Solcher Art war Faitel's Neubildung und Umgestaltung beschaffen. Innerlich war Vieles noch nicht neu besetzt, und alte Functionen noch in Thätigkeit. Aeußerlich war alles zugeglättet, gestriegelt, gut eingeübt und in promptem Gang. Alles in Allem mußten Faitel und seine Lehrer, Erzieher und Instructoren mit dem Erreichten zufrieden sein. Und Professor Klotz, dessen sorgsames Auge von Semester zu Semester mit höherem Interesse über seinem Menschenwerk wachte, mochte in seinem Beglückungsgefühl inmitten stehen zwischen einem Circus-Director, der ein schwieriges Pferd endlich für die Manege hergerichtet, und jenem erhabenen Schöpfer, der einem kalten Erdenkloß Leben einhauchte.—Hatte nicht auch Klotz einem vertrackten Gerippe neues Leben eingehaucht?—Aber Eines fehlte noch: Es galt diese kostbar-gewonnene Menschenrace fortzupflanzen. Mit dem feinsten abendländischen Reis sollte der neue Stamm oculirt werden. Eine blonde Germanin mußte die mit fabelhafter Mühe gewonnenen Resultate erhalten helfen. So lautete die Theorie. In Praxis hieß dies: Die arme, aber schöne, flachshärige Beamtenstochter Othilia Schnack sollte dem enorm reichen Gutsbesitzers-Sohn Siegfried Freudenstern die Hand reichen. So war es ausgemacht, und so war es Faitel zufrieden. Ein Gut war in der That vom alten Salomon Stern, der ruhig in der Pfalz auf seinem Dorf saß, (welches fast ganz ihm gehörte) bei Hannover angekauft, um den jungen Leuten als nächster Aufenthalt zu dienen. Die hannoverschen Studenten, die schon einmal so vortrefflich Dienste als Sprachinstructoren geleistet, sollten seiner Zeit die nöthigen Familien-Einführungen in Hannoveran'schen Stadt- und Landkreisen besorgen. Einige wacklige Hypotheken auf den Elternhäusern der betreffenden jungen Herrn waren für diesen Fall vom alten Salomon in Patzendorf (der alte Salomon wohnte in Patzendorf) zur Einlösung bestimmt. Ein ganz fabelhafter Trusseau war bei den ersten Lieferanten Heidelbergs für den Fall des Zustandekommens der Verbindung in Auftrag gegeben. Dieses übte nun wiederum einen unverhältnißmäßigen Druck auf alle Geschäftskreise in der Universitätsstadt aus. Man sprach so viel von der Verbindung, daß es schließlich hieß: die Verbindung muß zu Stande kommen; oder: dieß Verhältniß darf nicht rückgängig gemacht werden, als ob überhaupt schon etwas eingegangen worden. Das Mädchen Othilia, mit ihren sternhellen Augen, war ein offenes, liebreiches Geschöpf, aber mit einem starken Mädcheninstinkt. Ihr war in Gegenwart des goldblonden Jünglings mit den Schnurr-Sprechwerkzeugen nicht ganz wohl. Sie ahnte Ungünstiges, konnte aber ihren Verdacht nicht begründen. Der Vater, ein ängstlicher Mann, der durch Bravheit und Rechtschaffenheit es vom Diurnisten zum Subaltern-Beamten gebracht, war eine ängstliche Natur, die immer horchte, nie Nein sagte, mit kleinen Schritten trippelnd hin und her ging, Kinn und Nacken tief in einem ungestärkten, aufgeschlagenen Hemdkragen versteckt trug, und, sobald er merkte, daß etwas wie eine Familiensitzung im Anzug war, Hut und Stock nahm und einen Spaziergang machte. Die Mutter, eine vollbusige, schwerfällige, hie und da noch etwas gern scharmirende, aber energische und tüchtige Wirthschafterin, war entschieden für die Verbindung. Sie besaß bereits taubeneigroße Brillantsteine von Faitel Stern in den Ohren. Dieser klugen Frau war nur verdächtig, daß die Heidelberger Professoren, besonders die Mediziner, sich für das Zustandekommen der Heirath so erwärmten. Natürlich waren die Hoteliers, Weinlieferanten, Marchands de mode, Stickereigeschäfte, Kuchenbäcker, Juweliere, Annoncen-Expeditionen, Unterhändler, Kutscher und Packträger für die Verbindung. Auch die Freundinnen Othilias waren eher für die Heirath. Die protestantische Geistlichkeit—Othilia war protestantisch,—nickte ebenfalls beifällig zu dem ganzen Projekt. Daß man von Faitel's Verwandten gar Niemanden sah, verursachte einige Beklemmung in der Familie Schnack. Es hieß, die Eltern seien betagt, und die weite Reise aus dem Hannoverschen! Aber, wenn nur ein Bruder, oder noch lieber eine Schwester, des Bräutigam's sich gezeigt hätte! Aber die krächzende Brut hinten in Patzendorf hütet sich natürlich einen Laut zu geben.
