Araukanischer Friedhof

11. BRIEF.
SÜD-CHILE – EIN ZWEITES DEUTSCHLAND.

Wenn man in Europa an Chile denkt – wer tut das überhaupt und wann? – so macht man sich von der Ausdehnung des Landes schwerlich einen ganz richtigen Begriff. Auf die Karte von Europa projiziert, würde Chile von Norden nach Süden eine Strecke einnehmen, die etwa von Kopenhagen bis Zentral-Afrika reicht. Dieser Umstand bedingt natürlich eine Variabilität der wirtschaftlichen Verhältnisse, wie sie außerdem vielleicht nur noch in Rußland vorkommt. Die Grenzgebiete sind hier im hochgelegenen steinigen Norden, wo kein Baum und kein Strauch mehr gedeiht, die ungeheure Salpeterindustrie, – im Süden, der in die gemäßigte Zone hineinreicht, die ausgedehnten Schafzüchtereien. Dazwischen liegen die üppigen Ebenen von Santiago und Liai-Liai, wo der herrliche chilenische Wein wächst – überhaupt ein Fruchtland par excellence, das dem »gelobten« der Bibel in nichts nachzustehen scheint – und weiter südlich am Valdivia und Ossorno herum das märchenhafte Weizengebiet, dessen Fruchtbarkeit jeden europäischen Landwirt gelb vor Neid machen muß. Die klimatischen Unterschiede in den einzelnen Landstrichen Chiles sind natürlich außerordentlich fühlbare. Das merkt man als Reisender, und noch dazu als eilig Reisender, ganz besonders – leider, denn wenn man den Norden bei herrlichstem Sommerwetter und nie aussetzendem Sonnenschein verläßt, kommt man im Süden in den grauen, trüben und kühlen Herbst hinein, ehe man sichs versieht. Eine Redensart behauptet vom südlichen Chile, daß es ein Land sei, in dem es dreizehn Monate im Jahr regnet. Dagegen kann nur der Kalendermann aus Pedanterie protestieren. Dennoch wird man als Reisender von Ort zu Ort immer südlicher geschickt. Denn die Chilenen sind mächtig stolz auf den Süden ihres Landes, auf die malerischen Schönheiten, die das Seengebiet der südchilenischen Kordillere bietet. Aber was nutzen einem die herrlichsten Berge, die Schneekoppen phantastischer Vulkane, wenn sie von schweren, grauen Wolken bedeckt sind, oder die herrlichsten Seen, wenn ein dichter undurchsichtiger Regenschleier sie verhüllt! Man läßt die Einwohner von den zauberischen Schönheiten ihres Landes erzählen und muß ihnen aufs Wort glauben. Oder man muß den vierzehnten Monat des Jahres für seine Reise abwarten. Dann präsentiert sich vielleicht die ganze Gebirgsszenerie in ihrer vollen Pracht.

