[4] Der Teufel ist traurig, und hat wohl Furcht; er hat seine Braut verloren, und fürchtet die Superiorin.—

[5] Ach, sie thun mir weh.


[Der operirte Jud']


Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,
Huhu! ein gräßlich Wunder!
Des Reiters Koller, Stück für Stück,
Fiel ab, wie mürber Zunder.
Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,
Zum nackten Schädel ward sein Kopf
Bürger, Lenore.


Kein Mensch wird mich tadeln, wenn ich meinem Freunde Itzig Faitel Stern ein Denkmal zu setzen wünsche; wenigstens, so weit dies in meinen Kräften steht; und fast fürchte ich, daß dieselben nicht ausreichen werden; denn Itzig Faitel Stern, mein bester Freund auf der Hochschule, war ein Phänomen. Ein Linguist, ein Choreograph, ein Aesthetiker, ein Anatom, ein Schneider und ein Irrenarzt wären nöthig, um die ganze Erscheinung von Faiteles, was er sprach, wie er ging und was er that, vollständig zu begreifen und zu erklären. Daß nach dem Gesagten mein Vorwurf nur Stückarbeit liefern wird, ist nicht zu verwundern. Doch ich verlasse mich auf meine fünf Sinne, die nach der gegenwärtig herrschenden literarischen Schule vollständig genügen, ein Kunstwerk zu liefern; ohne viel nach Warum und Wie zu fragen, oder künstliche Motivirung, oder gar transscendentale Construction zu versuchen. Wenn statt des Kunstwerks eine Komödie entsteht, mag sie, die Schule, die Verantwortung tragen.—

