CHERUBIM nachdem er sich an der Thüre flüsternd erkundigt, kommt zurück. Ein geflügelter Bote ist draußen, der will Dir Nachricht bringen; er thut sehr eilig.

GOTT VATER (gleichgültig). Laß ihn herein!—


Vierte Szene

DIE VORIGEN; ein gefittichter, auch an den Füßen geflügelter BOTE von reiferem Charakter kommt in Begleitung zweier Engel in großer Erregung herein.]

BOTE (sinkt in den Staub und küßt den Boden; richtet sich dann kniend auf). Herr, ich komme aus Italien; aus Neapel; Gräßliches muß ich Dir berichten; der Pfuhl der Sünde stinkt bis da herauf; alle Bande der Sittlichkeit sind gelöst; man hohnlacht Deiner heiligen, am Berge Sinai von Dir selbst gegebenen Gebote; die Stadt, vom Franzosenkönig belagert, ergibt sich den entsetzlichsten Greueln; Weiber laufen mit entblößtem Busen frech-lüstern durch die Straßen; die Männer funkeln wie Böcke; ein Laster folgt dem andern; das Meer brandet bis in ihre Gassen; die Sonne hat sich schon verdunkelt; aber sie achten weder irdischer noch himmlischer Zeichen; die Unterschiede der Stände sind aufgehoben; der König bricht ins Lupanar; und der Facchino dringt zu den feilen königlichen Metzen in den Palast; Hunde und Spielhähne haben ihre Brunstzeit, aber die Neapolitaner sind das ganze Jahr Tiere; die ganze Stadt ein kochender Kessel der Leidenschaft; Italien ist das liebes-wahnwitzigste unter den Völkern Europas; aber Neapel ist in Italien, was Italien unter den Völkern; die Belagerung hat den Rausch der Geschlechter bis zum Wahnsinn gesteigert; kein Alter wird geschont, keiner Jugend sich erbarmt; Zeugungs-Glieder in unermeßlicher Größe werden als Gottheiten in festlichem Aufzug durch die Straßen geführt, von Reigen junger Mädchen begleitet, und wie allmächtige Idole angebetet. Und in Deiner Kirche sah ich den Priester vor dem Altar mit einer feilen Dirne....

GOTT VATER (der den Gang der Erzählung mit wachsendem Erstaunen zugehört, erhebt sich, seines Zornes nicht mehr mächtig, mit äußerster Kraft-Anstrengung vom Thron, und reckt die geballte Faust). Ich will sie zerschmettern!—(Alles stürzt zu Boden und verbirgt das Antlitz).

CHERUBIM (mit flehender Geberde). Thu' das nicht, lieber heiliger Vater;— — — Du hast ja sonst keine Menschen mehr!—

GOTT VATER (der den Cherubim lange mit offenem Munde angestarrt, sich besinnend, zusammenknickend). Ja, so,—richtig,—ich hab' vergessen; (vollends auf den Thron zurücksinkend). das Erschaffen ist ja vorbei;—ich bin zu alt;—und meine Kinder können es nicht.—

CHERUBIM (naiv). Beruhige Dich, göttlicher Greis!—Du wirst Dein drohendes Gesicht aus den Wolken zeigen und den Neapolitanern eine Zornes-Rede halten; sie werden dann schaudern.