Auf eigene Faust eine solche Expedition zu wagen, ist für einen mit den Landesverhältnissen nicht vertrauten Europäer nicht nur schwer, sondern einfach unmöglich. Auch uns wäre sie nicht gelungen, hätten nicht wieder einige Herren von der Deutschen Überseeischen Bank, der deutsche Konsul und Vizekonsul in La Paz, uns wenigstens im ideellen Sinne die Wege geebnet.

Die Reisegesellschaft bestand aus vier Personen. Von unserem Unternehmungsgeist angesteckt, schlossen sich zwei deutsche Herren dem Ausflüge an, der preußische Bergassessor W. und der allzeit liebenswürdige und lebenslustige Prokurist der Deutschen Bank in Valparaiso, Sch.

Am 5. April, 7 Uhr morgens, ging die Reise los. Ein kurzes Streckchen noch durften wir die Errungenschaften der Kultur genießen. Wenn man das genießen nennen kann. In einer »Elektrischen«, bei der der Fußboden aus den Stiefeln anderer Leute zu bestehen schien, und alles übrige aus Ellbogen und Knieen, ging es eine halbe Stunde hinauf durch die brauenden Morgennebel nach dem sogenannten »Alto« von La Paz. Es ist der Endpunkt der Eisenbahn, die nach La Paz führt, 400 Meter über der eigentlichen Stadt. Dort fanden wir unsere weiteren Fahrgelegenheiten vor. Unsere beiden Reisegefährten stiegen in eine »Diligence«, die einmal wöchentlich den Verkehr zwischen La Paz und dem zehn bis zwölf Stunden entfernt liegenden Städtchen Achecachi besorgt. Ich hatte es mir nicht gedacht, daß ich solch einen herrlichen alten Postwagen wirklich noch einmal leibhaftig vor mir sehen würde. Zwölf Menschen nahmen in ihm Platz, Säuglinge an der Mutter Brust, oder hier auch, nach der indianischen Sitte, auf der Mutter Rücken, ungerechnet. Auf hohem Bock thront ein Kutscher, in beiden Fäusten den Wirrwarr von Leinen, mit denen er seine sechs langgespannten Pferde lenkt. Der schöne Wagen ist einst rot gewesen, jetzt schon etwas verwittert und nicht ganz bestimmbar mehr in der Farbe: sein Aussehen leidet auch ein wenig durch das Chaos undefinierbarer Gepäckstücke, das sich auf dem Dache emportürmt. Für uns stand eine vorsichtigerweise bestellte Extrakutsche bereit. Die ist zwar zehn Mal teurer, dafür aber auch zwanzig Mal bequemer. Allerdings hat sie nur vier Pferde. Doch unseren Kutscher beseelte ein löblicher Ehrgeiz, der ihm dazu verhalf, das Wettrennen bis Achecachi richtig mit einer Wagenlänge zu gewinnen. Daß wir dabei einen Federbruch erlitten und die »Diligence« ein Rad verlor, beeinträchtigte den Spaß nur wenig.

Herrlich ist solch eine Wagenfahrt durch die bolivianische Hochebene! Die ganze »Puna« – so lautet der spanische Ausdruck für dieses Gebirgsflachland – ist von warmem Sonnenschein überflutet. Man genießt ihn in der ruhigen Zuversicht, daß es nie drückend heiß werden kann, denn das läßt die Höhe von 4200 Metern selbst in der tropischen Zone nicht zu. Solange die Wege gut und eben sind, werden die Pferde nicht geschont, meist geht es im Galopp, Troika-Stil. Bei den Flußübergängen – und ihrer sind zahllose – haben sie Zeit sich auszuruhen. Dann rumpelt der Wagen über das Geröll der breiten jetzt zu Anfang des Winters ausgetrockneten Flußbetten. Hin und wieder freilich gilt es, die Beine hochzuziehen, denn das Wasser überflutet doch zuweilen das Fußbrett des Wagens.

