Monsieur las noch immer und hatte den rechten Zeigefinger rings um den Nasenhöcker gelegt. Er pflegte gern sein moralisches Frühstück mit Liguori oder Thomas d'Aquino bis 10 oder 11 Uhr auszudehnen. Jetzt aber stand er auf, als vor dem Gestumpe die Thüre einzubrechen drohte. Er ging hin, macht auf: und der ganze Haufe junger Mädchen, mit ihren grauen Arbeitsschürzchen umgebunden, an den Schultern weiße Tüllpuffen, die wilden Haare unter delicatem Chamois-Häubchen versteckt, stürmte herein, schrie durcheinander, voll Entrüstung, beugte sich vorwärts, spreitete die Hände auseinander, um sie dann zusammen zu patschen, und was Monsieur aus dem Tumult verstehen konnte, waren nur die Namen Henriette und La Maitresse. La Maitresse nannten die Mädchen mit einem von ihnen eingeführten Namen Alexina, die in der letzten Zeit einige Lehrstunden bei den jüngeren Classen erhalten hatte. La Maitresse blieb dann für Alexina, wurde allgemein acceptirt, und schien für dieselbe in glücklicher Weise ihre zukünftige Stellung im Kloster anzudeuten. Jetzt aber sollte dieser Ausdruck plötzlich eine unerhörte Wendung bekommen. Also immer nur Henriette und La Maitresse war es, was Monsieur verstehen konnte. Endlich gebot der Abbé Stillschweigen, und frug eines der ältesten Mädchen, was vorgefallen. Nun kam es denn heraus: Man habe Henriette, die Nichte von Madame, mit Alexina, ihrer intimen Freundin, heute Morgen beim Aufstehen, im Schlafsaal der älteren Mädchen, Hände und Körper verschlungen, in einem Bett, dem Alexina's, schlafend gefunden; Henriette's Bett, das in einer ganz anderen Reihe stehe, sei leer gewesen; eines der älteren Mädchen, welches zufällig und wegen eines bestimmten Bedürfnisses etwas vor der Zeit aufgestanden, habe die Beiden liegen sehen; sei aber fortgegangen; bei ihrer Rückkehr seien sie aber immer noch so gelegen; nun habe sie andere Mädchen geweckt; die seien herbeigekommen, hätten mit Staunen dasselbe gesehen; durch das Geräusch und Kichern seien andere aufgewacht; schließlich sei der halbe Schlafsaal um die beiden Schläfer versammelt gewesen; nun habe man ihnen die Bettdecke weggezogen; habe Gräßliches gesehen; Alexina und Henriette seien erwacht und kreischend auseinander gefahren.—Alle Mädchen hatten sich zuletzt an dem Referat mit glühenden Gesichtern beteiligt. Jetzt entstand eine Pause; und als Monsieur, der noch immer sein Liguoribändchen mit eingeschnapptem Finger in der linken Hand, und den rechten Daumen in einem Knopfzwischenraum seiner Soutane eingehakt hatte, sich nur mit einem ruhigen "Eh b'ien?" vernehmen ließ, als wollte er sagen: Nun, und was ist jetzt?—stürzten die jungen Fratzen mit aufgehobenen Händen auf ihn zu, und riefen fast wie aus einem Munde: "Mais c'est honteux! c'est terrible ça! c'est sale! Enfin c'est tout ce que vous voudrez!"—Die jungen Zöglinge durften wohl in dieser Weise sich vernehmen lassen, ohne die ungeheure Distance, die sie von ihrem Vorstand und Priester trennte, zu verringern. Monsieur hatte so zu sagen einen breiten Buckel, auf den die jungen Fäustchen auch gelegentlich herumtrommeln durften. Und wenn er auf der einen Seite faktisch für die 80 oder 100 strengreligiösen Mädchen so gut als wie le bon Dieu war, so war er dafür doch auch wieder le bon père, der auch das in dieser hohen Stellung liegende Wohlwollen zum Ausdruck brachte; und gar in weiblichen Dingen durften die Mädchen ihre Ansichten mit den ihnen eigenthümlichen extremsten Wortformen, und unter Aufwand einer großen Dosis Pathos, zum Vortrag bringen. Auffallend war dem Abbé, daß auch die größeren Mädchen sich eingefunden hatten, und mit verlegenen Gesichtern dortstanden.—Jetzt ging die Thüre auf, und la Soeur Première kam mit einem verstörten Gesicht, welches vielleicht etwas übertrieben war, herein, fiel dicht vor dem Abbé auf die Kniee (das war eine übliche, pathetische Klosterform), bedeckte ihr Gesicht mit ihren Händen und theilweise seiner Soutane, und rief schluchzend "oh Monsieur, c'est honteux!"—Was es denn gebe,—beruhigte der Abbé, und hob die erste Schwester, der er sehr gewogen war, auf Henriette und Alexina,—hieß es nun,—seien verschwunden, seien weder zur Andacht noch zum Frühstück gekommen. Dies, und allerlei Flüsterungen, die man jetzt im Kloster hören könne, ließen auf ein ungewöhnliches, schweres Verschulden schließen.