Da war dann Madame la Superieure, meist nur Madame genannt, das weibliche Oberhaupt des Instituts; sie war eine de Vremy, aus alter normännischer Adels-Familie; sie trug das Dominikanerinnen-Habit; eine unsäglich stolze Dame; gut in den 40; voll Klugheit und Würde; sogar die adeligen Comtessen-Mütter der Mädchen, wenn sie auf Besuch oder zur Ordnung von Angelegenheiten kamen, machten ihr Reverenz, die sie ausdrücklich forderte; denn außer ihrem alten Adel war sie doch fast in der Stellung einer Aebtissin; auf dem chamois-gilblichen Ordenskleid trug sie stets ein großes goldenes Kreuz, das sie vom Papst geschenkt erhalten hatte; ordnungsgemäß stand sie unter dem Abbé; faktisch aber war ihre Stellung hoch über ihm; sie leitete die sämmtlichen complicirten Institutsangelegenheiten, und nahm damit ihrem geistlichen Oberherrn, der sehr bequem war, einen großen Theil Arbeit vom Hals; das Verhältniß zum Abbé war daher ein vorzügliches; ja ein intimes; stundenlang verweilte Madame auf seinem Zimmer; sie plauderten vertraulich, einsam und flüsternd; doch war kein Hauch von Sinnlichkeit, oder nur sinnlicher Neigung in diesem Vis-à-vis. Die negativen Gründe dafür lagen auf beiden Seiten. Monsieur war eine quietive, meditirende Natur; Madame scharfsichtig, in ihrem Gemüth erkaltet, und in ihren Jahren gänzlich vom Verstande beherrscht. Was Madame leidenschaftlich liebte, war Lectüre weltlicher Gattung; und außer der Bibliothek des Abbé, die sie allein zu durchstöbern das Recht hatte, bekam sie monatlich ein großes Packet aus Paris. Wenn die Mägde ihre Zimmer am Abend herrichteten, fanden sie selbe mit einem feinen, bläulichen Rauch erfüllt. Auffallend war es, daß Madame, obwohl sie gar keine Stunden gab, und sich nur an der Morgenandacht und den Gottesdiensten in der Kirche betheiligte, viele der jüngsten Pensionärinnen stundenlang auf ihrem Zimmer zurückhielt. Im Uebrigen war die Superiorin selten zu sehen, war sehr schweigsam, mischte sich nie persönlich in Affairen, ließ sich von den 8 Ordensschwestern mündlich Bericht erstatten, schickte ihre Befehle durch Untergeordnete hinunter und durch alle Räumlichkeiten und Sparten der weitläuftigen Klosteranlage; sogar im Dorfe war jeder ihrer Winke eine sichere Ordre; und ihr unsichtbarer Geist beherrschte alle Verhältnisse rings um Douay und weit über Beau-Regard hinaus.—
Mit der folgenden Persönlichkeit kommen wir in die Nähe des eigentlichen Kloster-Conflicts, der weiter unten Gegenstand der Erzählung. Mademoiselle Henriette de Bujac war die Nichte von Madame de Vremy, der Superiorin, ein etwa 17jähriges, hübsches und temperamentvolles Mädchen, meist nur Henriette genannt, mit dunklem, kurzgelocktem sogenanntem Tituskopf, schwarzen, feurigen Augen, schlankem, etwas mageren Wuchs, erregter Fantasie, und eigentlich den Kloster-Vorschriften entwachsen, welche ihre Aufnahme nur mit Rücksicht auf häusliche Verhältnisse,—wo eine mit schweren Krampf-Anfällen behaftete Tante ihre Anwesenheit verbot,—und auf die nahe Verwandtschaft mit Madame de Vremy geschehen ließen. Der "weiße Teufel" wurde sie nur genannt wegen der großen Zahl reicher weißer oder creme-farbiger Toiletten, die sie, als eines der reichsten Mädchen, von Hause mitbekommen; und wegen der Gewandtheit ihrer Bewegungen, Reden und mimischen Fertigkeiten. Natürlich war sie der "ungezogene Liebling" von Madame, und der "unausstehliche Kobold" im Zimmer von Monsieur l'Abbé. Damit waren aber ihre Alliancen in dem ewigen Kampf von Eifersüchteleien und Partei-Ergreifungen