Einen aufgeweckt aussehenden Jungen von ca. 12 Jahren wollte ich zum Diener abrichten. Er war zu den einfachsten Verrichtungen unfähig, schmutzig und faul und so wie er zeigten sich auch andere, mit welchen ich denselben Versuch machte. Einen jungen Elmoran, der unsere Gefechte mitmachte und grosse Freude über unsere Erfolge zeigte, kleidete ich als Askari ein und liess ihn durch einen Mann, welcher Massai sprach, abrichten. Er war nicht im Stande den einfachsten Gewehrgriff zu lernen, nach zwei Monaten war er noch ebenso weit, wie am ersten Tage. Die Leute gaben sich redliche Mühe; aber wenn man sie fragte, warum sie denn garnichts zu Stande brächten, schüttelten sie stets mit trübem Blick den Kopf und sagten »Maiollo«, ich kann nicht. Und sie hatten Recht. Ein Massai kann nicht ackern, exerzieren oder Teller waschen, ebenso wenig wie ein Zebra den Karren ziehen oder ein Leopard Mäuse fangen kann. Damit ist aber auch der Untergang des Stammes besiegelt.

Unter früheren Verhältnissen hätten die Massai sich nach und nach wohl wieder einen Viehstand zusammengeräubert. Gegenwärtig dürfte ihnen dies, besonders in der deutschen Interessensphäre, recht schwer werden. So ist es denn wahrscheinlich, dass die Massai erst als halb sesshafte Viehzüchter im Gebiete von Bantustämmen ihr Leben fristen, nach und nach aber in diesen aufgehen werden.

Eine längere Existenz als den Massai lässt sich den Ndorobbo, gewöhnlich Wandorobo genannt, voraussagen. Denn ihr Lebensunterhalt, die Jagd, wird in absehbarer Zeit keine Aenderung erleiden. Die Wandorobo wurden bisher als einheitliches Volk aufgefasst, doch ist mir wenigstens in meinem Forschungsgebiet aufgefallen, dass thatsächlich recht verschiedene Stämme mit diesem Namen belegt werden. Das Massai-Wort Ndorobbo wird von v. Höhnel mit »arme Teufel« übersetzt. Dies mag immerhin die Grundbedeutung sein, doch ist sicher, dass gegenwärtig die Massai jeden Jäger als Ndorobbo bezeichnen. So nennen sie die Küstenleute, die sich mit Elephantenjagd beschäftigen, die sogenannten Makua »ndorobbo a láshomba«, wobei láshomba den Küstenmann bedeutet.

Ich fand drei scharf geschiedene Gruppen von Wandorobo. Die Wandorobo von Balanga sind reine Massai, die sich der Jagd gewidmet haben. Sie sprechen nur Massai und erhalten gegenwärtig aus der Zahl der Viehzüchter starken Zuzug. Die Wandorobo von Sogonoi und Kinyarok, die bis Buiko streifen, nennen sich selbst Ngaramaníg und bilden einen Stamm für sich. Es sind vielfach untersetzte Leute mit oft thierisch hässlichen Gesichtszügen; doch trifft man auch noch reinen Hamitentypus. Alle sprechen Massai, besitzen jedoch eine Sprache für sich, von welcher ich trotz aller Mühe nur dürftige Proben bekommen konnte. Möglicherweise sind sie den Wanege der Wembere-Steppe verwandt und bilden ein Gemisch dieser mit Massai und Mbarawui (Wakuavi). Die Wandorobo von Serengeti sprechen wieder eine andere Sprache, von der ich Proben bekommen konnte, daneben aber auch Massai. Es sind hochgewachsene, schöne und kräftige Leute von oft reinem Hamitentypus. Sie stammen zweifellos von den Wataturu ab, die früher diese Gegenden bewohnten und haben vielleicht Blutmischungen mit Wanege und Massai erfahren. — Ausser diesen fand ich noch Wandorobo in Mutyek, die jedoch gegenwärtig derart mit Massai vermischt sind, dass es mir nicht möglich war festzustellen, welcher der drei Gruppen sie am nächsten stehen.

Bogen der Wandorobo.

Trotz ihrer Verschiedenheit weisen die Wandorobo in der Lebensweise viel gemeinsames auf, welches jedoch grösstentheils dem herrschenden Volk, den Massai, entlehnt ist. In Haarfrisur, Schmuck und Tracht gleichen sie völlig den Massai, nur pflegen die Ngaramaníg in den beiden vorderen, oberen Schneidezähnen je eine Einkerbung zu machen. Ihre Hütten haben ein Gerüst im Massai-Styl, sind jedoch mit Gras bedeckt. Als Waffen dienen ihnen vor Allem kräftige Bogen mit Zebrasehnen und meterlangen, vergifteten Rohrpfeilen, die sie in einem Lederköcher tragen. Der von v. Höhnel erwähnte Jagdspeer ist den Wandorobo, mit welchen ich in Berührung kam, gänzlich unbekannt; möglicherweise gehören die Wandorobo v. Höhnel's wieder einer anderen Gruppe an. In Serengeti tragen die Krieger — oder besser gesagt Jäger — auch Schwert und Keule nach Massai-Art, aber niemals Speer und Schild.

Die Ngaramaníg legen ihre Lager meist versteckt in dichtem Busch an und umgeben sie mit Dornzäunen. Die Serengeti-Leute dagegen lagern im offenem Land. Alle Wandorobo-Kraals sind widerlich schmutzig und bestreut mit faulendem Wild und Fellen. Ihre Nahrung liefert ihnen die Jagd, deren Erträgniss sie manchmal bei Ackerbauern gegen Feldfrüchte umtauschen, die sie keineswegs verschmähen. Doch darf der Wandorobo-Elmoran nur Wildfleisch und Rindfleisch mit Mokota essen. Letzteres essen sie sehr gern, ja die Serengeti machen öfter Einfälle nach Usukuma, um Vieh zu rauben, züchten dieses jedoch niemals, sondern schlachten es.

Als ich den Anführer der jungen Krieger in Serengeti fragte, warum sie denn von Viehzucht nichts wissen wollten, erzählte er mir das Folgende: Massai, Wandorobo und Elkonono sind Söhne eines Vaters. Der Massai nahm als Knabe einen Stock um Rinder zu hüten, der Ndorobo einen Bogen um auf die Jagd zu gehen und der Elkonono einen Stein um Eisen zu bearbeiten. So ist es seither geblieben.

Viele Wandorobo lebten in einer Art Abhängigkeit von den Massai und mussten ihnen das Elfenbein liefern, welches diese an die Küstenkarawanen verkauften. Niemals war dies bei denen von Serengeti der Fall, welche die Massai öfters schlugen und stets von ihnen gefürchtet wurden. Gegenwärtig geht es allen Wandorobo weit besser als den Massai und es hat sich das Verhältniss daher nahezu umgekehrt.