Wir hatten den ganzen Weg über, und später noch viel mehr, Gelegenheit uns zu überzeugen, wie unglaublich flinke und ausdauernde Läufer die Indianer sind. Obgleich wir stundenlang Trab ritten, blieb unser Führer, ein Vollblut-Indianer, der sogar kein Wort spanisch sprach, nicht um einen Meter hinter uns zurück. Eine willkommene Abwechslung waren die uns häufig begegnenden Lamatrupps. Ich kenne kein komischeres Tier, als dieses »aristokratischste der Lasttiere«, wie es ein französischer Schriftsteller nennt. So ein Lama sieht aus wie ein Schaf, dessen Urahne ein Techtelmechtel mit einem Kamel gehabt hat. Die Dummheit des Schafes verbunden mit dem Größenwahn des Kamels bildet eine höchst ridiküle Mischung. Die altjüngferliche Koketterie und prüde Indignation, mit der jedes einzelne den begegnenden Reiter mustert, reizt einen jedesmal unwiderstehlich zum Lachen. Die Verteidigungsart dieser vierbeinigen Aristokraten ist übrigens keine sehr vornehme. Sie wehren sich gegen Angriffe durch Spucken.
Um von Achecachi nach Sorata zu kommen, muß man einen Paß von ca. 4½ tausend Meter überschreiten. Für bolivianische Verhältnisse ist dies ein Kinderspiel. Uns schien der Fall doch schon recht ernst. Statt des ebnen Weges hatten wir bald eine ziemlich steil aufsteigende Wüste von Geröll, Schiefersplittern und vom Wasser kugelrund gewaschenen Kieseln vor uns. In einem Indianerdorfe machten wir Halt, um zu frühstücken und die Tiere ausruhen zu lassen. Zu welchem Zweck sich die Indianer in dieser Höhe, in dieser öden Wüste, wo es weder Baum noch Strauch gibt, ansiedeln, ist mir bis zum heutigen Tage rätselhaft. Auch, wovon sie leben, bleibt unklar. Tatsache ist, daß man weder für Geld noch für gute Worte irgend etwas Eßbares von ihnen erhandeln kann, nicht einmal einen Maiskolben oder eine Handvoll Reis, von Brot ganz zu schweigen. Außerhalb der Städte ist der Reisende hier ganz auf sich selbst, beziehungsweise auf seinen mehr oder weniger gut assortierten Eßkorb angewiesen. Nur unserem Indio gelang es für einen Silberling eine Handvoll trockener Kokablätter zu erstehen. Er erklärte uns durch Zeichen, daß er für den ganzen Tag weiter keine Nahrung bedürfe. Der Nährwert der Kokablätter, aus denen die Indianer ihre Kraft – im wahren Sinne des Wortes – saugen, muß demnach eine außerordentliche sein. Schmecken tun sie dahingegen abscheulich, etwa wie ein Gemisch von Tee und Chinin. Gourmandise kann man den Indianern also auf keinen Fall vorwerfen.
Je höher man steigt, desto schöner wird der Blick nach allen Seiten. Endlich sieht man auch den ganzen Titicacasee wie ein himmelblaues Tuch zwischen den Bergen ausgebreitet, daliegen. Man bedauert, daß man nicht schielt, um die ganze Zeit über mit dem linken Auge den See, mit dem rechten den Llampu anschauen zu können. Doch wird es noch schöner. Wenn man den Paß überschritten hat, öffnet sich der Blick auf das 2000 Meter tiefer liegende Sorata, das wie das sauber aufgestellte Spielzeug eines artigen Kindes aussieht. Zwischen dem saftigen Grün der Gärten blitzen die weißen Blechdächer in der Sonne. Der Abstieg ist sehr steil und dauert drei Stunden, doch wird er einem nicht zu lang.
