Der Nachahmungstrieb, wenn er nicht auf innerem Verständnis und wirklichem Bedürfnis beruht, sondern auf Eitelkeit und Parvenü-Ehrgeiz, ist eine gefährliche, ja verhängnisvolle Eigenschaft. Er führt zu geistigen Fälschungen, zieht in der Regel Zwang und Unfreiheit nach sich und bedingt das betrübliche Schauspiel, wie Sinn in Unsinn verkehrt wird.

Einen Beleg für diese Behauptung bietet das Leben der chilenischen beau monde, wie es sich dem europäischen Beobachter darstellt.

Sobald der Südamerikaner – hier ist speziell vom eingeborenen Chilenen die Rede – zu Gelde kommt, packt ihn die Eitelkeit, es in allen Dingen den hochmütigen Europäern nicht nur gleich-, sondern womöglich zuvorzutun. Da ihm die eigenen Ideen fehlen – wo sollte er sie auch herhaben – muß er sich aufs Nachahmen verlegen. Und da entsteht jenes ergötzliche Bild, das die Kritik herausfordert, auch wenn man kein Mephistopheles ist: »wie er sich räuspert, wie er spuckt ...«

Schon auf den südamerikanischen Ozeandampfern, in den großen Hotels der argentinischen und chilenischen Hauptstädte, fällt die stahlgepanzerte Reserve auf, die von Vollblut-Chilenen Europäern gegenüber zur Schau getragen wird. Sie entspringt jedoch keineswegs dem Überlegenheitsgefühl und dem sprichwörtlichen Rassenhochmut der stolzen Spanier, sondern hat vielmehr in dem Gefühl der inneren Unfreiheit und gesellschaftlichen Unsicherheit ihren Grund. Weil der Chilene nicht genau weiß, wie er sich in jeder gegebenen Situation »europäisch« zu betragen hat, beträgt er sich lieber gar nicht, d. h. bleibt stocksteif, stumm und unbeweglich. Die Angst, irgend eine gesellschaftliche Dummheit zu begehen, benimmt ihm die Bewegungsfreiheit.

Amüsanter noch als dies ist, daß sich dieselben Gesichtspunkte hier auf das gesellschaftliche Leben übertragen, auch wenn die Chilenen unter sich sind. Weiß man doch von seinem gesellschaftlichen Partner nicht ganz genau, was für »europäische« Begriffe er sich angeeignet hat. Von Leuten, die in den hiesigen Verhältnissen gut versiert sind, hört man einstimmig behaupten, daß in der chilenischen Gesellschaft eine arge Korruption herrscht. Es fällt schwer, das zu glauben, denn nach außen hin ist nicht das allergeringste davon zu merken. Im Gegenteil, ein sittenstrengeres Gebaren, als es die Chilenen allenthalben zur Schau tragen, läßt sich kaum denken. Hier herrscht zwischen Innen und Außen augenscheinlich dasselbe Verhältnis, wie etwa in der Kleidung der bolivianischen Indianerfrauen. Nach außen hin sehen sie sauber und appetitlich aus, und nur der Eingeweihte weiß, daß unter dem schönen neuen Kleiderrock unzählige alte, schmierige und zerfetzte stecken.

Je strenger ein Dogma eingehalten wird, desto mangelhafter ist es meistens um sein Verständnis bestellt. Das hat hier nicht nur auf die Dogmen der katholischen Kirche Anwendung, die mit einer unerbittlichen Strenge und peinlichster Genauigkeit befolgt werden, sondern auch auf die von Anno dazumal übernommenen Dogmen des europäischen gesellschaftlichen Lebens. Wichtig ist hier wie dort nur, wie die Sache nach außen hin aussieht, doch darf man ihr beileibe nicht einen Millimeter breit auf den Grund gehen.

