Einen wundervollen, mystisch geheimnisvollen Anblick gewähren die »Officinas« bei Nacht im Lichte der unzähligen elektrischen Lampen (denn hier wird Tag und Nacht schichtweise gearbeitet). Der ganze Horizont dieser bei Tage unendlich öden Wüste belebt sich. Eine Kette roter leuchtender Sterne scheint ihn einzusäumen. Im Mondlicht (das hier nie zu fehlen scheint) zeichnen sich die gespenstischen, phantastischen Konturen der Fabrikgebäude ab, die wie riesige Gerippe in den Nachthimmel ragen. Dieses Bildes konnte man nicht müde werden, obgleich unsere liebenswürdigen Führer zum letzten »drink«, auf den noch ein allerletzter folgte, drängten. Als ich um Mitternacht endlich im Himmelbette des Generaldirektors lag, kam es mir erst zum Bewußtsein, daß ich zehn Stunden lang ununterbrochen Spanisch geredet hatte, wenigstens mußte ich es geredet haben, denn außer diesem Idiom war auf der Officina kein anderes bekannt. Sonderbar. Bis jetzt glaubte ich kein Spanisch zu verstehen. Man erfährt auf Reisen die merkwürdigsten Dinge. Jedenfalls kommt mir noch heute die Geschichte von meinem Spanisch höchst – spanisch vor.

14. BRIEF.
BOLIVIEN. – ORURO. – LA PAZ.

Wenn man auf die Karte von Südamerika blickt, scheint Bolivien das Stiefkind unter den südamerikanischen Republiken zu sein. Ohne Zugang zum Meere liegt es eingeschlossen zwischen den unwegsamen Einöden der Küstenkordillere und den Schreckensgebieten des Gran Chaco, die auf den besten Karten noch weiß, weil »unexplored«, sind, wo wilde Indianer hausen, die, wie man hier mit Sicherheit behauptet, zum Teil noch Menschenfresser sein sollen, und über die überhaupt die abenteuerlichsten Gerüchte zirkulieren von vergifteten Pfeilen und ähnlichen für reisende Europäer wenig erheiternden Scherzartikeln.

Auf den Reisenden, der von der Küste des Stillen Ozeans her ins Land hereinfährt, macht Bolivien anfangs einen trostlosen Eindruck. Man kann nichts ahnen von den Reichtümern und Herrlichkeiten, die das Land birgt und die seinen Einwohnern unter allen Umständen eine höchst angenehme Existenz sichern, obgleich sie von aller Welt abgeschnitten zu sein scheinen.

Vierzig Stunden lang klettert der Eisenbahnzug von Antofogasta aus in die bolivianische Hochebene hinauf. Der Laie bemerkt an der Wüste von Gestein und Geröll, die ihn umgibt, nichts Außergewöhnliches, außer der bunten Färbung der Berge, ihren zum Teil pittoresken Formen. Sie sehen so aus, als hätte der liebe Gott sie anmalen wollen und aus Versehen seinen Farbenkasten umgeworfen. Rote, blaue, gelbe, grüne, violette Klexe überall. Noch sieht man stellenweise den schlanken Kegel irgend eines Vulkans rauchen, von ferne her grüßen die Schneekoppen der Hauptkordillere.

