Mit der Lectüre dieser Briefe war es inzwischen fünf Uhr geworden. Der Abbé wußte wohl, daß er hier einem außerordentlichen Fall gegenüber stand, einem Ereigniß, einem Verhältniß, das auf Monate zurückdatire, das langsam gereift, wie ein Wespennest sich Zelle um Zelle agglomerirt hatte, zuletzt einen gewaltigen Stock gebildet, und in dem la Maitresse der eigentliche Baumeister, der Schöpfer und Angreifer gewesen, während Henriette sich auf eine mehr passive Rolle beschränkt hatte. Aber worüber sich Monsieur nicht klar werden konnte, war, wie weit die materiellen Beziehungen in dem erotischen Leben der beiden Mädchen gediehen waren, deren geistige Seite in den überschwenglichen, gefühlsenthusiastischen Briefen Alexina's vorlagen. Und, ob man hier nicht an einen höchst calculirten und versteckten Angriff des Teufels selbst denken mußte! Daß Alexina eine naive, wenn auch impetuose, auf die Echtheit ihres Gefühls in der Brust pochende, aber noch unverdorbene Natur war, darüber war kein Zweifel. Aber, was jetzt zu geschehen habe, Strafe, Ermahnung, Entfernung; Trennung der Zwei; auf ein so glänzendes Talent, wie das Alexina's verzichten; darüber konnte Monsieur zu keinem Entschluß kommen.

Es war jetzt Vesperzeit. Die Mädchen hatten eine halbe Stunde Erholung, bevor die zwei Abendstunden die Arbeit des Tages schlossen. Wie ein Bienenschwarm gährte und brauste es unter den jungen Geschöpfen, die, ermahnt, mit ihren Beobachtungen und Ansichten Monsieur l'Abbé nicht länger zu behelligen, um so eifriger unter sich und mit ihren eigentlichen Vertrauten, den Schwestern, Rath's pflogen und Ansichten austauschten. Die Entfernung Henriettes zum Pfarrer des Dorfes hatte man als eine Art Bestätigung aller Vermuthungen angesehen. Man wußte aber auch, daß la Maitresse, in der doch auch alle Mädchen den eigentlichen actor rerum sahen, noch oben bei la Superieure weile. Und so concentrirten sich denn alle Combinationen und Erörterungen noch einmal auf ihre Person. Schlimmer aber als Alles dies, war der Umstand, daß mit der Transferirung Henriettes in's Dorf Beauregard nun auch dieses anfing sich an der Discusion zu betheiligen und Gelegenheit hatte, neues Material herbeizuschaffen. Ein Resultat dieser neuen Beziehungen war, daß gegen das Ende des Interstitiums, um 1/26, eine der Mägde an die Thüre des Abbé klopfte, und eingelassen, in Begleitung von la Première, welche sie dazu aufgefordert hatte, folgende Mittheilung machte: Als sie Henriette heute Nachmittag zu Seine Hochwürden in's Dorf gebracht, den Brief von Madame la Superieure abgegeben, und das Haus schon wieder verlassen, hätten sich mehrere Personen aus dem Dorf um sie gedrängt, zu erkennen gegeben, sie wüßten schon, daß sich Außerordentliches im Kloster zugetragen, und dergleichen. Sie habe, wohl erkennend, daß eigentlich nichts mehr zu verheimlichen sei, das Thatsächliche des Vorgefallenen zugegeben, mit den Leuten gesprochen, und Alle hätten sich fast dahin geäußert, daß die belle Henriette, wie man sie nenne, ein ganz braves, ehrbares Mädchen, diese Mademoiselle Alexina dagegen mit ihrem hohen Gang, ihren eckigen Schultern, ihrer hohlen Sprache, tiefen Wangen und zusammengewachsenen Augenbraunen eine ganz suspecte Person sei, vor der nur unser Herrgott das Kloster bewahren möge. Darauf sei ein großer sonnenverbrannter Mensch mit einem großen Bart unter dem Kinn und hinter den Backen, und einer Axt auf der Schulter, der die ganze Zeit aufmerksam zugehört, hervorgetreten, und habe erzählt, er habe vor etwa sechs Wochen auf einem seiner Controllgänge—er sei Waldhüter—mitten im Dickicht weit von der Landstraße ein Stöhnen gehört; er sei näher gekommen, habe sich aber durch das Knicken und Brechen der Zweige verrathen; er habe immer eine hohe wimmernde, weibliche Stimme vernommen und eine kräftige, tiefe, beruhigende Männerstimme; als er die letzten Zweige auseinandergebogen, sei er erstaunt gewesen, zwei Mädchen zu finden, die eben aus dem Gebüsch aufgesprungen waren, also dort gelegen hatten; und zwar hatte die mit der hellen Stimme unten gelegen, da sie sich nicht so rasch erheben konnte; die mit der tiefen Stimme war schon aufgesprungen, aber Alles, die ganze Constellation, ihre Stellung und der Eindruck am Boden hätten gezeigt, daß sie nicht neben ihrer Freundin gelegen; beide Mädchen seien unten am Körper entblößt gewesen, und hätten nicht rasch genug ihre Kleider ordnen können, um dies zu verheimlichen; auch sei ihm aufgefallen, daß die größere, schlankere an den Beinen stark behaart gewesen sei. Die beiden hätten sich dann schnell wegbegeben, und er habe sie nicht verfolgt.—Alle Anwesenden, und auch sie—die Magd—hätten darauf den Waldhüter gebeten, sich in der Nähe des Klosters zu halten, um, für den Fall Monsieur l'Abbé ihn zu sprechen wünsche, da zu sein. Monsieur möge nun nach Belieben handeln.—

