt an den grossen Heerstrassen liegen, können ihm auch nicht den Schatten von Schutz gewähren. Ebensowenig kann er erwarten von der kaiserlichen Schutztruppe, die ohnehin nur das Nothwendigste an Mannschaft besitzt, eine Bedeckung zu bekommen. Der letztere Nachtheil ist übrigens nicht so gross als man annehmen sollte, da es ja dem Reisenden freisteht zu thun, was bei der Schutztruppe geschieht, nämlich Neger anzuwerben, dieselben zu uniformiren und militärisch abzurichten. Da das Menschenmaterial genau dasselbe ist, so ist solche eigene »Schutztruppe« jener des Gouvernements völlig ebenbürtig, ja ich habe diesmal mit meinen selbst angeworbenen Leuten weit bessere Erfahrungen gemacht als auf der Usambárareise mit den 7 Askari des Reichskommissariats, von welchen drei ausrissen und überhaupt nur einer als Soldat verwendet werden konnte.
Fünfzehn Sudanesen hatte ich mir, wie erwähnt, schon mitgebracht. Die übrigen Askari wurden zusammen mit den Trägern angeworben und nur gutempfohlene und anscheinend intelligente Leute zu diesem Dienst berufen. Viele darunter hatten während des Aufstandes in der Schutztruppe gedient und sich dabei die deutschen Kommandos und Griffe angeeignet. Ihre Ombascha's (Gefreiten) waren der Sudanese Bahid Mohammed, ein tiefschwarzer, langer Dinkaneger und der Swahíli Hailala wadi Baruti, ein hübscher, kluger Yao. Freilich wurde mancher, der als Askari angeworben war, im Laufe der Zeit zum Träger gemacht und dafür Träger, die besondere Eigenschaften zeigten, zu Askari befördert.