Worin mir jedoch dieses ganze innere Leben, dieses Nachgrübeln, dieses Entdecken meiner Seele auf eigene Verantwortung hin, von entschiedenem Nachtheil war, das war mein Studium. Meine Fähigkeit zum Aufmerken war fast erloschen. Sah ich doch, daß weder die großen Schriftsteller, noch die großen Mathematiker und Geographen, eine Spur jener Kenntniß hatten, die mir weitaus die wichtigste meines Lebens schien. Nur die abenteuerlichen Erzählungen eines Odysseus, die Begebenheiten bei der Circe, sein Besuch bei den abgeschiedenen Seelen, oder die Metamorphosen bei Ovid konnten mich fest halten. Kam so eine Schlacht, bei der ich außer der Jahreszahl auch die Gefangenen und Gefallenen merken mußte, oder die Berechnung eines sphärischen Dreiecks, dessen Werth ich für mich mit dem besten Willen nicht einsehen konnte, so holte ich rasch die sämmtlichen weiblichen Individuen meiner Bekanntschaft herbei, entkleidete sie, und examinirte die Farbe, Einfassungen und Abnähungen ihrer exotischen Bälge; oder ich ließ mir von dem Judenkopf meine Orange-Freundin bringen, die ich längst mit einem Wachskopf versehen hatte, und deren blauen Fischschuppen-Schwanz und meergrüne Arme ich vergnüglich zwischen mir und dem Classen-Professor hin-und hertanzen sah.

So wurde ich achtzehn Jahre alt. Noch hatte ich keinem Menschen eine Mittheilung meiner Entdeckungen und verborgenen Erwägungen gemacht. Ich war jetzt in der obersten Classe des Gymnasiums. Bis dahin war das Aufrücken sozusagen von selbst erfolgt. Man kam in die vierte Classe, weil man ein Jahr lang in der dritten gewesen war, und in die dritte, weil man so lang in der zweiten war. Jetzt aber, zum Verlassen des Gymnasiums, hatte man ein schweres, eingehendes Examen aus allen Fächern zu bestehen. Wie das mit mir werden sollte, das wußte ich nicht.—Eines Tages kamen wir in die Religionsstunde, und hörten zu unserer freudigen Ueberraschung, daß der Religionslehrer krank, und wir nach Hause gehen könnten. Dies war eine gefundene freie Stunde, die ich wieder einmal zu meiner Verfügung hatte, und so viel wie möglich auszunützen gedachte. Mein erster Gedanke war: Du machst Deinem Orange-Idol einen Besuch. Aber wie dahin gelangen? Seit meinem ersten damaligen Besuch in der Abendstunde waren zwei oder mehr Jahre dahingegangen. Unter so strenger Clausur war ich die ganze Zeit über gestanden. Der Weg war mir in Vergessenheit gerathen. Wie ihn finden, und wie irgend Jemanden den Begriff davon beibringen, was ich wollte. Einem Mitschüler, der mir am vertrautesten war, und mit dem ich ein Stück des Nach-Hause-Wegs gemeinsam hatte, theilte ich soviel mit, als zur unumgänglichen Orientirung nothwendig war. Er hörte mich stumm und starr vor Erstaunen an. Etwas von meinem geheimen System muß doch mit hindurch filtrirt sein. Dann sagte er ruhig, und mit einer gewissen Gelassenheit, ich solle nur mitgehen, wenn er mir auch nicht dieselbe Menschen-Leiber-Ausstellung zeigen werde, jedenfalls werde es eine ähnliche sein. Ich folgte. Und nach etwa einviertelstündiger Wanderung kamen wir durch eine Menge enger und finsterer Gassen zu einem großen, spiegelglatten Glasfenster, in dem wahrhaftig eine große Collection der von mir sehnlichst begehrten ausgestopften farbigen Menschenbälge zu sehen waren. Aber es war weder dieselbe Collection, noch so elegant, farbig und kostbar wie die von mir in Erinnerung gehaltene. Mein Orange-Wesen war nicht darunter. Trotzdem glotzte ich wie fascinirt diese stummen Wesen an. Ich hatte meine Schulbücher unter'm Arm. Mein Freund stand hinter mir, mich beobachtend. Allmählich, merkte ich, blieben hinter uns mehrere Leute stehn. Es war ein Samstag. Aus dem Trubel und dem Geschrei, der in der ganzen Straße herrscht, entnahm ich, daß die Leute vom Markte kamen. Dicke Köchinnen, Bürgerfrauen u. dergl. schwankten schwerfällig vorbei: Ein Geschimpfe entstand, weil die Passage nicht frei war. Ich hatte mich ganz dicht an die Glasscheibe gelehnt, um das mir convenirende Stück herauszusuchen. Meine Nase blies einen großen Hof auf die Glasfläche.