Itzig Faitel war ein kleiner untersetzter Mann mit rechts etwas höher stehender Schulter und einer spitz zulaufender Hühnerbrust, auf welch' letzterer er immer eine breite, schwerseidene Plastron-Cravatte trug, die ein matter Achat zierte. Die Rock-Patten zu beiden Seiten dieser Cravatte liefen immer von rechts oben nach links unten, so daß, wenn Faitel längs der Randsteine ging, es den Eindruck machte, er steure über das Trottoir hinunter, oder gehe im Diagonal. Faitel wollte nicht einsehen, daß diese Configuration seiner Kleider von der rhombischen Verschiebung seines Brustkastens herrühre, und schimpfte fürchterlich auf die christlichen Schneider. Die Stoffe, welche Faiteles trug, waren stets der feinste Kammgarn. Das Antlitz Itzig Faitel's war von höchstem Interesse. Leider hat es Lavater nicht gesehen. Ein Gazellen-Auge von kirschen-ähnlich gedämpfter Leuchtkraft schwamm in den breiten Flächen einer sammtglatten, leicht gelb tingirten Stirn-und Wangen-Haut. Daß es troff, da konnte Faiteles nichts dafür. Itzig's Nase hatte jene hohepriesterliche Form, wie sie Kaulbach in seiner >Zerstörung Jerusalems< der vordersten und markantesten Figur seines Bildes verliehen; zwar waren die Augenbrauen darüber zusammengewachsen; aber Faitel Stern versicherte mich, das sei sehr beliebt; auch wußte er, daß Leute mit solchen Augenbrauen einmal ersaufen sollen; aber er paralysirte es, indem er versicherte, er gehe niemals auf's Wasser. Die Lippen waren fleischig und überfältig; Zähne vom reinsten Crystall, zwischen denen eine bläulich-rothe, fette Zunge oft zur Unzeit herauskam. Kinn und Oberlippe war Alles bartlos; denn Faitel Stern war noch sehr jung. Erwähne ich noch von meines Freundes Untergestell so viel, daß es Säbelbeine waren, deren Schwung jedoch nicht excessiv war, so glaube ich Itzig's Silhouette einigermaaßen gezeichnet zu haben. Auf die geringelten zahlosen schwarzen Sechserlöckchen seines Haupthaars komme ich später noch zu reden.—Das also war der Studiosus Stern in der Ruhe. Aber wer hilft mir, welcher Clown, welcher Dialect-Imitator, welcher Grimasseur, Itzig darzustellen, wenn er ging, wenn er sprach und agirte. Itzig sagte mir wohl, er stamme von einer französischen Familie ab, und sei französisch erzogen; er sprach wohl etwas, wenn auch mechanisch ganz verschobenes Französisch; aber das Unglück war, daß Itzig zu früh in die nahe Pfalz kam, und die prononcirten Laute dieses Stamms mit einer Gier einschlürfte, als wäre es Milch und Honig. Wohl konnte Faiteles auch Hochdeutsch reden; aber dann war es eben nicht Faiteles, sondern eine Zierpuppe. Wenn Faitel für sich war, und sich nicht zu geniren brauchte, dann sprach er Pfälzisch und—noch etwas. Doch vorher noch einige Bemerkungen über seine Gangart und Agitationes.—Itzig hob immer beide Schenkel fast bis zur Nabelhöhe beim Gehen, so daß er mit dem Storch einige Aehnlichkeit hatte; dabei steckte er den Kopf tief auf die Plastron-Cravatte herab, und sah starr auf den Boden. Man konnte wohl glauben, er könne die Kraft zum Heben der Beine nicht bemessen, und überschlage sich; und bei Rückenmarkskrankheiten kommen ja ähnliche Störungen vor; Itzig war aber nicht rückenmarkskrank, denn er war jung und geschont; als ich ihn einmal frug, warum er so extravagant gehe, sagte er "aß ich vorwärts komm'!"—Faiteles hatte auch Mühe, das Gleichgewicht zu halten, und beim Gehen troffen oft Schweißtropfen aus den Sechserlöckchen der Stirne. Das Nackenband war sehr stark und kräftig bei meinem Freund entwickelt; wie ich vermuthete, wegen der Schwierigkeit und Arbeit, die Itzig hatte, den Kopf zu Gottes Himmelszelt emporzuheben. Itzigs Kopf war in seiner natürlichen Stellung immer starr auf den Erdboden gerichtet, das Kinn fest in die seid'ne Plastron-Cravatte eingebohrt.—Das war Itzig Faitel Stern, wenn er ruhig war, oder seines Weges ging. Was waren aber seine Agitationes?—Dies hing ab, von der Stimmung, in der Faiteles sich befand, ob er aufgelegt, oder unzufrieden war; ob er zustimmte, oder einen Gegenbeweis führen wollte. Stark in Affekt kam er nie; und zornig zu werden hinderte ihn seine ganze Constitution. Wenn er aber eifrig wurde, und gute Opportunitäts-Gründe in's Feld zu führen hatte, dann bäumte er auf, hob den Kopf empor, zog die fleischige, wie ein Stück Leder sich bewegende Oberlippe zurück, so daß die obere Zahnreihe entblößt wurde, spreizte mit zurückgebeugtem Oberkörper beide Hände fächerförmig nach oben, knaukte mit dem Kopf gegen die Brust zu einigemal auf und ab, und ließ rythmisch abgestoßene Schnedderengdeng-Geräusche hören. Bis zu diesem Moment hatte mein Freund noch gar Nichts gesagt. Aber aus der ganzen Aufeinanderfolge dieser gestikulatorischen Mimik wußte ich schon, in welcher Richtung sich Faitel's Auseinandersetzungen bewegen würden. Faitel miaute, schnarrte, meckerte und producirte auch Schneuz-Laute sehr gern und zur richtigen Zeit, so daß man daraus immer exacter wußte, als wenn er blos einige Worte hingeworfen, wie er dachte, und wie sein Inneres angelegt und engagirt war. Wenn sein Standpunkt zweifelhaft, sogar gefährdet war, und er von einer unwahrscheinlichen Sache den Gegner überzeugen wollte, warf er mit eingezwickten Bauch den rotirenden Oberkörper von der Seite des Gegners weg und zu sich hinüber, gleichsam als wolle er mit der ganzen Körperlast den Betreffenden zu sich hinüberziehen. Fleißige, angenehm grunzende Schnarrlaute begleiteten diesen Akt. Wer dies zum erstenmal sah und hörte, der erstaunte, und unterlag; er willigte ein, schon in Anerkennung des fleißigen Ueberredungs-Aktes. Aber Faiteles wurde, die Wirkung erkennend, nun zu immer weiterer Exaltation getrieben. Und zuletzt wurde es monströs. Soviel über seine Agitationes.—Aber wer hilft mir die Sprache von Itzig Faitel Stern beschreiben? Welcher Philologe oder Dialektkenner würde sich unterstehen diese Mischung von Pfälzerisch, semitischem Geknängse, französischen Nasal-Lauten und einigen hochdeutsch mit offener Mundstellung vorgebrachten, glücklich abgelauschten Wortbildungen zu analysiren?! Ich kann es nicht; und ich will mich darauf beschränken, nach dem phonetischen System das dem Leser vorzuführen, was an Itzig Faitele'schen Phrasen mir in der Erinnerung geblieben. Aber vorher muß ich doch aus der Faitele'schen Redeweise zwei Punkte hervorheben, die grammatikalisch besonderes Interesse beanspruchen. Dann soll die grauenhafte Comödie, die Itzig Faitel Stern in Heidelberg, wo wir Beide studirten, aufführte, ohne Unterbrechung sich abwickeln: Faitel hatte unter den unzählig flüchtigen und kaum andeutbaren Besonderheiten seiner Sprechweise besonders zwei,—wie soll ich es nennen?—Sprachpartikel, die an bestimmten Stellen immer wiederkehrten, und sich mir zuletzt als syntaktische Bestandtheile von bestimmtem Begriffswerth einprägten. Faitel Stern sagte z.B. wenn ich ihn über den ungeheuren Luxus in seiner Garderobe, seinen Toilettegegenständen, interpellirte,—"... was soll ech mer nicht kahfen ä neihes Gewand, ä scheene Hut-'menerá, faine Lackstiefelich,—'menerá, aß ech bin hernach ä fainer Mann! Deradáng! Deradáng!..." (Hin- und Herwippen des Oberkörpers! Aufspreizen der Hände in Achselhöhe bei leicht hockender Stellung; verzückter Blick mit Glasreflex; Entblößen der beiden Zahnreihen; reichliche Speichelabsonderung).—

