Der Austritt aus dem Elmoran-Verbande erfolgt in verschiedenem Alter, meist jedoch früh, mit ca. 30 Jahren. Dem Massai behagt das Elmoran-Dasein, welches in Kriegszügen und faulem Umherlungern mit den Nditos getheilt ist. Die Väter jedoch, besonders wenn sie grosse Heerden besitzen, sehen ihre Söhne nicht gern in diesem unsteten, gefährlichen Stande und entführen sie nicht selten mit Gewalt aus dem Kraal; das Wahrzeichen des Elmoran, das Haar, wird abrasirt und der Elmoruo, alte Mann, ist fertig. Wer freilich einen armen Vater hat und auch bei den Raubzügen nicht viel Rinder bekommt, der bleibt bis in reiferes Alter Elmoran.

Der Elmoruo muss sich sofort um eine Frau umsehen, die er aus den Nditos seines eigenen Stammes erwählt. So heirathet ein Muleïlyan nur eine Muleïlyan, nicht aber etwa eine Leiseri. Der übliche Brautpreis besteht aus zwei Kälbern, zwei Kühen, einem grossen Stier, einem Ochsen und einer Kuh mit kleinem Kalb. Am Hochzeitstage wird ein Ochse geschlachtet. Die Brautleute verbringen hierauf drei Tage in einer Hütte; isst der Mann, so darf die Frau nicht zusehen und umgekehrt. Für die Nahrung des Elmoruo besteht ebensowenig eine Vorschrift, wie für die der verheiratheten Frauen, Siangiki. Auch darf er Honigwein trinken und Tabak schnupfen. Letzteres ist dem Massai-Elmoran verboten, dem Mbaravui- (Wakuavi) Elmoran dagegen gestattet. Die Elmoruo und Siangiki geniessen auch Mokota, doch in geringen Mengen. Vielweiberei ist üblich, Scheidung häufig und mit keinen Umständen verbunden. Den Männern liegt hauptsächlich die Viehzucht ob, den Weibern das Erbauen der Hütten und Treiben der Esel auf der Reise.

Bei Krankheiten werden verschiedene Arzneimittel, vor allem die Universalmedizin Mokota gegeben, auch pflegt man den kranken Theil zu massiren und mit Dornen zu stechen. Dagegen ist das sonst so verbreitete Schröpfen und Klystiren unbekannt.

Ein Todter wird mit Rindsfett bestrichen, in eine Haut gehüllt und unweit des Kraals ausgesetzt. Wenn ihn die Hyänen nicht gleich am ersten Tage fressen, so gilt dies als Unglückszeichen; es werden vier Rinder geschlachtet und das Fett auf den Todten gestrichen.

Der Familie, Weib und Kind, ist der Massai sehr zugethan und man kann oft harte Krieger plötzlich zur tiefsten Rührung übergehen sehen, wenn sie lange vermisste Familienglieder wiedersehen. Mit diesem anscheinend gutmüthigen Zug kontrastirt ihre Blutgier allen Fremden gegenüber, welche sie nicht nur bewaffnete Feinde, sondern auch gänzlich Wehrlose niedermachen lässt.

Ein eigenthümlicher Zug der Massai ist ihre Frömmigkeit und das feste Vertrauen, welches sie Ngai, dem Ueberirdischen, Gott, entgegenbringen. Das Ngai wirklich als Gott aufzufassen ist erscheint zweifellos, und wenn Thomson anführt, dass die Massai beim Anblick von etwas ihnen Ungewöhnlichem, z. B. einer Lampe, »Ngai« rufen, so ist darin ebensowenig etwas verwunderliches wie wenn der Mohammedaner im gleichem Falle »Alah« ruft. Der Massai will damit keineswegs sagen, dass die Lampe Ngai sei, sondern nur seinem Erstaunen über etwas für ihn so Uebernatürliches Ausdruck geben. Ngai hat seinen Sitz in der Höhe, im Himmel, er wird stehend mit erhobenen Händen, in welchen man Grasbüschel hält und mit dem Ruf »Ngaieh!« verehrt. Vor jedem Kriegszug, sowie überhaupt in allen Lebenslagen kann man die Massai derart beten sehen.

Die Sterne, welche Nachts am Himmel blinken sind Augen Ngai's, der auf die schlummernden Massai herabblickt. Eine Sternschnuppe bedeutet den Tod eines Menschen; dann flehen sie, dass kein Massai sondern ein Feind, ein Mangati sterben möge. Die Massai sind überhaupt das auserwählte Volk Ngai's, ihnen hat er alle Rinder zugewiesen und sie üben nur ihr Recht aus, wenn sie den Feinden die ihrigen wegnehmen. — Merkwürdig ist die Auffassung der Jahreszeiten. Während der grossen Regenzeit, ngokwa (den Mvuli der Swahíli), wo die Rinder fett werden, freut sich Gott und vergiesst Freudethränen. Im Blitz zeigt er seinen furchtbaren Blick, der Donner ist sein Freudengeschrei über das was er gesehen, dann folgt der befruchtende Regen. In der kleinen Regenzeit, ndumure (den Masika der Swahíli), wo die Rinder abmagern, weint Ngai vor Schmerz über die Gleichgültigkeit der Massai. Je länger die Masika dauert, desto grösser ist seine Trauer, die sie durch Gebet zu besänftigen suchen.

Die Sonne betrachten die Massai als einen Mann der auf einem Wege gegen Westen zieht, jedoch im Osten wohnt. Im Westen taucht er in eine Höhle und besucht seine Frau, den Mond. Dann eilt er auf hoher Brücke, den Blicken unsichtbar, wieder nach Osten, um Morgens wieder gegen Westen zu ziehen, wohin ihm der Mond schon vorausgeeilt ist. Als vornehmster Stern gilt Kilekeen, der Morgenstern.

Ein Leben nach dem Tode wird von allen Massai geleugnet. Die bösen Wald- und Felsengeister, die durch Bestreuen ihrer Wohnsitze mit Gras oder Steinen versöhnt werden, gelten nicht wie bei den Bantu als Geister der Verstorbenen, sondern als Kinder Gottes, der jedoch selbst gut ist. Dieser Gruppe gehört wohl auch der Geist Neiterkop an, den Krapf erwähnt, von dem ich jedoch nichts erfuhr. —

Den Verkehr mit Ngai vermittelt der Laibon, Zauberer, der überhaupt die bedeutendste Rolle im Distrikt spielt. Sein Schüler und Nachfolger ist der Leigwenan, der Anführer der jungen Krieger, der, wenn er über mehrere Kraals steht, Leitunu genannt wird. Der Laibon macht die Kriegsmedizin und weissagt aus Ziegendärmen, auch verabreicht er Heilmittel und sucht Ngai zu veranlassen die Regen günstig einzutheilen. Vor und nach jedem Kriegszug erhält er von den Kriegern Rinder. Der Laibon geniesst sein Leben lang nur Elmoran-Kost und Honigwein. Er hat Weiber, besucht sie jedoch nur insgeheim, seine Hütte darf kein Weib betreten. Manche Laibons sollen verschiedene Kunststücke machen, sich mit Speeren durchbohren u. s. w. Ein verstorbener Laibon wird im Gegensatze zum Allgemeingebrauch begraben; das Grab, das mit grossen Steinen bedeckt wird, bewacht der Stamm drei Monate lang.