Währenddem hat sich im Hintergrund an der Rückwand des Gewölbes die Szene wie aufgeklärt; die Schicht wird heller und heller; zuletzt durchsichtig; es ergibt sich eine, wie es scheint, unermeßliche Perspektive; allmählich schwindet auch der letzte trübe Schleier, und man erblickt ein ungeheures Totenfeld, auf dem eine schier unfaßbare Zahl, wie es scheint, lauter Weiber, in Leibesgestalt, mit fahlen Gewändern, die einen hockend, die andern hingestreckt, teils die Arme aufgestützt, teils das Gesicht in den Armfalten vergraben, wie schlafend dortliegen; das Ganze übergossen von einem kalten, flirrenden, mondlichtähnlichen Schimmer.—Tiefe Stille.—
TEUFEL (wacht langsam auf, hebt sich mit den Händen aufstützend matt empor; wie er sich umwendet und erblickt die Szene, fahrt er plötzlich zum Sitzen auf, reißt sich den Knebel aus dem Mund.) Ah!—Ihr seid mir vorausgeeilt, Gedanken! (Betrachtet lange mit Entzücken die Szene.) Ihr habt Euch verwirklicht, meine guten Gedanken!—Und die gemeinen sind mir in den Magen gefahren, und haben mich krank gemacht;—so ist's recht!—Du hast gebüßt,—und bist jetzt wieder ein ehrlicher Kerl!—(Legt sich, noch immer etwas erschöpft, wieder in eine mehr ruhende Stellung zurück, aber so, daß er die Szene im Auge behält—matt und langsam.) Welche von diesen wähl' ich mir jetzt aus als Mutter für mein glorioses Geschöpf?—... Schön!—Verführerisch!—Sinnlich!—Giftig!—Hirn und Adern verbrennend!—Ahnungslos!—Tollpatschig!—Grausam!—Berechnungslos! —Seelenschmutzig!—Naiv!—Lange Pause.
Er erhebt sich dann zum Sitzen und ruft mit halblauter, aber klarer Stimme, in sanftem Ton.
Helena—von Sparta—des Paris Geliebte—Trojanische Königin!—(Im Hintergrund erhebt sich aus der Reihe der Schlafenden langsam eine Gestalt mit langem schleppendem Mantel, der um die Taille durch einen Strick gleicher Farbe zusammengehalten, kommt langsam, wie schlaftrunken, mit geschlossenen Augen, den Lichtschimmer, der ihr aus dem Totenreiche anhaftet, beibehaltend, nach vom und bleibt vor dem Teufel stehen.)
TEUFEL. Du bist damals mit dem jungen Laffen, dem Trojaner-Prinzen, auf und davon, und hast deinen Mann, den König, zurückgelassen; rein aus Verliebtheit?—(Helena verneint schwerfällig mit dem Kopfe.) Was? Nicht einmal verliebt?—Aus Neugierde?—(Sie scheint sich zu besinnen; nickt dann wie schlaftrunken.)—Nur, weil es dir gefallen hat?—(Helena nickt.)—Ohne etwas zu denken?—(Nickt.)—Justament? (wartet und nickt dann.)—Und als dann der Krieg ausbrach, da dachtest du?—(nickt mechanisch, besinnt sich aber dann und verneint.)—Dachtest dir: Es ist nun einmal so! (nickt und betont.)—Geh', leg' Dich wieder schlafen—armes, dummes Ding!—(Sie wartet einen Moment, dreht sich dann langsam um und geht zurück auf ihren Platz, wie sie gekommen.)
TEUFEL (nach einer Pause, mit der gleichen hellen, sanften Stimme.) Phryne—aus Athen—glatteste aller Hetären—komm'! (Von dem Totenfeld erhebt sich aus einer andern Reihe ein Weib im gleichen Anzuge wie die erste und kommt näher.) Blasseste aller Zauberinnen, du hast Tausende von Männern in dein Garn gelockt, sie arm und elend gemacht, ihnen Geld und Gedanken geraubt,—hast Philosophen genarrt,—Richter bestochen,—Staatsgesetze umgestoßen,—Krieg angezettelt,—Reichtümer angehäuft,—hast dich als Göttin geriert,—dich anbeten lassen,—hast dein Vaterland verhöhnt,—wolltest deinen Namen wie eine schmutzige Reklame auf die Mauern Thebens setzen—und dafür bezahlen,—hast dich nackt vor allem Volk gezeigt,—in Korinth die Tempel und Statuen bauen lassen,—hast fortgehurt, bis deine Haare weiß wurden—und wurdest schließlich in einem Tempel, in den du dich geflüchtet, wie ein unreines Tier erschlagen?—(Nickt stumm wiederholt auf alle Fragen.)—Warum?—Aus Liebe? (verneint).—Aus Leidenschaft? (verneint).—Aus Laune?—(nickt).—Weil du schöner und blasser warst, als alle andern? (nickt).—Hast gar nichts dabei gedacht?—(verneint).—Ließest den Dingen ihren Lauf?—Bejaht.—Geh', du harmloses Kind, du bist unschuldig!— (Geht langsam und schweigend ab, wie die erste.)