—Nun drängten sich weitere Mädchen durch die halbgeöffnete Thüre, und brachten andere Neuigkeiten, die sie von den Mägden erhalten haben wollten. Draußen, durch den geöffneten Thürspalt, sah man die schadenfrohen Gesichter der Dienstmägde, horchend, ob ihre Referate richtig überbracht werden: Alexina sei gefunden, sie kaure im Hemd droben auf dem Boden, und weigere sich herunterzugehen, wenn ihr nicht Kleider gebracht wür den. Auch Henriette sei jetzt gefunden; sie war, ebenfalls unbekleidet, zuerst in die Vorrathskammer geflohen, und, als die Beschließerin sie dort entdeckt, hinauf zur Superieure gesprungen. Madame habe dann die Kleider ihrer Nichte hinaufbefohlen. Ferner wurde constatirt, daß das Bett von Henriette die Nacht über überhaupt nicht benutzt worden war, da es jetzt noch gänzlich unberührt stehe. Andere Mädchen fuhren jetzt sofort dazwischen, Henriette sei oft gesehen worden in aller Herrgottsfrühe ihr Bett absichtlich verrammeln, und dann sich ankleiden; es müsse demnach vorher unberührt gewesen sein; denn Niemand verkrümple sein Bett im Moment des Aufstehens aus demselben.—In diesem Moment ging die zweite Thüre, die in Monsieur's Zimmer führte, auf, und Madame la Superieure trat herein. Alles wich halb ehrfurchtsvoll, halb wie ertappt, zurück. Nur la Soeur première blieb standhaft stehen, und maß la Superieure mit einem festen Blick. Aus diesem Blick und ihrem Widerprall aus Madame's Auge konnte ein Kundiger jetzt schon die ganze Situation erkennen; und Monsieur l'Abbé, wenn er scharfsichtiger gewesen wäre, konnte bereits sehen, daß die ganze dumme Schäfer-Liebelei zwischen Henriette und Alexina, um die es sich augenscheinlich handelte, nur ein Gelegenheitsfeld war, auf dem die beiden Damen sich maßen, und daß Henriette, die Nichte von Madame, wenn der Feldzug richtig geführt, offenbar die Flanke abgeben würde, von der aus, unter Aufdeckung des verdächtigen Lebenswandels von Madame, die Schwäche ihrer Stellung gezeigt, und sie selbst aus dem Feld geschlagen werden könne.—Madame schien entrüstet und überrascht, was die Zöglinge alle hier wollten; ob denn der jüngste Tag anbreche; Alle sollten unverzüglich in ihre Unterrichtsstunden. Mit einem Wink stob die ganze Menge auseinander. Scheinbar gütig ermahnte sie dann La Soeur première, die Zügel der Klosterordnung doch nicht in die Hände der rauflustigen, ausgelassenen Mädchen gleiten zu lassen. Sie habe gehört, was vorgefallen. Es sei nicht der Rede werth. Natürlich müsse eine kleine Disciplinirung stattfinden. Aber im Kloster Douay deswegen alles zu oberst und zu unterst kehren, sei unerhört. Sie mache la Première für die fernere Ordnung während des Tages verantwortlich.—Mit einem kleinen "C'est bien!" verließ die Première das Zimmer, und Madame und Monsieur waren nun allein.—Der Abbé hatte bis jetzt gar nichts entschieden. Er liebte es, stummer Zuschauer zu sein, und die Thatsachen in seinem Kopfe zu registriren. Auch jetzt ergriff er nicht das Wort, sondern wartete, daß Madame sprach.—Das sei ja eine grauenhafte Geschichte,—meinte diese, und zeigte erst jetzt ihre große Besorgniß—nicht die Sache selbst, sondern die Aufregung, die sie hervorgerufen. Daß selbe solche Dimensionen annehmen konnte. Das sei ja, als wenn der Teufel der ganzen Klostertracht in die Glieder gefahren wäre.—Monsieur machte eine abwehrende Bewegung und schlug drei Kreuze in die Geste hinein.—Ach was!—meinte Madame,—es sei ein großer Fehler gewesen, die Sache soweit kommen zu lassen. Die Schwestern hätten nicht ihre Schuldigkeit gethan. Sie verlange die Bestrafung von la Première, am besten deren Versetzung in ein Schwester-Kloster.—La Première,—wehrte Monsieur ab, der sie sehr gern mochte,—sei als Lehrkraft unentbehrlich für das Kloster. Wer solle sie, nur im französischen Stil, ersetzen. Abgesehen von ihren Qualitäten als Aufsichts-Person. Nein! der Fehler sei, daß weder er, noch sie, Madame, jemals bei der Andacht noch beim Frühstück anwesend seien. Dann hätte man die Affaire, die schon seit früh 6 oder 7 spiele, rascher entdeckt. Um 9 Uhr war der Bienenschwarm schon ausgeflogen.—Madame aber blieb dabei, die Schwestern hätten das Unglück angerichtet. Kinder mit 15, 16 Jahren kämen nicht von selbst so weit.—Aber, was Monsieur weit mehr interessirte, war der moralische Theil der Geschichte. Ob es denn etwas Häufiges sei, daß Mädchen so zusammen im Bett lägen.—Gewiß, die Kleinen spielten ja wie die Katzen.—Aber Henriette sei doch fast 17, und la Maitresse gehe in's 18te, und unterrichte schon die Jüngsten.—Allerdings, aber das Freundschaftsband zwischen Beiden sei ein außerordentlich enges.—Ob diese Mädchenfreundschaften sich so sinnlich äußerten? meinte der Abbé.—Zuweilen, ja! Von dieser Ausdehnung habe sie allerdings keine Ahnung gehabt; aber wohl schon gehört; in keinem Fall sei etwas Schlimmes dabei; es seien ja Beides Mädchen, jung, feurig, phantasievoll.—Abbé machte eine Handbewegung, als lange die Erklärung nicht, und wandte sich zu den Bücherständen am Fenster.—In jedem Fall—meinte Madame im Weggehen, sei die junge Brut wieder in ihren Käfigen. Sie wolle jetzt rasch Anordnungen geben, daß Alexina und Henriette bei Tisch erschienen, als sei nichts vorgefallen. Es dürfe keine Separation der zwei jungen Sünderinnen stattfinden. Noch könne Alles gut gehen.—
