Zur Anwerbung der Träger begab ich mich von Tanga nach Mtangata, Pangani und Bagamoyo und sandte Leute nach Bondei und Muoa aus. Ich verfolgte dabei stets den Grundsatz im Allgemeinen nur Leute zu nehmen, die durch einen an der Küste ansässigen und bekannten Gewährsmann empfohlen wurden. Bei Sklaven waren dies meist ihre Herren. Mit diesem Gewährsmann wurde ein schriftlicher Vertrag abgeschlossen, wonach er sich verpflichtete den Vorschuss des Trägers zurück zu zahlen, falls dieser zu irgend einer Zeit davonliefe. Es mag ja freilich langweilig sein an 200 solcher Verträge aufzusetzen, doch sind diese das einzige Mittel welches gegen Desertionen schützt. Irgend welche Schwierigkeit, die Leute zu bekommen, fand ich trotz des angeblichen »Trägermangels« keineswegs. Im Gegentheil, die Massai-Expedition war populär geworden, aus allen Dörfern kamen junge Burschen, und Kontraktarbeiter lösten ihre Verträge um als Träger einzutreten. Leute die 12 und 15 Rps. monatlich hatten, traten bei mir für 10 ein; ich hätte, falls ich damals gewollt hätte, 1000 und mehr Leute anwerben können.
Die 200 Mann, die ich angeworben, hatten sich Anfangs Januar 1892 in Tanga vereinigt und ich beschleunigte das Packen der Lasten, um rasch fortzukommen. Denn dass zweihundert junge Burschen, die einer unsicheren Zukunft entgegengehen, die Vorschuss erhalten haben und täglich Zehrgeld bekommen, zu allerlei Unfug geneigt und ganz danach angethan sind, ein Nest wie Tanga auf den Kopf zu stellen, scheint begreiflich. Ich selbst stand diesem Treiben völlig machtlos gegenüber, da ich die Leute, die in der Stadt zerstreut lebten, nicht in der Hand hatte und es mir auch im Interesse der Sache garnicht einfiel, jetzt schon die Zügel straff anzuziehen — dazu war im Massailand Zeit. Ich wäre denn wohl in häufigen Konflikt mit den Behörden gerathen, wenn die löbliche Polizei in den ostafrikanischen Küstenstädten nicht zum Glück aus Egyptern und Sudanesen bestände und wann hätte ein Egypter oder Sudanese dem Zauberworte »Bakschisch« jemals widerstanden? So drückten denn die biederen Stadtsoldaten nicht nur ein sondern beide Augen zu und mir sowohl wie dem Bezirkshauptmann blieb viel Aerger erspart. Mehrmals am Tage erschienen Weiber welche »verführt« oder Greise, Kinder und andere Leute die durchgeprügelt worden waren: sie alle wurden durch einen Bakschisch zufriedengestellt. Selbst den Vali von Tanga, den würdigen, arabischen Bürgermeister gelang es mir zu beruhigen, als er eines Abends wuthentbrannt mit äusserst schiefgewickeltem Turban bei mir ankam und klagte, dass einige meiner Manyema-Träger ihn aus seiner eigenen Veranda hinausgeworfen hätten, um dort dem verpönten Kartenspiel zu fröhnen. Ich lud ihn ein auf den Schreck einen Cognac zu nehmen, ein Getränk, welches, nebenbei gesagt, ihm die Freuden des islamitischen Paradieses ersetzen muss, das er sich durch dessen Genuss, sowie durch andere, minder salonfähige Neigungen vulgo Laster schon längst verscherzt hat. Nachdem er etwa die halbe Flasche »in Gedanken« ausgetrunken, ging auch er befriedigt ab.
Solange meine Kerls sich begnügten die Weiber zu »verführen« und die Männer durchzuprügeln ging, wie gesagt, alles ganz gut. Einer aber wollte die Sache umkehren und begann damit, Weiber durchzuprügeln. Das bekam ihm jedoch schlecht; einige schwarze Megären fielen über ihn her, warfen ihn zu Boden und traten ihn buchstäblich todt. Seine Gefährten fanden den armen Baraka Manyema als Leiche und das Bezirksamt leitete eine gründliche Untersuchung ein, deren Ende ich nicht abwartete. Denn der Boden brannte mir in Tanga begreiflicherweise unter den Füssen und Mzimba mit seinen Getreuen packten vom Morgen bis in die Nacht, um uns rasch flott zu bekommen.
Am 14. Januar schickte ich die 40 bepackten Massai-Esel, die gewissermaassen den Train der Expedition bildeten unter Mkambas Befehl voraus nach Amboni. Am Morgen des 15. liess ich meine »Bande« antreten, jeder bekam sein Gewehr und Pulverhorn, die Askari ihren Hinterlader, und die Lasten wurden vertheilt. Dann liess der Tambour seine mächtige Negertrommel ertönen, der wohlbekannte Wanyamwesimarsch, der Mganda ya Safari wurde mit Jubelgeschrei begrüsst, Kopwe, ein halbverrückter, zwerghafter Mschambaa entlockte einem Antilopenhorn die furchtbarsten Töne und, die deutsche Flagge voran, setzte sich die Karawane in Bewegung. Im Vorbeimarschiren drückte ich den deutschen Landsleuten die Hand und erhielt manches — oft recht ironisches — Abschiedswort. Denn selbst alte Afrikaner glaubten, dass sich auch bei mir die übliche Komödie wiederholen und gleich am ersten Tage drei Viertel der Leute ausreissen würden. Der Reisende, der heute Abschied genommen, taucht dann morgen mit langem Gesicht wieder an der Küste auf, zur Erheiterung der schadenfrohen Landsleute. Diesmal sollten sich diese aber geirrt haben. Keinerlei Desertionen traten ein, die mich nöthigten wieder an die Küste zu kommen, sondern im Gegentheil, ihre eigenen Bootleute und Lohnarbeiter liefen rudelweise davon, um sich der Massai-Expedition anzuschliessen, sodass sie schleunigst Boten absenden mussten um sie wieder einzufangen.
TAFEL II
Lager am Sogonoi-Berg.
Am ersten Tage lagerten wir unter den schattigen Mangos des Dorfes Amboni am Sigifluss, am nächsten Morgen marschirten wir schon bei Tagesanbruch an der Tabaksfarm vorbei und in's grasige, palmenreiche Digoland.
Bevor ich den Reisebericht weiter verfolge, sei es mir gestattet ein kurzes Bild unserer Märsche und unseres Lebens im Lager zu geben, wie es sich täglich abspielte.
Schon lange vor Tagesanbruch kam in die schlummernde Karawane Leben. Es waren die Eseljungen, die vom diensthabenden Unteroffizier geweckt wurden, um das mühsame und langwierige Geschäft der Bepackung der widerhaarigen Thiere zu besorgen. Unter dem wahnsinnigen Geschrei ihres Aufsehers, Mabruki Wadudu, eines alten Bekannten von der Meyer'schen Expedition, fingen sie die Thiere ein, legten ihnen die mit Bananenlaub gefüllten Polster und die nach Massaiart genähten ledernen Tragsättel mit den Lasten auf. Sobald ein zartrother Streif sich am östlichen Himmel zeigte, schlug der Trommler die Tagwache und Mzimba begann die Lasten zu vertheilen. Während ich eine Tasse Cacao und einen kleinen Imbiss zu mir nahm, wurde mein Zelt abgebrochen, dann gab ich durch einen schrillen Pfiff das Zeichen zum Abmarsch.