Nach dieser Erzählung ließ der Abbé die Magd abtreten, um sich mit la Première allein zu besprechen. Aber beide hatten noch nicht zwanzig Minuten Unterredung gepflogen, wobei Monsieur la Première verschiedentliche Stellen aus lateinischen und französischen Büchern zeigte, und ihr übersetzte, als eine zweite Schwester in heller Bestürzung hereinkam und die Meldung brachte, vor dem Kloster ständen mehrere hundert Leute, mit Mistgabeln und Aexten, die die Faust gegen das Gebäude ballten, Verwünschungen ausstießen, und fortwährend riefen, der Teufel sei im Kloster.—Der Abbé war anfangs im Zweifel, was dieser neuen Sachlage gegenüber zu thun sei, beauftragte aber dann die zweite Schwester, welche die Meldung überbracht hatte, die Affaire Madame la Superieure zu melden, und sie zu bitten, zu kommen. Zu la Première gewendet, meinte dann der Abbé, es sei wohl das Beste, den Waldhüter mit seiner Axt hereinzulassen, um die Menge zu beschwichtigen.—Aber, auf dem Wege dies auszuführen, traf la Première vor der Klosterpforte mit dem Pfarrer des Orts zusammen, der im Begriff war, zu Monsieur zu eilen. Beide kamen zurück, und Seine Hochwürden voll Erregung frug Monsieur l'Abbé was wohl vorgefallen; das halbe Dorf sei vor seiner, des Ortspfarrers, Wohnung versammelt, habe ihn beschworen, hierher in's Kloster zu eilen: ein Incubus, oder der Teufel selbst, habe die schöne Henriette, die Nichte von Madame, die im Walde gelegen, vergewaltigt, oder zu vergewaltigen versucht, und habe dies unter der Figur einer Lehrerin hier im Kloster gethan, die allgemein nur la Maitresse genannt werde; man solle diese Lehrerin zu einem Geständniß bringen, eventuell den bösen Geist exorcisiren, und er, der Pfarrer, solle deßhalb zu Monsieur l'Abbé ins Kloster eilen.—Während der Abbé seinen Amtsbruder in Kürze über die Ereignisse des Tages aufklärte, hörte man draußen die Zöglinge trepp auf trepp ab stürmen und schrille Rufe ausstoßen: le diable et sa fianßä!—le diable et sa fianßä!—Andere recitirten nach festem Takt den rasch zu Stande gekommenen Vers:

"Le diable et triste
Et a bien peure:
Il a perdu sa fiancee
Et craint la Superieure!"[4]