Allmählich hörte ich hinten kichern und flüstern. Dazwischen vernahm ich die Stimme meines Freundes, der mit großer Ruhe und gedämpfter Stimme mit den stehengebliebenen Leuten conversirte. Einige Seufzer, die meiner Brust entstiegen, mögen von den Hinterstehenden gehört worden sein. Das Gedränge und Geschimpfe wurde nun immer ärger. Nun wurde mir doch unheimlich. Ich merkte, daß mein Freund nicht mehr neben mir stand. Auch hatte ich mich an dieser mehr starkkalibrigen, farbenarmen und schwerfälligen Collection gemästeter Menschen-Bälge genügend satt gesehen. Meinem Ideal entsprachen sie nicht. Ich wandte mich um, und wollte gehen. In diesem Augenblick empfing mich ein höllisches Gelächter, in dem Hohn, Spott, Mitleid, Verachtung, Schadenfreude, Alles durcheinander klang. Ich blickte in lauter geöffnete Mäuler mit faulen Zähnen und dampfenden Schleimhäuten. Die ganze Straße war vollgekeilt mit Weibern, die keuchend ihre Armkörbe emporhielten und mich mit winzig zugekniffenen Augenspalten ankiekten. Eine Menge von Stimmen und unartikulirter Laute drang auf mich ein, aus der ich zuletzt nur die eine breiig vorgebrachte Rede noch vernahm: "Gelten S' junger Herr, de san schön; a soichtene müssen S' Ihnen aussuchen!"—Ich wurde blutroth im Gesicht. Und kaum hatte ich mich durch das Gedränge durchgearbeitet, so lief ich, so schnell ich konnte, davon, Denkmaterial wieder für zwei Tage im Kopf. Mein Freund war verschwunden. Durch fleißiges Erfragen der Straße fand ich mich nach Hause. Als ich mit gerötheten Wangen und fliegendem Athem ankam, und man mich frug, wo ich herkomme, antwortete ich: Aus der Religionsstunde.—

Am nächsten Morgen, als ich zur gewohnten Zeit in die Classe trat, empfing mich ein vierzig-bis fünfzigstimmiger Ruf: "Corsetten-Fritz! Corsetten-Fritz!"—Die ganze Geschichte war ausgeplaudert worden. Ich hatte jetzt einen schweren Standpunkt. Und unangenehmer, als die Hänseleien, die nun begannen, berührte mich, daß mein so sorgfältig gehütetes System, das Pflegekind meiner Phantasie, in diese rohen Hände und Münder gekommen war. Und als ein Glück empfand ich es jetzt, daß durch die strenge Ueberwachung, das Abgeholtwerden vom Gymnasium, mein Verkehr mit meinen Mitschülern auf ein Minimum reducirt wurde. So blieb ich für sie ein Räthsel, ein barocker, sonderbarer Mensch; und in dieser Isolirung war mir am wohlsten.