Da ist z. B. das Straßenleben abends in Valparaiso. Man tritt auf die Avenida del Independencia hinaus. Die Straße ist schwarz von Menschen. Im ersten Augenblick glaubt man, daß sich ein Schadenfeuer oder sonst irgend ein aufregendes Ereignis abspielt. Erst wenn man näher kommt, erkennt man, daß sich hier nichts anderes vollzieht, als die regelmäßige Abendpromenade der sogenannten »guten« Gesellschaft der Stadt. Und zwar ist es wirklich die gute Gesellschaft, und nicht wie etwa in Berlin auf der Friedrichstraße oder auf dem Newski in Petersburg die jeunesse (und vieillesse) dorée nebst der dazugehörigen Demimonde. Auch das wird einem anfangs schwer zu glauben. Der einzige Unterschied zwischen der halben und der ganzen Welt hier ist der, daß die erstere im Aussehen ehrbarer und im Benehmen distinguierter ist, denn sie stammt meistens wirklich aus Paris. Diese Abendpromenade der chilenischen Gesellschaft ist, wenn man die Sache beim rechten Namen nennt, eigentlich nichts anderes, als ein ordinärer Heiratsmarkt. Nur gibt sich jedermann den Anschein, als merke er nichts davon. Mütter stellen ihre unmündigen Töchter und mündige Jungfrauen und Frauen stellen sich selbst zur Schau. Zu diesem Zwecke staffiert man sich nicht nur mit unerhörten Toilettenkünsten heraus, sondern läßt auch alle Mittel – und nicht einmal nur die geheimen – der Kosmetik springen. Jedes weibliche Wesen in Chile, das sich zur Abendpromenade begibt, schminkt sich oder wird geschminkt – ganz egal ob es zwölf oder vierzig Jahre zählt. Auch das ist ein Beispiel für das Mißverstehen europäischer »Kulturerrungenschaften«. Nach unseren Begriffen sehen diese bemalten Kindergesichter, die all ihren natürlichen Liebreiz verlieren, abschreckend, ja ekelerregend aus. Der Chilenin erleichtert diese Sitte die Konkurrenz, denn auf diese Weise haben sie alle mehr oder weniger das gleiche Aussehen. Und dann resultiert daraus ein wundervolles taktisches Prinzip: die Chilenin macht einfach so, als ob sie schön wäre und benimmt sich so. Darin liegt vielleicht das Geheimnis ihrer Reize für den geschmacksunsicheren chilenischen Jüngling. Die Toiletten und Hüte, die bei dieser abendlichen Promenade zur Schau getragen werden, sind von exquisitem Luxus. Man sieht ihnen die Pariser Herkunft unschwer an. Leider fehlt den chilenischen Frauen nur das, was man »portée« nennt. Sie erwecken oft den Eindruck wandelnder Kleiderstöcke. Einer anderen, als der Augensprache dürfen sich die Angehörigen verschiedenen Geschlechts nicht bedienen. Von der allerdings wird ausgiebiger Gebrauch gemacht. Sonst verbietet der sittenstrenge gesellschaftliche Kodex jeden Verkehr. Männlein und Weiblein wandeln in säuberlich getrennten Gruppen, und wehe dem, der einen Annäherungsversuch macht. Unwillkürlich denkt man an die Sonntagspromenaden der Mädchen und Burschen in den russischen Dörfern. Es muß ein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen dem allgemeinen Kulturniveau und der Freiheit des gesellschaftlichen Verkehrs zwischen beiden Geschlechtern bestehen.

