Der Zugang zur Stadt ist erst seit einigen Jahren erleichtert worden durch eine elektrische Bahn (ich glaube, die einzige in ganz Bolivien), die 400 Meter herab vom sogenannten »Alto« zur Stadt hinunter führt. Als ich die schwindelnden Kurven dieser Bahn hinabfuhr, fiel mir eine ergötzliche Geschichte ein, die mir ein bolivianischer Parlamentarier auf dem Dampfer zwischen Valparaiso und Antofogasta erzählt hatte. Vor nicht allzulanger Zeit machte sich der englische Ministerresident in La Paz höchst unbeliebt. Als sein Treiben den Bolivianern zu bunt wurde, entledigten sie sich seiner auf eine sehr drastische Weise. Sie setzten ihn rückwärts auf einen Esel, gaben ihm den Schwanz in die Hand und führten ihn so zur Stadt hinaus zum Alto hinauf. England schnaubte Rache, doch was sollte man mit dem kleinen vorwitzigen Bolivien machen, dem zu einer Flottendemonstration, die England so liebt, die Meere fehlen! Da nahm man in London die Karte Südamerikas zur Hand, strich Bolivien einfach aus und schrieb an seine Stelle das einzige aber vielsagende Wort »savage« hin. So die Überlieferung.

Ja, was soll man mit Bolivien machen, wenn es sich Dreistigkeiten herausnimmt, die anderswo nicht ungerochen bleiben würden. Strategisch ist das Land von allen Seiten her absolut unzugänglich. Darauf bauend hat die Regierung sich bis zur letzten Zeit auch wenig um militärischen Schutz gekümmert. Erst die traurige Geschichte vom Verluste Antofogastas, die ich im vorigen Briefe erzählte, hat diese Frage mehr in den Vordergrund des Interesses gerückt. Man gönnt Chile den Hafen nicht, und will ihn auf alle Fälle zurückerobern. Dazu braucht man aber Soldaten, die man bis vor kurzem in Bolivien nicht hatte. Da hat man endlich mit der Erziehung einer Armee begonnen. Zuerst wurde diese schwierige Aufgabe – gilt es doch hauptsächlich Indianer zu drillen, die ausnahmslos Analphabeten sind und außer ihren zungenbrechenden Idiomen »Aimara« und »Quechoa« keine Silbe verstehen – französischen Instruktoren anvertraut. Erst als damit gar nichts erreicht wurde, berief man nach dem Beispiel Chiles deutsche Offiziere. Diese haben in der bolivianischen Armee wahre Wunder zustande gebracht. Davon durfte ich mich selbst überzeugen. Auf die freundliche Einladung des Generalissimus der bolivianischen Armee, des preußischen Majors K., wohnten mein Reisekamerad und ich einer Manöverübung in Oruro bei. Die Übung war gleichzeitig Schlußprüfung für sogenannte Dreimonate-Rekruten, die nicht länger von ihrer Feldarbeit ferngegehalten werden sollen. Was diese Burschen auf allen Gebieten militärischen Drills leisteten, war tatsächlich erstaunlich. Die Exaktheit, mit der nicht nur Gewehrgriffe, sondern auch komplizierte Bewegungsmanöver ausgeführt wurden, hätten einem beliebigen europäischen Regiment zur Ehre gereicht. Famose Schützen sind die Indianer mit ihren sprichwörtlichen Adleraugen natürlich allesamt. Eine Aufmerksamkeit, die uns der liebenswürdige Oberkommandierende bei dieser Gelegenheit erwies, möchte ich noch erwähnen. Beim Flaggensignalisieren zwischen zwei Truppenteilen überreichte uns der leitende Offizier die erste signalisierte Parole. Sie lautete: »Boshe Zarja chrani«. Diese Worte – der Anfang der russischen Nationalhymne – mögen in der bolivianischen Hochebene inmitten rothäutiger Indianersoldaten zum ersten Male gehört worden sein.

In La Paz hatten wir später Gelegenheit, die bolivianische Kadettenschule zu besichtigen. Sie untersteht ebenfalls der Leitung eines deutschen Offiziers, des Hauptmanns M. Es ist eine Freude zu sehen, mit welcher Lust diese kräftigen braunen Jungen turnen, mit welch einem geradezu akrobatischen Geschick sie die schwierigsten Evolutionen an Reck und Barren ausführen. Diese Vorführungen fanden zu Ehren einiger chilenischer Minister statt, die in diplomatischer Mission in La Paz weilten. Als die Gesellschaft nachher bei einem Glase Champagner zusammensaß oder vielmehr stand – der erste Toast galt übrigens wieder dem russischen Zaren – passierte mir ein peinliches Mißverständnis, an das ich noch jetzt ungern zurückdenke. Ich unterhielt mich mit einem Herrn, der mir als S. Exzellenz der Herr Kriegsminister genannt worden war. In der sichern Annahme, es sei der chilenische, erging ich mich in Lobeshymnen über das chilenische Militär, das ich in Santiago und Valparaiso gesehen hatte. Das Gesicht meines Partners wurde dabei zu meinem Erstaunen immer länger, seine Miene immer saurer. Endlich unterbrach er meinen Redeschwall: »Sie mögen recht haben, aber warum sagen Sie gerade mir das?« Sprachs und drehte mir den Rücken. Es war der bolivianische Minister. Man muß das übertünchte Freundschaftsverhältnis beider Republiken kennen, um die Tragik dieser Anekdote zu verstehen.

La Paz, im Herzen Boliviens liegend, wird für uns der Ausgangspunkt einer sechswöchigen Tour in die Tropenebene das Landes. Man hält hier solch einen Ausflug für ein gewagtes Unternehmen. Wir wollen sehen, ob unsre Erlebnisse die Befürchtungen unsrer bolivianischen Freunde rechtfertigen werden.

Tafel 5

Oruro (Bolivien)
Straßentypen in Oruro