CHRISTUS. Bravo! Bravo!
ALLE DREI (sich freudig erhebend, soweit es geht; leise in die Hände schlagend). Bravo, Teufel, bravo! Bravissimo!
TEUFEL (sich empfehlend und im Abgehen ein Schnippchen schlagend). Ich komm' bald wieder! (Ab.— Draußen, wie er die Thüre öffnet, erblickt er einige jüngere Engel, die gelauscht haben. Er packt den Nächsten beim Flügel, und zaust ihn tüchtig. Dieser läuft, mit den andern, unter schrecklichem Geschrei davon.—Der Teufel, sieht man, öffnet draußen eine Falltür, durch die er hinabsteigt, und die er hinter sich schließt. (Die drei Gottheiten verschwinden bei der folgenden Verwandlung in die rechten Seiten-Coulissen.)
Zweite Szene (Verwandlung.)
Das Himmels-Kabinett steigt langsam nach oben; die Szene wird dunkler, und macht einem tonnenartigen, nach unten sich verlängernden, düsteren, mit grauen Quadern ausgemauerten Tunnel Platz, der sich wie das Innere eines Turmes oder Ziehbrunnens scheinbar bis ins Unendliche nach abwärts erstreckt, und an dessen hinterem Ende eine morsche, verbarrikadierte, vielfach ausgebesserte Holzstiege sich befindet. Auf dieser sieht man bald darauf den Teufel nicht ohne Mühe, ächzend, sich am Geländer fest einhaltend, hinabsteigen, während die gleichzeitig nach oben rückende Szene ihn im Auge behalten läßt. Phantastische Vögel und Ungeheuer, die teils auf Stangen sitzen, teils in Hohlräumen des Mauerwerks lagern, pfauchen und krächzen ihm mit heiserem Ruf ihren Gruß entgegen.—Nach einiger Zeit mündet dieser brunnenartige Gang in einen größeren, finsteren, kellerartigen Raum, der durch ein traniges Öllicht nur teilweise erhellt ist und in dem zunächst nichts weiter zu erkennen ist als ein aus Binsen und Flechtwerk roh zurechtgerichtetes Lager rechts im Vordergrund. Die Öllampe ist auf der andern Seite und mehr im Hintergrund. Der Teufel, der müde und humpelnd angekommen, geht einige Schritte seufzend hin und her, geht dann nach hinten; man hört eine schwere Truhe aufschlagen; er entledigt sich seines engen, schwarzen Gewandes, das er säuberlich in einen der Kasten legt, um in einem aus Tierfellen zusammengeflickten, warmhaltenden Flaus bald darauf nach vorn zu kommen. Er ächzt wiederum erst einige Schritte hin und her, wie nicht wissend, wohin er sich wenden solle, und setzt sich endlich quer auf sein Binsenlager, zieht die Füße an und vergräbt die Hände tief in das Wollhaar des Kopfes, Stirn und oberen Teil des Gesichtes auf diese Weise verdeckend.
TEUFEL (mit sich redend). Da hockst du nun, Hund, wieder allein, und heimgekehrt zu dir; weltverlassen und verachtet; zurückgekehrt von der Audienz; Ahnenloser Geselle ohne Respekt und Reputation; und hast wieder einmal gesehen die goldausgelegten Gemächer der Hohen und Vornehmen. Und du bist immer und bleibst der Lump, der Spitzbub, der krumme Kerl. Und die da droben, die dürfen tun, was sie wollen, es mag noch so platt, niedrig oder gemein sein, es ist immer edel und vornehm, weil es in den Gemächern des Nobeltums passiert. Und du magst tun, was du willst—und wenn du mit dem Kopfe dich bis zum andern Ende der Erde wühltest,—es ist immer niedrig und gemein und schuftig.—(Pause; überlegt). Wenn du ein Graf wärest, dann wäre auch dein krummes Bein gräflich. Und wenn du nur ein Thürsteher da droben wärest, dann wären auch dein Kopf und deine Gedanken himmlisch und engelhaft, wie dein Kleid, das du dann trügest. Aber so bist und bleibst du ein Hund!—Nur wenn du für sie was tun sollst, was sie selbst nicht können, oder was für sie zu schmutzig ist, dann lächeln sie dir und sagen: "Mein Freund! Mein Freund!" Aber wenn die Audienz vorbei, mußt du wieder herunter in Staub und Kot, und dann heißt's "Pfui Deifel! Pfui Deifel!"—Und so bist du ein erdgeborener, gebückter und verzerrter Kerl dein Leben lang, und humpelst herum mit deinem Fuß, und frissest Ärger und Grimm in dich hinein!— —
Und doch!— Und doch bist du mehr! Bist mehr als diese Firlefanz-Leute in ihrem Glück und Wolkenbau! Steckst mitten in der Welt; und in deinem Kopf stecken die Gedanken der Erde! Und wenn du hier allein bist, allein mit deinem Erdgeruch, und dein Kopf sich illuminiert, dann entsteht in diesem vergrämten Kopf, mitten in der Verzweiflung, ein Funken, ein Gift, eine Kraft, die wie ein Blitz, zündend und wetternd, durch die Welt fährt, und die Hülsenköpfe in ihrem Wolken-Heim erbeben macht.—Und brauchst keine Tiaren zu tragen, keine Ambrosia noch Sekt zu trinken, und scheppernd und glänzend dich zu zeigen, um glücklich zu sein. Bist so glücklich; glücklich, wie die andern nicht glücklich sein können! Glücklich in diesem Erdenloch, in diesem kostbaren Tunnel, diesem Hauch von Irdischkeit und Würze, diesem Welt-Geruch, der dich kräftigt und stählt, und Gedanken erzeugt, und zur Arbeit zwingt.—Und brauchst keine Ahnen und Vergangenheits-Register; bist blank und sauber; darfst von neuem, beginnen; brauchst nicht nichts zu tun; die Arbeit sind deine Ahnen! Deine Ahnen produzierst du in die Zukunft!—Arbeit! Arbeit!—(Springt auf). Also denn auf zur Arbeit!
