So kam mein Examen herbei. Ich bestand es glänzend. Durch meinen eisernen Fleiß hatte ich die erste Note errungen; und erhielt vom Regierungs-Vertreter die Aussicht im Laufe des nächsten Vierteljahres angestellt zu werden. Ich war glücklich zum Emporjauchzen. Und dabei traurig zum Hinsinken. Mein alter ego war unzufrieden. Und ich fühlte in meinem Innern eine höhnische Stimme, die sich über meinen äußeren Erfolg lustig machte.
Ich eilte nach Hause zu meinen Eltern, wo ich mit großer Freude empfangen wurde. Jetzt, wo meine Aussicht auf Versorgung so gut wie gewiß war, und ich inzwischen neunundzwanzig Jahr alt geworden, sprach mein Vater zum erstenmal mit mir über Verheirathung, über die Süßigkeit der Liebe, und schmatzte dabei mit dem Munde. Ob ich noch kein Gefallen an dem andern Geschlecht gefunden? Ich glotzte ihn groß an, und sagte, ich wisse nicht, was er wolle. Hätte nie davon gehört. Der Gegenstand sei mir zuwider. Ich wüßte Besseres.—Aber eine andere Befriedigung wurde mir zu Theil. Mein Vater hatte für mich die Erlaubniß erwirkt, am folgenden Sonntag an seiner Stelle die Kanzel besteigen zu dürfen, und damit meine Antritts-Predigt zu halten. Dies war ein mächtiger Sporn für meinen Ehrgeiz. Ich nahm einen Prachttext aus dem Corinther-Brief, und componirte eine fulminante Predigt. Sie war am Donnerstag fertig. Ich hatte jetzt noch zwei Tage zum Memoriren. Die Sache ging mit Spaß. Ich war nie so frisch und munter bei der Arbeit gewesen.
Am Sonntag früh in der Sakristei, nachdem ich den Chorrock angelegt hatte, ging ich, während die Gemeinde den Zwischenchoral sang,—ich vergesse, welchen,—langsam und überlegend auf den Steinfließen auf und ab. Plötzlich wurde mir merkwürdig zu Muthe. In meinem Innern schien etwas vorzugehen. Mich überfiel die Angst, es könne in meinem Innern sich etwas ereignen, über das ich nicht mehr die Controlle hätte. Ich hatte die Empfindung, auseinanderzugehen, wie eine Maschine. Und, als ob ich bei diesem Auseinandergehen ruhig zuschauen müßte, ohne etwas thun zu können. Und dies, die Angst vor dem Kommenden, war die Quelle meiner Beunruhigung. Nicht die erste Sensation selbst, die nur überraschend und merkwürdig war.—Doch war ich nach einigen Minuten wieder frei; und ich bestieg die Kanzel. Ich begann meine Predigt äußerlich ruhig und ohne Befangenheit. Die Worte flossen wie von selbst. Aber schon nach wenigen Sätzen, merkte ich, kam jenes Sakristei-Gefühl wieder. Und nun konnte, und mußte ich, zusehen, was geschah: Während meine Predigt ruhig und sicher wie eine Spule abrollte, begleitet von guten Gesten und sicherem Tonfall, merkte ich, wie sich in meinem Innern etwas ablöste; ein Maschinentheil davonrannte. Und nun erinnerte ich mich, wie ich schon als Knabe immer pensiv war, und meine Seele während der Predigt davonlief. Unwillkürlich schaute ich hinunter auf die Kirchenbänke, und: da saß ich, als Junge, mit gläsernem, starren Blick: und gleichzeitig hörte ich die breite, wiederhallende Predigerstimme meines Vaters.—In diesem Augenblick wurde ich durch eine plötzliche Stille unterbrochen. Ich muß zu predigen aufgehört haben. Ich erkannte jetzt die Situation; ermannte mich, räusperte, und begann von Neuem; fest entschlossen, keiner Verführung mehr nachzugeben.—Aber meine Seele hatte ihre Tour schon begonnen. Und nun mußte ich mit. Mit auf die Lateinschule. Mit in das Haus meines Onkels. Mit durch die schwarzen Straßen der Residenzstadt.