Nun hieß es, einen »Ariero«, d. h. Maultierreisen-Unternehmer, gefügig zu machen, uns das nötige vierbeinige Material zur Verfügung zu stellen. Das war auch leichter gedacht, als getan. Die Arieros sind auf diese Art Unternehmungen schlecht zu sprechen, da die Tiere dabei kolossal strapaziert werden und nicht selten als Beute für die Kondore und Aasgeier im Gebirge liegen bleiben. Wir passierten nachher manches häßliche Knochenfeld. Dank den energischen Bemühungen des Herrn G. fand sich endlich doch ein Mann, der den Kontrakt unterschrieb, uns mit vier »mulas de sella« (Reittieren) und vier »mulas de carga« (Lasttieren) nach San Carlos und zurück zu bringen. Leider unterließen wir es dabei, den Rückweg genau zu bestimmen, und mußten daher denselben Weg zurückkommen, den wir gegangen waren, da der Ariero sich weigerte, einen anderen durch das Tal des Goldflusses »Tipuani« zu nehmen, der allerdings, wie es hieß, kaum passierbar sein sollte.
Nachdem diese beiden wichtigen Fragen zu allseitiger Befriedigung gelöst waren, wurde die Ausrüstung in Angriff genommen. Auch hiermit wären wir ohne Herrn G. nicht weit gekommen. Außer seinen Gummi-Latifundien von der Größe eines mitteldeutschen Herzogtums besitzt dieser »König von Sorata« nämlich noch »den« Kaufladen der Stadt. Er ist nicht nur der König, sondern auch der »Wertheim« von Sorata. Das war ein lustiges Einkaufen! Am liebsten hätten wir alles mitgenommen. Aus La Paz hatten wir nur unsere Feldbetten und Schlafsäcke nach Sorata geschickt. Nun ging es ans Verproviantieren, Legionen Knorrscher Suppentafeln, Bouillonwürfel, Maggi – alles Dinge, die mir bisher nur aus dem Annoncenteil der »Lustigen Blätter« bekannt waren – Erbswürste, Gemüsekonserven, Corned beef, Sardinen und andere Herrlichkeiten türmten sich auf dem Ladentisch auf und wurden säuberlich in Kisten verpackt, dazu Spirituskocher, Kessel, Kannen, Becher, Pfannen usw. An jede Kleinigkeit mußte gedacht werden. In der Nacht noch sprangen wir abwechselnd auf, um einen vergessenen Korkenzieher, Büchsenöffner, oder sonst etwas zu notieren. Brot und Zwieback wurden in zwei mächtige Blechkasten verlötet, und jedes Stück Brot kostete nachher einen zerschlagenen Daumen, oder ein zerschundenes Handgelenk. Lichte und Streichhölzer wurden in Glasflaschen verschlossen, da sie sonst in der feuchten Tropenhitze sofort unbrauchbar werden. Endlich das Zaumzeug und die Sättel, von denen ich noch ein Lied singen werde, Decken, regendichte Ponchos, kurz alles für die persönliche Bequemlichkeit erforderliche, nicht zu vergessen eine umfangreiche Apotheke, vor allem Salmiak und sonstige Mittel gegen Moskitosstiche, sowie – last not least – den Alkohol, Whisky und Kognak, in ausreichender Quantität, die sich nachher dennoch als knapp erwies, als wir auf dem Rückwege den Kordillerenpaß im Schneesturm passierten.
Mit einigem Bangen für die Mularücken sahen wir zu, wie unser Gepäck abends auf dem Hofe des G.'schen Hauses zusammengestapelt wurde. Man sollte meinen, daß es für ein Regiment Soldaten gereicht hätte. Vier gesunde Männer konsumieren in 4-5 Wochen was ganz Erkleckliches. Noch nach dem Schlafengehen waren wir mit unseren sorgenden Gedanken in der »Tienda«, d. h. im Kramladen, und von Zeit zu Zeit hörte man einen der Schläfer von gefülltem Weißkohl, petit pois, Bismarckheringen und ähnlichen, schönen Dingen murmeln.