Faitel war jetzt im sechsten Semester; seine Kenntnisse und seine gute Führung wurden gelobt. Es machte aber Aufsehen, als es hieß, Professor Klotz habe den jungen hannöverschen Studenten, der eben sein Examen absolvirt, zu seinem Assistenten ernannt. Diese Ernennung bedurfte der ministeriellen Bestätigung in Karlsruhe. Sie erfolgte. Sie gab aber dem auch in Karlsruhe bereits umlaufenden Gerücht von der reichen Heirath in Heidelberg neue Nahrung. Dem Landesfürsten konnten alle diese Gerede nicht entgehen. Und eines Tages theilte der Bureauchef dem alten Schnack mit schmelzendem Lächeln mit, man habe in Karlsruhe,—bei Hof,—von der Verbindung seiner Tochter—gesprochen. Jetzt war's fertig! dem alten Diurnisten blieb der Kopf starr und lautlos hinter der Cravatte stecken. Nicht einmal zu einem Schnappen brachten es die beiden trocknen, mit Rasirstoppeln schwarz getüpfelten Lippen; bis der lange, hagere Bureauchef mit den langen Rockschößen wieder draußen war. Dann warf der alte Schnack spritzend die Kielfeder auf das Arbeitspult, nahm Hut und Stock, und eilte keuchend nach Hause. "Bei Hof! Bei Hof!" Jetzt gab's kein Halten mehr. Die arme Othilia, die zitternd zugehört, warf sich schluchzend in die Arme ihrer Mutter, und erklärte, sie werde gehorchen. Die Mamma aber schrieb sofort ein Billet an den Herrn Assistenten Freudenstein; und die Hochzeit ward anberaumt.—
Lieber Leser, nun hab' ich aber noch ein Wort mit Dir zu reden. Hast Du jemals gehört, daß Leute im Winter einen Mantel tragen, dessen oberer Rand mit einem Streifen kostbaren Pelzes besetzt ist, um glauben zu machen, der ganze Mantel sei so gefüttert? Nicht wahr eine Kleinigkeit! Eine kleine Schwäche! Trägst Du auch einen solchen Pelz? O, dann wirf ihn weg, wenn Du ein Mann bist. Sonst möchte Dir der Pelz eines Tags auf's Maul fallen, während Du in der höchsten Athemnoth bist. (Wenn Du aber ein Weib bist, dann magst Du ihn tragen). Aber das Bischen Pelz, nicht wahr, so viel Gerede darüber!—Gut!—Hast Du aber schon, lieber Leser, solche Leute gesehen, die um ihre Seele solche Pelze tragen? Um die löcherige und schäbige Verfassung ihrer Seele zu verbergen? Und um zu thun, als hätten sie eine noble, in feinem Tuch gekleidete Seele? O Pfui der Schande! O Dreck und Miserabilität! Wenn irgend eine brave, offene, vielleicht noch in ihrem zu enge gewordenen Confirmations-Rock gekleidete Seele daran Ärgerniß nähme, oder getäuscht würde!—Besitzt Du vielleicht selbst Leser solche Umhüllungen für Deine Seele? O, dann schmeiß dieses Buch in die Ecke, wenn Du ein Mann bist, und spuck aus! Es ist nichts für Dich. Nur das Weib darf lügen und sich in falsche Umhüllungen kleiden.—
Hast Du vielleicht, lieber Leser, schon Thiere mit einander sprechen sehen? Zwei Tauben, oder zwei Göcker, oder zwei Hunde, oder selbst zwei Füchse? Nicht wahr, wie sie gurren, schnattern, kläffen, winzeln, wedeln und Körperkrümmungen machen! Glaubst Du, daß sie sich verstehen? Gewiß! Gewiß! Jeder weiß im Nu, was das Andere will. Aber zwei Menschen? Wenn sie schnüffelnd die Köpfe gegeneinanderstrecken, und sich ankieken; und dann ihre Gesichts-Taschenspielereien beginnen; blinzeln, äugeln, schwere und leichte Falten aufziehen, die Backen blähen, knuspern, leer kauen, "Papperlapapp", und "Der Tausend! Der Tausend!" winzeln? Was thun sie? Verstehen sie sich wohl? Unmöglich! Sie wollen ja nicht. Sie können und dürfen ja nicht. Die Lüge hindert sie ja daran. O Roßbollen und Stink-Harz, ihr seid Köstlichkeiten gegen das, was aus der Menschen Munde geht!
