Das sei des Dichters hohes Ziel und Trachten!
Fr. Schlegel steuert unmittelbar auf die Lyrik der Befreiungskriege los. Gleich nach Jena, im selben Augenblick, da Arndt zu singen beginnt, dichtet er seine Sänge „Gelübde“ und „Freiheit“ (9, 180, 182). Fortan ist der patriotische Sang eng mit ihm verknüpft. Der Wiener Gefolgsmann der Schlegel, Heinrich Joseph v. Collin, dichtet für den Krieg von 1809, den Fr. Schlegel im Stabe Erzherzog Karls mitmachte, seine „Lieder österreichischer Wehrmänner“. Im Hause Fr. Schlegels zu Wien verkehren Theodor Körner und Eichendorff, ehe sie in den Krieg ziehen. Max v. Schenkendorf trifft von allen Befreiungssängern den romantisch-religiösen Ton Hardenbergs und Schlegels am besten und läßt sich besonders von Schlegels „Freiheit“ zu seinem Sange „Freiheit, die ich meine“ anregen.
Der entscheidende Anstoß zu kollektivistischer Betrachtung sollte indes von dem Manne ausgehen, an den die einseitigsten individualistischen Kundgebungen der Romantik anknüpften: von Fichte. Noch in seinem „Naturrecht“ (1796) neigt Fichte so stark zu kosmopolitischen Anschauungen, daß er für nationales Wesen nichts übrig hat. Der Staat wird im wesentlichen von seiner polizeilichen Seite gefaßt. Dagegen kündigt sich schon das Verlangen an, daß der Staat jedem seiner Bürger das sittliche Grundrecht, von seiner Arbeit leben zu können, gewährleiste. Diesen Grundgedanken des Sozialismus entwickelte Fichte in seinem „Geschlossenen Handelsstaat“ (1800): der Staat habe die gesamte Organisation der Arbeit in die Hand zu nehmen. Nunmehr wurde ihm der Staat schon ein gesellschaftlicher Organismus, dessen Wesen er dann in den „Grundzügen des gegenwärtigen Zeitalters“ (1806) tiefer zu erfassen suchte. Die Napoleonischen Eroberungskriege trieben ihn weiter. Sie legten ihm die Frage nahe, ob wie die einzelnen Persönlichkeiten so auch die einzelnen Nationalitäten im Weltplan eine besondere Bestimmung hätten; ob mit dieser Bestimmung die Pflicht, sie zu erfüllen, und das Recht zu politischer Selbständigkeit gegeben sei. Von diesem Probleme aus vorwärtsschreitend, gelangte Fichte zu der Überzeugung, die deutsche Nation habe eine so mächtige Kulturbestimmung, daß sie fast allein neben den Einseitigkeiten der anderen Nationen zur Erfüllung des Ideals der Humanität berufen sei. Nur von der Regeneration des deutschen Volkes erhofft er das Heil für die verfahrenen Zustände des Zeitalters. Die Selbstbefreiung des deutschen Geistes ist mithin die Pflicht, die der Nation von ihrer Bestimmung auferlegt wird. Dazu müssen die Deutschen politische Nationalität erwerben. Eine nationale Erziehung hat also den Boden für die Zukunft vorzubereiten.
So lautet das Glaubensbekenntnis der „Reden an die deutsche Nation“ (1808). Mit einem Schlage war hier der nationale Gedanke und die gesellschaftliche Betrachtung zu einem Ganzen verschmolzen; nicht länger war es nur ein Appell an die vergangene Größe Deutschlands, nicht länger nur der Anspruch, daß Deutschland die geistige Führung der Welt zukomme (s. oben S. 90 f.). Aus dem Zustand der deutschen Nation, aus den augenblicklichen gesellschaftlichen Verhältnissen und aus den künftigen Aufgaben der Gesellschaft wurde die Pflicht nationalen Fühlens abgeleitet. Hier war zum erstenmal uneingeschränkt die Behauptung aufgestellt, daß eine Gelehrtenrepublik noch kein Ersatz für einen Staat sei, daß die Vernichtung der politischen Selbständigkeit der deutschen Nation auch die ganze Herrlichkeit deutscher Literatur und Kunst in Frage stelle (vgl. R. Fester, Rousseau und die deutsche Geschichtsphilosophie, Stuttgart 1890, S. 151).