Beim Durchfahren der Bahnstrecke Valdivia–Ossorno–Puerto Montt wird es einem, ebenso wie beim Aufenthalte in den genannten Städten, zuweilen schwer zu glauben, daß man sich irgendwo in Chile befindet und nicht in Deutschland, freilich in einem Deutschland vor fünfzig oder fünfundsiebzig Jahren (wie man sich das so vorstellt). Selbst der Piccolo auf den Stationen fehlt nicht: »Glas Bier gefällig?« Nur heißt das hier »una cerveza«. Es ist kein Zweifel: in ganz Süd-Chile sind die Deutschen das absolut dominierende Bevölkerungselement. Wenn auch nicht der Zahl, so jedenfalls der wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung nach, die sie hierzulande erlangt haben. Allein drei Viertel des gesamten Grundbesitzes befinden sich in deutschen Händen, zuweilen sind es Latifundien, deren Ausdehnung sogar in Rußland Respekt erregen würde. Güter von 40-50 000 Hektar sind keine Seltenheiten. »Es gibt in Chile keinen armen Mann«, behauptet eine Redewendung, die ich oft gehört habe. Glückliches Land, wenn das stimmt. Und das scheint zu stimmen. Wohlstand und Genügen, wohin man blickt, wenigstens unter den Deutschen, die im Konkurrenzkampf mit dem trägen unentschlossenen Chilenen leichtes Spiel haben. Der Hauptgrund dieses auffallenden Wohlstandes ist natürlich der beispiellos fruchtbare Boden des Landes. In Chile wächst alles, was man in die Erde steckt. Und wie wächst es! Ich habe siebenjährige Fruchtbäume gesehen, die doppeltmannhoch unter der Last der Früchte buchstäblich zusammenbrachen. Die Äste der Pflaumen- und Birnbäume sehen aus wie Riesentrauben und Riesenbeeren, Frucht an Frucht gedrängt, kein Blättchen hat dazwischen Raum. Und daneben wächst Tabak, Mais, oder Sonnenblumen von fabelhafter Größe, dann wieder Pfirsiche, Erdbeeren und friedlich nebeneinander stehen Kokospalmen und Edeltannen. Aber das eigentliche Gold des Landes ist der Weizen. Der Landwirt baut ihn fast ausschließlich. Er läßt seine Felder lieber drei bis sechs Jahre ganz ruhen, um sie dann wieder unter Weizen zu bringen. Den Begriff der Düngung kennt man hier nicht. Und was für Ernten gibt es hier! Eine Ernte, die das fünfundzwanzigste bis dreißigste Korn abwirft, gilt als mittelmäßig. In Ossorno lernte ich einen deutschen Landwirt kennen, der soeben eine Weizenernte eingebracht hatte, die ihm das fünfzigste Korn ausgab. Damit war er freilich selbst zufrieden. Trotzdem der ganze Weizenexport in den Händen von nur zwei großen Firmen liegt, die merkwürdigerweise englisch sind und die Preise auf ein Minimum herabdrücken, ist das Weizengeschäft so lohnend für die Landbesitzer, daß nichts anderes daneben bestehen kann.

Die einzige Mühe, die der Landwirt hier hat, ist die – das Land urbar zu machen. Ist das einmal geschehen, so braucht er sich um nichts mehr zu kümmern. Das übrige besorgen der Boden und das Klima ganz von selbst. Aber diese Urbarmachung zwingt einen, gehörige Schwierigkeiten zu überwinden, und die Energie, die dazu verbraucht wird, verdient die allerhöchste Bewunderung. Enorme Strecken des Landes sind von undurchdringlichem Urwald bedeckt. Den gilt es auszuroden. Hier hat sich nun eine ganz merkwürdige Technik ausgebildet, die – nebenbei gesagt – tausende von Kilometern weit auch den landschaftlichen Charakter des Landes bestimmt. Sie besteht in folgendem. Es werden künstlich Waldbrände in Szene gesetzt. Vorerst um das Unterholz zu vernichten, denn sonst ist ein Eindringen in den Wald überhaupt unmöglich. Der erste Brand vernichtet jedoch den Wald noch nicht, er trocknet ihn nur aus. Nun wartet man ein Jahr oder zwei, dann zündet man den Wald wieder an. Und so weiter, bis endlich nur noch verkohlte Stämme in dichten Reihen gen Himmel starren und das zu Asche gewordene Unterholz in schwärzlich-brauner Schicht den Boden bedeckt. Dieses landschaftliche Bild verfolgt einen durch ganz Chile. Es sieht trostlos aus, am wenigsten darnach, daß hier der Mensch bei einer Kulturarbeit ist. Nun gilt es noch, die Bäume zu fällen und die Wurzeln zu heben, dann kann man ruhig und unbesorgt um das Resultat seinen Weizen säen. Doch hin und wieder widersetzt sich der Wald. Es gibt Stämme und Baumstrünke, denen weder mit der Hand noch mit Maschinen beizukommen ist. Der Landweg zwischen Puerto Varras und Puerto Montt ist mit niedergebranntem Wald eingesäumt, der seit fünfzig Jahren brach liegt. Sieht man die Stümpfe der Riesenbäume, von denen manche drei bis vier Meter im Durchmesser aufweisen, so begreift man, daß hier alle Arbeit umsonst wäre.