Als Prometheus von Gott endlich die Erlaubniß erhalten hatte, Menschen machen zu dürfen, geschah es unter der ausdrücklichen, erniedrigenden Bedingung, daß selbe eine Eigenschaft besitzen müßten, die sie tief unter das Thier stellten. Prometheus, der nur eilte, sein Kunstwerk fertig zu sehen, sagte Ja. Es war die Lüge. O hundsföttischer Vertrag, der uns alle unter dem gleichen Lügen-Zeichen geboren werden ließ! Und warst Du vielleicht die Ursache von jenem großen Lügenthurm zu Babel, wo die Menschen auseinandergehen mußten, weil sie sich schon damals trotz aller Räusperungen und Gesticulationen nicht mehr verstanden? Und wenn auch die germanischen Nationen, die zuletzt an's Schaffen kamen, am wenigsten davon erhielten, weil bei den vorhergehenden, asia tisch-romanischen Geschlechtern schon zu viel Lügensubstanz verbraucht war, so ist es doch noch genug.—O, Leser, wenn Du kannst, spuck diesen Dreck aus, wie faulen Schleim, und zeig Deine Lippen, Deine Zunge und Deine Zähne, so wie sie sind!—-Und jetzt hör' den Schluß der Faiteles-Comödie.—
Im Gasthaus zum "weißen Lamm" in der Martergasse in Heidelberg war der große Speisesaal mit einer glänzenden Gesellschaft gefüllt, die der Hochzeitsfeier von Othilia Schnack mit Siegfried Freudenstern beiwohnte. So etwas war in der Universitätsstadt schon lange nicht mehr gesehen worden. Ob der weltlichen Feier eine kirchliche Trauung vorherging? Das weiß ich nicht. Muthmaßlich. Die protestantischen Papiere für Freudenstern werden schon von einem mitleidigen hannöver'schen Pfarrer eingetroffen gewesen sein. Fehlte nichts als der Impfschein der Heimathgemeinde. Auf der Lüneburger Heide gab es viele Gemeinden, die herzlich froh waren um den Zuwachs ihrer Bürger durch eine Person wie Herr Dr. Freudenstern, der gleich ein Legat von 5000 Gulden zur Restaurirung des Kirchenchors hergab.—Auch der Leser muß sich jetzt noch, am Schluß der Affaire, alle Mühe geben, sich den "Faiteles" aus dem Kopfe zu schlagen. Nur Freudenstern heißt der Held der Geschichte; ein blondsträhniger, hochgewachsener Jüngling steht vor uns, oder unterhält sich vielmehr gerade an der Tafel mit Professor Klotz, während das Compot servirt wird.—Freilich die Zahnbildung, die Lippenwülste, die Nasenlappung in Faitels Gesicht mußten stehen bleiben, wollte man nicht ein Scheußal zusammenoperiren; und wer ein Auge für derlei Dinge hatte, erkannte im Profil Freudenstern's das sinnliche, fleischige, vorgemaulte Sphinx-Gesicht aus Egypten. Aber erstens hat nicht jeder das Auge für derlei Dinge; zweitens sieht man nicht Jemanden immer im Profil; drittens war Hochzeit, wo man unangenehme Dinge überhaupt nicht sieht; viertens war es noch immer streitig, ob das egyptische Sphinx-Gesicht semitischen Charakters ist, oder nicht; fünftens hatte Klotz ganz elegant sich in einem anthropologischen Privatissimum, wo er den Herren Studenten Anleitung zur Bestimmung von Schädel-Messungen gab, die Bemerkung fallen lassen, Freudenstern's Kopf-Bildung entspreche unter allen ihm vorgekommenen Beispielen am reinsten der Kopfform der seit historischer Zeit in Deutschland ansässig gewesenen Hermunduren.
