Ich will den Leser nicht länger darüber im Unklaren lassen, wieso ich zu diesem merkwürdigen Umgang kam; und mir nicht ein Mäntelchen umhängen, welches mir schlecht stehen würde, indem ich den Leser auf die Vermuthung kommen lasse, es sei Mitleid gewesen, was mich in die Nähe dieses grauenhaften Stücks Menschenfleisch, genannt Itzig Faitel Stern, brachte. Es war gewiß viel, wie soll ich sagen, medizinische, oder besser anthropologische Neugierde dabei; ich empfand ihm gegenüber wie etwa bei einem Neger dessen Glotzaugen, dessen gelbe Augen-Bindehaut, dessen Quetsch-Nase, Mollusken-Lippen, Elfenbeinzähne, dessen Geruch man mit Verwunderung wahrnimmt, und dessen Gefühle und geheimste anthropologische Handlungen man ebenfalls kennen lernen möchte; vielleicht war auch etwas Mitleid dabei, nicht viel. Mit Verwunderung beobachtete ich, wie dieses Monstrum sich die grauenhafteste Mühe gab, sich in unsere Verhältnisse, in unsere Art zu gehen, zu denken, in unsere Mimik, in die Aeußerungen unserer Gemüthsbewegungen, in unsere Sprechweise einzuleben. Aber ein viel stärkerer und egoistischerer Grund war doch für mich der, etwas über den Talmud zu erfahren, welches Faitel's Religionsbuch war; alle die merkwürdigen Gerüchte, die über dieses umfangreiche Gesetzbuch in Umgang waren, interessirten mich in hohem Grade. Und Itzig war zwar kein Talmudgelehrter; aber er wußte doch Manches; und er wußte eine Menge kleiner Gewohnheiten, Schwächen, Practiken, Scurilitäten, die nicht in Büchern und Uebersetzungen des Talmud zu finden waren, und die für mich hohen anthropologischen Werth hatten.—Freilich mußte ich eine Menge der sonderbarsten Gerüchte über mich ergehen lassen von Seite meiner Commilitonen in Heidelberg, die nicht begreifen wollten, wie so ich mir den Itzig Faitel Stern zum Umgang auserwählt hatte; Gerüchte, die sich meist an das Vermögen Faitels, an sein Geld, anknüpften; denn Faitel Stern war immens reich. Heidelberg war damals eine zu kleine Stadt, und die Studenten spielten dort eine zu präpondirende Rolle, um eine Erscheinung wie Itzig Faitel Stern, und alles was um ihn sich bewegte, nicht zum hervorragendsten Tagesinteresse zu machen. Und Faitel Stern, um es nochmals zu sagen, war eine Art jüdischer Kaspar Hauser; ein Mensch, der mitten aus dem engherzigen, schematischen, dumpfen, windelstinkenden, knängsenden, grimassirenden Kleingram seiner Familienerziehung heraus, in Folge eines jähen Entschlusses, plötzlich, die Taschen voll mit Gold, auf das große Lebenspflaster einer europäischen Stadt geworfen war, und dort blöd, mit vertrakten Bewegungen, verlacht-bewundert, sich umzusehen begann.