So kam das Schluß-Examen herbei. In allen Fächern hatte ich begründete Aussicht, glänzend durchzufallen, mit Ausnahme des deutschen Aufsatzes; da ich von früh an mich daran gewöhnt hatte, meine Gedanken und Empfindungen schriftlich niederzulegen. Als deutsches Thema erhielten wir "die Bestimmung des Menschen". Ich weiß noch, ich starrte diese Worte wohl eine Viertelstunde an, aber es fiel mir nichts ein. Ich wußte nun, daß auch der Aufsatz verlorene Arbeit sei. Aber ich grübelte ruhig weiter, um zu sehen, ob sich gar keine Gedanken angesichts dieses weltbewegenden Themas einstellen würden. Und es kam nichts. Ich merkte jetzt, von Minute zu Minute deutlicher, daß nicht nur der Aufsatz eine schlechte Arbeit werden würde, sondern daß auch gar keine Aussicht für eine regelrechte, tüchtige, ehrliche Behandlung des Themas sei. Die "Bestimmung des Menschen?"—Ich wußte sie nicht! Hinter mir zupften mich meine Mitschüler, die gewohnt waren, im deutschen Aufsatz von mir Hülfe zu bekommen, und flüsterten: "Du, was ist die Bestimmung des Menschen?"—Ich wußte es nicht; und sie wußten es auch nicht.—Die Antwort, die ich in der Christenlehre vor zehn Jahren gegeben hätte: gottesfürchtig zu leben, und selig zu sterben,—die war mir wohl geläufig; aber das war ja nur eine schöne Rede, eine Phrase, die Jeder im Nothfall im Mund führt, und Keiner glaubt.—Trotzdem mußte mein Aufsatz in zwei Stunden fertig sein! In meiner Verzweifelung begann ich zu schreiben: Die Bestimmung des Menschen ist, die Räthsel, mit denen ihn diese Welt umgiebt, zu lösen, und sich zur ruhigen Geistesklarheit durchzuringen; so auf meine persönlichen Erlebnisse und den Gegenstand meiner Zweifelsqualen anspielend. Und nun begann ich, rückhaltlos die Erlebnisse meiner letzten Jahre, innerer und äußerer Natur, die Annahme eines zweiten Menschengeschlechts, meine Visionen und Peinigungen, bei Tag und bei Nacht, mein Occupirt-Sein durch jenes Orange-Wesen, darzulegen, und schloß die unermüdlich hingeworfene Studie mit der Emphase: das ist unsere Bestimmung, das ist unser Fluch, zu grübeln und zu spintisiren, die Schliche und Verhüllungen unserer Nebenmenschen aufzudecken, den Kern aus der Schale zu brechen, die Panzer abzureißen: ein Geschlecht läuft neben uns her, seltsam gebildet, mit ausladenden, outrirten Formen; die Blicke dunkel und verzehrend, die Haut schneeweiß, fuchtelnde Arme, auf der Brust zwei ungeberdige Ballen, die seltsam in der Kleidung versteckt werden; über Hüfte und Leib schillernde, seidene, farbige Ueberzüge von unbekannter, geheimnißvoller Herkunft; weiterhin sonderlich gebildet, alles glatt und weich, zart und behext; das einmal gesehen, die Phantasie nicht mehr losläßt, die Gymnasiasten verwirrt, ihnen das Gedächtniß auslöscht, sie dem Verderben zuführen will. Löse diese Räthsel, zerreiße die Schleier, decke Alles auf—das ist die Bestimmung des Menschen; um zu Ruhe und Frieden zu gelangen; im Uebrigen, selbstverständlich, gottesfürchtig zu leben und selig zu sterben; wie wir es auswendig gelernt haben.—

Den folgenden Tag und bevor noch das mündliche Examen begonnen hatte, wurde ich auf das Rectorat gerufen, wo mir bedeutet, daß ich wegen "unziemlicher Ausdrücke und unsittlicher Anspielungen im deutschen Aufsatz" zwei Stunden Arrest zudictirt erhalten hätte. Gleichzeitig wurde mir eröffnet, daß die Prüfungs-Commission durch außerordentliche Rücksichtnahme die begangenen Unziemlichkeiten durch den Arrest für getilgt erachte, ich aber für den deutschen Aufsatz selbst wegen der darin gezeigten "Selbständigkeit in Behandlung schwieriger und abgelegener Thematas" die erste Note erhielte.—Diese erste Note wog so schwer, zumal der deutsche Aufsatz doppelt gerechnet wurde, daß alle übrigen "Vierer" oder letzten Noten von ihrem "Ungenügend" etwas ablassen mußten. Und da ich, durch den Vorgang kuraschirt geworden, im mündlichen Examen frisch und vorweg antwortete, so gelang es mir, gerade noch mit der letzten zulässigen Gesammtnota das Absolutorium zu erhalten, und damit das Reifezeugniß für die Universität.—