Doch noch von ganz anderer Seite gewöhnte man sich damals daran, das deutsche Volk als Einheit im Gegensatz zu den einzelnen großen Persönlichkeiten zu fassen und die Pflichten zu bedenken, die der einzelne dieser Gesamtheit gegenüber hat. Arnim geht da voran. Ihn verband ein starkes Gefühl mit der Scholle, auf der er geboren war; er besaß ein wirkliches Vaterland. Für dieses Vaterland sammelte er schon 1806 Kriegslieder. Er war aber elastisch genug, dieses echte Vaterlandsgefühl auf ganz Deutschland auszudehnen. Das ganze Deutschland sollte der Freude teilhaftig werden, die er selber an deutscher Art und Kunst hatte. Als erster unter den Romantikern beginnt Arnim mit Bewußtsein nicht nur für den Gebildeten zu arbeiten, sondern für das Volk und diesem nicht nur altes Volksgut wieder zuzuführen, sondern auch aus der Welt der Gebildeten ihm zu schenken, was ihm taugt. Das Dauernde suchte er auf: „Wir wollen“, heißt es 1805 in seinem Aufsatze „Von Volksliedern“ (Deutsche Nationalliteratur 146, 1, 78), „allen alles wiedergeben, was im vieljährigen Fortrollen seine Demantfestigkeit bewährt, nicht abgestumpft, nur farbespielend geglättet alle Fugen und Ausschnitte hat zu dem allgemeinen Denkmale des größten neueren Volkes, der Deutschen.“ Von einem begeisterten Liebhaber altdeutschen Wesens wird da vor Fichte der Ton der „Reden an die deutsche Nation“ angeschlagen.
Aus der Geschichte erwächst für Arnim der Begriff des deutschen Volkstums. Er fühlt sich als Träger einer Tradition und möchte diese Tradition bewahrt wissen. „Nur der Ruchlose“, heißt es in der „Gräfin Dolores“ (1, 93), „fängt eine neue Welt an in sich, das Gute war ewig.“ „Der wunderbare Zustand ohne Gegenwart“ (Werke 12, 29), den die französische Revolution gezeitigt hat, scheint ihm verwerflich. Er will von dem Kosmopolitismus, der „Europa zu einem schönen humanen Ganzen zusammengefabelt“ hat (Dolores 1, 124), nichts wissen. All das ist aus dem Lebensgefühl des märkischen Edelmanns geschaut; dabei nimmt Arnim den Begriff des Adels im höchsten Sinne und hält den Adligen zu Selbstbescheidung und Pflichterfüllung vor anderen berufen. Agrariertum offenbart sich bei ihm in streng sittlicher, verpflichtender Form. Seine ausgesprochene Vorliebe für das Land läßt ihn gegen Industrie und Handel ungerecht werden; in ihr findet seine Abneigung gegen das Judentum eine Stütze. Ein starkes Standesbewußtsein bestimmt auch seine pädagogischen Gedanken. Nicht Menschen, sondern Deutsche will er erziehen, nicht allseitige Entfaltung der Kräfte verlangt er wie die Frühromantik, sondern nach Dienern des Vaterlandes ruft er, die in den Grenzen ihres Standes nach dem Maße ihrer Kräfte wirken (vgl. Friedrich Schultze, Die Gräfin Dolores, Leipzig 1904, S. 23 ff.).