Darin irrte sie sich. Wenn nur La Première nicht entschlossen gewesen wäre, das Eisen, das jetzt glühend, unter keinen Umständen erkalten zu lassen. Und wenn nur Monsieur l'Abbé sein moralisches Interesse aufgegeben hätte, und auf jede weitere Zufuhr von Details Verzicht geleistet!—Dieser hatte inzwischen das Dictionnaire ecclésiastique hervorgezogen und unter dem Titel "Sappho" gesucht; und als er hier nicht fand, was er wollte, suchte er unter "Lesbos"; und als ihm dies auch nicht genügte, holte er den Artikel "Tribade". Diesen nahm er mit auf's Tigerfell, und blieb über ihn wohl eine halbe Stunde.—
Für einen Moment war jetzt Alles ruhig. Aber wir können dem Leser keine Zeit zu einer Pause geben. Er muß die ganze Skandal-Affaire, so wie sie stattgefunden, in den paar Stunden des Nachmittags mit uns durchhetzen. Er muß durch diesen Hexen-Breughel eines Kloster-Interieurs wie im Flug mit uns durchsausen. Zum Erblicken von Details ist sowieso keine Zeit. Aber auch nicht zum Verhalten und Ausschnaufen.
Es bestand eine Kloster-Verordnung, wonach jeder einzelne Zögling sich zu jeder Zeit entweder zum Abbé oder zur Superieure melden durfte, um ein Anliegen, eine Beschwerde vorzubringen. Dies war ein Paragraph, der zu Gunsten der Eltern und Angehörigen aufgenommen worden war, um diesen die denkbar größte Sicherheit gegen mißbräuchliche Gewalt-Anwendung bei ihren Kindern von Seite der subalternen Organe zu geben, der aber bei der humanen und fast patriarchalischen Kloster-Zucht wohl niemals in Anspruch genommen wurde. Diese Verordnung scheint durch La Soeur Première und die übrigen Schwestern den Kindern und Zöglingen neu in Erinnerung gebracht worden zu sein; denn als um 10 Uhr die Mädchen aus ihren respective Classen entlassen wurden, um während der nächsten Viertel-Stunde ein Stück kräftigen Schwarz-Brods zu verspeisen, sammelte sich wieder der gleiche Schwarm vor Monsieur l'Abbé's Thür an, wie nach dem Frühstück, und wieder mahnte ein Wetzen, Stampfen, Flüstern, Klirren, Schaben und Kichern den nachdenklich in seinem Zimmer auf-und abgehenden, Sappho's Liederbuch in der Hand eingeklemmt auf dem Rücken tragenden, Abbé an neue Ereignisse moralischer Natur. Dieser Fall war ganz nach seinem Geschmack. Er wollte wissen, wie weit die an sich sündhafte Natur unschuldige Mädchen zu sinnlichen Exercitien treibe, in denen zweifellos der Teufel, wenn auch in milder Gestalt, seine Hand im Spiel habe, und was für moral-theoretische, und disciplinär-praktische Fragen und Einwürfe sich daran knüpften. Von hier dann einen kühnen Sprung hinüber zur Antike, wo, zu einer Zeit, da der Fürst der Hölle noch nicht an Ketten gebunden, frei sein sündhaftes Spiel treiben konnte, und in der Form des "Tribadismus" die Weiber der Heidenwelt in rettungslos sündhafte Bande verstrickte; von welchen jetzt noch, im 19ten Jahrhundert, ein kleiner Rest, eine Faser, sogar in den Klöstern zum Vorschein komme, und von der noch immer nicht ganz gedämpften Macht des Bösen Zeugniß ablege. Et cetera. Et cetera. Dies war der Gedankengang Monsieur's, der ihn ganz beschäftigte, und in dem die diplomatischen Mahnungen von Madame von vorhin, die Sache nicht um sich greifen zu lassen, längt untergegangen waren.—Und somit öffnete der Abbé schnell die Thüre, die auf den Corridor führte, und ließ die sämmtlichen Mädchen, die mit heißen Lippen und ungegessenem Brod dortstanden, herein, die Thüre darauf schließend.—Kinder,—sagte er,-nur um das Eine muß ich bitten: Eine nach der Andern, und: Nicht zwei dasselbe erzählen! Und nun kam ein ganzer Lavastrom der ungeheuerlichsten Dinge heraus, die die Mädchen in der letzten Stunde statt Schönschreibens, Geschichte, Memoriren, Rechnen und dergl. aus ihrem Gedächtniß mit Hülfe der Aufsicht-übenden Schwestern geboren hatten: Schon lange habe man eigenthümliche Dinge zwischen La Maitresse und Henriette vor sich gehen sehen; immer steckten sie beieinander in einem dunklen Winkel, und zischelten, und flüsterten; des gegenseitigen Küssens sei kein Ende gewesen; wenn sie in einer Klasse von einander entfernt gesessen, hätten sie "Augenschmeißen" und Handzeichen gewechselt; es sei unerhört, wie die Zwei einander nachliefen und ineinander "verbacken" seien, wie zwei Kletten, nicht mehr zum Losreißen.