Der europäische Begriff der Geselligkeit scheint hier überhaupt in seinen gewöhnlichsten Formen unbekannt zu sein. Man vergleiche z. B. das muntere ungezwungene Leben, das in einem beliebigen europäischen Badeorte herrscht, mit dem, was man in dem fashionablen chilenischen Seebade Vina del Mar sieht. Dieser Badeort zeichnet sich schon dadurch vor allen übrigen aus, daß kein Mensch dort badet. Außer einigen Kindern, meistens Straßenjungen, geht niemand ins Wasser. Das Meer wird höchstens als Schauspiel genossen, und auch das mit Maß. In Vina del Mar wohnt während der Sommermonate die gesamte vornehme Welt Chiles und jeder, der gern dazu gehören möchte. Das Badeleben beschränkt sich darauf, daß man zweimal täglich in seiner blankgeputzten Equipage spazierenfährt, das heißt was man so spazierenfahren nennt. In langen Reihen bewegen sich die eleganten Wagen die staubigen Straßen des Städtchens entlang. Oft bleiben sie stehen, doch nicht um den Insassen Gelegenheit zu einem Spaziergange zu geben. Das wäre der kostbaren Toiletten und fabelhaften Hüte wegen schon nicht zu empfehlen. Die Herrschaften bleiben in den Wagenpolstern ruhen, und die Equipage hält nur, damit die Insassen bequemer lorgnettieren und sich lorgnettieren lassen können. Und der wundervolle Strand mit seinem schneeweißen Dünensande, der endlos sich dehnenden glänzenden Fläche des stillen Ozeans und den verführerisch schäumenden Flutwellen bleibt um jede Tageszeit gleich leer – ein Tummelplatz für die lustige Straßenjugend, die es nicht nötig hat, auf alle Fälle »fein« zu sein. Dieses Feinseinwollen à tout prix ist das Unglück der Chilenen, es unterbindet jedes Vergnügen und ist auch der alleinige Grund ihres absurden, tödlich langweiligen Badelebens. Niemand wagt es, an den Strand zu gehen, denn man muß täglich und womöglich stündlich zeigen, daß man eine Equipage besitzt und sich einen Kutscher in Livree mit weißen Lackstiefeln leisten kann. Da der Strand von niemandem besucht wird, braucht man ihn natürlich auch nicht zu pflegen. Badeeinrichtungen sind nur in so primitiver Form vorhanden, daß in dieser Hinsicht das letzte Fischerdorf der Ostsee ein Ausbund von Luxus dagegen ist. Vor fünf Monaten ist am Strande von Vina del Mar ein großer chilenischer Passagierdampfer gescheitert. Die Trümmer liegen noch überall herum. Als ich eines Tages daran vorüberwanderte, erfolgte plötzlich ein fürchterlicher Knall, und das Wrack spie einen Regen von Holz- und Eisensplittern aus, die mir um die Ohren flogen. Der Schiffsrumpf wurde mit Dynamit auseinandergesprengt, wie sich herausstellte. Da jedoch nie ein Mensch sich am Strande zeigt, hielt man es nicht einmal für nötig, irgend welche Vorsichtsmaßregeln, etwa in Gestalt von Warnungstafeln, anzubringen. Fünfhundert Schritte weiter hat man die städtischen Abfallgruben, die einen bestialischen Gestank verbreiten. Räudige Hunde suchen dort ihre spärliche Nahrung unter halbverfaulten Maisstrünken und Melonenschalen, alte zerlumpte Bettelweiber sammeln zerbeulte Sardinenbüchsen auf, die von der Flut angespült werden.

Und dies alles geht an einer Stelle vor sich, die wie geschaffen dazu wäre, damit sich dort das herrlichste ungebundenste Strandleben mit all seinen Reizen und Freuden entwickeln könnte! O ob der Kurzsichtigkeit des Nachahmungstriebes!

Fehlt Vina del Mar somit der eigentliche Sinn des Badelebens, so ist der Unsinn, in seinen »chicken« Formen natürlich reichlich vertreten. Dazu rechne ich, außer dem erwähnten Toilettenluxus, das krampfhaft gesteigerte Interesse für Rennsport mit all seinen Ausgeburten. Der Turf frißt hier nicht weniger Existenzen auf als anderswo. Sportlich stehen die Rennen, mit geringen Ausnahmen, auf keiner sehr hohen Stufe, um so glänzender blüht dagegen das Totalisator-Geschäft. Betritt man den Paddok und schaut sich die chilenische Rennwelt an, so erlebt man manche Überraschung. Vor allem die, daß die Jockeys in ihren bunten Jacken meist Knaben von 12-18 Jahren sind. Zu einem Rennen sah ich einen Knirps von höchstens 10 Jahren hinausreiten, seine winzigen Händchen umspannten kaum die Zügel. Vom »Sport« kann unter solchen Umständen wohl kaum die Rede sein. Die jugendliche Jockey-Gesellschaft muß die Pferde von vornherein durchgehen lassen, und jeder sorgt nur dafür, daß er im Sattel bleibt, sonst wird weiter keine Reitkunst angewandt. Nur zu den hochdotierten Rennen (z. B. im Preise von Vina del Mar, 25.000 Pesos) erscheinen etwas ernsthaftere Leute am Start, und man sieht sportlich hervorragendere Leistungen. Gerade das erwähnte Rennen wurde vorzüglich geritten, oder vielleicht schien es nur so nach der naiven Karriere-Wurstelei der Jockey-Säuglinge. Amüsant ist es, wenn ein edles Vollblut auf eigenes Risiko vor dem Startzeichen das Rennen beginnt und die Bahn durchrast, ohne daß der Reiter die Möglichkeit hat, es vor Ende der Strecke zum Stehen zu bringen. Die übrigen Pferde warten, bis der Durchgänger zum zweiten Mal – meist unter frenetischem Applaus des Publikums – die Startlinie passiert und nehmen dann das Rennen auf. Wie lustig dabei die Kombinationen am Totalisator sind, läßt sich denken, beinahe so lustig, wie das Bild des Rennens. – Freilich nicht für Jedermann.