Eben wurde der Pudding aufgetragen. Der freundliche Wirth vom "weißen Lamm" ging schwitzend um die Tafel der schmausenden Gäste herum, und zählte und zählte, denn das Couvert wurde ihm exclusive Wein mit einem Dukaten bezahlt. Das Menu war nicht ganz nach seinem Geschmack, und nicht, wie er glaubte, dem Charakter eines Hotels ersten Ranges, wie des "weißen Lamms", angemessen. Der weiße Lamm-Wirth hatte rein französisches Menu verlangt; und vorwiegend germanischer Charakter des Hochzeitsschmauses war in Folge Anordnung Klotzens ausdrücklich befohlen worden. Ja, da kam Sauerkraut vor, welches der Wirth wohl in seiner Verzweiflung durch die französische Bezeichnung choucroute in seiner germanischen Roheit zu dämpfen gesucht hatte; vom Schwein waren auserlesene Leckerbissen vorhanden, und fette glänzende Schwarten blinkten von all den Schüsseln, die als entremets in Mitte der Tafel für den ganzen Abend ein für alle mal postirt waren. Freudenstern saß zwischen der wachsbleichen Braut und Klotz. Ihnen gegenüber die Schnacks. Der alte Schnack, dessen schlottrige Gesichtshaut zurückzuschaudern schien vor den vor ihm aufgethürmten Speiseverschwendungen, schaute durch seine großen Augengläser in Silberfassung verwundert auf diese Leute, die so im Fressen geübt waren. Ein paar Vatermörder mit blendend weißer Cravatte hielt den langen Hals mit dem ausgemergelten Kehlkopfe in correcter Haltung. Auf dem tadellosen, schwarzen doppelknöpfigen Rock prangte ein Orden. Er war am Abend vor her aus Karlsruhe eingetroffen. Auch wurde Schnack verschiedentlicherseits mit 'Kanzleirath' angesprochen. Die Frau Schnack mit ihrem Embonpoint, überzogen mit vornehm-grauem Seidenstoff, schüttelte fleißig den Kopf hin und her; denn in ihren Ohren wackelten zwei taubeneigroße Brillantsteine. Ueber dieser Partie der Tafel lag eine schwere Wolke von Opoponax.—Man war beim Dessert.
Lieber Leser, nun mache Dich gefaßt! Etwas Außerordentliches scheint im Anzuge zu sein. Eine Schwüle, wie vor anbrechendem Gewitter, lag im Saale. Es war sehr viel Wein getrunken worden. Auch Faiteles hatte, von allen Seiten becomplimentirt, immer Bescheid thun müssen. Ich weiß nicht, ob Faitel sehr wenig oder sehr viel Alcoholica vertrug. Die Gepflogenheiten seiner Rasse deuten auf Mäßigkeit. Auf der andern Seite ist bekannt, daß plötzliche und ungewohnte Überschwemmungen des Hirns mit Spirituosen nicht nur krisenartige Explosionen im psychischen wie motorischen Gebiet beim Menschen auslösen, sondern auch Gehimpartieen, ich möchte sagen, Erinnerungsbezirke, mit einem Mal aufschließen, die ohne die brandige Zufuhr auf lange, vielleicht für immer, geruht hätten. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob Faitel zu trinken gewohnt war. Was ich weiß, ist, daß er an diesem Festtag zum ersten Mal den Stachelgürtel, das Präservativ für seine correcte Haltung, abgelegt hatte. Niemand wird ihn darob schelten. Dieses Ablegen war symbolisch. Faitel war an diesem Tag definitiv in die christliche Gesellschaft eingetreten. Auch wird die kluge Leserin begreifen, daß am Hochzeitstag, dem eine Hochzeitsnacht folgte, welch' letzterer eine Hochzeits-Entkleidung vorausgeht, dieser merkwürdige Schmuckgegenstand den Augen der thränenschweren Braut entzogen werden mußte.—