Aber so konnte das Ding nicht weitergehen. Gleich nach den ersten Tagen unserer Bekanntschaft machte ich Faitel Vorschläge hinsichtlich seiner Umwandlung in etwas modernem Sinne, und fand damit bei ihm die entgegenkommendste Aufnahme. Ich habe wohl nicht vergessen zu sagen, daß wir Beide Medizin studirten. Und daß Faitel auf dieses Studium verfiel, war nach Allem, was wir über sein physikalisches Aeußere wissen, gewiß ein günstiges Testimonium intellectus.—"Faitel",—sagte ich ihm eines Tags,—"Sie müssen Ihren Gang ändern; Sie sind ja vollständig contract; und dabei das Gespötte und Gelächter der Stadt!"—"Was kann ich vor de Misemischine,"—rief Faitel, und stampfte die Plattfüße mit großer Kraftentwicklung ohnmächtig auf den Boden,—"bin ich gegangen so mai Lebetag'; duht mai Vater aach so gehe, und is geworden der alte Stern Salomon!—Gäben Se mer ä neies Gebein; ich beßahls!"—"Bezahlen!" ich,—"das wäre schon Recht; aber wer wird im Stande sein Ihre englischen Knochen wieder gerade zu machen!?"—Wir kamen überein, einen Orthopäden zu Rath zu ziehen. Der ausgezeichnetste Vertreter dieser Disciplin erklärte aber, Itzig sei zu alt, die Knochen zu weit vorgebildet; empfahl uns aber den Professor Klotz, den berühmten Anatomen Heidelsbergs, behufs wissenschaftlicher Untersuchung des Skelets Itzig's. Wir gingen zu dem berühmten Mann. Derselbe stellte alle möglichen Messungen am nackten Itzig an, ließ denselben dann auf und ab gehen, und schlug zuletzt die Hände über dem Kopfe zusammen: so 'was sei ihm in seinem Leben nicht vorgekommen; er holte dann ein bekanntes Buch herbei: Meyer, Statik und Mechanik des menschlichen Knochengerüstes, Leipzig 1873, dessen 2. Auflage ihm übertragen worden war; mißmuthig meinte er, er müsse das ganze Buch mit Rücksicht auf Itzig umarbeiten; stellte dann dazwischen die merkwürdige Frage, ob es sicher sei, daß Itzig von menschlichen Eltern geboren. Dies konnte auf's unwiderleglichste nachgewiesen werden. "Dann",—schloß Professer Klotz seine Ausführungen,—"kann ich nicht alle Hoffnung aufgeben, die Gelenke des Studiosus Stern auf eine der humanen Bewegungsform ähnlichen Stufe wieder hinzubringen; nur—zögerte der berühmte Anatom,—die Mittel und Wege...."—"Ich beßahl's" rief Faiteles, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt, schnell dazwischen,—"ich beßahl's! ich beßahl mei neie Statür; Herr Profäßer soll'n haben viel Geld-era, Deradáng! Deradáng! (sehr breit zu sprechen). Ich beßablera! Deradáng! Deradáng!" (Aufspreizen der Hände in Achselhöhe; Einhaken in den Westenausschnitt; pendelförmiges Hin- und Herwippen mit dem Oberkörper; lächelnde Mundstellung; obere Zahnreihe entblößt; reichliche Speichelabsonderung.)
Nun kamen schwere Zeiten für Faitel. Tage-und Nächtelang hing er in der Streckschwebe, um durch das eigene Körpergewicht die skoliotischen Knochen zum Dehnen zu bringen, oder stack im Gyps-Corset; das Nackenband wurde durch blutige Operation verkürzt und straffer gehalten, um Faitel den Anblick des Himmels zu ermöglichen. Wochenlang mußten die in neue Charniere gebrachten Knochen beim Turnlehrer geübt und weitergebildet werden. Alles geschah in eigens für Faiteles anberaumten Privatstunden, da Niemand mit ihm zu üben Lust hatte, noch seine Uebungen für sich brauchen konnte, noch auch Faitel bei seinen halsbrechenden Exercitien gesehen sein wollte. Enorme Summen wanderten in die Hände der Gymnastiker, Bandagisten, Orthopäden und—des Professor Klotz, der das Ganze leitete und überwachte. Nach einem Vierteljahr waren leidliche Resultate zu sehen. Die Säbelbeine natürlich konnten von all diesen Correctionsversuchen nicht betroffen sein, da es für sie kein tiefer gelegenes Gegengewicht gab, um sie zum Strecken zu bringen. Man beruhigte Faiteles, indem man ihm zu verstehen gab, solche Beine kämen auch bei andern Menschenklassen, bei Bäckern u. dgl., vor. Aber Faitel war unermüdlich; seit sein spitzes Kinn nicht mehr in die Plastron-Cravatte sich einbohrte, war er fest entschlossen "ßu werden aach a fains Menschenkind wie a Goj-menera, und aufßugeben alle Fisenemie von Jüdischkeit".