—Eine andere Gruppe: La Maitresse sei ein absonderliches Wesen und habe Dinge an sich, wie kein anderes Mädchen. Nie sei la Maitresse mit den Andern zum Baden gegangen; sondern unter irgend einem Vorwand zu Haus geblieben; sie habe sich stets gescheut, in Gegenwart anderer Mädchen ein natürliches Bedürfniß zu verrichten; dagegen habe man sie oft mit Henriette allein auf dem lieu d'aisance kichern hören; Henriette sei überhaupt im letzten halben Jahr nie in ihrem Bett geschlafen, sondern stets hinüber zu Alexina gegangen, nur sei sie sehr früh aufgestanden; Alexina, das ist la Maitresse, trage keine Mädchenhosen, sondern absonderliche Beinkleider, die an der unrechten Stelle den Schlitz hätten; ihr Corset sitze nicht; sie sei auch so knochig; und gehen thue sie, wie gar kein Mädchen; kurz la Maitresse sei eine ganz merkwürdige Person; und deswegen könne sie auch Dinge, die andere nicht könnten, und sei gescheidter, als Alle miteinander.—Wieder eine andere Gruppe, darunter eine Schlafnachbarin von Alexina: Henriette und la Maitresse hätten sich im Bett, wie sie gehört, obwohl sie sich schlafend gestellt, oft leidenschaftlich geküßt, umschlungen, und sich ma bien aimee! genannt; als man heute morgen in Gegenwart vieler Mädchen den Beiden die Decke weggerissen, seien sie mit den Füßen durcheinander geschlungen gewesen, und mit einem großen Theil des Körpers gänzlich entblößt; auch habe Alexina grobe Glieder, und Haare an den Beinen wie der Teufel.—Diese letzte Wendung, die mit einem eckelnden "Äh!" von dem ganzen Chorus der Mädchen begleitet war, tadelte der Abbé, da es unsicher sei, ob und wie stark der Teufel an den Beinen behaart sei; dies auch kein Gegenstand der Untersuchung für junge Mädchen abgeben könne.—Ein einzelnes, schon zu den älteren gehöriges, Mädchen deponirt: sie habe Mademoiselle Alexina gesehen, wie sie Henriette unter die Röcke gelangt habe, welches diese, obwohl sie heftig erröthet sei, habe geschehen lassen; als sie aber ihrer ansichtig geworden, seien sie unter Lachen hinweggesprungen.—Ah, c'est degoûtant!—riefen alle Mädchen, c'est degoûtant!—Endlich sagte noch eine der älteren Schülerinnen: sie glaube überhaupt nicht, daß Alexina ein Mädchen sei; sie sei viel zu gescheidt, und wisse fast Alles; sie sei auch gar nicht sanft, wie andere Mädchen, sondern wild und hart; sie glaube Alexina sei ein böser Geist in Mädchengestalt, der eines Tags unter Gestank und Gepolter plötzlich verschwinden werde.—Dieß Alles und noch viel mehr hörte Monsieur ruhig an; sagte dann den Mädchen, sie sollten gemessen in ihre Stunden gehen, Alles würde genau untersucht werden; inzwischen möchten sie la Première suchen und ihr sagen, zu ihm zu kommen.—La Première! La Première!—riefen die Mädchen freudig durcheinander, und stürmten dann wild hinaus.—
Während diese wichtigen Verhöre und Aussagen in Monsieur's Arbeitszimmer statt hatten, schien Madame in ihrem II. Stock schon wieder ihr ganzes Wohlbehagen gefunden zu haben. Wenigstens kam sie nicht herunter, um über die fernere Kloster-Ordnung sich zu informiren. Und ihre treuen, dienenden Geister, die sonst sofort mit einem Sprung, und noch diesen Morgen bei ihr oben waren, um ihr die letzte Neuigkeit mit einem zischelnden Triumphiren in's Zimmer zu rufen, schienen plötzlich alle mit einem gewissen Ratteninstinct zur Partei der Soeur Première übergetreten zu sein. Und so blieb die stolze und bis jetzt allmächtige soi disant Äbtissin oben bei ihren Romanen und Cigaretten, und hatte keine Ahnung von allem, was da unten vorging, und, wie sie eigentlich schon excludirt war.—Im Nebenzimmer bei ihr saßen, wohl etwas stumm und in sich gekehrt in Folge der zweifellos erhaltenen Vermahnungen und Androhungen, aber im Uebrigen auffallend frisch und erholt, Henriette und Alexina. Henriette, ein prachtvoll hübsches Mädchen, mit jener unbekümmerten Nonchalence, die ein so obsiegendes Moment, wie strablende Schönheit mit sich bringt, und im Bewußtsein ihrer Unangriffsfähigkeit, als Nichte von Madame, hatte sich ihre schönste Creme-Toilette holen lassen, und saß dort, heiter und zu allem aufgelegt. Ganz anders Alexina; nicht nur war ihre Zukunft unsicherer im Falle eines Fehltritts; sondern sie hatte auch ein gewisses Bewußtsein der Sachlage; und wenn sie auch ihr Verhältniß zu Henriette als ein harmloses, unschuldiges, berechtigtes auffaßte, so hatte sie doch, schon durch ihre fromme Erziehung, ein scharfes Urtheil für das, was sich für sie, die schon halb Lehrerin war, nun einmal nicht paßte, und empfand das moralisch Bedenkliche des Vorgefallenen wie einen heftigen Stich in ihrem Innern. Daneben aber kam doch ein gewisses triumphirendes Gefühl in ihren Augen zum Ausdruck, darüber, daß sie mit ihrem starken Willen alle Hindernisse, die sich ihrer Neigung zu Henriette entgegengestellt, siegreich überwunden, und daß die Freundin mit allen Fasern ihres Seins nach wie vor an sie gefesselt war.