3. VON SORATA NACH SAN CARLOS.
Am 8. April um 7 Uhr morgens war unsere kleine Karawane reisefertig. Abenteuerlich genug sahen die vier Reiter aus: auf dem Kopfe ein Tropenhelm oder ein breitkrempiger spanischer Torreadorhut, um den Hals in kunstvollen Windungen geschlungen die »Cancha«, ein breiter endlos langer Schal – in der Höhe ein absolut unentbehrliches Kleidungsstück – hohe spanische Schnürstiefel mit mächtigen Zackensporen, wie man sie in Europa nur noch auf Porträts von Don Quichote sieht, Revolver und Messer im Gürtel, auf dem Rücken Büchse oder Gewehr, resp. Feldstecher oder -flasche. So stak jeder in seinem Sattel, wie eine Fischgabel im Etui. Sitzen ist ein Ausdruck, der nicht anwendbar ist auf die Lage, in der sich der Reiter auf einem bolivianischen Gebirgssattel befindet. Man ist zwischen eine Art Brust- und Rückenwehr eingeklemmt, die Füße hängen senkrecht herunter, sie stecken in zwei aus Holz geschnitzten oder aus Leder genähten Steigbügeln, die man anfangs verflucht, und die man nachher, wenn selbst in strömendem Regen die Füße trocken bleiben, nicht genug segnen kann. Überhaupt muß man diesen Sätteln nachsagen, daß sie mindestens ebenso praktisch wie unbequem sind. Was geht da nicht alles dran und drauf und drunter. Unten kommen zwei Decken hin, hinten wird der Poncho angeschnallt, solange man ihn nicht braucht. Ebendort hängen zwei geräumige Satteltaschen, in denen man die notwendigsten Gegenstände unterbringen kann, etwas Proviant und die unentbehrliche Whiskyflasche. Vorne sind drei Riemen angebracht, an die man am zweckmäßigsten den Kodak, den Trinkbecher und die Patronentasche anhängt, auf dem Sattel liegt eine kleine Decke aus Schaffell, die man bei Nacht als Kopfkissen verwendet. Elegant ist das Gesamtbild einer derartig gesattelten Mula mit dem Reiter darauf nicht, dafür ist man aber gegen alle möglichen Vorkommnisse gewappnet.
Mit gesenkten Köpfen stehen die Lasttiere da, sie tragen schwerer als die Reitmulas unter den Bettsäcken, Proviantkisten und Felleisen, sogenannten »petacas«, die unsere übrigen Habseligkeiten enthalten. Große Geschäftigkeit entwickelt die »Mannschaft«, nämlich der Ariero, ein Cholo, d. h. Halbblutindianer, der spanisch spricht, obzwar kaum besser, als wir selbst und zwei waschechte Rothäute, deren Hauptbeschäftigung nachher darin bestand, die entlaufenen »Carga-Mulas« wieder einzufangen, wobei sie mit affenartigem Geschick die halsbrecherischen Felsabhänge hinauf und hinunter klettern, um den Tieren den Weg abzuschneiden, denn von hinten läßt sich keine Mula, die etwas auf sich hält, einfangen, wie ich aus eigener bittrer Erfahrung weiß. Der Weg nach San Carlos war auf vier Tagereisen veranschlagt. Jeden Tag waren 45 bis 50 Kilometer zurückzulegen, was bei den kolossalen Steigungen als recht gute Leistung zu bezeichnen ist, weniger für uns als für die Tiere. Die täglichen Wegstrecken mußten genau eingehalten werden, da außer den vorgemerkten Nachtquartieren keine Behausungen weiter unterwegs anzutreffen waren.
Gleich am ersten Tage galt es, den Paß der Hauptkordillere zu überschreiten. Es ist der höchste Gebirgspaß in ganz Südamerika, ich glaube nicht, daß er mit seinen 5500 Metern überhaupt irgendwo seinesgleichen hat. Mit Lust und Energie begannen die Maultiere den Aufstieg, hinterher mit Hott und Hüh die »Carga« nebst den Indios. Aber das Vergnügen dauerte nicht lange.
Ist jemals einer meiner verehrten Leser auf einer Mula einen steilen Berg hinaufgeritten? Nur dann kann er nachfühlen, was man dabei zu leiden hat. Die Maultiere sind zwar sehr brave und ausdauernde Geschöpfe, aber Reiter von nervösem Temperament können sie rasend machen. Je nach dem Steigungswinkel bleiben sie alle zwanzig, zehn oder fünf Schritte stehen, um Atem zu schöpfen. Anfangs hat man Mitleid, denn man fühlt, wie die Flanken des Tieres unter einem schlagen. Man wartet also, bis es von selbst weitergeht. Beim nächsten Mal jedoch wird man schon ungeduldig. Man versucht es mit Zungenschnalzen, Pfeifen und allen spanischen Schmeichelnamen, die einem im Moment einfallen. Keine Reaktion. Nun schwingt man die Zügel und zieht dem Tiere mit dem, wie bei den russischen Iswoschtschiki verlängerten Ende der Leine, eins hinten über. Keine Reaktion. Jetzt wird man heftig und fängt mit den Sporen an zu bohren und am Haarschopf zu ziehen. Nichts hilft. Nun bleibt einem nichts übrig, als mit dem Revolver zu schießen, oder ruhig abzuwarten. Das erstere wäre unklug, aber das zweite ist für ungeduldige Gemüter nicht leicht, zumal wenn andere Reiter mit kräftigeren Tieren einen hohnlachend überholen. Man steigt also ab und geht zu Fuß. Nun fängt man an die Mula zu verstehen. In dieser Höhe ist es nämlich tatsächlich unmöglich, mehr als zehn Schritte zu machen, ohne nach Luft zu schnappen. Wir waren vor der Bergkrankheit, der sogenannten »Saroche« gewarnt. Also steigt man doch lieber auf und wappnet sich mit Geduld, denn ruhig im Sattel hockend, spürt man die Wirkung der dünnen Luft fast gar nicht. Aber kalt wird es, empfindlich kalt. Man greift nach dem »Poncho«, wickelt den Schal fester, aber je höher es geht, desto kälter wird es. Nur eines hilft – der Sweater – wenn man einen hat. In einem Anfall von Hellseherei hatte ich meinen von Moskau mitgenommen.