—Es kam damals gerade jene kühne Operation auf, die man brisement force nannte; man zerbrach absichtlich einen stark gekrümmten Knochen, und behandelte ihn dann wie einen zufälligen Beinbruch, nur daß man die beiden Stücke in gerader Richtung an einander heilen ließ. Dieses Verfahren wurde bei Faitel Stern's Säbelbeinen angewendet. Mehrwöchiges Bettliegen für jedes Bein, mit Schmerzen und Verbänden aller Art, und ungeheure Kosten für ein Verfahren, zu dessen exacter Ausführung damals ein eigener Arzt von Paris kam, waren die Folgen und Nebenumstände dieser Cur.—Der alte Salomon Stern sandte Wechsel auf Wechsel, die jeder Geschäftsmann mit Freuden honorirte. Dann kamen wochenlange Gehversuche mit den neugeheilten Gliedern. Und wirklich, als nun Faitel Stern zum ersten Mal ausging, hatte er wesentliche Fortschritte gemacht. Er war etwas größer geworden, und sah schon einem respectablen Menschen gleich. Alles war und blieb noch lange recht steif; aber er konnte jetzt doch einen normalen Menschen vortäuschen. Das Gesicht sah kerzengerade hinaus; das Kinn zeigte sich erst jetzt fürchterlich lang und spitz; die Hühnerbrust war abgeplattet, und die Rockpatten verliefen gerade hinunter. Um Faiteles an dem gemeinen, behaglichen Hin- und Herwippen des Oberkörpers, wobei er sein näselnd-gurgelndes "Deradáng, Deradáng" hören ließ, zu hindern, wurde ihm, ähnlich wie bei Hunden, ein Stachel-Halsband, ein solches um die Hüfte, auf den bloßen Körper, gelegt, so daß er bei seitlichen Neigungen sofort heftig gestochen wurde. Dieß Alles ertrug Faitel Stern mit Heroismus, und stand dort schlank gebunden, wie eine Tanne. Aber die Hauptsache kam erst. Es war klar, daß man ihn mit der Sprache, von der wir einige Proben gegeben haben, nirgends einführen konnte. Es war der Ausdruck einer schmierigen, niedrigen, feigen Gesinnungsweise. Und wenn es sich auch zunächst nur um äußere Täuschung handelte, so wollte man doch diese so bald als möglich erreichen.
Da es hoffnungslos war, ihn mit seinem Pfälzisch-Jüdischen auf ein nächst-verwandtes reines Hochdeutsch zu bringen, so versuchte man, durch einen absoluten Gegensatz zu seinem bisherigen Sing-Sang, ihn auf rechte Bahn zu bringen; und besorgte einen hannoveranischen Hofmeister, dessen hell-näselnde, klirrende Sprechweise Itzig wie ein Schulknabe, Satz für Satz, nachzusprechen hatte, so daß er Hochdeutsch wie eine völlig fremde Sprache lernte. Sogar einige hannoveranische Studenten wurden gegen Collegienfreiheit und diverse Mittagstische veranlaßt, Itzig für ein ganzes Semester Gesellschaft zu leisten. Diese ganze Reihe von Maßnahmen war das Resultat einer sachgemäßen Besprechung mit dem berühmten Tübinger Linguisten damaliger Zeit, zu welcher noch der Heidelberger Physiologe zugezogen war. Diese Herren gingen von folgenden Erwägungen aus: In unserem Gehirn ist immer nur ein Theil der für die Sprache befähigten Partieen, und immer nur auf der einen Seite, rechts oder links, ausgenützt; ein Heranziehen jener bisher brach gelegenen Partieen zu neuen Sprachbildungen ist nicht ausgeschlossen, und findet durch die Natur selbst, nach Krankheiten u. dgl., statt. Nur ist bei solchen Versuchen aufs Sorgfältigste darauf zu achten, daß nichts in Wort-und Laut-Bildungen in der neuen Sprache an das alte Idiom erinnere; weil sonst Verwirrung entsteht; wie der Tübinger Spezialist sich ausdrückte: es muß eine neue Sprach-Insel bei Itzig gebildet werden. Und nun wurde genau untersucht, welcher deutsche Dialect mit dem Pfälzisch-Jüdischen Faitel's die geringste Laut-Verwandtschaft besitze. Man kam erst auf das Pommer-'sche. Aber Faitel war dieß zu hart. Endlich einigte man sich über dem Hannoveran'schen. Der Leser kann sich denken, daß diese feinen prognostischen Berechnungen ein horrentes Geld kosteten. Diese Sprach-Exercitien wurden ein ganzes Semester fortgesetzt.