Für den Geologen dagegen ist das ganze Gebiet, das man durchfährt, eine Quelle ununterbrochenen Entzückens. Zuerst geht es durch die Salpeterfelder mit ihrer weißlich schimmernden »caliche«; dann durchquert die Bahn das Becken prähistorischer Gebirgsseen, die aussehen, als seien sie mit Zucker bestreut. Es ist reiner Borax, der einer englischen Kompanie, die diese Felder ausbeutet, hübsche Sümmchen jährlich abwirft. Sieht man den Schnee gelb schimmern, so weiß man, daß dahinter reiche Schwefelgruben stecken, und von den Zinn- und Silberminen, die ihren Besitzern fabelhafte Reichtümer einbringen, von den merkwürdigen Schichten, in denen das kostbare Wolfram-Metall gefunden wird, läßt man sich von gesprächigen Mitreisenden Wunderdinge berichten. Staunend hört man die Erzählungen über Silberminen, die durch unrationellen Betrieb dahingebracht werden, daß das Grundwasser sie rettungslos zerstört. Die Arbeiter hämmern, bis an die Brust im Wasser stehend, das kostbare Erz los, bis das steigende Wasser sie oder die Mine ersäuft. Hier herrscht ja überall fast noch reiner Handbetrieb. Große Maschinen lassen sich in die fabelhaften Höhen, in denen das Erz lagert, nicht hinauf bringen. Versucht man es, so kann es einem gehen, wie einer englischen Gesellschaft im tropischen Goldgebiete Boliviens. Sie machte eine Maschinen-Anlage für Goldwäschereien am Benifluß, die Millionen und Abermillionen kostete und nicht betrieben werden kann, weil alle wirtschaftlichen Vorbedingungen dazu fehlen. Und die englischen Ingenieure mit dem verpulverten Kapital müssen dasitzen und zusehen, wie irgend ein alter Inländer gegenüber am Fluß sozusagen mit einem Tellerchen seine 500 Pesos Gold monatlich aus dem Beni herauswäscht, während ihre kostbare Patentbaggermaschine hoffnungslos versandet.

Sitzt man im Eisenbahnzuge Antofogasta–Oruro, so merkt man von Stunde zu Stunde mehr, daß Höhengrade erreicht werden, für die unsere europäischen Lungen ganz und gar nicht eingerichtet sind. Ohrensausen, Kopfschmerzen, die ersten Anzeichen der Bergkrankheit stellen sich mit tödlicher Sicherheit ein. Ein Gang aus dem Pullman-Car in den Speisewagen raubt einem nicht nur den letzten Rest von Atem, sondern leider auch den Appetit. Oruro liegt 4000 Meter hoch. Das schreibt sich leichter hin, als es sich ertragen läßt. Nur langsam gewöhnt man sich daran und an die damit verknüpften verrückten klimatischen Verhältnisse, tagsüber brennt einem die Tropensonne senkrecht auf den Kopf, abends wird es schneidend kalt, und kein Überzieher ist dick genug gegen die dünne Luft. Dann greifen alle Einwohner der Stadt zu einem auch anderwärts bekannten Remedium gegen Kälte – dem Alkohol. Wenn die Sonne untergeht, findet man in den Bars an der Plaza kein Plätzchen mehr. Die gesamte männliche Einwohnerschaft Oruros versammelt sich dort, um dem Körper vermittelst unzählbarer Cocktails die nötige Wärmemenge zuzuführen. Und die ganze Plaza wiederhallt vom Klappern der Würfel, mit denen an allen Tischen diese Cocktails ausgespielt werden. So ohne weiteres bezahlt nämlich in Bolivien niemand sein Getränk. Jedermann würfelt mit 5-10 Gesinnungsgenossen die »Runden« aus. Und wenn man Pech hat, kann man vor dem Essen seine 15-20 Pesos in Cocktails anlegen.

Äußerlich bietet Oruro gleich den meisten anderen bolivianischen Städten ein merkwürdiges Bild. Anzeichen altspanischer Kultur vermengen sich mit moderner Physiognomielosigkeit, ein gewisser behäbiger Wohlstand mit primitiver Armut. Neben würdevollen Ziegelbauten in maurischem Stil stehen elende strohgedeckte Lehmhütten. An den Haustüren sind überall noch die guten alten Türklopfer zu sehen, davor strahlen abends elektrische Bogenlampen. Über die zum größten Teil ungepflasterten Straßen poltern vorsintflutliche Riesendroschken mit Maultieren bespannt und halten vor den Portalen hellerleuchteter Kinematographen-Theater. Die Bevölkerung besteht hauptsächlich aus Indianern und Angehörigen der Mischrasse, die wenigen Europäer sind Angestellte der ausländischen Banken und größeren Handelshäuser.