in einem weiblichen Kloster-Leben erschöpft. Denn gehaßt wurde sie von allen acht Kloster-Schwestern, die ihr an weiblicher Findigkeit nichts mehr lehren konnten, und von denen Henriette an gewöhnlichen Klosterund Lehrdisciplinen nichts lernen wollte. Dieser Haß concentrirte sich wesentlich auf la Seure première meist nur La Première—die vierte Person unseres Schauspiels—genannt—eine gescheidte und kluge Dame, ebenfalls dem Adel angehörig, die erste Lehrkraft der Anstalt, die erste Dame des Klosters nach Madame la Superieure, und deren präsumtive Nachfolgerin.—Gehaßt war Henriette aber auch von fast allen ihren Colleginnen, die meist viel jünger waren wie sie, einmal wegen ihren weißen Toiletten, wegen ihres reiferen Alters, und dann wegen ihrer zahllosen Freiheiten und Unbekümmertheiten.—In welchem Verhältniß Henriette zu Mademoiselle Alexina Besnard stand, dem eigentlichen Helden unserer Geschichte, sollen die folgenden Zeilen vermelden, sobald wir nur kurz das Porträt von Mademoiselle Alexina entworfen haben. Diese junge Dame, fast gleichalterig mit Henriette, und somit eine der prominentesten Schülerinnen der Anstalt, war das fleißigste und tüchtigste Mädchen der ganzen Schule, die Zierde, und für viele Familien der Aushängeschild für all' die Fortschritte, die man in Douay machen könne. Alexina selbst war das Kind ganz armer Eltern, von Jugend auf höchst keck und frühreif schon in der Schule Preisträgerin, und ein hervorragendes Talent für Mathematik und Sprachen. Sie eignete sich Alles mit spielender Leichtigkeit an, und gab es ebenso leicht an jüngere Mädchen in instruirender Form ab. In dieser Hinsicht galt sie als Phänomen. Dem Pfarrer ihres Dorfes konnte ein solches Uebermaß von geistigen Fähigkeiten nicht verborgen bleiben. Mit einem warmen Empfehlungsschreiben von ihm pochten die armen Eltern in Begleitung ihres 14jährigen Kindes eines Tags an die Pforten von Douay. Dort erkannte man nach kurzer Prüfung, was man vor sich hatte. Alexina Besnard wurde kostenlos aufgenommen; und schon nach einem Jahr war alles darüber einig, das seltene Talent für das Kloster als Erzieherin heranzubilden.—Was Alexina nicht verstand und sogar mit Abscheu von sich wies, waren weibliche Handarbeiten; aber das kam natürlich nicht in Betracht; da man auf eine Rechnerin tausend Häklerinnen findet. Das Aeußere von Alexina? Seltsam und sonderbar! Groß und schlank gewachsen, mit einem hastigen, weitausholenden Gang, so daß ihre Kleider stets in unzierlicher Bewegung waren; das Gesicht mager und fast häßlich, wenn nicht der imponirende, hastige, durchdringende und alles aufsaugende Blick sofort gefesselt, eine, für sich genommen schöne, Adlernase sofort den ungewöhnlichen Gedanken-Kreis dieses Mädchens verrathen hätte. Ihre ungünstig gemachten Kloster-Toiletten ließen über ihre Körperformen nichts erfahren. Aber eine aphroditische Figur wird sie kaum gewesen sein; zumal sie nichts zur Verbesserung ihrer äußeren Erscheinung that, Spitzen, Krausen, Häubchen vermied, und, wie sie sich ausdrückte, in thunlichster Bälde sich nach dem Kloster-Habit sehnte. Die Stimme von Alexina war scharf, ein hoher Discant, wie zum Commandiren von jüngeren Zöglingen geschaffen; im Chor fiel sie auf, da sie oft plötzlich mutirte, und in den Alt kam; überhaupt war sie ein rechter Rattenkönig von sonderbaren und ungewöhnlichen Anlagen und Fähigkeiten; und hatte eine glasharte, facettirte Manier, Alles um sich herum nach ihrem Willen umzuwenden, an sich zurechtzureiben, und ihren Neigungen