Die Landschaft bleibt sich den ganzen Tag über gleich und dennoch wird man nicht müde, sie anzusehen. Nach drei Seiten hin dehnt sich unübersehbar weit die Puna aus. Nur im Osten hat man die ganze Zeit den stolzen Zug der »Königskordillere« zur Seite. Mit Recht trägt dieser Teil des südamerikanischen Gebirges seinen Namen. Es sind wirklich zwei Könige der Gebirgswelt, der 7600 Meter hohe Llampu und der 7500 Meter hohe Illimani, die diesen Höhenzug im Süden und im Norden begrenzen. Zwischen ihnen recken in geschlossener Kette ihre zahllosen weißhäuptigen Trabanten, die zum größten Teil namenlos sind, ihre blitzenden Schneekronen in den tiefblauen Himmel hinein.

Viel Leben und Abwechslung freilich sucht man auf der »Puna« vergebens. Von Zeit zu Zeit begegnet man einem Trupp Indianern, die ihre mit nickenden Mais- und Weizenbüscheln beladenen Esel nach La Paz treiben. Lustig sieht es aus, daß auf jedem Esel ein Huhn, resp. ein Hahn als stolzer Reiter sitzt. Die Indianer nehmen auf diese Weise stets ihre ganze Hühnerzucht mit sich, um die frischen Eier für horrende Preise in der Stadt zu verkaufen.

In noch größeren Abständen passiert man eine und die andere indianische Ansiedlung. Elende aus Lehm zusammengeknetete Hütten. Auf vielen steckt als Zeichen der siegreichen katholischen Kirche, meistens schief, ein mit Bindfaden zusammengebundenes Kreuz aus zwei Holzstäbchen. Und dennoch verrät sich in diesen ärmlichen Behausungen und in den Lehmmauern, von denen sie umgeben sind, eine Art Stil. Es ist ein einheitlicher Zug in der kunstlosen Architektur, in den Mustern der groben Friese, mit denen die Mauern und die Simse der fensterlosen Hütten geschmückt sind. Eine dieser Mauern sahen wir übrigens im Vorüberfahren plötzlich lebendig werden. Es war eine Million riesengroßer Erdratten, die daran hinauf, herunter, hinein und herauskrabbelten. Für zarte Gemüter kein sehr erfreulicher Anblick. In seinem prächtigen Buche über die Chaco-Indianer behauptet Nordenskjöld, daß die Erdratte dort an einem Stäbchen schön gebacken als besondere Delikatesse bei Festessen gilt. Hier scheint das nicht der Fall zu sein, sonst könnten sich diese gräßlichen Tiere nicht in so erschreckender Weise vermehren.

Gegen Mittag wurde in einem dieser Indianerdörfer umgespannt. Die vier flinken Pferde machten ebenso vielen zwar weniger schnellen, dafür aber ausdauernden Maultieren Platz. Die Reisenden konnten sich unterdessen mit heißem Tee aus Thermosflaschen und einem kalten Hühnerbein stärken. Nach Überwindung einiger nicht bedeutender Steigungen, bekamen wir beim Örtchen Posadas zum ersten Mal den Titicaca-See zu Gesicht, und zwar gleich in nächster Nähe. Von der Ebene aus gesehen, hat er noch nicht die wundervolle intensiv indigoblaue Farbe, in der sein Wasserspiegel nachher ins Hochgebirge hin aufleuchtet. Doch gibt sein hier unten grünlich schimmerndes Wasser mit dem rosenroten Gestein der umgebenden Hügel, dem blauen Himmel und dem violetten Dunst, der das ganze Bild verschleiert, immer noch eine ganz unwahrscheinlich schöne Farbensymphonie ab.