Die bolivianischen Indianer sind als Menschenschlag nicht häßlich. Jedenfalls sind sie Schönheiten im Vergleich zu den chilenischen Mapuches, an deren schlitzäugig-mongolischem Aussehen, wie man sagt, ein in unvordenklichen Zeiten gestrandetes Schiff mit chinesischer Bemannung Schuld sein soll. Dieser mongolische Typus fehlt unter den bolivianischen Indianern vollständig, sie haben runde Gesichter mit weichen Zügen. Zu der kupferbraunen Haut und den kohlschwarzen Haaren sehen die grellbunten Ponchos, die allen ausnahmslos über die Schultern hängen, famos aus. Dank der farbenfrohen Kleidung der Indianer ist das Straßenbild in den bolivianischen Städten außerordentlich belebt. Männer und Weiber wetteifern in der Auswahl der leuchtendsten Farben für ihre Ponchos respektive Kleiderröcke. Sieht man sich dieses Giftgrün, Knallgelb, Feuerrot in der Nähe an, so tun einem die Augen weh. Eine der schönsten und beliebtesten Farben ist ein sattes, ziemlich helles Violett. Der übrige Anzug besteht bei den Männern aus ebenso bunten gestrickten Zipfelmützen, auf denen außerdem ein weißer Filzhut aus dem Stoff der Bajazzomützen sitzt, und Hosen, die unten bis zur halben Wade geschlitzt sind und in zwei Bahnen am Fuß herabhängen. Diese merkwürdige Fasson erklärt sich durch die Notwendigkeit, die Hosen jeden Augenblick aufkrempeln zu müssen, nämlich bei den Übergängen über die Flüsse und reißenden Bäche, von denen Weg und Steg im Gebirge durchkreuzt sind, und von denen auch ich bald ein Lied singen lernen sollte. Die Frauen sehen von den Hüften abwärts alle wie verkappte Ballerinen aus. Sie tragen eine Unzahl Röcke, ziehen immer einen über den anderen und nie einen aus, wird der oberste schlecht, so wird er durch einen neuen nur verdeckt, nicht ersetzt. Das ist weder appetitlich noch hygienisch, dafür aber bei dem hiesigen Klima zweckmäßig, weil wärmend. Auf dem Kopfe sitzt den Weibern ein hellgelber, kesselförmiger Strohhut, darunter hängen immer zwei wundervolle, festgeflochtene schwarze Zöpfe hervor. Das ganze Ensemble sieht aberwitzig aus, besonders bei den Cholofrauen, d. h. Mischlingen, die als Rasseabzeichen hohe Schnürstiefel mit spitzigen hohen Hacken unter den halblangen Röcken tragen. Vollblut-Indianer und Indianerinnen gehen immer barfuß.

»Sehenswürdigkeiten« im europäischen Sinne bietet keine der bolivianischen Städte. Sie sind selbst in ihrer Eigenart sehenswürdig genug. La Paz, die Hauptstadt des Landes, Sitz der Regierung und des Präsidenten, hat genau denselben Charakter wie Oruro. Das Klima ist besser, denn La Paz liegt »nur« 3600 Meter hoch. Übrigens ist die Lage der Stadt vom malerischen Standpunkt aus wundervoll. Tiefeingeschlossen in einem Talkessel, umrahmt von pittoresken Felsblöcken liegen die Häuser da, geordnet in winkelige Straßen, die mitunter unglaublich steil bergauf und bergab führen. Sogar für die »Plaza« hat man keine wagerechte Ebene finden können. So sieht dieser schräg abfallende Platz aus, als sei er eben durch ein Erdbeben aus dem Gleichgewicht gebracht. Keines der Gebäude, das ihn umgibt, hat eine gerade Fassade. Auch schimmert in La Paz hin und wieder das Grün schöner Platanen zwischen den Häusern, während Oruro kahl wie ein Greisenschädel ist. Das Schönste in La Paz aber ist der »Illimani«, der Riese der bolivianischen Kordillere, dessen leuchtend weißes Haupt sich 7500 Meter hoch in den azurblauen Tropenhimmel erhebt.