Ich kann den Leser unmöglich mit all' den Ausstaffirungen, Veränderungen, Einpumpungen und Quaksalbereien aufhalten, denen Itzig Faitel Stern sich unterzog, mit der furchtbarsten Qual und mit größtem Heroismus unterzog, um ein gleichwerthiger abendländischer Mensch zu werden. Immer vigilirte er auf Neues, studirte geheime christliche Züge, copirte Mundverzerrungen, Backenaufblähungen und Agitationes, gefiel sich im heroisch-teutonischen Genre, wie in der blond-naiven, süßlächelnden Jünglings-Gangart. Der Teint, die weizengelbe Gesichtsfarbe Faiteles', mußte natürlich einem feinen, pastösen Bleiteint weichen, den Itzig vortrefflich aufzutragen verstand. Daß Faitel einmal vier Wochen hindurch sich von einer mir unbekannten Drogue, in Form von Gemüse nährte, um auf natürliche Weise zur kaukasischen Lichtfarbe zu gelangen, daraufhin habe ich ihn nur im Verdacht. Eine relativ einfache und ungefährliche Procedur, die aber die ungeheuerlichste Wirkung ausübte, betraf die Haare. Es kamen damals gerade die englischen Waschungen auf, die zwar, weil Geheimniß, unerschwingliche Kosten verursachten, die aber jedes beliebige dunkle Haar in ein prachtvolles Goldblond verwandelten. Die ersten englischen Friseure bereisten damals Deutschland, und ein solcher hatte sich in dem reichen, stets von hohen Herrschaften besuchten Heidelberg nieder gelassen. Faiteles war einer der Ersten, der sich der Prozedur unterzog. Mit ihrer Hülfe wandelten sich die pechschwarzen Sechserlöckchen Itzig's, unter denen sich immer ein verdächtig riechender Schweiß aufhielt, in goldene Kinderlocken; diese Locken wurden weiterhin mittelst eines nicht schmerzlosen Verfahrens in lange, germanische Strähnen ausgezogen; ein simpler, norddeutscher Haarschnitt wurde angebracht, und—der dumbe, tappige Germanen-Jüngling, wie ihn Schwind gelegentlich auf seinen Bildern angebracht hat, war fertig. Faiteles nannte sich Siegfried Freudenstern, und ließ seine Matrikel und übrigen Papiere umändern.