Ein Vierteljahr später befand ich mich auf der Hochschule einer mitteldeutschen Residenzstadt, die wegen ihres jovialen ungebundenen Charakters besonders berühmt war. Ich war jetzt bald 19 Jahre alt; und von der väterlichen Censur und verwandtschaftlichen Ueberwachung endlich befreit, hoffte ich, jetzt hinter alle die Räthsel und Geheimnisse zu kommen, mit denen meine Phantasie sich bis dahin so abgemüht und gemartert hatte. Ich hatte mich an einen jungen, süddeutschen Studenten angeschlossen, der nicht, wie ich, Theologie studirte, sondern sich dem medizinischen Fach zugewandt hatte, und der weit besser als ich im großen Leben versirt war. Nach etwa vierwöchentlichem Verkehr nahm mich mein Freund eines Abends spät beim Nachhausegehen unter'm Arm und flüsterte mir merkwürdige, unerhörte Dinge in's Ohr: von dem Besuch eines versteckt gelegenen Hauses, wo auf eine bestimmte Klingel hin ein Haufen prachtvoller, schillernder, verführerischer Geschöpfe mit weißer Haut und goldenen Haaren hervorbreche, und dem Gaste seine Dienste anbiete. Man gebe ein Geschenk,—ein Gastgeschenk—das sei so üblich. Man wähle sich eines der Geschöpfe aus. Mit der verschwinde man dann auf eine Stunde. Alles übrige ergebe sich von selbst. Ich solle nur unverzagt sein, u.s.w.—Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf: Sollte ich hier einen Eingang in jenes Reich der Kolibri-Geschöpfe finden, nach deren Existenz ich seit fast sechs oder sieben Jahren im Geheimen fahndete?—Mit pochendem Herzen folgte ich meinem Freund, der sich über meine Unkenntniß und mein Verzagtsein nicht wenig erlustirte. Wir gingen abseits von der Hauptstraße durch schwarze Gassen, dann durch schwarze Gäßchen; es wurde immer stiller; durch das Sträßchen, durch das wir jetzt gingen, lief in der Mitte eine Gosse; wir mußten rechts und links weit ausschreiten, wie der Koloß von Rhodos, um uns nicht zu beschmutzen; keine Menschenseele begegnete uns. Endlich hielten wir an einem himmelhohen, schwarzen, nur drei Fenster breiten Haus, zu dem eine steinerne, wacklige, geländerlose Stiege emporführte. Mein Freund schellte. Gleich darauf öffnete sich die Thür leise; ein Flüster-Austausch; und wir gingen einen steinernen, nur mattbeleuchteten Gang entlang; dann eine holprige, steile Treppe empor; ein Griff auf eine Thürklinke: und mein Freund schob mich in einen hell und blinkend erleuchteten Raum, in dessen Wandspiegeln sich ein tausendfach-fassetirtes Licht brach, und in dem uns ein helles, nie vernommenes Kichern und Lachen umschwirrte. Auf den Sophas und weichen Lederstühlen saßen und lagen prächtige, kostbargeartete, helle, phantastische Wesen mit purpurrothen Lippen, blitzend-weißen Zähnen, langen Haarsträhnen, kalkweißen Halskrausen und nackten figelirenden Armen, und schauten uns mit glashellen, bachklaren Augen an, als sähen sie heute zum ersten Mal