So kam das Mittagessen herbei. Dies war die einzige Gelegenheit, bei der alle Kloster-Insassen mit Ausnahme der Mägde, vereinigt waren. Wie ein plappernder Prozessionszug ergoß sich die Schaar der aufs Höchste erregten und vor Neugier fiebernden Mädchen in die geräumigen Hallen des alten Kloster-Refectoriums. Und nun geschah das Unglaubliche: Als Madame in Begleitung von Henriette und Alexina den Speisesaal betrat und die zwei Mädchen ihre gewohnten Mittagsplätze einnehmen wollten, fuhren die Zöglinge, und besonders die ganz jungen, 14-und 15jährigen, wie von einer plötzlichen Panik ergriffen, kreischend und Abscheu ausdrückend, vor den zwei Sünderinnen, besonders aber vor Alexina, zurück, welch' letztere als 'la Maitresse' gleichzeitig die Aufsicht an einem Tisch ganz junger Zöglinge führte. Die Soeurs im Habit machten nicht die geringste Miene die Scene zu ändern; und als Madame mit einer drohenden Miene, und, als wolle sie die Mädchen zu ihrer Ordnung zurückführen, hinüberrief, "Qu'est-ce que ça veut dire!" entstand eine solche Aufregung und Zusammenrotten, von dem schließlich auch die älteren Zöglinge ergriffen wurden, daß man jeden weiteren Widerstand aufgab, und die beiden Mädchen ihrem Schicksal überließ. Diese ganze Wendung hatte die scharfsichtige Alexina mit einem einzigen Blick aus Madame's Gesicht abgelesen, und im nächstfolgenden Moment ihren Entschluß fassend, eilte sie, die beiden Hände wie zur Abwehr vor sich streckend, im Sturmschritt zum Saal hinaus. Die Zöglinge wichen wie vor der Pest vor ihr zurück, und ließen sie durch. Und aus der Menge hörte man unter verschiedentlichen Athmungs-Erleichterungen und staunenden Interjectionen den präcisen Ausruf: "Ah, tenez, le diable!"[1]—"Le diable! Le diable!" klang es beistimmend durch alle Reihen. Und in der That, wenn man das scharfgeschnittene, knochige und edelgebaute Gesicht Alexina's mit den leuchtend schwarzen Augen und den drohend zusammengewachsenen Augenbraunen in Betracht zog, dann hatte dieser Ausruf etwas in der Phantasie der Kinder Berechtigtes. Aber kaum war Alexina verschwunden, so sah man Henriette, die sich im ersten Moment der Ueberraschung zu Madame geflüchtet, eine Zeit lang wirr umherschauen, um dann plötzlich, von einem ähnlichen Entschluß gepackt, sich durch die Mädchen zu drängen und ebenfalls hinauszueilen.—"Voilä sa fiançee!"[2] rief wieder eine einzelne Stimme. Und "le diable et sa fiançee!" ging es jetzt besonders bei den Jüngeren wie etwas Selbstverständliches von Mund zu Mund. Und ganz von selbst begab sich jetzt Alles zu Tische und die Mägde begannen aufzutragen.—Die Masse hatte obgesiegt, und Monsieur und Madame sahen jetzt erst, welche Dimensionen dieser Fall angenommen, und was die kleine Schlafscene im Saal der älteren Zöglinge heute Morgen innerhalb wenigen Stunden in den Köpfen der erregbaren Mädchen angerichtet. Und die scharfen, von der Saaldecke zurückgeworfenen Laute von "la Mäträsse!" und "la Prämiäre!" und "Aläxina!" und "la Fianßä!", welche die jungen Zähnchen zerknitterten und zerbissen, und die wie Schmeißmücken während des Essens durch den Saal schwirrten, bewiesen, daß von einem Zurückdämmen jetzt keine Rede mehr sein konnte. Jetzt konnte das Kloster und seine Intaktheit nur durch offene, strenge, disciplinäre Behandlung des Falles gerettet werden.