Der Leser wird hier mit Verwunderung zwei Wörter entdeckt haben, oder vielmehr ein Annexum, ein Anhängsel, und eine Interjection, die er in jedem Wörterbuch vergeblich suchen würde, "—menerá", eine Art Schnurrwort, kurz-kurz-lang, mit dem Ton auf der letzten Silbe (Anapäst), wurde Substantiven angehängt, und verlieh ihnen eine Art eigenthümlicher, pathetischer Bedeutung; schloß das Substantiv mit einem Consonanten, so wurde oft "-emenera" angehängt, und zwar mit solch rasselnder Geschwindigkeit, daß der Ton auf dem Substantiv blieb, und das Annex als vierkurzsilbiger Schnurrlaut (also: Doppelpyrrhichius) sich anschloß. Manchmal schien es auch, als ob das "-menerá", nur die Verbindung zum nächsten Wort herstellen solle, wenn dieses mit einem für Faitels Zunge schweren Anlauter begann. Sie wurden daher nur beim schnellen Reden und bei gehobener Stimmung benutzt. Irgend welchen declinatorischen Charakter vermochten die beiden Annexe dem mit ihnen verbundenen Wort, wie es bei einigen Negersprachen der Fall ist, nicht zu geben.—Ganz anders war es mit dem stark nasalen "Deradáng!". Dieses war Interjection, Ausrufepartikel, hatte also selbständigen Wort- und Begriffswerth; wurde sing-sang-mäßig, breit, knängsend ausgesprochen, mit speichelndem Mund, schloß immer den Satz, und schien so viel zu bedeuten, als: Gelt! hab' ich nicht recht?!—Siehste wohl!—Wer hätte das gedacht?!—Ei der Tausend; u. drgl.—Ja, lieber Leser, Du darfst Dir Mühe geben so viel Du willst, "Deradáng! Deradáng!" auszusprechen; so fettig-guttural, so weich-gröhlend, so speichelnd wie Itzig Faitel Stern bringst Du's nicht zusammen!