Außer seiner Schönheit ist der Titicacasee durch seinen Wildreichtum berühmt. Für jedermann, der etwas Jägerblut in den Adern hat, ist das der Ort zum toll und rasend werden. Das sollte ich am eigenen Leibe erfahren. Mein Gewehr ruhte wohlverpackt in seinem Futteral, die dazu gehörigen Patronen steckten in den tiefen Gründen irgend eines Koffers. Trotzdem und trotz der Proteste des ehrgeizigen Kutschers, der sich durchaus nicht vom Postwagen überholen lassen wollte, wurde das ganze Schießzeug auf offener Straße in Bereitschaft gesetzt. Ich ließ Wagen Wagen sein und Kutscher Kutscher, zumal wir der »Diligence« um mindestens 5-6 Meilen voraus waren und stieg zum Uferschilf hinab, in und über dem ich es schwärzlich wimmeln sah. Das Resultat rechtfertigte diese Eskapade. In weniger als einer halben Stunde hatte ich eine Beute von 15 Wasservögeln von acht verschiedenen Sorten beisammen, darunter 5 Enten, einen prächtigen Reiher und das Staatsstück – einen schwarzen Adler. Allerdings muß ich meinen Jägerruhm durch die Bemerkung schmälern, daß die Vögel des Titicacasees augenscheinlich keine Ahnung davon haben, was eine Flinte und ein Jäger sind, denn ich habe keinen Schuß weiter als auf 20 Schritte abgegeben. Und von den Enten – herrliche fette Tiere mit schwarzem Gefieder und roten Schnäbeln, über deren Eßbarkeit die Gelehrten allerdings noch streiten – hätte ich ebenso leicht 50 statt 5 haben können, denn nach jedem Schuß setzten sie sich wieder friedlich im Kreise rings um mich herum. Nur dem Reiher mußte ich nachstellen, und zwar gelang mir das mit Hilfe eines Indianers, der nach dem ersten Schuß eiligst in seiner schwanken schmalen, aus Bast geflochtenen »Balza« durchs Uferschilf herangestakt kam. In wildem Jagdeifer vertraute ich mich ohne weiteres diesem seelenverkäuferischen Fahrzeuge an, kniete darauf nieder und ließ mich, kunstvoll balancierend, in den See hinaus rudern, was der Indianer hinter mir stehend, mit zwei Händen ein Ruder handhabend, außerordentlich geschickt besorgte. Fast hätte ich bei dieser Fahrt das Schießen vergessen. Unter mir das tiefe klare Wasser, dem man bis auf den Grund sehen konnte, von dem aus sich wunderbar geformte grünlich-blaue Wasserpflanzen emporrankten, zu beiden Seiten das hohe Schilf, das über unseren Köpfen zusammenschlug und darinnen ein Geschwirr von bunten Libellen, winzigen Vögeln, Käfern und allerhand zirpendem Getier. Eine liebliche Sommermittagstimmung! So recht geschaffen, um sich in dem schmalen Kahne auszustrecken und alles ringsumher zu vergessen ...

Der Kutscher empfing mich trotz der vielen schönen Vögel, die ich mitbrachte, mit Gebrumm. Einen Aufenthalt hatten wir wegen des erwähnten Federbruches schon gehabt und in der Ferne zeigte sich schon die »Diligence«. Die armen Maultiere mußten daran glauben. Mit Hott und Hüh ging es über Stock und Stein. Wenigstens kam man auf diese Weise schnell vorwärts. Fast gleichzeitig hielten beide Wagen vor dem Hotel in Achecachi. Nicht alles was so heißt, ist ein Hotel. Dieses war z. B. keines. Nicht einmal eine Herberge. Über einen dunklen Hof arbeiteten wir uns durch ein Gewirr von Maultierschnauzen zu einer baufälligen Treppe durch, die zum einzigen Fremdenzimmer dieses »Hotels« führte. Zerschlagen von der langen Wagenfahrt ließen wir die müden Glieder auf ein Kanapee fallen. Diese Unvorsichtigkeit war mit einigen blauen Flecken zu büßen. Trost brachte ein aus rotem Landwein artistisch gebrauter Grog. Es ist, wie ich erklärend beifügen muß, in dieser Höhe abends hundekalt.