anzupassen. An dieses arme, sonderbare, spröde und wenig duldsame Mädchen, welches nur ihre glänzenden Geistesfähigkeiten in die Wagschale eines Vergleichs mit jedem andern Instituts-Kind zu legen hatte, schloß sich Henriette, diese verwöhnte, reiche, luxuriöse, feingeartete junge Aristokratin schon in den ersten Tagen ihres Eintritts ins Kloster an, und beide waren, jetzt, am Tag unserer Erzählung, nach einjährigem Sich-Gegenseitig-Kennen die unzertrennlichsten Kameraden, wobei die Initiative dieses seltenen, innigen Verkehrs entschieden auf Seite von Mademoiselle de Bujac zu suchen war. Es ist richtig, Henriette de Bujac war ein gutes, mitleidfähiges Mädchen; und vielleicht war die Armuth und die eigenthümliche Stellung Alexina's im Kloster der erste Beweggrund für erstere, sich der letzteren zu nähern. Aber gerade vom Reichthum, vom Taschengeld, von der feinen Toiletteausrüstung Henriettes wollte und konnte Alexina nichts profitiren. Hier war also kein kräftig genug gewobenes Band, um zwei blutjunge Mädchen so innig zu fesseln; Alexina's Kenntnisse und geistige Fähigkeiten noch weniger, da das Alles der leichtsinnigen, munteren, lebenslustigen und—faulen Henriette gar nicht imponirte. Auch waren deren Fortschritte am Schluß so schlecht wie am Anfang. Aber Sympathie, dieses schon im gewöhnlichen Leben so geheimnißvolle Band, dessen Runenschrift nicht zu lesen, und welches die Menschen verbindet, wie leicht und durchsichtig gewoben ist es erst um die Herzen launenhafter Mädchen, und wie leicht zerreißlich!
Hiermit,—noch eine Anzahl Mägde, Zöglinge, weißgekleideter Schwestern mit Scapulier hinzugedacht,—sind wir mit unserem Personen-Verzeichniß fertig; und nun mag der 20. Juni 1831 beginnen, welchen Tag sich die Klostermauern von Douay gemerkt haben, an dessen Abend die 100 oder 120 Insassen, die das Institut zählte, ausnahmslos sich klopfenden Herzens und brütender Stirne zu Bett begaben; dann noch eine Nacht, und am folgenden frühen Morgen war dann eine der glänzendsten Natur-Aeußerungen, aber auch eine der scheußlichsten Katastrophen zum Abschluß gebracht.—
Monsieur l'Abbé saß in seinem Zimmer; der Frühstückskaffee war getrunken und zur Seite gestellt; Monsieur l'Abbé rauchte nicht; aber er las; als Frühstückscigarre las er Liguori, Theologiae moralis libri sex; Monsieur war auf keinem Gebiet so zu Haus, wie auf dem der Moraltheologie; Busenbaum, Ribadeneira, Sanchez, die alle darüber geschrieben, lagen in hübschen, gepreßten Pergament-Ausgaben daneben; ob Monsieur im Leben sehr moralisch war? Das läßt sich nicht beantworten; gehört aber auch nicht daher; Monsieur las gern moralische Werke, wie ein Anderer gern auf die Jagd geht; ohne daß diesen Jemand fragen würde, ob er mit Vorliebe Thiere umbringe; Monsieur wog gern die moralischen Begriffe hin und her, spielte mit den Cardinal-Tugenden, zog einzelne Laster wie schwarze Versuchs-Phiolen aus seinen Tractaten heraus, und versenkte sie sorgfältig in seiner Einbildung in die Herzen ihm bekannter Menschen, und ließ sie nun agiren, um zu sehen, was daraus wird.