Gleich darauf kam auch Madame zitternd vor Erregung herein: die Mädchen seien wie auf ein gemeinsames Zeichen aus den Classen gestürmt, hätten geschrieen, der Teufel sei im Kloster, und wollten Alexina aus ihrer Stube ziehen. Sie sei jetzt überzeugt, das Ganze sei ein gegen sie, die Superiorin gerichteter Complot. Der Teufel habe mit der ganzen Sache so wenig zu thun, als mit ihr.—Die beiden Geistlichen machten zweifelhafte Gesichter.—Um aber den ganzen Schwindel mit einem Schlag aus der Welt zu schaffen, meinte Madame weiter, schlage sie vor, der Arzt des Dorfes solle in ihrer Gegenwart oben in ihrer Wohnung Alexina untersuchen; fänden sich die bekannten Male und Zeichen von Teufels-Besessenheit an ihrem Körper, woran sie stark zweifle, so könne man weiter sehen, und eventuell Exorcismus anwenden; ergebe sich aber Alexina, wie sie sicher annehme, als tadelloses, unberührtes Mädchen ohne Mal und Stigma, dann solle man die zur Verantwortung ziehen und züchtigen, die diese Fabel aufgebracht und wissentlich verbreitet hätten.—Damit waren alle einverstanden. Nur, meinte der Ortspfarrer, man solle dem Waldhüter, der drunten stehe, und die Dorfbewohner haranguire, Gelegenheit geben, Alexina unbemerkt zu sehen, um eventuell so durch einen unverdächtigen Zeugen, im Falle des Nichtidentificirens, zur Beruhigung der Menge und des Klosters beizutragen.—Auch dies fand allgemeinen Beifall.—Was die Klosterinwohner selbst angehe, so wurde angeordnet, alle hätten im Refectorium sich unter Aufsicht der Schwestern ruhig zu halten, bis das Resultat der Untersuchung bekannt.—

Es war jetzt 7 Uhr Abends. Während zweier Stunden war wirklich der Teufel los gewesen, und Zucht und Ordnung im Kloster verschwunden. Die in Aussicht gestellten Schritte wirkten auf Alle beruhigend. Der Pfarrer ging in die Ortskirche, um Monstranz und Ciborium bereit zu halten. Auf dem Wege dahin sprach er begütigend zu Allen, die ihm begegneten. Auch trat die Dämmerung ein, und die meisten begaben sich nach Hause. La Première wurde zum Arzt geschickt. Madame selbst bereitete oben Alles für die Ankunft des Arztes vor. Monsieur hatte ebenfalls den Cooperator in der Klosterkirche avertirt, Alles zum Exorcisiren bereit zu halten. Er selbst schlug die genauen diesbezüglichen Directiven in seinem Ordinale auf, und machte sich aus Bodinus, Daemonomania, mit den körperlichen Stigmata für Teufelsbund bekannt. Die Zöglinge bekamen im Refektorium ihr Abendessen. Mit der Dunkelheit war bei den Mädchen, statt Ausgelassenheit, Bangigkeit und Furcht getreten. Alle baten, heute Nacht die Lichter im Schlafsaal brennen lassen zu dürfen.—Inzwischen war der Holzknecht wieder heruntergekommen, und hatte aufs Bestimmteste dem Abbé versichert, das Frauenzimmer, welches er soeben durch die Thürspalte bei Madame la Superieure mit verweinten Augen habe sitzen sehen, sei der Incubus, der damals im Wald auf Henriette gesessen.—