Eng verwandt mit Arnims staatswissenschaftlichen Anschauungen sind Adam Müllers Lehren. Damm konnte Arnim mit Adam Müller und mit seinem Standesgenossen Heinrich v. Kleist, dessen patriotische Begeisterung lyrisch und dramatisch gleich machtvoll ertönte, zu dem gemeinsamen Unternehmen der „Abendblätter“ (1810/11) sich verbinden. Durch Reinhold Steigs Forschungen (Heinrich v. Kleists Berliner Kämpfe, Berlin und Stuttgart 1901) ist heute klargestellt, daß die „Abendblätter“ nach Tendenz, Inhalt und Form das Organ der preußischen Junker in ihrem Kampfe gegen den Minister Hardenberg darstellten, gegen seine Politik, die im Sinne der von der französischen Revolution angeregten Anschauungen dilettierte, wie auch gegen seine staatswissenschaftlichen Ansichten, die auf Adam Smith begründet waren. Adam Müller drückte dem Blatte seinen Stempel auf: prinzipielle Gegnerschaft gegen die Revolution und gegen die Staatsanschauung Edmund Burkes, wesentliche Erhaltung Preußens als eines Agrikulturstaates, keine Reform der wirtschaftlichen Zustände im Sinne von Adam Smith; und all das getragen von einem starken Patriotismus und von dem Wunsche, das französische Joch abzuschütteln. Mag in dem Parteiblatte auch gelegentlich junkerliche Interessenpolitik etwas einseitig sich geltend machen, sicher ist es eine charakteristische und echte Urkunde romantischer, politischer, patriotischer und nationalökonomischer Tendenzen. Denn wie Arnim fast durchaus diesen Kundgebungen zustimmen konnte, so deuten alle Äußerungen Adam Müllers auf das romantische staatswissenschaftliche Glaubensbekenntnis, wie es sich nach 1800 entwickelt. Das konservative Agrariertum, das Adam Müller vertritt, bereitet die reaktionäre Politik der Zeit nach 1815 vor. Herold dieser Richtung ist Adam Müller in enger Verbindung mit Friedrich v. Gentz, der rechten Hand Metternichs, mit Fr. Schlegel und mit Karl Ludwig v. Haller geworden.
Fr. Schlegel ging auch auf diesem Felde voran. In den Kölner Vorlesungen von 1806 (Windischmann 2, 306–396) entwickelt er zum erstenmal systematisch seine Ansichten über Natur- und Staatsrecht, über Politik und Völkerrecht. Auch hier heißt es (S. 369): „Der Adel gehört ganz zu dem Landmann; er ist nur der höhere Landmann.“ Auch hier wird ständische Verfassung vertreten. Auch hier wird erklärt: „Die Art, wie der Handel jetzt ausgeübt wird, ist dem Staatszwecke im höchsten Grade gefährlich“ (S. 371). Allein vorläufig trennt noch eine weite Kluft die Berliner Patrioten von Fr. Schlegel. Schlegel steht schon auf einem mittelalterlich religiösen Standpunkte, er führt Gedanken und Träume von Novalis’ Aufsatz „Die Christenheit oder Europa“ (s. oben S. 77 f.) systematisch aus. Von dieser Stelle gab es vorläufig keine Brücke zu Arnim, Kleist und Adam Müller. Adam Müller aber ist nachmals in Schlegels Lager übergegangen.
Fundamentale Anschauungen der Frühromantik liegen den Ausführungen Fr. Schlegels zugrunde: ein großer Organismus soll aufgebaut werden, in dem alle Teile ineinander leben, ein kirchlich-staatliches Universalsystem. Die organische Alleinheit, Gott, wird im christlichen Sinne genommen; und zwar enthüllt sich, wie in Novalis’ Aufsatz, wie in den späteren kulturhistorischen Konstruktionen Fr. Schlegels (s. oben S. 85 f.), die mittelalterliche Welt als höchste Verkörperung der organischen und harmonischen Verknüpfung geistlicher und weltlicher Gewalt. Dem Katholizismus sollte nunmehr die Aufgabe zufallen, diese organische Harmonie von neuem zu begründen. Die Religion wurde so zum organischen Mittelpunkt des Lebens.