—Wir können nicht erkennen, welches Capitel Monsieur aus Liguori las, wie sehr wir auch über seine Schulter gebeugt uns den Text zu entziffern bemühen, denn die Drucke im siebzehnten Jahrhundert, und besonders die Lyoner Ausgaben waren so schlecht, gerippt und zerbröselt. Aber die Stelle muß dem Abbé gepaßt haben, denn er blinzelte mit den Augen, und lief mit dem Zeigefinger der rechten Hand rund um die Nase, die von dem Buchtext gar nicht weit entfernt war. Wir haben schon oben erklärt, daß Monsieur nicht sinnlicher Natur war; Niemand darf deshalb hier einen falschen Schluß ziehen; Monsieur war sublim; und Alles was unter dieses Betrachtungsglas fiel, da verweilte er; gut, er mag gerade de Verecundia gelesen haben; aber dann war es nicht die Schamhaftigkeit selbst, die ihn interessirte, sondern die feinen Unterschiede mit der Castitas, der Keuschheit; und nicht etwa die Schamhaftigkeit, wie sie sich bei Dienstmädchen manifestirte, war dann der Gegenstand seines Interesses, sondern der viel feineren Darlegung, wie sich selbe etwa an den Engeln im Himmel zeige, spürte er nach.—
Da wir das genaue Capitel, welches Monsieur studirte, nicht erkennen können, so wollen wir uns anderweitig im Zimmer des Abbé etwas umsehen. Hell und freundlich war es; die Morgensonne kam zu dem Fenster herein, an dem der große, platte Arbeitstisch des vornehmen Geistlichen stand; grüne schwere Portieres milderten diese Morgensonne: am Fußboden ein leuchtendes Tigerfell, in dessen Falten die kleinen Schnallenschuhe von Abbé spielten; rückwärts, gegen das zweite Fenster zu, ein großer seideüberzogener Paravant, der vom Zimmer ca. ein Drittel abschneidet, und hinter den wir, hinter dem Abbé stehend, nicht sehen können; nach Vorwärts, von einem weiteren Morgenfenster mit gänzlich aufgezogener Portiere beleuchtet, vier bis fünf Bücherschreine, knapp an die Wand gerückt, vollgepfropft mit Volumina, deren Titel wir von der Entfernung nicht lesen können, die aber nach den zahlreichen gilblichen Pergament- und Schweins-Rücken zu schließen, eine Menge Theologie bergen. Noch ein kleiner Betpult zu unserer Linken; zwei Thüren auf dieser Seite; eine, die direct zu den Appartements von Madame la Superieure im nächsten Stock führte, und eine, die auf den Kloster-Corridor mündete, also der Eingang war; noch ein kleines Blumen-Arrangement; ein Kamin, zwischen den zwei Morgenfenstern, mit einigen Statuetten; und—das Auffallendste zuletzt—ein toller, aparter Geruch, wie ihn besondere Menschen in ihren Räumen haben, und der Jedem sofort auffiel, der Monsieur's Zimmer betrat, ein Geruch gemischt aus—vergleichsweise—Zibeben mit Druckerschwärze, Tigerfell-Pulver und dem persönlichen Schweiß des Prälaten, und der fest und unaustreibbar in diesem Zimmer lag.—Und damit haben wir das Arbeitsgemach von Monsieur de Rochechouard im ersten Stock des Klostergebäudes dem Leser vorgeführt.—
Während der Abbé sich hier in moralische Probleme des Liguori vertiefte, zogen oben im 3. Stock die 14-, 15-und 16-jährigen Mädchen ihre Höschen an, schlüpften in die Pantöffelchen, und begaben sich jedes an den abgezirkelt neben jedem Bett stehenden Waschtisch, und begannen das frische Wasser über die dünnen Nacken zu spritzen, und Wangen und Stirn ein wenig zu reiben, und die überhängenden Haare hinauszustreichen, und sich zu beugen, und wieder kerzengerad aufzurichten; denn es war Morgens 7 Uhr und Aufstehenszeit; und Monsieur war nur so früh daran, weil er ja seine Messe lesen mußte; In dem ganzen Schlafsaal sah man jetzt nur weiße Lichter und Flächen; chamoisgelbe Arme und Nacken; blendendweiße Röckchen und Hemdstücke; und manchmal glitzernde Punkte von aufgesperrten Mündern; und ein Schliefen, Rutschen, Anziehe-und Auskleide-Geräusch, ein Knipsen der Strumpfbänder, ein Schlappen, Wischen und Wenden ging durch den Saal. Sonst war Alles ruhig; denn der Geist dieser jungen Geschöpfe lag noch eingebunden in den Windeln ihrer Träume, und hinderte sie am Plappern und Schwätzen.
