Lamas in Ängsten vor dem »Kodak«
Tafel 6
PROBEN ALTSPANISCHER ARCHITEKTUR IN LA PAZ (BOLIVIEN)
15. BRIEF.
IM TROPISCHEN BOLIVIEN.
1. VON LA PAZ BIS ACHECACHI.
Vom Anfang unserer Reise an war es beschlossene Sache einen Ausflug ins tropische Bolivien zu machen. Die einzige Frage, die uns Sorge machte, war die, von welcher Seite dieses Wunderland am besten zu erreichen sei. Der ursprüngliche Plan, von Argentinien aus durch den sogenannten »Gran Chaco« in die Urwälder Boliviens einzudringen, mußte aufgegeben werden, weil er in der Zeit, die uns zur Verfügung stand, nicht ausführbar war. Bei den hiesigen Verkehrsverhältnissen muß man sich daran gewöhnen, daß Wochen, ja Monate als »quantités négligeables« behandelt werden. Reisen werden durch die Jahreszeiten bestimmt, wenn überhaupt. Es heißt etwa: »wenn Sie jetzt losgehen, können Sie noch im Winter da und da anlangen«, ob das aber im Juni, Juli oder August sein wird, darüber wagt man keine Vermutungen. Anfangs hält man diese sehr unsicheren Zeitangaben für eine Folgeerscheinung von Denkfaulheit, Indolenz und jenes trägen »laisser aller, laisser passer«, an dem die Südamerikaner der lateinischen Rasse allerdings leiden. Hat man jedoch die Wege und Verkehrsverhältnisse im Innern des Kontinents aus eigener Anschauung kennen gelernt, so ist man geneigt, selbst diese primitiven Zeitbestimmungen für unbegreiflichen Leichtsinn zu halten.
Schneller als durch die argentinische Ebene ist das tropische Bolivien von der Küste aus zu erreichen, obgleich es hierbei gilt, den gewaltigen Höhenzug der Hauptkordillere zu übersteigen. Diesen Weg entschlossen auch wir uns zu nehmen. So wurde La Paz zum Ausgangspunkt unserer »Expedition«. Dieser Ausdruck klingt etwas laut und anmaßend, man sieht gleich ganze Herden bepackter Kamele und Lamas, Regimenter eingeborener Sklaven vor sich, denkt an blutige Kämpfe mit wilden Stämmen nackter Indianer, Tigerjagden und Riesenschlangen. Dieses Bild bot unsere Reise freilich nicht, obgleich sie für europäische Verhältnisse immerhin noch interessant genug verlief.
Als einzige ernste Gefahr, abgesehen von den Strapazen der Reise, wurde uns in La Paz warnend das überall im tropischen Bolivien herrschende Fieber vorgehalten. Davor glaubten wir jedoch durch eine rationelle Chinin-Prophylaxe ausreichend geschützt zu sein. Leider war dies nicht der Fall, denn bei unserer Rückkehr nach La Paz erkrankten doch zwei Mitglieder unserer Reisegesellschaft, glücklicherweise nur leicht, an einer Form des Tropenfiebers, der sogenannten Tertiana.
Neben der Beschwerlichkeit, überhaupt in jene Gegenden vorzudringen, ist das Fieber wohl der Hauptgrund, weshalb der mit allen Reichtümern der Natur gesegnete Landstrich des tropischen Boliviens verhältnismäßig so wenig Anziehungskraft auf den Unternehmungsgeist der Bevölkerung ausübt. Wer nicht unbedingt muß, steigt nicht in die Tropen hinunter, zumal er vorher beinah in den Himmel, nämlich auf den Rücken der Hauptkordillere hinaufsteigen muß. Von regelmäßigen Verkehrsverhältnissen zwischen dem in der Hochebene gelegenen und dem tropischen Teile Boliviens ist unter solchen Bedingungen natürlich keine Rede. Daher der hochtönende Name »Expedition« für jede Reise, die ins Innere des Landes führt.