Ein Feind des Landwirts ist hier auch – die Brombeere. Die Deutschen haben sie vor einigen Jahrzehnten erst selbst eingeführt. Jetzt werden sie die Geister, die sie riefen, nicht mehr los. Die Brombeere wuchert überall in solchen Massen, in solch üppigem Gewirr, daß sie droht, das ganze Land mit einer undurchdringlichen Hecke zu überziehen. Ein wahrer Vernichtungskampf gegen sie hat begonnen, der viel Mühe kostet und doch nur wenig nutzt.

War es vor fünfzig Jahren fast ausschließlich die Landwirtschaft, die die Deutschen hier stark machte, so dringt ihr Einfluß jetzt in alle Gebiete des wirtschaftlichen, sozialen, ja sogar politischen Lebens hinein. Übrigens sind die Chilenen weit entfernt davon, unzufrieden zu sein. Kürzlich fiel mir eine spanische Zeitung in die Hand, aus der ich, zur Orientierung, folgendes wörtlich übersetzte Zitat mitteilen möchte: »Deutsch sind unsere Unterrichtssysteme und deren Leiter, deutsch sind unsere Elektrizitätswerke, deutsch ist unser Militärwesen, deutsch beinahe die ganze Salpeterzone von Tolo und Taltal, deutsch die meisten und wichtigsten unserer Banken, in deutschen Banken sind unsere Goldreserven deponiert, auf deutschen Schiffen fahren unsere Staatsangehörigen, wenn sie ihr Land auf einige Zeit verlassen, auf deutschen Schiffen kommen die für unseren Gebrauch nötigen Waren an, mit deutschem Spielzeug spielen unsere Kinder, deutsche Artikel beherrschen unseren Markt und sogar unsere Zeitungen sind auf deutschem Papier gedruckt, oder wenigstens auf Papier, das durch deutsche Kaufleute in den Handel gebracht wird. Ich habe deshalb gesagt, daß, wenn eines Tags eine andere Nation an unseren Türen pocht, man ihr antworten wird: besetzt!« So weit der chilenische Publizist. Dazu kann man noch hinzufügen: deutsch, ausschließlich deutsch ist hier, wie übrigens auch anderswo das Dreigestirn Doktor, Apotheker, Wurstmacher und deutsch sind alle, wenigstens alle guten Hotels. Letzteren Umstand kann der Reisende, zumal der deutsche, nicht hoch genug preisen.

Und allen diesen Deutschen geht es, wie gesagt, gut. Verkrachte Existenzen kommen kaum vor. Ein Graf R., der sich hier so durchhochstapelt und ein Fürst v. F., der in einer Valdivianer Brauerei Flaschen wäscht, werden als Sehenswürdigkeiten gezeigt.

Nun entsteht die Frage: fühlen sich die Deutschen hier als Deutsche, oder sind sie zu Chilenen geworden, wollen sie es werden. Es ist dasselbe Dilemma, vor das die Deutschen auch – anderswo gestellt werden. Ich fragte einen hiesigen Einwohner darnach, einen prächtigen bayrischen Wurstfabrikanten in Temuco, dessen Söhne sich schon etwas chilenisch ausnahmen. Ich fragte ihn: »Tut es Ihnen nicht leid, wenn Ihre Kinder das deutsche Heimatsgefühl verlieren?« Er zuckte die Achseln, und ein ganz leichter Schatten legte sich auf sein Gesicht. »Das Einzige, was ich von meinen Kindern verlange, ist, daß sie anständige und ehrliche Menschen sind.«

12. BRIEF.
CHILENISCHES GESELLSCHAFTS-, BADE- UND SPORTLEBEN.