—Krampfhaft klammerte ich mich an meinen memorirten Predigttext an, und suchte mein Inneres zu überschreien. Als ich an die Stelle kam,—in meiner Seelengeschichte—wo ich im Auftrag meiner Tante jenen abendlichen Gang zu machen hatte, sah ich mit einemmal, wie ein langgestreckter Jude, etwa in der Höhe der Kanzel, quer durch die Luft zu mir kam. Ich erschrack, und wunderte mich, wieso derselbe in der Luft schweben könne; entdeckte aber bald, daß der Kerl, wie ein Kronleuchter, hinten am Rücken durch ein starkes Seil befestigt war, welches oben an der Kirchendecke mündete. Und vor sich her schob der Jude, mit einem freundlichen Grinsen zwischen seinem schwarzen Bart, jenes orangegelbe Wesen, welches mich durch so viele Jahre begleitet hatte. Ich war außer mir, über die Störung, und betrachtete meinen Chorrock, der mit gelben, fetten Lichtern wie übergossen war. Ich winkte dem Juden fort, und ließ deutlich erkennen, wie unangenehm mir der Besuch sei; und wie sonderbar sein Benehmen, sich mit Hülfe des Kirchendieners mittelst eines Strickes so hoch herabzulassen. Er blieb aber genau, wo er war, und lächelte fortwährend in gleicher Weise.—Bis dahin hatte ich mit äußerster Anstrengung meinen Predigttext nicht verlassen. Aber jetzt, als ich eben zum zweiten Teil überging, geschah etwas Unerhörtes. Die Glasthüren, die zur Gallerie der Kirche, zum Empor führten, wurden zu beiden Seiten aufgerissen, und meine früheren Gymnasial-Kameraden von der ersten und zweiten Classe stürmten mit ihren Büchern herein, nahmen die Sitze rings um die Gallerie ein, und nach einigem Schnaufen und Flüstern hörte ich, wie einige lautgellend, lachend, riefen: "Ei, das ist ja der Corsetten-Fritz!"—Und "Corsetten-Fritz! Corsetten-Fritz!" folgte es jetzt im Chor. Anfänglich wollte ich die Störung nicht beachten; zumal ich überzeugt war, daß die jungen Leute exemplarisch bestraft würden. Als aber die höhnenden Zurufe immer ärger wurden, fing ich an hinaufzudrohen und zuletzt hinaufzuschimpfen. Der Genuß meiner Predigt wurde dadurch natürlich wesentlich verkümmert. Nun wurde auch die Gemeinde unruhig, und begann zu murren. Gegen die Demonstranten. Zuletzt wurde der Lärm so arg, daß der Kirchendiener zu mir auf die Kanzel kam, und mich bat, plötzlich abzubrechen, mein Vater erwarte mich dringend in der Sakristei. Damit verließ ich die Kanzel.
Nach sechs Wochen wurde ich hierher in ein Haus gebracht, von dem es heißt, es sei die Irren-Anstalt. Und von hier aus schreibe ich diese Zeilen, meine Lebensgeschichte, auf Wunsch des Directors nieder. Man sagt mir, ich litte an Hallucinationen, an Gesichts-und Gehörstäuschungen. Davon kann keine Rede sein. Ich verlange vor allem eine gerichtliche Untersuchung, über jene Vorgänge in der Kirche, und eine Verhaftung des Kirchendieners, der jenem Juden den Strick gegeben hat zum Sichherablassen. Diejenigen, die jene Vorgänge leugnen, beweisen damit, daß sie in ihren Sinnen krank, oder an jenem Complot betheiligt sind. Was allein an der ganzen Sache merkwürdig ist, ist daß jene Jungens, die damals auf dem Empor "Corsetten-Fritz" schrieen, aussahen, als wären sie sechs bis acht Jahre jünger, als sie wirklich zur Zeit sein mußten. Denn diese Zeit ungefähr hatte ich sie nicht mehr gesehen. Daß sie ihre Haare genau so gescheitelt trugen, dieselben Anzüge anhatten, und, täuschend, die gleichen Bücherbündel, mit Riemen zusammengehalten, mit der gleichen ungezogenen Manier trugen, wie vor sechs, acht Jahren. Darin allein liegt das Merkwürdige. Das ist aber offenbar bestellte, fabricirte Sache.—
[Indianer-Gedanken]
"Nehmet wahr der Raben;
sie säen nicht, sie ernten auch
nicht, und euer himmlischer
Vater nähret sie doch."
Lucas 12, 24
Wer in den letzten fünf oder sechs Jahren in einer der größeren Städte des Continents seinen Aufenthalt hatte, oder gelegentlich dort verweilte, erinnert sich vielleicht einer farbigen Truppe, die unter der Aufsicht eines weißen Unternehmers von Ort zu Ort zog, ihre Zelte aufschlug, in einem abgeschlossenen Raum ihre Künste, Kriegs-Tänze und sonstige absonderliche Gewohnheiten vorführte, und unter denen ein geschlossenes Contingent von etwa fünfzig bis sechzig Indianern des Sioux- und Cheyennes-Stamms das Haupt-Interesse des Publicums herausforderte.