Nach achtstündigem Aufstieg ist der höchste Punkt des »Yachazani«-Passes erreicht. Schon den ganzen Weg über hatten wir wundervolle Gebirgslandschaften vor uns gehabt. Hier oben läßt sich der Blick mit gar nichts vergleichen, was ich früher – auch in den Kordilleren – gesehen hatte. In greifbarer Nähe steht der Llampu vor einem. Wir hatten Glück. Kein Wölkchen verhüllte sein majestätisches Haupt. Am liebsten hätte man sich stundenlang von diesem Anblick nicht losgerissen. Aber es ist schneidend kalt, und wenn man im Schnee herumtanzte, um sich zu wärmen, ging einem doch sofort der Atem aus. Außerdem trieb der Ariero erbarmungslos zur Eile. Wir waren verspätet oben angekommen. Damals wußten wir noch nicht, was für Folgen eine jede Verspätung in diesen Gegenden hat. Die müden Tiere werden also wieder bestiegen und weiter geht es, eine lange Strecke durch einen ziemlich eben scheinenden Gebirgskessel, dann abwärts. Es ist schon 5 und noch haben wir ein tüchtiges Stück zu reiten. Ohne Erbarmen werden die Mulas wieder in Trab gesetzt. Aus dem Tal steigen dicke weiße Nebelwolken hervor und hüllen die ganze Landschaft ringsumher in einen undurchdringlichen Schleier. Es wird immer dunkler. Um 6 ist es mit gewohnter Tropenpräzision stockfinstere Nacht. Das letzte Stück des Weges – glücklicherweise nur 1¾ Stunden – hat wohl niemand von uns als besonders gemütlich empfunden. Unsere einzige Hoffnung waren die Mulas. Zu Fuß war kein Schritt möglich, da man in dieser sternenlosen Tropennacht nicht die Hand vor den Augen sah. Rechts hörte man das Brausen eines Gebirgsflusses, aber wo und wohin er fließt, sieht kein Mensch. Von Zeit zu Zeit erschallt in der Dunkelheit die Stimme des Ariero, der die Richtung angibt. Man segnete die Spürnase der Mulas, die Vorsicht, mit der sie Schritt vor Schritt machten und gelobte, am nächsten Tage die Sporen abzuschnallen.
So langten wir im Indianerdorfe »Injenio« an, ohne es zu merken, denn nicht einmal die Konturen der Häuser ließen sich in dieser rabenschwarzen Nacht unterscheiden. Aber die Mulas kannten ihren Weg. Als sie stehen blieben, wußten wir, daß wir angelangt waren und abzusteigen hatten. In Injenio steht ein altes verlassenes und zerfallenes Haus, das einst einen wohlhabenden Besitzer gehabt haben muß, und jetzt, was selten genug vorkommt, von durchreisenden Fremden als Nachtquartier benutzt wird. Wir installierten uns in einem Zimmer, das zwar nur noch Fragmente von einem Fußboden, dafür jedoch Reste von Tapeten an den Wänden aufwies. Von Tischen, Stühlen oder sonstigen Bequemlichkeiten natürlich keine Spur. Wir erleuchteten dieses Gemach sofort prächtig vermittelst zweier »bolivianischer Nachtleuchter«, d. h. einfacher Stearinkerzen, die mit der ganzen erwärmten Längsseite an die Wand gepappt wurden. Schnell wurden die Feldbetten aufgeschlagen, da sie zugleich Tische und Stühle ersetzen mußten. Ein alter Indianer, den der Ariero unterdessen aufgestöbert hatte, brachte Reisig, und im Nebenzimmer, das schon gar keine Andeutungen einer Bretterdiele mehr aufwies, wurde ein Feuer angemacht. Appetit hatte niemand von uns. Das pflegt einem am ersten Tage nach erlittenen Strapazen immer so zu gehen. Man begnügte sich mit einer Tasse Tee oder Kakao, und konnte nicht schnell genug die müden Glieder in den Schlafsack und diesen und sich selbst auf das Feldbett strecken. Durch die zerbrochenen Fensterscheiben hörte man den Wind ums Haus gehen. Auf dem Hofe schnauften die Mulas, zwischen ihren Zähnen knirschte die frische Gerste, die wir ihnen vorgesetzt hatten. Sie hatten sie verdient. Guten Appetit!