Sorata hat ein wundervolles Klima und wäre es leichter zu erreichen, so stände es unter den Luftkurorten der Welt wahrscheinlich an erster Stelle und hätte allenfalls nur die Konkurrenz von Madeira zu befürchten. Durch die Berge von Winden geschützt, aber durchaus nicht eingeengt, liegt Sorata ca. 2500 Meter über dem Meeresspiegel. Die Tropensonne zaubert bei ewig blauem Himmel eine Vegetation von unglaublicher Üppigkeit und halbtropischem Charakter hervor. Alle Bergabhänge sind bedeckt mit Feldern und Anpflanzungen, sie sehen wie phantastische Schachbretter aus, jedes Fleckchen ist ausgenutzt. Soviel Agrikultur, wie im Tale von Sorata, habe ich sonst in ganz Südamerika nicht beisammen gesehen.
Wir reiten durch – buchstäblich – mannshohe Weizenfelder, Reis- und Maispflanzungen. Die Blumenpracht zu beiden Seiten des Weges ist unbeschreiblich. Leuchtend rote Kakteen, Büsche gelber und weißer Margueriten, Hecken herrlicher weißer Rosen, Magnolien, Gardenien von unwahrscheinlicher Größe, Fuchsien-Haine, irgendwelche leuchtend violette Schlingpflanzen, die sich bis hoch in die Baumkronen hinaufziehen. Der Weg ist zum Lachen malerisch. Bald führt er an überhängenden Felsgrotten vorbei, bald windet er sich, von Sturzbächen zerfressen, an steilen Abgründen hin. Hier steht eine alte zerfallene Wassermühle von wucherndem Grün fast begraben, dort zwischen hohen Maisstauden eine verwitterte Indianerhütte. Immer wieder öffnet sich der Blick auf Sorata. Die Sonne ist im Untergehen. Tief herabhängende rosa-violette Wolken schweben auf den Bergkämmen. Als Introduktion nicht übel! Man durfte auf das Weitere gespannt sein.
Wir erreichen Sorata noch vor Einbruch der Dunkelheit.
Im gastlichen Hause des deutschen Großkaufmanns G., den man scherzweise »El Rey de Sorata« nennt, fanden wir freundliche Aufnahme. Auf dem Hofe sahen wir zum ersten Mal die großen schwarzen Gummiklumpen zu mächtigen Haufen zusammengetürmt daliegen – der erste handgreifliche Gruß aus den Gebieten, in die wir uns hineinwagen sollten. Wir vergnügten uns ein Weilchen mit harmlosem Ballspiel, wozu sich die Rohgummi-Ballen als sehr geeignet erwiesen, um dann noch lange auf der Gartenterrasse des Hauses die balsamische Abendluft zu genießen.
In Sorata galt es, den Plan zur Weiterreise reiflich zu überlegen und alles dazu Notwendige sorgfältig, mit Liebe und Verstand vorzubereiten. Dank dem außerordentlich freundlichen Entgegenkommen des Herrn G. gelang es uns, in der für bolivianische Verhältnisse merkwürdig kurzen Zeit von zwei Tagen reisefertig zu sein.
Vorerst mußte das nächste Reiseziel festgesetzt werden. Das tropische Bolivien – ja, aber das tropische Bolivien ist groß. Wo kann man dort irgend etwas in der Art eines Unterkommens finden, wo läuft man am wenigsten Gefahr, am Beri-Beri, gelben Fieber oder irgend einem sonstigen Tropenkoller zu Grunde zu gehen? Gleich diese Frage entschied unser liebenswürdiger Wirt mit dem Vorschlage, nach seinen Gummi- und Kaffee-Plantagen im Gebiete des Mapiriflusses zu gehen und eine seiner Haziendas, San Carlos, zum Ausgangspunkte weiterer Ausflüge und Unternehmungen zu machen.
Damit war uns das nächste Reiseziel gegeben. Obgleich der Ort Mapiri selbst als total verseuchtes Fiebernest gilt, sollte es in der weiteren Umgebung des Mapiriflusses nicht so schlimm mit dieser Gefahr stehen. Außerdem schluckte ja jeder von uns schon seit La Paz täglich sein halbes Gramm Chinin.