Unter großer Erregung war man nach dem Mittagessen auseinander gegangen. Monsieur und Madame hatten, zurückgeblieben, einige Worte miteinander gewechselt. Eine Magd, die oben im II. Stock bediente, kam und brachte La Superieure eine leis vorgebrachte Meldung. Inzwischen wartete La Première an des Abbé Thüre. Er hatte sie ja schon vor dem Mittagessen rufen lassen. Sie komme gerade recht,—meinte er—er müsse mit ihr gründlich sprechen. Sie gingen zusammen hinein, und Monsieur ging mit auf dem Rücken gekreuzten Händen längere Zeit erregt auf und ab. Die Sache war jetzt doch auch ihm über den Kopf gewachsen. Er fürchtete nicht nur für den Ruf und Besuch des Klosters. Er fürchtete, sein nächster Vorgesetzter, der Erzbischof von Rouen, könnte die Sache schlimm aufnehmen. Trotzdem war der Moralist und exegetische Spürhund in ihm noch nicht zum Schweigen gebracht. Der Fall war ja ganz großartig, ganz mittelalterlich. Gott! wenn Sanchez den Fall gekannt hätte! Was hätte der draus gemacht! In seinem Sensorium repetirten immer noch die Laute "le diable et sa Fianßä!—le diable et sa Fianßä!" Nein, er war wirklich stolz auf seine Zöglinge über diese Wendung.—Die Correction der Angelegenheit—begann er dann zu la Première, und blieb vor ihrste hen,—scheide sich in zwei Theile: einmal die Beruhigung der Kloster-Insassen und moralische Festigung derselben; und zweitens die Aufklärung des Falles selbst und Bestrafung der Maleficanten, rücksichtslos der Stellung, die sie einnähmen, und rücksichtslos von Madame la Superieure. Dies letztere betonte der Abbé, und machte damit La Première, der er so wie so sehr wohlwollte, zu seinem festen Bundesgenossen. Was den ersten Theil der Aufgabe angehe, so hätten die Zöglinge nach Ablauf des mittägigen Interstitiums in ihren Classen zu bleiben und sich mit den Unterrichtsgegenständen abzugeben. Was den zweiten Theil, die Aufklärung des räthselhaften Falles selbst anlange, so wünsche er von La Première die Grenzen des Schmeichel-Verkehrs zu wissen und der unanständigen Griffe und Betastungen, die unter Mädchen vorkämen; ob selbe z.B., die Betastungen, in der Beichte gemeldet würden; ob selbe im jugendlichen oder auch im reiferen Alter, wie dem Alexina's, vorkämen; was sich die Mädchen dabei dächten; ob es eine innere Stimme, oder eine Versuchung von außen sei, et cetera, et cetera.—Die Sache—fügte Monsieur voll Eifer hinzu—habe auch wissenschaftlich und moraltheologisch die höchste Bedeutung.—Aber la Première, die erst kurz über die 30er war, senkte ihr bleiches Gesicht auf das Skapulir, kreuzte die Hände über die Brust, und schwieg.—Mon Dieu!—sagte der Abbé und wurde etwas unwillig,—wenn sie nicht spräche, müsse er sich an la Superieure wenden. Dies wirkte. Monsieur möge fragen,—meinte sie sie sie werde dann antworten, so gut sie's vermöchte.—Dieser Modus convenirte: "Ob junge Mädchen gewohnheitsgemäß beieinander schliefen?"—"Nicht gewohnheitsgemäß, aber häufig."—"Zu welchem Zweck"—"Viele der Kleinen fürchteten sich allein zu schlafen."—"Ob es hier zu Berührungen käme?"—"Zu den unvermeidlichen!"—"Ob selbe sinnlicher Natur seien?"—"Bei den größeren sei dies nicht ausgeschlossen; diese schliefen aber seltener zusammen;"—"Kämen Ineinanderschlingungen und Umarmungen bei solchen Zusammenschlafungen vor?"—"Hätte sie nie beobachtet; doch gäbe es kindlich und weichherzig angelegte Mädchen, die auch Tags über, und in den Kleidern, ihre Freundinnen umhalsten, abküßten und herzten."—"Ob sie, la Soeur Première, dies unter Umständen für teuflische Eingebungen halte?"—"Unter keinen Umständen!"—"Wem sie es zuschreibe?"—"Der Gemüthsanlage; dem Temperament!"—"Ob die nicht durch die Erbsünde befleckt?"—"Allerdings; doch den Unterschied zu finden zwischen dem was menschlich und was teuflisch in unserer Natur, müsse der Weisheit von Monsieur leichter fallen, als ihr!"—"Ob es gewöhnlich sei, daß Mädchen sich gegenseitig unter die Röcke langten?"—"Langen, gewiß nicht, aber schauen!"—"Das gehe doch nicht!"—"Bei den Kleinen wohl, die noch kurze Kleider tragen, wenn sie z.B. die Stiege hinaufgingen!"—"Was damit bezweckt werde?"—"Die Mädchen seien neugierig, was ihre Kameradinnen trügen, ob sie nachlässig in der Wäsche seien; sie liebten es, sich gegenseitig auszurichten; entdecke die Cecile z.B. bei der Claire ein defectes Unterkleid, einen nicht gestopften Strumpf, so erzähle sie bei ihren Freundinnen, Cecile trage zerrissene Unterröcke, durchlöcherte Strümpfe. Erfährt dies wieder Claire, so erzählt sie ihrerseits herum, Cecile schaue Allen unter die Röcke. Das sei Mädchengebrauch und bavardage!"[3]—"Ob dies bei älteren, wie Alexina und Henriette, auch vorkäme?"—"In anderer Form; und dann aus Interesse für die Toilette!"—"Ob es hier zu Berührungen käme?" "Zu den unvermeidlichen!"—"Ob ein directes Berühren der Körpertheile der Andern dabei beabsichtigt sei?"—"Viele Mädchen brüsteten sich mit der Schönheit, Vollkommenheit ihrer Formen; andere wollten sich davon überzeugen, und so käme es zu gegenseitigen Untersuchungen!"—"Ob sie glaube, daß dies das Produkt teuflischer Anreizungen sei?"—"Sie können dies nicht entscheiden! übrigens trügen ja die Mädchen bei solchen Gelegenheiten immer noch Hüllen von Parchent, Shirting, Mouslin um sich!"—"Mouslin-, Tüll-, Mull-Stoffe, das sei gerade das, was der Teufel besonders liebe!"—"Dann sei allerdings die Gefahr sehr groß;—meinte la Première—und Henriette habe einen solchen Ueberfluß von kostbaren und feinen Toiletten!"—Damit war die Unterredung zu Ende. Der Abbé war wieder so weit wie vorher. Was er wissen wollte, ob der Verkehr Henriettes und Alexinas eine teuflische, sinnliche Anreizung, die mehr oder minder in das Bereich des Tribadismus falle, oder ob es nur der excessive Ausdruck einer leidenschaftlich freundschaftlichen Seelen-Uebereinstimmung der beiden Mädchen gewesen, das konnte ihm la Première nicht sagen, weil sie es selbst nicht wußte, und weil Erfahrungen auf diesem Gebiet überhaupt sehr rar waren. Aber im ersten Fall war Monsieur entschlossen, daß La Maitresse trotz ihrer sonstigen guten Qualification gefaßt werden müsse, ebenso wie Henriette entfernt; im zweiten Fall war nur ein Repriment nothwendig.