Menschen in runden Beinrohren und eingezwängten Tuchröcken. Mein Freund sprach längere Zeit leise mit einer vornehmen Dame in Schwarz, die in jeder Hinsicht dem gewöhnlichen Menschengeschlecht anzugehören schien; dann, auf einen Wink, sprang eines der schlankesten, aalglatten Geschöpfe mit einer gilfenden Lache auf, schlang ihren weichen, langen Arm um meinen Hals, und schleppte mich fort aus dem Zimmer, eine Stiege höher, in ein kleines, ebenfalls prachtvoll erleuchtetes Gemach, in dem alles aus Crystall zu sein schien, eine Menge Fläschchen, Näpfchen und Väschen mit irisirender Oberfläche umherstanden, und die Luft wie mit tausend schweren Gedanken beladen Einem in die Nase drang. Ehe ich mich's versehen, hatte das schlüpfrige Geschöpf eine Hülle nach der andern abgeworfen, und plötzlich stand vor mir, strablend in Gold mit schwarzer Einfassung, jenes Orange-Bild aus dem Schaufenster, meine zierliche Ideal-Göttin mit jener safranenen Hülse um Leib, Taille und Brust, die ich seitdem so oft als reproducirtes Hirn-Gespinst vor mir gesehen hatte, in der Nacht, bei Tag, im lateinischen Classen-Zimmer; aber nicht todt, ausgestopft, mit abgehacktem Hals, herausgezogenen Armen und Beinen; sondern lebend, vibrirend, als Ganz-Geschöpf, mit schneeweißem Hals, goldbesträhntem Kopf, blühenden Beinen, herumfegenden Armen, gellenden Trillern; und um die Mitte des Körpers zog sich jener prachtvolle orangene Menschenbalg mit schwarzer Einfassung, an dessen oberen Rand zwei bläulichweiße Ballen mit Karminspitzen quellend hervordrangen. "Du unvergleichliches Wesen!"—rief ich, und stürzte mit einem Schlag auf die Knie',—"Dich kenn' ich, seit zehn Jahren such' ich Dich, Du erscheinst mir im Traum und bei Tag in einsamen Stunden. Du warst im Besitz eines ekelhaften, schwarz-geschniegelten Juden! Wie bist Du aus jenem Schaufenster herausgekommen. Wo hast Du diese wunderschöne, orangene Hülse her? Du bist ganz Duft, Kolibri und Goldhaar. Kann man Dich kaufen? Du bist der Inbegriff alles meines Glücks auf dieser Erde. Ich würf' die ganze Theologie zum Teufel, wenn ich Dich besitzen könnte; einerlei, kommst Du aus dem Himmel oder aus der Hölle. Du bist köstlicher als der Feuersalamander. Deine Haut ist ganz Opal und Onyx. Du duftest nach Sandelholz. Deine Bewegungen sind wie Seidenkirschen. Was thust Du mit jenen quellenden Kugeln, die wie flüssiger Granit oben aus Deiner Brust hervorzubrechen drohen, um uns zu zermalmen? Lebst Du in besonderer Luft? Nimmst Du Speise zu Dir? Werdet Ihr in Wagen gefahren, weil man Euch nie auf der Straße sieht? Hast Du damals das Schaufenster zerschmettert, und bist dem Aquarium-Besitzer, dem Juden, davongelaufen? Lebst Du hier glücklich? Bist Du aus Glas? oder Seidenstoff? oder Orange-Farbe? oder Muschelmasse? Kann man in Dich hineinbeißen...?"—Ich weiß nicht, wie lange ich so gesprochen; noch, was ich gethan; noch, was mit mir geschehen ist. Das köstliche Wesen schaute mich lange starr mit ihren tiefen Forellen-Augen an; und entblößte die obere, weiße Zahnreihe; und die Hände waren nach mir ausgestreckt, dann weiß ich Nichts mehr. Ich muß bewußtlos geworden sein. Und kam erst wieder zu mir, als ich die wacklige, steinerne Treppe in dem schwarzen Gäßchen hinunterstieg, und die frische Luft mich wieder zu mir selbst brachte.—Mein Freund hatte mich bei der Hand. Er machte mir bittere Vorwürfe, ich hätte nicht das richtige Benehmen an den Tag gelegt; gab mir eine schwulstige, geschraubte, ekelhafte Erklärung über die Bedeutung dieses Hauses und ihrer Insassen, die ich zum größten Theil nicht verstand, zum andern Theil überhörte über der Fülle inneren Glücks über das Gesehene und Genossene. Die ganze Nacht war mein Kopf voll jener Sandelholz-Gerüche und der Ausdampfungen aus den Crystall-Schalen und -Fläschchen der Orange-Fee.—

Ich zog mich jetzt ganz zurück aus dem Studentenleben. Der offene Verkehr mit Meinesgleichen, und das harmlose Plaudern und Lachen über Dinge, die mein Innerstes brutal berührten, war mir ein Gräuel. Ich lebte ganz meinem Innenleben, und baute dort aus den wenigen farbigen Bausteinen, die ich der Außenwelt, die ich meinen paar Erlebnissen, im Hinblick auf jenes Feen-Geschlecht, entnommen, eine phantastische, gelbe, corsettirte Welt auf, an der ich mich fabelhaft ersättigte.

Um hier nicht unterzugehen, stürzte ich mich mit fürchterlicher Energie auf mein theologisches Studium. Und nicht ohne Erfolg. Ich fühlte jetzt ganz genau jene Zweitheilung in mir vorgehen, die schon in frühester Jugend bei mir begonnen: jene spontane, von der Phantasie eingenommene Sphäre, in der ich uncontrollirbar schuf, creirte, produzirte; und aus der ich meist jenes kostbare, meinen Farben-und Formen-Durst stillende, gelbe Geschlecht hervorholte; und die zweite, die Verstandes-Sphäre, wo ich, unter Zusammennehmen aller fünf Sinne, keuchend wie ein Roß, meine Daten und Geschichtsquellen memorirte, und die trübe, fade Außenwelt mit ihren Erscheinungen auswendig lernte.—