Es war schon halb neun, als der Arzt, ein fast jung zu nennender Mann, der die Faculté in Paris mit Auszeichnung absolvirt hatte, ankam. Er hatte noch einen Gang in's benachbarte Dorf gemacht, und hatte, eben erst zurückgekehrt, die ganze merkwürdige Geschichte gehört. Die Lichter im Kloster waren schon angesteckt. Es herrschte jetzt rings auf Gängen und Treppen tiefste Stille. Den Vorschlag Abbé's, mit ihm erst das Verzeichniß der Stigmata im Bodinus durchzugehen, hatte der Arzt abgelehnt. Er war dann von la Première sogleich in den II. Stock hinaufbegleitet worden. Droben empfing ihn Madame mit höchster Zuvorkommenheit in dem prächtig erleuchteten, reich ausgestatteten Salon, der zu ihren Appartements gehörte. In dem halb offen stehenden Nebenzimmer brannte nur ein Licht. Dort wartete Alexina halb entkleidet, auf dem Bettrand gekauert, auf den Arzt. Dieser wechselte nur wenig Worte mit Madame, und ging dann sogleich hinein, die Thüre wieder, wie es gerade die Handbewegung wollte, halb oder dreiviertel zugehen lassend. Und nun konnte man heraußen folgendes hören trotz des lauten Buchumblätterns, mit dem Madame sich und die Stille zu betäuben suchte: Kurzes Gemurmel und Begrüßungsformeln; einzelne Fragen, sehr knapp, ebenfalls knapp beantwortet; beide Stimmlagen sind sehr tief; die des Arztes ist aber schärfer scandirt und heller; die Alexina's dumpf und gaumig. Das Licht wird gerückt, so daß die Helle jetzt ganz aus der Thürspalte verschwindet; eine Aufforderung; dann ziehen und schleifen von ausgezogenen Gewändern; Pause, neue Aufforderung; Entgegnung; wiederholte Aufforderung in festerem Ton! ein Seufzen; dann wieder Ausziehen und Rutschgeräusche; strumpfiges Aufstampfen auf dem Boden; erst einmal; dann noch einmal; dann noch ein Rutschgeräusch; und jetzt ein weiches, schilfriges Gleiten; wie Epidermus auf Epidermis; und begleitet von zustimmenden Ah, c'est cela; c'est cela, oui des Arztes. Längere Pause. Dann wieder ein Commando; man hört die knerzenden Bewegungen eines Bettgestells und das knistrige Hingleiten auf eine Matratze; ein ruhiges Commando; ein stärkeres Commando; dringende, unwillige Aufforderung; seufzendes Wimmern von der andern Seite; Ah, vous me faites mal, Monsieur;[5] rief auf einmal Alexina laut und wie explosiv; dumpfe Entgegnung des Arztes, dessen unterbrochenes Athmen auf schwieriges, intensives Arbeiten hinwies. Nunmehr ausgiebiges Schluchzen ohne Unterlaß von Seite Alexina's, ohne stärkere Schmerzensrufe, aber mit unstillbarem Weinen, hingebend, machtlos, verzweifelnd, sich gänzlich überlassend; die Stimme des Arztes nunmehr weich und bedauernd, ohne plötzliche Commandorufe. Der Culminationspunkt schien überschritten; die Entscheidung schon erfolgt; das Ergebniß schien aber ein trauriges; und trotzdem dauerte es noch lange, bis alle Manipulationen zu Ende; Madame hatte nach dem Angstschrei Alexina's nicht mehr geblättert, sondern athemlos gelauscht, und an die Thürspalte gestarrt; das Wimmern drinnen wurde allmählich schwächer, das Weinen hörte auf, und ging zuletzt in ein rythmisches Wehklagen über, welches synchron mit dem Athmen ging. Endlich nach langer, langer Zeit,—es war fast eine Stunde verflossen—hörte man Wasser in ein Lavoir gießen und kurz darauf kam der Arzt mit dem Handtuch in der Hand verstörten Antlitzes heraus. La Superieure stand auf und schien zu fragen. "Ein trauriger Fall, Madame,"—sagte der Arzt in dunklem Ton,—"ich muß ein eingehendes Gutachten über den Fall abstatten, welches ich morgen Vormittag schon Monsieur l'Abbé zustellen zu können hoffe; inzwischen möchte ich rathen, sobald es angeht,—heute möchte es zu spät sein—le jeune Alexina zum Dorfpfarrer zu bringen, und Mademoiselle Henriette zurückzuholen zu Madame."—Damit verabschiedete sich der Arzt, sagte dem draußen harrenden Meßner, zu irgend einer religiösen Handlung bestehe kein Anlaß, und begab sich dann durch das jetzt totenstille Kloster nach Hause.—