Was geschah aber mit Madame la Superieure um diese Zeit? Sie war wohl schon aufgestanden und trank Chocolade, und lag in einem mit Kreuzen, Herzen und Passionsnägeln gestickten Schlafrock, damit beschäftigt jenen blauen Rauch in ihren Zimmern zu entwickeln, den die Mägde immer bei ihr vorfanden, und den sie für den Weihrauch von Madame's Privatandacht hielten; und vielleicht griff sie in das halb aufgemachte Pariser Packet und holte sich einen Klein-Oktavband und fing an zu lesen, zu lesen, oft bis die Sonne schon hoch am Himmel stand. Denn Madame betheiligte sich nicht an der Morgenandacht, die alle Kloster-Inwohner vor dem Frühstück zusammenrief. Vormittag übte sie keine Präsidialgeschäfte aus. Und auch heute wäre sie in ihrem Passionsrock liegen geblieben und hätte wohl den Oktavband zu Ende gelesen, wenn nicht eine scharfe Flüsterstimme an ihrem Schlafzimmer schon bald erschienen, und ihr die seltsamste Mittheilung gemacht.
Inzwischen aber trampelten und rutschten und trappten die 70 oder 80 Klosterfräulein mit noch verschlafenen Wimpern die Treppen hinunter in die großen Betsäle im Parterre, um die kurze Morgenandacht zu absolviren, der gleich darauf das fiebernd erwartete Frühstück mit viel Weißbrod, viel Butter und viel Kaffe folgte.
Schon während dieses Treppen-Hinabjagens, und während der Andacht, und noch mehr während des Frühstücks, wo die zarten Mäulchen die ersten Exercitien für die Schwatzthätigkeit des ganzen Tags machten, gewahrte man heute ein Zischeln, ein Zuflüstern, ein Gesticuliren, welches zu dieser verschlafenen Morgenstunde ganz ungewöhnlich war. Und als endlich nach dem Frühstück Groß und Klein an die Arbeit sich begeben sollte, und die einzelnen Classenzimmer mit Arithmetik, Memoriren, Classiker, Aufsatz, Schönschreiben sich füllen sollten, zeigte sich's, daß eine ungewöhnliche Erregung den ganzen jungen Bienenschwarm ergriffen hatte, daß ein Ferment von intensiver Wirkung Allen in die Herzen und in die Köpfe gefahren war; daß alle Augen funkelten, alle Wangen glühten; und da La Soeur Première, weit entfernt mit einer einzigen Handbewegung, wie sie's konnte, die kecken Palast-Revolutionäre in ihre Arbeitsstuben zu jagen, lächelnd alles geschehen ließ, so war's kein Wunder, wenn geschah, was nun folgte.
Monsieur l'Abbé saß noch immer auf seiner Tigerdecke und las noch immer Liguori, Theologiae moralis libri sex. Er hatte ja schon längst gefrühstückt. Und bei der Morgenandacht pflegte er auch nicht zu erscheinen. Nun fing es plötzlich außen an seiner Thüre, die zum Corridor führte, zu summen und zu brodeln an; es war ein Klirren, als wenn ein Hagelwetter von kleinen Zähnen sich da draußen zu üben begänne; und ein Wetzen von Röcken und Schürzen, und ein Schlürfen von jungen, kleinen Schuhsohlen, und ein Stumpen, Drücken, Gilfen, Kichern und Pst!-Rufen. Monsieur kannte das Geräusch: Wenn 30-40 Mädchen an einem heißen Sommertag Mittags um 2 Uhr sich vor seiner Thüre hinpflanzten und lärmten, bis er aufmachte, und dann die ganze Cohorte mit gefalteten Händen vor ihm in's Knie sank mit dem Ruf: "Wir bitten um Hitzvakanz!!"—Aber es war ja gar nicht heiß. Und auch nicht zwei Uhr, sondern neun Uhr. Kein Mensch konnte auch wissen, ob es heiß werde.