Aber noch fehlt das national-kollektivistische Empfinden. Die Königin Luise, nicht das deutsche Volk bannt Hardenbergs Dichterauge, wie sie das Auge Heinrich v. Kleists gefesselt hat. Wie die „Ideen“ das nationale Problem formulieren, wie durch Wackenroder und Novalis Interesse für altheimisches Wesen wachgerufen wird, ist oben (S. 77 f., 89 ff.) angegeben. Wie fern man trotzdem einem nationalen, im Sinne der Zeit patriotischen Empfinden noch stand, bezeugen feine Spottworte W. Schlegels über Klopstocks und seiner Jünger „fanatischen, von aller historischen Kenntnis des Charakters der Deutschen, ihrer jetzigen Lage und ihrer ehemaligen Taten entblößten Patriotismus“ (Berliner Vorlesungen 3, 21 f.). Ältere Polemik gegen Klopstocks chauvinistische Verherrlichung der deutschen Sprache wieder aufnehmend, lächelt W. Schlegel über Klopstocks Forderung, der deutsche Jüngling müsse sein Vaterland jedem anderen vorziehen, wenn anders ein deutsches Mädchen ihn lieben solle. Und er fragt ironisch: „Ist es denn ein so großer Mangel keinen Nationalstolz zu haben? Sehen wir nicht, daß er bei andern Völkern häufig auf Einseitigkeit, Beschränktheit, ja auf bloßen Einbildungen beruht?“ Eher kündigt sich eine neue Zeit an, wenn W. Schlegel die Notwendigkeit des Krieges, für den „schon manche Philosophen ein Fürwort eingelegt“ hätten, behauptet (3, 93 ff.). Heißt es ja doch auch in den nachgelassenen Entwürfen zum „Ofterdingen“: „Auf Erden ist der Krieg zu Hause. Krieg muß auf Erden sein“ (4, 259).

Der Wendepunkt trat in dem Augenblick ein, da Fr. Schlegel französischen Boden betrat. Die beiden Gedichte „Bei der Wartburg“ und „Am Rhein“, die er 1803 in den ersten Aufsatz der „Europa“ (s. oben S. 91) aufgenommen hat, feiern alte deutsche Ritterzeit nicht allein in dem verklärenden Sinne Wackenroders und Hardenbergs; sie sind national aus dem Augenblick herausgedacht. Der Rhein gemahnt Fr. Schlegel daran, was die Deutschen einst waren und was sie heute sein könnten.

Am 12. März 1806 erklärt nunmehr auch W. Schlegel in seinem umfänglichen Bekenntnisbrief an Fouqué (8, 144 f.): Die Dichter der letzten Epoche hätten die bloß spielende, müßige, träumerische Phantasie allzusehr zum herrschenden Bestandteil ihrer Dichtungen gemacht. Deutschland aber bedürfe im Augenblick einer durchaus nicht träumerischen, sondern wachen, unmittelbaren, energischen und besonders einer patriotischen Poesie. „Vielleicht sollte, solange unsere nationale Selbständigkeit, ja die Fortdauer des deutschen Namens so dringend bedroht wird, die Poesie bei uns ganz der Beredsamkeit weichen, einer Beredsamkeit, wie z. B. in Müllers Vorrede zum vierten Bande seiner Schweizergeschichte.“ Und dabei weist W. Schlegel auf die beiden Gedichte seines Bruders hin.

Öffentlich vertrat W. Schlegel 1807 dieselben Ansichten in der Rezension von Rostorfs Dichtergarten (12, 206 ff.). Und abermals konnte er auf Verse seines Bruders sich beziehen. Die ganze Sammlung sei in deren Sinne gedacht:

Den Heldenruhm, den sie zu spät jetzt achten,

Des deutschen Namens in den lichten Zeiten,

Als Rittermut der Andacht sich verbunden,

Die alte Schönheit, eh’ sie ganz verschwunden

Zu retten fern von allen Eitelkeiten,