Den Vortrab bildete Mkamba mit 12 Askari, stets denselben Leuten. Bei ihm befand sich der eingeborene Wegweiser, der manchmal freiwillig, öfter gezwungen und nicht selten an der Kette marschirte. Denn ich konnte, besonders in weglosen, wasserarmen Gegenden, das Wohl und Wehe meiner Karawane nicht von den Launen eines Wilden abhängig machen der, wenn er schliesslich nach einigen Tagen beschenkt wurde, vergnügt nach Hause zurückkehrte. Mkamba wurde stets von mir über die einzuschlagende Richtung aufgeklärt, die Details des Weges überliess ich seinem Ermessen. Er hatte ferner auf etwaige Feindseligkeiten der Eingeborenen scharf zu achten und war für Beseitigung von Marschhindernissen, wie Dorngestrüpp u. s. w., verantwortlich. Seine Leute waren mit Beilen und Waldmessern ausgerüstet.

Etwa 100 Schritt hinter dem Vortrab folgte die Karawane, deren Spitze der Fahnenträger Askari Kipishi bildete, ein vielgereister Mann aus Mtangata, der sein keineswegs leichtes Amt mit besonderem Geschick versah. Von ihm hing es nämlich ab, ob die Karawane geschlossen oder lose marschirte; lief er zu sehr, so kamen die Leute hinten nicht nach, ging er zu langsam, so trat ein schleppendes Tempo ein, welches für Träger sehr ermüdend ist. Diese folgten, so ziemlich stets in derselben Reihenfolge in langer Linie dem Fahnenträger, zwischen ihnen einzelne Askari, welche für die Marschdisziplin sorgten. Ich hielt nämlich strenge darauf, dass die Karawane immer geschlossen marschirte; Niemand durfte in der Eintheilung stehen bleiben oder sich gar zur Rast niederlassen, dazu waren zwei Ruhepausen da, die während jedes Marsches gehalten wurden. Der Marschdisziplin war alles, Männlein und Weiblein, deren es, wie wir sehen werden, meist gar nicht wenige in der Karawane gab, unterworfen und Zuwiderhandelnde erhielten unfehlbar Hiebe.

Am Ende der Karawane folgte ich mit meinem »Stabe«, d. i. den Leuten, welche die wissenschaftlichen Instrumente trugen, den Boys, Köchen und dem Eseljungen des Reitesels, den ich stellenweise benutzte. Selbstverständlich war ich ununterbrochen mit topographischen Aufnahmen beschäftigt, die ich nach langjähriger Uebung halb unbewusst ausführte. Hinter mir schwankte das eine Kameel das mir noch geblieben — zwei waren in Tanga gestorben — und tönte das wilde Geschrei der Eseltreiber und das noch tollere Wiehern der Grauthiere. Den Schluss bildete Mzimba mit 15 Askari, ebenfalls stets denselben Leuten. Er war verantwortlich, dass Niemand, der zur Karawane gehörte, zurückblieb. Auch er musste die Augen tüchtig offen halten, denn vielfach und besonders später als wir Rindvieh mittrieben, waren die Angriffe der Eingeborenen gegen das Ende der Karawane gerichtet. Das war auch mit ein Grund, warum ich selbst mich näher an demselben aufhielt.

Sobald die Sonne nahe am Zenith war, begann Mkamba sich nach einem Lagerplatz umzusehen. In Steppen und unbewohnten Gegenden handelt es sich vor Allem um genügendes Wasser und Brennholz, waren diese gefunden, so konnte ein Platz leicht bestimmt werden. In bewohnten Ländern lagerten wir meist in Dörfern.

Der Fahnenträger stiess seine Flagge an der Stelle in die Erde, wo das Lagerzelt errichtet werden sollte. Trommler und Hornist liessen ihre Klänge ertönen und alles athmete erleichtert auf: für heute war's wieder überstanden. Ein Theil der Askari schlug rasch mein Zelt auf oder erbaute, falls keine Negerhütte Schatten bot, in aller Eile eine »Kibanda«, eine Zweighütte mit Grasdach, die einen weit angenehmeren Aufenthalt während des Tages bot als das Zelt. Die übrigen Askari schichteten die Lasten, Munitionskisten, Blechbüchsen mit Pulver, Tauschwaaren und Provisionskisten sorgfältig auf und schlugen das Lastenzelt.

Die Jungen hatten inzwischen das Zelt in Ordnung gebracht und in der Kibanda den Tisch gedeckt, der Koch den Mittagsimbiss fertig gestellt. Bei dieser, wie bei allen Mahlzeiten hielt ich darauf, dass die Hilfsquellen, welche das Land bot, möglichst vollständig ausgenutzt, und auch möglichst gut gekocht wurde, da ich der Ansicht huldige, dass eine gute Mahlzeit sicherer vor Fieber schützt als eine Dosis Chinin oder Arsenik. Dafür, dass Reinlichkeit und Ordnung in der Küche herrschte, sorgte die brave Kibibi, die dortselbst als Alleinherrscherin regierte.

Die Träger hatten sich inzwischen ebenfalls Laubhütten gebaut und begannen ihre Lebensmittel abzukochen. Dies geschah nach Lagergenossenschaften, Kambi's, deren jede einen Aeltesten, den Mkubwa ya Kambi, hatte. Die verschiedenen Landsleute, die Manyema, Wadigo, Wabondei, Wasegua, Wassegeju, Wasaramo und Wanyamwesi, die Leute von Tanga, Mtangata, Pangani, Bweni und Bagamoyo, die Sansibariten und Sudanesen sondern sich da von einander ab, und bilden kleine geschlossene Kreise.

Während ich Nachmittags damit beschäftigt war, meine Aufnahmen zu ordnen und zu ergänzen, sowie ethnographische, linguistische und andere Studien zu machen, waren die Askari darauf bedacht, das Lager gegen einen nächtlichen Angriff zu befestigen.

In einem Dorf war das verhältnissmässig einfach, da mittelafrikanische Siedelungen sehr häufig ohnehin mit Dornverhauen oder anderen Schutzwehren umgeben sind. Im Busch musste jedoch stets die »Boma«, der Stachelzaun, errichtet werden. Alle Mann hackten dann Zweige von den dornigen Akazien und thürmten dieselben im Kreise um das Lager so hoch auf, dass ein Darüberspringen unmöglich war. Solche Maassregeln mögen übertrieben und unnütz erscheinen, aber Sorglosigkeit hat in Deutsch-Ostafrika, wie ich glaube, gerade genug schwere Niederlagen bereitet, sodass ein wenig zuviel Vorsicht nichts schaden kann.

Gegen 5 Uhr Nachmittags versammeln sich die Kambi-Aeltesten bei Mzimba und erhalten »Poscho«, Proviant. Die mitgebrachten oder von den Eingeborenen erworbenen Nahrungsmittel hat dieser vor sich aufgehäuft und giesst jedem Aeltesten mit der Kibaba, einer Holzschüssel, soviel Portionen, als er Leute vertritt, in ein ausgebreitetes Tuch. Dieses sogenannte »Kibabasystem« wird von Arabern und Swahíli stets ausgeübt und war auch bei älteren Reisenden üblich, während jetzt Europäer fast stets das »Mikonosystem« verfolgen, d. h. den Leuten so und so viel Armlängen (Mikono) Baumwollenzeug geben, mit welchen sie eine bestimmte Anzahl Tage ausreichen müssen.