Noch bedeckte die Nacht mit ihrem colossalen Mantel Alles, Kloster, Menschen und ihre Gedanken. Aber die Sonne brannte schon mit Inbrunst, hervorzubrechen, und die ganze so schauderhafte Klosteraffaire zu beleuchten, und mit greller Flammenschrift Jedem in's Gewissen und in's Hirn zu schreiben.—
Es war jetzt wieder 7 Uhr Morgens; die Sonne glänzte durch die Scheiben des geistlichen Arbeitszimmer; das Frühstücksgeschirr stand auf dem Arbeitstisch bei Seite gestellt; und Monsieur l'Abbé las wieder eifrig in Liguori, Theologiae moralis, libri sex. Nichts in seinem Gesicht ließ etwa eine Unruhe oder Abspannung entdecken. Der Vorfall des gestrigen Tages hatte keinen nervösen Rest bei ihm zurückgelassen. Die gleiche sublime Ruhe waltete in seinen Zügen wie gestern.—In diesem Augenblick klopfte es an der Thüre; Monsieur rief herein! und die Pförtnerin brachte ein Schreiben großen Formats, welches soeben abgegeben worden sei. Monsieur öffnete es sogleich durch einen Winkelschnitt über der Oblate, faltete das kräftige Handpapier auseinander und las Folgendes:
Beauregard, le 21. Juin 1831. Adolphe Duval, medecin agrégé de la Faculté de Paris, à Monsieur l'Abbé de Rochechouard, ä Douay.—Monsieur! Ueber den körperlichen Befund des sogenannten Alexina Besnard, 18 Jahre alt, habe ich auf Grund der von mir gestern Abend vorgenommenen Untersuchung die Ehre Folgendes zu melden:
Alexina als Mädchen von außerordentlich hoher Statur, muß auch als Mann noch zu den größeren Gestalten gerechnet werden. Das magere Gesicht zeigt den Ausdruck hoher Intelligenz; der Blick entschieden männlich, convergirend; stark prominente Augenbögen, unter denen ein paar schwarze, kluge, flinke Augen herauslugen; keine Spur von Bart; die Kopfhaare etwas länger, als sie gewöhnlich von Männern getragen werden, aber weit entfernt die Länge von Mädchenhaaren zu erreichen (sie müßten denn absichtlich beschnitten sein) werden in einem Netz getragen, und sind eher spärlich zu nennen. Die Stimme Alexina's ist eine Altstimme. Der ganze Körperbau ist schlank, musculös, ohne eigentliches Fettpolster, zeigt in seinem oberen Theil femininen Charakter, zarte Haut, schwache mamma-Bildung mit weiblich gebildeter Warze; die unteren Extremitäten fallen sofort durch ihre reiche, dunkle, männliche Behaarung auf, und zeigen auch in ihrer allgemeinen Configuration männliche Anlage. Die Oberschenkel zeigen zum Knie hin nicht die beim Weib bekannte Convergenz, sondern verlaufen geradlinig. Die Hände sind zwar klein, dagegen die Füße sehr groß und kräftig. Die Hüfte charakterisirt sich schon durch den allgemeinen Anblick, durch das gänzliche Fehlen des seitlich ausladenden, wie durch Messungen, als Beckenanlage von rein männlichem Charakter. Der mons Veneris ist stark behaart und bedeckt auf den ersten Anblick die eigentliche Bildung der Genitalien. Dieselben zeigen wenig klaffende labia majora von wulstigem, faltigem Charakter, hinter denen die kleinen, wenig ausgebildeten labia minora sichtbar werden; keine Spur von hymen; der introitus vaginae ist so eng, und das versuchsweise Eindringen so schmerzhaft, daß es keinem Zweifel unterliegt, daß derselbe als blinder Sack endigt, und entweder keinen, oder höchstens rudimentären uterus als Fortsetzung trägt, der für die Ovulation wie Menstruation ohne Belang ist. Dagegen umschließen die labia minora in ihrem oberen Theil einen succulenten Körper, der vorne perforirt ist, und sich als wohl characterisirtes membrum Virile erweist; dasselbe ist der Erection fähig; obwohl es an seiner vollen Entfaltung durch ein von den genannten kleinen Labien ausgehendes straffes ligamentum gehindert ist. Die Perforation ist der Ausführungsgang der urethra, die ihrerseits in die Vesica urinalis endet. Testicel sind nirgends zu entdecken, und scheinen im Abdomen zurückgeblieben zu sein.—Somit ist Alexina Besnard ein Zwitter; und, da derselbe während der Untersuchung, offenbar durch die augenblickliche psychische Erregung hervorgerufen, auch eine unwillkürliche ejaculatio seminalis hatte, deren Bestand unter dem Mikroscop das deutliche Vorhandensein normaler, beweglicher Spermatozoen ergab, so muß Alexina als männlicher Zwitter angesprochen werden; somit ist Alexina ein Mann und zwar ein zeugungsfähiger Mann.—Auf Grund der mir obliegenden Pflicht habe ich bereits Anzeige an die betreffende Civil-Behörde behufs Aenderung der Stammrolle in der Heimath Alexina's gemacht, Eurer Hochwürden die weiteren Schritte bis zur definitiven staatlicherseits vorzunehmenden Aenderung der civilen Verhältnisse Alexina's überlassend. Mit hochachtungsvoller Ergebenheit ec. Adolf Duval.—
Noch am gleichen Tag wurde Alexina in ihre Heimat zu ihren Eltern gebracht.
Mademoiselle Henriette Bujac, die in's Kloster zurückkehrte, sah sich genöthigt, nach etwa sechs Monaten aus dem Institut auszutreten, und wurde zu einer entfernt wohnenden Tante auf's Land geschickt.
Mit ihr verließ Madame la Superieure definitiv das Kloster.—Und la Soeur Première wurde Superiorin.—
[1] "Sieh der Teufel!"
[2] "Und hier seine Braut!"
[3] Schwatzerei.