Faitel war jetzt ein ganz neuer Mensch geworden. Die letzten Prozeduren, die er so vorsichtig war, in den Ferien, in der Nähe der Stadt, vornehmen zu lassen, hatten ihn zum Nichtwiedererkennen verändert. Man schlug ihm vor, eine andere Universität zu beziehen. Er wies dies aber ab; vor allem weil er in der Nähe von Professor Klotz zu bleiben wünschte, der die gesammte psycho-physikalische Leitung Itzig's noch immer in seiner Hand hatte. Und in der That, Faitel wurde in Heidelberg, seit der Haarvergoldung, nicht mehr erkannt. Er war hannoveran'scher Gutsbesitzers-Sohn, und bewegte sich in der feinsten Gesellschaft. Die norddeutschen Schnarrlaute übte er mit spielender Leichtigkeit, und erzielte damit wo er hinkam ganz außerordentlichen Erfolg.—Aber Faitel's Ehrgeiz ging höher.—Faiteles! Scheener Jüd', fainer Jüd', eleganter Jüd',—so sprach oft Faitel zu sich selbst, aber nur in der Gedankensprache, wenn er vor dem Spiegel stand,—biste jetzt geworden ä Christenmensch, frei von aller Jüdischkeit? Kannste jetzt hin gehn, wo de willst, und dich hinsetzen zu de faine Leit, ohne daß Einer kann sagen: des is aach aner vun unnere Leit?—Faitel wußte, daß dem noch nicht so war. Ja, was Pomade, Schminke, weiße Steif-Leinwand, einige Meter Kammgarn, Wattons und etwas Lackleder an einem Menschen herzustellen vermögen, das war an Faitel geschehen. Aber, wie sah es innerlich aus?—
Hatte Faitel eine Seele? Darüber stritten sich schon seit Monaten alle jene Leute, Erzieher, Aerzte u. drgl., die mit ihm zu thun hatten, herum. Die Seele freilich, die nöthig war, um vor der Hochzeit ein paar heuchlerische Phrasen herauszubringen, oder im richtigen Moment einem armen Teufel ein paar Silberlinge hinzuwerfen, die besaß Faitel, wie jeder Andere. Aber Faitel hatte von jener keuschen, undefinirbaren, germanischen Seele gehört, die den Besitzer wie einen Duft umkleide, aus der das Gemüth seine reichen Schätze beziehe, und die das Schiboleth der germanischen Nationen bilde, jedem Besitzer beim Andern sofort erkennbar. Faitel wollte diese Seele haben. Und wenn er kein echtes Kölnisches Wasser haben konnte, wollte er das Nachgemachte. Er wollte wenigstens diese Seele in ihren Aeußerungen, in ihren Zutagetretungen sich aneignen. Man rieth ihm nach England zu gehen, wo der reinste Extrait dieser germanischen Seele zu finden sei. Sprachschwierigkeiten ließen diesen Plan bald wieder fallen. Ein bekannter Pädagoge meinte, ob man nicht durch Weiterbildung auf Grund der gewöhnlichen, ordinären, auch bei Faitel vorhandenen Seelen-Anlage, das höhere Ziel erreichen könne. Der berühmte Cambridge'r Professor Stokes hatte kurz vorher seine "psychological researches" herausgegeben, auf Grund deren er die primäre Seelen-Anlage bei Leuten wie Faiteles nicht als geistigen Besitz, sondern als mechanische Funktion, "rotation work", wie er sich ausdrückte, erklärte. Diese neue Theorie ließ von weiteren erziehlichen Versuchen bei Itzig Faitel abstehen.
Unter all diesen Prüfungen und Untersuchungen platzte Itzig einmal mit der Frage heraus: wo denn der Sitz der Seele sei?—Man mußte ihm erklären, daß seit Descartes den mißglückten Versuch gemacht hatte, den Sitz der Seele in die Zirbeldrüse des Gehirns zu verlegen, eine Localisation dieser geistigen Kraft nicht mehr probirt worden; daß vielmehr die Seele aus dem Zusammenwirken bestimmter körperlicher und geistiger Functionen zu verstehen sei; und daß, da letztere in bestimmter Art von der Qualität des Blutes abhängig sei, so könne man mit einiger Wahrscheinlichkeit den Satz aufstellen, der Sitz der Seele sei das Blut und seine wechselnden Zustände. Von hier aus hatte Faitel im Nu den Plan zu einer seiner kühnsten Prozeduren gefaßt; denn mehrere Tage nach jener Discussion hörte man ihn zu seinen intimsten Bekannten mit Frohlocken sich äußern: "Kaaf ich mer ä christlich's Bluht! Kaaf ich mer ä christlich's Bluht!" (obwohl ihm seine Erzieher diesen Jargon auf's Strengste verboten hatten.)