(Er geht längere Zeit auf und ab, bleibt wiederholt stehen und sinnt nach.)
"Also verführerisch soll es sein, das Ding,—na natürlich, sonst beißen sie nicht an";—"etwas Frauenzimmerartiges", sagte Maria;—sehr gut!—Die Frauenzimmer kennen ihr Geschlecht immer am besten.—Aber giftig soll es auch sein; darin liegt ja die Strafe; und sie sollen das Gift nicht merken, es hinunterschlucken wie Sirup;—sehr gut!—das läßt sich machen.—Aber es soll dabei Seele und Leib vergiftet werden; aber nicht definitiv; nur bis zur Verzweiflung, bis zum Wahnsinn; sie wollen also sehen, wie sich die Menschheit krümmt und bricht; wie sie ihre Seelen ausleeren, wie einen Magen;—ich verstehe;—die Seele soll aber wieder reparierbar sein,—"erlösungs-fähig", wie sie sagen;—na, die Freude kann ich ja ihnen fürs erste lassen; ihnen und ihnen;—vom Leib haben sie nichts gesagt; sehr gut!—Als ob sich das trennen ließe!—Wenn ich den Leib toll und voll verseucht habe, und der ganze Kerl zum Teufel fährt—ah pardon—kaputt geht, dann möchten sie die Seele, nachdem sie schon auf dem Weg zu mir ist, noch erlösen!—Die Barmherzigkeit!—Na, das wird sich ja finden.—(Geht wieder schweigend und nachdenklich auf und ab). Was soll das nun aber für ein Gift sein? Welches ruiniert, und doch wieder nicht ruiniert?—Mit organischen und chemischen Giften komm' ich da nicht aus!—Auch kann ich da nicht quantitativ vorgehen. Die schluckten ja und schluckten das Zeug hinunter—besonders, da es so süß ist—und pardauz lägen sie da! Ich kann da nicht dosieren. Ich kann doch kein ellenlanges Rezept an die Bettlade kleben: pro dosi soundsoviel!—Das muß also ein feines, neues und ganz besonderes Gift sein!—Welches weder den Geber noch den Nehmer sogleich vergiftet!—Das muß dann ein feines, schleichendes, langsam wirkendes Ding sein, welches sich ruhig weitervererbt, und in einigen lebenden Exemplaren immer frisch zu haben ist!—Dann—soll das Gift sich an das höchste Entzücken des Menschen anschließen, an den Liebestaumel, an das naivste und köstlichste Glück, welches sie besitzen: damit es sicher zu allen dringt!—Ja, das heißt, das war eigentlich mein Gedanke!—Keine Verschiebung des geistigen Eigentums!—Na ja!—Wie nun weiter?—Woher nimmst du das Gift?—(Überlegt, bleibt stehen). Na, aus dir.—Kühl. Gibt es denn etwas Giftigeres, die Adern Durchdringenderes, als du selbst?—Sehr gut!—Was weiter?—Wie wirst du's nun anstellen?—(Überlegend, sehr langsam, mit vorgestrecktem Zeigefinger sich vordiktierend). Du mußt das Gift, welches an sich vielleicht zu stark ist und tödlich wäre, erst organisch abschwächen, und dann in einer lebenden Person verwirklichen! (Patscht in die Hände). Hoppla, das ist's—Noch einmal: Du mußt das Ding erst organisch so mild machen, daß es ihre Mägen und Leber zunächst gut vertragen, und es gleichzeitig in einem Lebewesen, das ihnen gleich sei, personifizieren!—Sackerlot!—Und zweitens: dieses Lebewesen muß ein Weib sein! Und das Gift muß durch die bekannten Schläuche geleitet werden!—Und drittens: dieses Weib muß schön sein; und ich ihr Vater!—Sapristi! Reibt sich die Hände. Kommen wir auch einmal zum Zeugen!—(Geht lange erregt auf und ab).... Nun, und wenn ich dies Kunstwerk fertig bringe, was krieg' ich dann dafür?—Freund, nimm dich in acht! Diese Gelegenheit kommt nicht wieder! Jetzt hole die lang aufgespeicherten Speisezettel deiner Wünsche hervor!—(besinnt sich).—– Diese Stiege da (schaut nach oben). muß er mir reparieren. Das Gerümpel. Wenn ich da 'mal ausgleite, und breche mir den Fuß, dann bin ich ein ganzer Krüppel.