Wovon aber jetzt definitiv der Leser unterrichtet werden muß, ist, daß Faitel seit ca. 10 Minuten starr und unbeweglich dortsaß, den Blick glotzend unter die Tischtafel gerichtet. Sein Gesicht wurde oft purpurn und dann wieder käsweiß. Er schien auf eine ganz bestimmte Gedankenrichtung zu lauschen, die sich ohne sein Zuthun in ihm abspann, und die sein ganzes Interesse gefangen nahm; aber nicht ohne Zuthun von mehrerern Gläsern Cliquot, die er rasch hinunterstürzte, und die der besorgte Wirth hinter ihm rasch wieder füllte, da ja Wein im Couvert-Preis nicht inbegriffen war.—Faitel hob von Zeit zu Zeit die rechte Hand mit ausgestrecktem Finger empor, als wolle er "Pst! Pst!" machen, um besser auf seine inneren Stimmen horchen zu können. Denn im Saal war noch immer großer Trubel, Tellergeklirr und Geschnatter, da ja kein Mensch noch eine Ahnung hatte, was der Engel der Rache hier für ein wundersames Experiment vorbereite. Faitel schien auch ganz systematisch und zweckentsprechend Champagner zuzugießen, wie man Oel einer erlöschenden Flamme zugießt. Wenn ihm die innere Erleuchtung, die über ihn gekommen war, auszugehen schien, brachte er langsam den Oberkörper gegen die Tafel vor, und streckte ohne hinzusehen die rechte Hand aus, ergriff das gefüllte Glas, stürzte es hinunter, und hob dann die Finger empor, als wollte er sagen "Horcht! ob es kommt?"—Und es kam.-Der Inhalt dieser frenetischen Gedankenreihe schien ein heiterer, enthusiastischer zu sein. Denn Faitel schlug mit der platten Hand ein paar mal auf den Oberschenkel, daß es patschte, und lachte und kicherte vor sich hin; und wer ein gutes Ohr hatte, der konnte jetzt schon einige "Deradáng! Deradáng!" hören. Aber die Gäste kannten ja nicht, wie der Leser, was "Deradáng" war. Und das Scherzen, Lachen und Cliquot-Anstoßen übertönte weit diese ersten Mahnrufe. Und Klotz war in eifriger Unterhaltung mit seinem Nachbar zur Linken begriffen. Und nur die Braut zur Rechten überwachte mit Ruhe und Neugierde diese Vorboten eines Deliriums. Immer tiefer bohrte sich Faitel's Kinn bei seiner starren Körperhaltung in die Brust ein, und bekam zuletzt jene krüppelhafte Zwangsstellung, die der Leser aus den ersten Seiten dieser Erzählung kennt. Die Nächsten in Faitel's Umgebung, darunter die schnellbegreifende Frau Schnack, waren nun doch auf ihn aufmerksam geworden. Aber man schien alles auf einen eigenthümlichen Gemüthszustand schieben zu wollen.—"Kéllnererera!..." schrie jetzt plötzlich Faitel mit schnarrend vibrirender Stimme—"Kéllnererera!—Champágnerera!—Wie haißt?—Soll ich haben nichts ßu trinken.—Bin ich ä Mensch aß gut und werthvoll als Ihr Alle!..."—Jetzt wurde Jedermann im Saal plötzlich aufmerksam. Selbst die Kellner mit hohen Tellerstößen auf dem Weg hielten inne und starrten gegen die Mitte der einen Tischreihe, wo ihnen ein blutrünstig angelaufenes, violettes Menschenantlitz mit speichelndem Mund, lappig hängenden Lippen und quellenden Augen entgegenglotzte. Alles war wie festgebannt, und wußte nicht, was zu thun. Selbst Klotz verlor jede Fassung und blickte consternirt auf den Juden neben ihm.