—Der Leser wird den Kopf schütteln. Aber der Leser darf nicht vergessen, daß Itzig Faitel Stern Mediziner war, und auf allen einschlägigen Gebieten Bescheid wußte. Und ferner ist hier der Ort, daran zu erinnern, daß damals, als unsere Erzählung spielt, die Transfusionen aufkamen, die Blut-Einspritzungen aus einem vollsaftigen, blutreichen Körper in einen blutarmen, darniederliegenden Organismus durch Öffnen eines oberflächlich liegenden Blutgefäßes am Arm. Diese Operationen waren ungeheuer gefährlich, und sind heute bereits ganz verlassen. Man rieth Faiteles ernstlich ab. Er ließ sich jedoch nicht abhalten. Gleichwohl waren noch große Schwierigkeiten zu überwinden. Man hatte bereits sechs bis acht kräftige Leute aufgetrieben, die gegen luxuriöse Bezahlung jeder einen Liter Blut hergeben sollten. Als sie hörten, daß es für einen Juden sei, traten sie zurück, sprachen von dem durch die Juden am Kreuz vergossenen Blut, und waren nicht mehr zu bewegen, ihr Wort zu halten. Erst, als man mehrere kräftige Schwarzwälderinnen, die zur Messe gekommen waren, überreden konnte, sie müßten sich wieder einmal zur Ader lassen, war die Hauptschwierigkeit gehoben. Faitel setzte sich in einem Nebenzimmer selbst das Messer an, und, obwohl die Menge des zu entleerenden Blutes genau vorgeschrieben war, ließ er die offene Ader im warmen Bad spritzen, bis er ohnmächtig hinsank. Er wollte von der "Jüdischkeit" ablegen und ablaufen lassen, was herausging. Von den acht kräftigen Bauernmädchen wurden ihm dann im Laufe des Nachmittags acht Liter mit großer Vorsicht allmählich eingespritzt. Faitel ging nach mehrtägiger Bewußtlosigkeit unversehrt aus der gefährlichen Prozedur hervor. Aber über den Erfolg, den psychischen Erfolg, wollte er sich nie recht vernehmen lassen. Allzu groß schien derselbe nicht gewesen zu sein, denn nach mehreren Wochen finden wir ihn schon wieder bei neuen Versuchen, um sich in den Besitz der deutschen Seele zu setzen.
So ließ er sich, besonders in Damenkreisen, pathetische und sentimentale Dichterstellen vorsagen, und beobachtete scharf Mundstellung, Athmung, Augenaufschlag, Gesten, gewisse Schluchzlaute, die aus der mit Gefühlen übersättigten Brust nur mühevoll und heiser sich entrangen. Ja, als die Damen in den ästhetischen Theekreisen ihm nicht genug thaten, ließ sich Faitel aus dem nahen Darmstadt Hofschauspieler kommen, Helden und Liebhaber, und lernt mit ihnen Romeo-Monolage u. drgl.—Dieß hatte in der That größeren Erfolg. Faitel brachte jetzt mit großem Geschick in seiner Diction Sätze vor, wie: "Ach, ich sag' Ihnen, wenn ich darüber nachdenke, wenn ich mir's überlege, es wird mir oft dunkel vor den Augen und mein Herz preßt sich zusammen ...;"—dabei einige brüske Bewegungen, beide Hände auf die linke Seite der Brust gepreßt,—-es war doch ein ganz geschickter Gefühlserguß. Freilich das Auge ruhte bei ihm matt-zerflossen, wie eine verfaulte Kirsche, in der Höhle. Aber viele wußte er doch zu täuschen. Die gepreßten Athmungen machte er vorzüglich. Und er hatte einmal die Genugthuung, daß ein Commilitone von ihm in Damenkreisen sagte: dieser Siegfried Freudenstern ist ein Gemüthsmensch durch und durch.