Inzwischen waren Henriette und Alexina oben bei Madame geblieben, wo nicht minder leidenschaftliche Gespräche stattgefunden hatten. Zum Nachmittag-Café kam la Superieure herunter zum Abbé. Sie erklärte, es müsse etwas zur Rettung des Rufes des Klosters dem Landesadel gegenüber geschehen. Die Briefe der Mädchen könne man ja inhibiren; aber bei den sonntäglichen Besuchen, wo einzelne Zöglinge von ihren Eltern im Wagen abgeholt würden, werde die Sache doch ruchbar, und dann entsprechend aufgebauscht und entstellt.—Monsieur trug seine moral-theologischen Unterscheidungen und Bedenken vor, von denen einzig und allein der Ausgang des Falles abhänge.—La Superieure erwiederte etwas gereizt: von wissenschaftlichen Spitzfindigkeiten verstände die Welt draußen so viel wie sie; zunächst handle es sich um Abschneidung aller weiteren Controversen; sie gedenke die beiden Mädchen für's erste auf einige Zeit aus dem Kloster zu entfernen.—Dem widersprach sehr ernst der Abbé; damit gestehe man eine Schande zu, bevor sie erwiesen. Er wünsche in jedem Falle Alexina zu verhören.—Das könne er—meinte Madame piquirt—inzwischen werde sie ihre Nichte, um sie weiteren Beschimpfungen zu entziehen, beim Pfarrer des Dorfes unterbringen;—und verließ ohne eine Antwort abzuwarten das Zimmer des Abbé.—
Wenige Minuten darauf betrat la Maitresse mit verweinten Augen das Zimmer von Abbé, warf sich ihm zu Füßen, und fing zu schluchzen und zu weinen an.—Ah Mademoiselle, begann der Abbé, Sie haben dem Kloster jetzt schon einen großen, unberechenbaren moralischen Schaden zugefügt, und ich fürchte, Sie haben eine noch weit größere Sünde auf dem Gewissen.—Mon pere—fiel Alexina mit großem Nachdruck ein, und sah den Abbé mit großen, glänzenden Augen an,—meine Liebe zu Henriette ist rein wie der Schnee auf dem Hebron; meine Gefühle sind wie Tauben, die nichts vom Argen wissen!—Diese Sprache überraschte den Abbé nicht wenig, der in seiner sublimen Art für poetische Wendungen nicht unempfindlich war. Trotzdem kam ihm diese ideale Verwahrung im Zusammenhalt mit all' den bekannt gewordenen Schlüpfrigkeiten wie die Faust aufs Auge passend vor. Und so konnte er sich nicht enthalten hinzuzufügen: Aber wie steht es mit den Berührungen, Umarmungen, Untersuchungen zwischen Ihnen und Henriette?—Ah, mon père,—fiel Alexina wieder mit dem Ton des vollsten Gefühl-Enthusiasmus ein—ja, ich bewunderte Henriette's Erscheinung, ihren Körper, ihre Augen, ihre Haare, ihre Stimme, ihren Gang, kurz Alles, Alles, ihre Strümpfe, ihre Schuhe, Alles was sie war und was sie trug, weil ich selbst so gar nichts bin, und nichts habe, und nichts gleich sehe; und ebenso bewunderte, glaube ich, Henriette meinen Geist, meine Energie, meine Kenntnisse, enfin, das Bischen, was ich von Gott bekommen habe: meine Seele; und gewiß berührten wir uns, wo es nur möglich war, wo es nur geschehen konnte; sie meine Seele; ich ihren Körper; oh, mit einer Inbrunst, mon père, wie sich nie zwei Mädchen geliebt haben; und Inbrunst, mon père, ist doch in der Freundschaft, in der Liebe erlaubt, wie im Gebet, in der Reue, in der Verehrung zu Gott.—Hier war der Abbé doch paff. Dieses Mädchen war stärker, als er.—Und niedrige, unziemliche Empfindungen und sündhaftes Verlangen kam nie in Eure Seele, ma fille?—frug nochmals der Abbé eindringlich.—Nur die Begeisterung Begeisterung rief Alexina, und streckte beide Arme mit Enthusiasmus empor,—nur die Begeisterung, die Gott selbst in unsere Seele gepflanzt.—C'est bien! sagte nun der Abbé, und hob das Mädchen auf, das noch immer auf den Knieen lag; c'est bien, wir hoffen, daß sich noch Alles zum Besten wenden wird. Gott wird Deine Seele auch ferner bewahren.—Alexina ging wieder hinauf zu Madame; und nun schien Alles eine befriedigende Wendung zu nehmen.—