Jetzt war's 11 Uhr; und Alles schlief in seinen Betten; d.h. Alles wachte, denn wer konnte nach solch' einem Tag schlafen. Oben huschten die Schwestern in schleppend weißen Nachtgewändern von Bett zu Bett und beruhigten die Kleinen, die alle eine schreckliche Furcht vor'm Teufel hatten. Die Lampen brannten alle hell. Und la Première selbst ging von Schlafsaal zu Schlafsaal, um jetzt keine Unordnung, keine Panik mehr ausbrechen zu lassen. Sie wußte ja, sie hatte gewonnen.—Und unten wachte in seinem Bett Monsieur l'Abbé. Er hatte noch vom Meßner die Nachricht er halten, zum Eingreifen des exorcisirenden Apparats bestände kein Anlaß, und war dann, nachdem er den gleichen Boten mit der gleichen Nachricht zum Ortspfarrer geschickt, und mit la Première einige Verordnungen wegen der Ruhe der Nacht besprochen, selbst zu Bett gegangen: kein Anlaß zum Eingreifen des exorcisirenden Apparats; Ja, glauben denn diese neuen Aerzte, sie können die Welt ohne Geistlichkeit in Ordnung bringen? Und wenn sich keine Stigmata fanden, was war denn dann los mit Alexina? Bediente sich der Teufel nur ihres Phantoms, ihrer sinnlichen Hülle, so war dies nach allen Exorcisten des Mittelalters auf die Dauer unmöglich, ohne Spuren zu hinterlassen, war aber der Teufel nicht im Spiel, dann hatten offenbar Henriette und la Maitresse ein frevelhaftes, sündig-gottloses Spiel mit einander getrieben. Denn wer wird sich im Wald in so unsauberen Stellungen präsentiren. Wenn auch nicht für andere, doch für sich. Ja, ja, er erinnerte sich jetzt, Henriette hatte dieses Frühjahr einigemale von Madame die außergewöhnliche Erlaubniß erhalten, mit Alexina Nachmittags in den Wald zum Maiglocken pflücken gehen zu dürfen, und er sah sie einmal mit Sträußen und fieberhaft glänzenden Augen zurückkehren.—Was aber jetzt mit Constatirung der Stigmalosigkeit von la Maitresse erreicht sei, könne er nicht begreifen. Die Sache stehe am alten Fleck. Und die Geistlichkeit werde die Sache doch zuletzt lösen müssen.—Mit diesen Gedanken war Monsieur l'Abbé beiläufig beschäftigt.

Und oben im II. Stock ruhte Madame. Sie hatte bange Ahnungen, es möchte mit ihrem Priorat im Kloster vorbei sein. Seit heute Abend 6 Uhr, als die Bauern die Sensen vor der Klosterthür schwangen, und den Teufel in Gestalt einer Lehrerin im Kloster suchten, war ihr klar, daß dies an ihr hinausgehen werde; diesmal hatte la Première die Sache fein dirigirt, und zur rechten Zeit in die Flamme geblasen, die noch heute Morgen mit dem Schuh auszulöschen war. Mein Gott, zwei Mädchen, die sich in ihren körperlichen und seelischen Eigenschaften einander ergänzten, beieinander schlafen und sich mit Zärtlichkeiten überhäufen sehen,—was da dran sei! Allerdings, diese Alexina sei ein merkwürdiges Geschöpf; und der Ausspruch des Arztes lasse erwarten, daß mit ihr etwas ganz besonderes los sein müsse.—

Und neben dran lag Alexina auf ihrem Lager; gestern noch die bewunderte, ob ihrer phänomenalen geistigen Eigenschaften gepriesene, mit dem Ehrentitel la Maitresse benamte, deren Ansprache bei den Kleinen als Auszeichnung galt, und jetzt ein wimmerndes Geschöpf, wie zum Tod getroffen, von einem Arzt in ihren geheimsten Beziehungen vor aller Welt enthüllt, als Teufelsfrauenzimmer an den Pranger gestellt, und ihrer Lebenskraft, Henriette's, beraubt. Ja, heute Abend als sie der Arzt besuchte, war ihr wohl klar geworden, daß etwas außergewöhnliches bei ihr der Fall sein müsse; und als er vom Kopfe beginnend Alles abmaß und genau feststellte, und dann das untersuchte, was Jedes mit Scham verhüllte, und da einzudringen versuchte, und ihr die fürchterlichen Schmerzen verursachte, so daß sie hinausschreien mußte, und als sie dann sein perplexes Gesicht sah, da fing sie an, an diesem springenden Punkt weiter zu spintisiren: ja, sie wußte es, etwas anders war sie ja gebildet wie die andern Mädchen, wie Henriette; aber das war ihr nicht aufgefallen; waren nicht auch die Andern in sonstigen Dingen verschieden? Hatte die eine nicht eine Adlernase, die andere eine eingebogene oder gerade; diese einen häßlichen, fleischigen Mund, jene einen feingeschnittenen, knospenden, wie an einer Statue; hatte diese nicht eine flache, jene eine gewölbte Brust? War die eine nicht dumm, die andere gescheidt? Was war denn dann mit ihr so besonderes los? Diese Kleinigkeit, über die Henriette so oft gelacht?—Aber es mußte doch etwas sein! Denn woher der schreckliche Schmerz?—Und so wimmerte und spintisirte und schluchzte das Geschöpf weiter.—