TEUFEL (nach einer Pause, wie oben). Héloise,—Äbtissin von Paraclet—Latinistin des 12. Jahrhunderts!—(Eine dritte Gestalt erhebt sich aus dem Totenfeld und kommt im gleichen Anzug, wie die vorigen näher.) Du hast studiert,—und hast geliebt,—und hast Kinder gebracht,—und hast deinen Lehrer, ABÄLARD, die Leuchte des Jahrhunderts, verführt,—und deine Familie in Spott und Schande gejagt,—bis sie dir deinen Geliebten zum Kapaun machten,—und dich zur Nonne,—und hast dann deinen verschnittenen ABÄLARD fortgeliebt,—und ihm brünstige Briefe geschrieben—bis man dich zur Äbtissin machte;—und als Äbtissin hast du weiter studiert, und ihn weiter geliebt, und weiter—wenigstens in der Phantasie—Kinder gebracht, und mit deinem längst abgekühlten Freund imaginative Scheußlichkeiten begangen, die man selbst in der Hölle nicht sagen darf,—und hast ihm geschrieben: lieber wollest du des ABÄLARD Hure als des Kaisers rechtmäßige Gattin sein;—und als er starb, hast du dir seine Leiche kommen lassen, und hast ihn immer noch geliebt, und ihn mit deinen eigenen Händen begraben;—und dann hast du ihn noch zwanzig Jahre auf Kosten deiner Phantasie weiter geliebt;—bis du selbst starbst?—Hat zu allen Fragen stumm genickt.—Warum?—Aus Liebe?—Bejaht heftig.—Aus reiner Liebe?—Bejaht intensiv.—Kind, du bist ja schon für den Himmel reif!—Halte dich parat, wenn die Posaune ertönt, kommst du zuerst dran!—Inzwischen geh', und schlaf weiter!—(Gestalt geht ab.)
TEUFEL (für sich). Ich hab' doch verdammt wenig Grandioses in der Hölle; muß mir 'mal 'n Scheusal holen!—(besinnt sich, dann nach einer Pause). AGRIPPINA,—Mutter, Gemahlin und Mörderin von Kaisern,—und Gemordete eines Kaisers,—komm'!—(Eine Gestalt erhebt sich aus anderer Gegend.)—Du hast etwas viel auf dem Kerbholz, Freundin;—mit 14 Jahren heiratetest du deinen Mann, und läßt dich herbei, ihm nach neun Jahren eines der größten Scheusale, den NERO, zu gebären?—Dafür kannst du nichts!—Tröste dich, wir haben jetzt eine Schule, die dir nachweist, daß du auch für die anderen Sachen nichts kannst; nur ist diese Lehrmeinung noch nicht bis zum Himmel gedrungen.—Du vernachlässigst also deinen Mann, und gibst dich dem LEPIDUS hin;—das war damals so Sitte!—dann verbindest du dich mit deinem Freier, um deinen Bruder, den Kaiser CALIGULA, zu ermorden;—es gelingt nicht!—dafür kannst du wieder nichts,—d.h. du warst nicht geschickt genug!—Endlich wird aber CALIGULA doch ermordet,—wie das damals so Sitte—und du wirst wieder hoffähig;—du versuchst dann vergeblich einige andere vornehme Römer zu kapern, bis sich endlich der reiche Advokat PASSIMUS—den ich für gescheiter gehalten hätte—herbeiläßt, und mit dir eine zweite Ehe eingeht; du vergiftest ihn dann, und beerbst ihn!—doch das haben schon andere vor dir gemacht; das war damals so Sitte!—dein folgendes Stückchen war dagegen schon viel origineller: du spielst so geschickt hinterm Vorhang—von deiner Villa aus—daß du die Kaiserin MESSALINA von ihrem Gemahl, dem Kaiser CLAUDIUS, abschlachten lässest, heiratest dann selbst den Kaiser CLAUDIUS und wirst Kaiserin!—Was dann folgte, der von dir inszenierte Selbstmord des LUCIUS SILANUS, die Verbannung seiner Schwester JUNIA und die Verbannung der LOLLIA PAULINA, deren Kopf du dir nachträglich aus der Verbannung zurückholen lässest, waren mehr Nebenabfälle; du folgtest darin den Sitten deiner Zeit.