—Dann, diese Falltüre da oben, die ist meiner unwürdig. Da stoß ich mich schon lange daran. Das soll ein schöner, freier Zugang werden, mit einem Geländer daran, und ein paar Teppichen.—Dann, diese Audienzmeierei habe ich ebenfalls schon lange satt. Wird der Zugang oben frei, muß ich auch freien Zugang haben! Ich muß stets unangemeldet kommen können.—Er kann ja auch stets unangemeldet zu mir herunter.—Dann (sehr bestimmt) muß Er mir meine Bücher frei drucken lassen, und ihre breiteste Zirkulation im Himmel und auf Erden erlauben. Das muß ich unbedingt haben. Ohne das gehe ich gar nicht an die Arbeit, (ausbrechend). Wenn jemand denkt, und darf seine Gedanken nicht mehr andern mitteilen, das ist die gräßlichste aller Foltern.—Dieses reinste Entzücken, dieser Tropfen Lust, der Fässer voll Bitterkeit genießbar macht, daß andere das nachdenken, was du vorgedacht hast,—ist das so schwer zu begreifen?!—Also das ist Numero eins!—Dann—muß hier die Ventilation besser werden.—(Glotzt lange an der Decke herum)... Eigentlich könnt' ich mir das Ding hier mit Goldleisten ausschlagen lassen.—Ach,—es wird doch nicht heller.... Wie wär's, wenn Er mich zum Graf machte?—Graf Miraviglioso! Oder gleich ganz italienisch Conte di Miraviglioso; Signor Conte di Miraviglioso.—Pfui, schäm' dich! Hast du nicht gesagt, du willst ein ehrlicher Kerl bleiben?—Nun ja; ich wollte ja nur auf ganz kurze Zeit das tolle Empfinden haben, ganz ohne Grund etwas zu sein. Nur auf acht Tage.—Ich kann ihn ja dann meinem Ausgeher schenken.—... Ein paar Orden könnt' ich mir bei dieser Gelegenheit geben lassen!—Dazu ist es wieder nicht hell genug da herunten. An der Beleuchtung fehlt es hier überhaupt.—Was noch?—Etwas bessere Garderobe! Dieses spanische Kostüm trag' ich nun schon seit Philipp II. Es ist unerhört. Und nur meine ganz außerordentliche Peinlichkeit erlaubt mir noch, überhaupt oben zu erscheinen.—Dann, um Gottes Willen, etwas Mobiliar. Ein paar Pfund Roßhaar werde ich doch noch wert sein. Und ein paar warme Decken.—Weiter!—Etliche Borten an meine Kleider; wenigstens Leutnants-Rang!—Dann: Einreihen, wenigstens in die letzte Hofrangklasse; mein Gott, ich helfe doch den Leuten in ganz außerordentlicher Weise.—Femer: ein kleines "von"—, und die Möglichkeit einer standesgemäßen Verbindung mit einer der Engel-Klassen; Gott, so ein zartes Geschöpfchen, neben mir, 's wär' ja zum Entzücken; sie mag so dünn und jung sein, wie sie will; ich richt' sie mir schon her!—Was noch?—Ein goldenes Portepee, 'n Kammerherrntitel, ein kleines Krönlein, 'n Herzogskragen oder ... (hält plötzlich inne, greift sich mit beiden Händen an die Stirn und schreit in tierischer Weise hinaus). Äh,—äh!—Bleib' fort! (Er hält die Hände weit von sich wie um etwas wegzustoßen, das auf ihn eindringt, und weicht zurück). Äh!—Es kommt!—Es hat mich!—Du Hund, hab ich dir nicht gesagt, wenn du über die Schnur haust, packt es dich!—Pfui Teufel! (spuckt aus, wie um etwas aus seinem Innern zu entfernen). Pfui Deifel! Es kommt!—Der Ekel,—er hat mich!—Pfui!—Pfui!—Oh, es ist zu spät!—Ekel! Ekel! Verdammte Sauce!—Teufel, weißt du nicht mehr?—Weißt du nicht, daß du nur in der Entbehrung, im Finstern, nur unter der Marter gedeihst?—Und dann will der Kerl stolz sein!—Ah,—ah—(Er macht Würgbewegungen, schleppt sich bis zu seinem Lager, wirft sich dort auf den Bauch, wälzt sich in Krämpfen, reißt aus der Matratze Stroh heraus, macht einen Knebel und steckt ihn sich mit ingrimmigem Behagen in den Mund;—wird dann allmählich etwas ruhiger, liegt bewegungslos da, und scheint zu schlafen.—Lange Pause.)