Aber schon um 4 Uhr kam la Première, und brachte ein Paquet Briefe, welche man Henriette, als sie in höchst geheimnisvoller Weise ihr Schreibfach ausleeren wollte, um es mit zum Pfarrer zu nehmen, abgenommen. Die Briefe zeigten die Handschrift Alexinas, und es sei vielleicht zu erwarten, daß ihr Inhalt zur Aufklärung über das Verhältniß von la Maitresse zu Henriette beitrage.—Monsieur öffnete die Briefe, und las, und las, und merkte nicht, wo er war. Er las diese Briefe, wie er Liguori oder die Kirchenväter las. Monsieur war viel zu fein, zu geschult, zu classisch und zu rein geistiger Mensch, um den kostbaren Aether, der aus diesen heißen Lettern emporstieg, nicht zu erkennen, sich an ihm zu berauschen. Das war also der gute, französische Stil, der an Alexina bewundert wurde, und der sie in erster Linie als Lehrerin qualifizirte, wenn nicht zur Schriftstellerin; und aus diesen leidenschaftlichen Ergüssen an Henriette ist er hervorgewachsen; aus einer schließlich doch weltlichen Neigung. Und Alexina berief sich immer auf Gott! Da fand sich in einem Brief folgende Stelle: "Du willst vor mir fliehen, Henriette, Du fürchtest meine Augen, wenn sie am Erlöschen, und den Ton meiner Stimme, wenn sie am Ertrocknen ist. Weißt Du, daß es zu spät ist? Weißt Du, daß Du in meine Hände gegeben, wie Wachs dem Bildner? Daß Du das unglückliche Mädchen Alexina lieben mußt, weil Du so reich und ich so arm. Fürchtest Du Gott? Fürchtest Du nicht, jammervoll unglücklich zu werden, weil Du das arme Dorfkind, Alexina, das Du liebst, und das Dich anbetet, verstießest. Haben wir zusammen nicht Alles? Hat nicht jedes von uns für sich Nichts? Du siehst meine dürren, kraftlosen Arme! Hast Du nicht Arme gefüllt mit Wollust? Du streichst über meinen mageren Leib und findest meine welken Brüste! Hast Du nicht strotzende Lebensfülle und Brüste quellend wie Milch und Blut? Du mißt meine Beine und findest nur Krücken und kindliche Schwäche! Sind Deine Schenkel nicht so stark wie Marmorsäulen, und Deine Kniee zierlich wie die Eier des Rebhuhns?—Deine Seele schläft oft und Dein Gedächtniß will Nichts behalten! Hab ich nicht Kraft der Seele und kenne Dich und mich auswendig? Du bist zurückgeblieben und Deine Worte sind die eines Kindes! Bin ich nicht über alle vorgeschritten, und habe Dich mit mir gerissen. Bist Du nicht die Taube, und ich der Geyer, der auf Dich herabstößt? Bist Du nicht in meiner Gewalt? Und Du fürchtest Dich vor mir, der Dich allein erretten kann! Und willst Dich in die bestialischen Arme eines Mannes werfen, wo nur Grausamkeit, Unfläthigkeit und Gemeinheit herrscht? Bin nicht ich Dein Mann?!..."—In einem andern Brief kam die Stelle vor: "Du fliehst vor mir, und dann suchst Du mich wieder auf. Du meinst, ich wäre anders, als alle Mädchen im Kloster, und Du müßtest mich verabscheuen, weil ich Dinge forderte und Gewaltthätigkeiten verübte, die ein braves Mädchen nicht erdulden dürfe; und dann müssest Du sie doch wieder gewähren. Die Klostervorschriften, Henriette, und die sogenannten Anstandsregeln sind kein Maaßstab und Grenze für unser Empfinden. Und was wir verbrochen haben, Berührungen, und unerlaubte Küsse, und Umarmungen und Ergießungen, und was wir im Geheimen thaten, ist an und für sich nichts, ist nicht das Eigentliche, was wir wollten, war nur symbolisch gemeint, weil wir es durch Worte nicht ausdrücken konnten; wie Händefalten nur symbolisch gemeint ist für das, was im Innern vorgeht; was dahinter steckt, ist etwas ganz anderes, Unaussprechliches; was wir empfinden, Henriette, Du und ich, wenn wir uns anblicken oder an uns denken, ist etwas Unaussprechliches. Was wir thun, was gegen die Klostervorschriften verstößt, ist demgegenüber nebensächlich, nur eine Ausdrucksform, eine Art Explosion, die auch anders ausfallen könnte, die aber zufällig so ausgefallen ist. Deine Liebe zu mir, Henriette, das ist für mich Alles. Bist Du deren sicher, dann halte an mir fest. Ich beschütze Dich...."—In einem dritten Briefe hieß es "... Woher die Menschen geboren werden? Ja, wir wissen es jetzt! Weil ich Dich aufgeklärt habe! Aber ist es nicht eine Summe von Unflath, Gestank, Erbrechen, gemeines Athmen, Glotzen und scheußliche Aufführung, was drum und dran hängt, und was ihm vorausgeht? Hier sind die äußeren Thaten gräulich, und das innere göttliche Empfinden minimal. Unsere Verkehrsformen, Henriette, sind zierlich, sanft, kleinlich und minimal; aber unser inneres Empfinden, der göttliche Impuls, riesengroß! Oh, ich könnte die ganze Welt mit meinem Innern erfassen, umgreifen, aufsaugen! Und Du Henriette bist nur ein kleines, unsäglichschönes Figürchen-Ebenbild dieser Welt; ein kleiner glänzender Fisch in dem großen Meer!..."—