Aber Faitel hatte noch eine Menge anderer, alter, erbgesessener Gewohnheiten, Ideenkreise, Scurrilitäten und Verschrobenheiten. Wenn ich oft Abends mit ihm spazieren ging, überließ er sich gern seinem Nachdenken, und—wollte er Religionsstunde recapitulieren, oder seine früheren Lehrer verspotten,—er begann dann mit veränderter, mäckernder Rabbinerstimme sich selbst wie folgt zu examiren: "Was duht Jehova zu Beginn des Dags?"-Dann antwortete sich Faitel in seiner eigenen Stimme, aber mit einem frechen witzigen Accent: "Er stutiret im Gesätz!"—(Wieder die erste Stimme:) "Was duht der hailige Gott aber härnach?"—(Zweite Stimme:) "Härnach sitzt er und regiret die ganze Wält?"—"Was duht aber Jehova wiederum härnach?"—"Hernach sitzet er und ernähret die ganze Wält!"—"Was duht er aber dann?"—"Dann sitzet er und copuliret die Männer und die Waiber"!—"Wie lang copulirt der hailige Gott die Männer und die Waiber?"—"Drei Stunden lang cupulirt er die Männer und die Waiber!"—"Was duht er dann am Nachmittag der hailige Jehovah?"—"Am Nachmittag duht er nichts, der Jehovah; er ruht aus!"—"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehovah? Wird er nichts duhn, der hailige Jehovah? Was wird er duhn? Was duht der Jehovah am Nachmitdag—He?"—(Nun schien eine entfernte spitzige Knabenstimme von der hintersten Schulbank zu antworten.) "Am Nachmitdag spielt der hailige Jehovah mit dem Leviathan!"—"Nadierlich! (fiel jetzt die Stimme des Rabbiners ein) er spielt mit dem Leviathan!"—-In solchen Stunden war Faitel überglücklich und geberdete sich wie ein wilder Junge. Wenn wir dann hinaus vor die Stadt kamen, nahm Faitel wohl auch gelegentlich sein weißes Taschentuch, hing es um den Hals, hielt es vorne mit zwei Zipfeln, und fing nun an in roulirenden Scalen mit heulendem Gurgellaut ganze Berge von Gesang loszulassen mit eigenthümlich jubilirend-heiterem Charakter auf einen Text, der mir fremd war; bis ihm die Augen heraustraten und der Schaum vor seinen Lippen stand; dann brach er körperlich fast zusammen, und lief wie ein Trunkener, besinnungslos, neben mir her. Wenn er wieder zu sich kam, blieb er still, in sich gekehrt, that sehr geheimnißvoll, und schien von einem unbekannten Glück durchfluthet.—Von Alledem durften natürlich seine Lehrer nichts wissen, die jede Uebung, jeden Laut und Geste perhorrescirten, die ihn an seine frühere Constitution erinnern konnten. Ich hatte aber auch Faitel im Verdacht, daß er, wenn allein, all den früheren Unfug weiter trieb. Tags über war er im europäischen Corset, eingeschnürt, überwacht, streng beobachtet. Aber Nachts, wenn alle Fessel fiel, wenn er den Stachelgürtel auszog, und lag im Bett, kein Zweifel, da wippte er wie früher mit dem Becken hin und her, steckte die aufgespreizten Hände in die fingirten Westenausschnitte, gurgelte und gröhlte, "Deradáng! Deradáng!" und die ganze pfälzisch-jüdische Sündfluth kam dann heraus.—Faitel hatte aber noch andere Dinge, die noch viel unausrottbarer waren, weil sie nicht, wie Bewegungen, vom Willen beherrscht wurden, sondern in seiner Phantasie steckten. Die Vollständigkeit zwingt mich hier, etwas Unappetitliches zu berühren: Faitel hatte Angst vor dem Abort. Er glaubte an die alt-hebräischen Unflat-und Abtritt-Geister, die den Menschen während seiner höchst dringenden Beschäftigung molestirten und Besitz von ihm ergriffen, und durch bestimmte Gebete abgewehrt werden könnten. Da er diese Gebete nicht mehr wußte, oder nicht mehr mit Ueberzeugung sprechen konnte, so wuchs seine Angst nur um so mehr. Und nur der Umstand, daß die quästionirten Geister in Gegenwart noch eines Andern sich nicht an den Menschen wagten, verschaffte Faitel die, freilich immer erst zu beschaffende, Gelegenheit, einem so dringenden Geschäft mit Ruhe obzuliegen.—