—Dann verschaffst du dir den Beinamen 'Augusta', die Heilige, lässest deinen Sohn NERO von deinem neuen Gemahl, Kaiser CLAUDIUS, adoptieren, lässest ihn dann mit der Tochter dieses Kaisers CLAUDIUS, OCTAVIA, vermählen, vergiftest dann diesen Kaiser, deinen Gemahl, und rufst deinen Sohn NERO zum Kaiser aus.—Das war nämlich damals ganz neu!—Du vergiftest dann noch ein paar Konsuln, Prokonsuln und Nebenbuhlerinnen, und wirst letztlich von deinem eigenen Sohn NERO ermordet!—(Die Gestalt hat auf alle Fragen stummnickend geantwortet).—Hör' mal, AGRIPPINA, du bist eine ganz scharmante Person, aber ich vermisse in deinem ganzen Tun den eigentlich künstlerischen Impuls—die Naivität;—alles hängt ab von deinem maßlosen Ehrgeiz!—Das ist krankhaft!—Das wird auf die Dauer langweilig!—Wir fassen die Sachen jetzt anders auf!—Nicht ein schöner Mord in deiner ganzen Geschichte!—Ich kann dich wirklich nicht brauchen!—Geh' nur und leg' dich wieder schlafen!—Schlaf sanft! (Gestalt ab.)
TEUFEL (nach einigem Überlegen, für sich). Jetzt hab' ich noch eine Nummer, die HERODIAS;—aber halt, ich nehm' statt der Mutter lieber die Tochter! (ruft). Salome,—schöne, junge Tänzerin,—komm' zu mir!—(Weit hinten erhebt sich eine schlanke, jugendliche Erscheinung, und kommt näher, eine freundliche, heitere Erinnerung auf ihrem Gesicht).—Sag' mir einmal, mein hübsches Kind, du warst damals auf dem Bankett bei Herodes zugegen?—(bejaht.)—Und da tanztest du?—Bejaht.—Warum tanztest du?—(Sie weiß es nicht.)—Nun, du tanztest eben, weil junge hübsche Mädchen überhaupt gern tanzen,—und weil du Tanzstunde gehabt hattest?—(bejaht.)—Und du fandest Beifall?—(nickt.)—Und HERODES sagte dir, du solltest dir 'was schenken lassen?—(nickt).—Und du ließest dir einen Kopf schenken?—(nickt.)—Einen Menschenkopf?—(bejaht.)—Einen lebenden Menschenkopf?—(bejaht.)—Weshalb?—(Sie weiß es nicht.)—Zum Spielen?—(sie zaudert und bejaht schließlich.)—Und Herodes schickte dich mit dem Henker ins Gefängnis, und der schneidet dir dort einen Kopf ab?—(nickt.)—Das war der Kopf des JOHANNES?—(bejaht gleichgültig). Der ward dir auf eine Platte gelegt, und du kamst dann damit herein in den Bankett-Saal?—(nickt).—Das Blut lief wohl in der Platte herum,—und machte sie schließlich ganz voll?—(nickt.)—Es netzte deine Finger?—(bejaht lebhaft.)—War dir das angenehm, oder unangenehm?—(bejaht.)—Ja, was?—Angenehm oder unangenehm?—(Sie reibt die Hände gegen einander.)—Es kitzelte dich?—(bejaht sehr deutlich.)—Du hast wohl sehr feine Finger?—(keine Antwort.)—Und dann,—dann schenktest du den Kopf deiner Mutter?—(bejaht.)—Warum?—(zuckt mit den Achseln.)—Er war eben schon tot?—(nickt traurig.)—Und du wolltest doch einen lebenden haben?—(bejaht.)—Ja, die abgeschnittenen Menschenköpfe halten sich nicht lang!—Sag mal, hast du einen von den Leuten gern gehabt, was man sagt, lieb?—(weiß nicht, was sagen, und verneint schließlich.)—Den HERODES?—(verneint.)—Den JOHANNES?—(verneint.)—Deine MUTTER?—(zuckt mit den Achseln und verneint.)—Aber deinen abgeschnittenen Kopf, den hattest du gern?—(bejaht sehr deutlich.)
TEUFEL (springt plötzlich auf). Kind, du bist mein Fall!—Geht auf sie zu. Aus dir läßt sich noch 'was machen!—Er schließt sie, halb von rückwärts kommend, leicht in seine Arme. Du sollst mir heut' in mein Schlafgemach folgen!