—Inzwischen war von dem Wirth, der hinter Faitel stand, dessen Glas gefüllt worden; und während erschrockene und mitleidige Gesichter rings herum auf ihn sich richteten, begann der Jude selbst mit knängsender und ganz veränderter Stimmgebung: "....Was duhet er aber in den nächsten drei Stunden? der hailige Jehova!—Deradáng! Deradáng!". (Mit einem Schwupp die Daumen im Ausschnitt der Hochzeitsweste; Hin-und Herwippen; Verliebtes Nachobenblicken.)—(Wieder mit veränderter Stimme sich Antwort gebend.) "Er sitzet und copuliret die Männer und die Waiber!"—(Wieder erste Stimme) "Wie lang copuliret der hailige Gott die Männer und die Waiber?" (Selbe Positur; lüsternes Hin-und Herrutschen auf dem Stuhl; auf-und abhopsend; gurgelnd; schnalzend;)—(Selbe Antwort-Stimme.) "Drei Stunden lang copuliret er die Männer und die Waiber!"—(Erste Stimme.) "Was duhet er dann am Nachmittag, der hailige Jehova? Deradáng! Deradáng!"—(Antwort) "Am Nachmitdag duht er Nichts, der Jehova; er ruht aus!"—(Erste Stimme) "Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehova? Wird er nichts duhn, der hailige Jehova? Was wird er duhn? Was duht der Jehova am Nachmittag,—He?"—(Entfernte, winzige Knabenstimme.) "Am Nachmittag spielt der hailige Jehova mit dem Leviathan!"—(Erste Stimme mit Triumph einfallend) "Nadierlich! Er spielet mit dem Leviathan!"—In diesem Moment sprang Faitel vom Stuhl auf, und schnalzend und gurgelnd und sich hin-und herwiegend, und mit dem Gesäß ekelhaft lüsterne, thierisch-hündische Bewegungen machend, sprang er im Saal herum: "Deradáng! Deradáng! Hab ich mer gekaaft ä christlichs Bluht! Kellnererá, wo is mei copulirte, christliche Braut? Mei Brauterá! Gäbt mer mei Brauterá! Bin ich ä christlichs Menschenbild aß fein, aß ihr alle seid! Ohn' alle Jüdischkeit!—Misemaschine! Wo is mei Brauterá?"—Alles war auseinander gestoben. Die jungen Damen verließen vor dem entsetzlichen Anblick den Saal. Mit Schrecken sahen die Zurückgebliebenen, wie sich Faitels blonde Strähnen während der letzten Scenen allmählich zu kräuseln begonnen hatten. Die krausen Löckchen wurden rostfarben, schmutzigbraun, und zuletzt blau-schwarz. Der ganze glühende, schweisige Kopf mit den schlaffen, gedunsenen Zügen war wieder mit dunklen Sechserlöckchen bedeckt. Inzwischen schien Faitel in seinen exaltirten Bewegungen mit einer eigenthümlichen Schwierigkeit zu kämpfen zu haben. Die vielfach operirten, gestreckten, gebogenen Gliedmaßen konnten jetzt die alten Bewegungen ebenso wenig ausführen, wie die neugelernten. Auch machte sich die lähmende Wirkung des Alkohol rasch geltend. Klotz hatte zwar nach Eiswasser geschrieen; aber es war vergebens. Jedermann sah, daß hier eine irreparable Katastrophe vorlag. Die schöne Othilia hatte sich in die Arme ihrer Mutter geflüchtet. Alles blickte mit starrem Entsetzen auf die wahnsinnigen Kreiselbewegungen des Juden. Endlich traf das schmutzige Ende, das jeden Betrunkenen trifft, auch Faitel. Ein fürchterlicher Geruch verbreitete sich im Saal, der die noch am Ausgang Zögernden mit zugehaltenen Nasen zu entfliehen zwang. Nur Klotz blieb zurück. Und schließlich, als auch die Füße des Betrunkenen vor Mattigkeit nicht mehr Stand zu halten vermochten, lag zuckend und gekrümmt sein Kunstwerk vor ihm auf dem Boden, ein vertracktes asiatisches Bild im Hochzeits-Frack, ein verlogenes Stück Menschenfleisch, Itzig Faitel Stern.—