DIE GESTALT (hört man tief und vernehmlich stöhnen).

Während des Folgenden fallen über dem Totenfeld wie im Vordergrund schwarze, anfangs noch durchsichtige Flöre und Schatten herab, die die ganze Szene immer mehr verdüstern.

TEUFEL (die Gestalt sanft mit sich nach rechts fortführend). Wir haben große Dinge mit dir vor!—Du sollst die Ahnin eines grandiosen Geschlechtes werden, an das kein Aristokrat hinankann!—Deine Nachkommen werden weder blaues noch rotes, sondern weit merkwürdigeres Blut in ihren Adern führen.—Und du wirst die Mutter sein.—Deine Qualitäten sind einzig in meinem großen, ungeheuren Reich!—Selbst oben, bei Hof, sieht man unsere Verbindung mit gnädigem Wohlwollen!—Er verschwindet mit ihr; die Stimme klingt immer entfernter. Morgen schon darfst du zu deinen Schwestern zurück!—Unser heißes Temperament läßt Schaffen und Entstehen sich in unglaublich kurzer Zeit vollenden!—Zeugen und Gebären rückt durch unsere Gewalten in wenige Stunden zusammen!—Komm', mein Kind, komm'!—

Das Totenfeld ist jetzt verschwunden. Die Flöre fallen nun auch im Vordergrund immer dichter; so daß die Szene bald ganz verdunkelt ist.—Man hört in der Ferne noch einen gellen weiblichen Schrei.—Dann wird es schwarze Nacht, und der Vorhang fällt.


Vierter Aufzug


Erste Szene

Im Himmel. Ein kostbar ausgestattetes Gemach in Rosa. MARIA, vornehm geschmückt auf ihrem Thron, umgeben von meist jüngeren Engeln in lichter, farbiger Tracht, die an den Stufen des Thrones teils sitzen, teils in malerischer Stellung liegen. Einer derselben hat ein Buch in der Hand und liest aus Boccaccio in monotoner, breiter, schulmädchenartiger Stimme vor.

ENGEL (liest). "... Agilulf, der König der Longobarden, befestigte, gleich seinen Vorgängern in Pavia, der Hauptstadt der Lombardei, seinen Thron durch Vermählung mit Teudolinga, der Witwe Auterichs, der ebenfalls König der Longobarden gewesen war. Diese Gattin war sehr schön, verständig und ehrbar, der aber dennoch ein Liebhaber einst einen schlimmen Streich spielte. Als nämlich durch die Tapferkeit und den Verstand des Königs Agilulf der lombardische Staat glücklich und ruhig geworden war, geschah es, daß ein Reitknecht der genannten Königin, ein Mensch, was die Abstammung anbetrifft, von höchst ärmlichen Umständen, sonst aber über sein schmähliches Geschäft hoch erhoben, und von Person schön und groß wie der König, sich über alle Maßen in die Königin verliebte. Da jedoch sein niedriger Stand ihn keineswegs verhinderte einzusehen, daß diese seine Liebe außer allen Grenzen der Möglichkeit und Schicklichkeit liege, so offenbarte er sich als ein verständiger Mann niemandem und wagte nicht einmal, sich der Königin selbst nur durch einen Blick zu entdecken. Obgleich er nun gänzlich hoffnungslos war, so tat er sich doch bei sich selbst etwas darauf zugute, daß er seine Gedanken so hoch hatte steigen lassen und, vom Liebesfeuer ganz entzündet, gab er sich Mühe, es allen seinen Kameraden in allem, von dem er glaubte, daß es der Königin gefallen könnte, zuvor zu tun. Dadurch geschah es, daß die Königin, wenn sie ausritt, weit lieber das Pferd ritt, das dieser wartete als ein anderes, und dies rechnete sich jener zur höchsten Gnade, ging alsdann nicht vom Steigbügel weg, und schätzte sich glücklich, wenn er ihre Kleider berühren dürfte.—Aber wie wir dies häufig sehen, daß die Liebe um so stärker wird, je mehr sich die Hoffnung verringert...."