Am nächsten Morgen um ½5 Uhr hieß es: aufstehen! Jetzt waren wir durch die Erfahrung gewitzigt und wären auch noch früher aufgesprungen, um einer Verspätung aus dem Wege zu gehen. Es ist nicht leicht, in der Dunkelheit die Mulas einzufangen, sie zu satteln und zu bepacken. Während wir unseren Morgenimbiß einnehmen, fängt es an zu dämmern. Wir sehen uns unser Nachtquartier an. Jetzt erscheint es schon weniger einladend, als gestern abend. Der Fußboden, oder das was ihn ersetzt, hat vielleicht vor zwei Jahren zuletzt eine Bürste gesehen. Wenn man ihn näher untersucht, läßt sich das Menü früherer Reisegesellschaften mit ziemlicher Sicherheit bestimmen. Über der Tür hängt die Hälfte eines faulenden Balkons. Keine Fensterscheibe ist heil. (Während ich dies niederschreibe, denke ich lächelnd daran, daß, als wir fünf Wochen später nach Injenio zurückkehrten, mein Reisekamerad vor diesem Hause ausrief: »Gott sei Dank, endlich wieder ein anständiges Lokal!«)
Von den indianischen Ansiedlungen Boliviens ist Injenio unstreitig eine der interessantesten. Es ist ein altes Inka-Dorf. Aus dem Fluß, den wir am Abend vorher hatten rauschen hören, haben vor langen Zeiten die »Söhne der Sonne« unermeßliche Reichtümer an reinem Golde herausgewaschen. Jetzt ist der Vorrat versiegt. Nur mit großer Mühe gelang es, von einem alten Indianer einige Körner Flußgold zu erstehen. Oben in den Bergen hofft man, noch Gänge des edlen Erzes zu finden. Eine amerikanische Gesellschaft ist eben dabei, mit kolossalem Kostenaufwande oberhalb Injenios einen maschinellen Goldminenbetrieb einzurichten. Heute noch sieht man beim Durchschreiten des Dorfes, wie wert den Inkas Injenio gewesen ist. Imposante Dammarbeiten durchziehen die Gegend, Mauern aus mächtigen Quadern, in denen die Jahrhunderte keinen Stein haben lockern können. Von Zyklopen errichtet scheinen auch einzelne Häuser zu sein. Die Inkas wollten hier für die Ewigkeit bauen. Sie konnten es nicht wissen, daß sie selbst so viel früher zugrunde gehen würden, als ihre Werke. Noch eine lange Strecke außerhalb Injenios sieht man am Ufer des Flusses und an den Hängen der Berge die verlassenen Ruinen alter Inkaherrlichkeit einsam dastehen.
Der Weg, der anfangs am Fluß entlang führt, beginnt wieder sich einen Berg hinaufzuschlängeln. Bald ist die Vegetationsgrenze erreicht. Nur große weiße Sternblumen, gleich verkrüppelten Margueriten ohne Stengel, und rote und violette Gebirgsglocken, unseren Alpenveilchen nicht unähnlich, bedecken die Abhänge.
Diese zweite Tagereise ist ermüdender, als die erste, geistig noch mehr als körperlich. Es geht ununterbrochen bergauf und bergab, ohne daß man einen merklichen Höhenunterschied überwindet. Was man eben gewonnen hat, büßt man in den nächsten fünf Minuten wieder ein. Schließlich wird man resigniert. Es ist den ganzen Tag über neblig. Keine Spur von Aussicht. Man sieht nicht weiter, als hundert Schritte. Gleich feuchten Treibhausdämpfen steigen die Nebel empor. Sie kommen aus Palmenwäldern und Bananenhainen. Der Weg wird immer schlechter. Sogar die Mulas stolpern. Alle Augenblicke muß man absteigen, damit die Mula nicht sich selbst die Beine und dem Reiter den Hals bricht.
Gegen Mittag setzt ein feiner Regen ein, der immer stärker und stärker wird. Endlich schüttet es wie aus Eimern. Der Weg ist so schlüpfrig und glatt, daß man jetzt selbst bei den gewagtesten Passagen den Mulahufen mehr vertraut, als den eigenen Stiefelsohlen. Man reitet gesenkten Hauptes, von der Hutkrempe geht es von Zeit zu Zeit wie ein Sturzbach nieder. Gegen diesen Wolkenbruch schützt auch der »regendichte« Poncho nicht. Man fühlt sich langsam aber sicher durchweicht, und sorgenden Blicks sieht man, daß dasselbe Schicksal auch die Schlafsäcke auf den »carga-Tieren« erreicht.
Wenigstens verspäten wir uns nicht. Um 5 Uhr ist das zweite Nachtquartier, das »Grand Hotel« Tola Pampa, erreicht.
Giftiger Hohn hat einer Scheune, die einsam auf Bergeshöhe steht, einst diesen hochtönenden Namen gegeben, der ihr seither anhaftet. Als wir das Haus von Ferne sahen – 50 Kilometer im Umkreise gibt es kein anderes – erhoben sich unsere Lebensgeister. Voller Energie ritten wir darauf zu.
Prosit Mahlzeit! Besetzt!
Das »Grand Hotel« – vier Mauern mit einem Dach darüber – besteht aus zwei Räumen. In einem hatten sich sechs Bolivianer niedergelassen, so fragwürdigen Aussehens, daß man unwillkürlich nach dem Revolver griff. Im anderen, kleineren, hockten frierend fünf Indianer. Was war zu machen? Die Bolivianer-Festung im Sturm zu nehmen, trauten wir uns nicht zu. Also mußten die armen Indios daran glauben. Macht geht hier überall vor Recht, den Indianern gegenüber natürlich ganz besonders. Wir konnten ihnen nicht helfen, die armen Burschen mußten hinaus und sich unter der Dachtraufe niederlassen. Der eine mußte sogar noch den Fußboden aus gestampftem Lehm reinfegen. Wenigstens sind die Braven an Trinkgeldern nicht zu kurz gekommen. Dem einen kauften wir für 2 Bobs (zirka 4 Mark) einen Arm voll trocknen Holzes ab, das er, weiß der Himmel von wo hergenommen hatte, dem andern einige Stück Brot, wobei allerdings ein ganzer Bob für jedes Stück zu erlegen war. Der dritte holte uns Wasser von einer ziemlich entfernten Quelle. Jede Flasche erzielte annähernd den Preis von Münchener Export-Bier!
Wenigstens waren wir bis auf weiteres vor Wind und Wetter geschützt. Das hatten wir aber auch sehr nötig. Schlafsäcke und Betten waren total durchweicht, wir selbst ebenfalls, das einzige Trockne waren die Decken, die unter den Sätteln gelegen hatten. In keineswegs sehr gehobener Stimmung ließen wir uns auf unseren nassen Betten nieder. Im Raume nebenan schwelte das bolivianische Lagerfeuer. Der Rauch drang durch die Mauerritzen und beizte uns die Augen. Einen Schornstein, oder wenigstens ein Loch in der Decke hatte das »Grand Hotel« Tola Pampa nicht. Dennoch machten auch wir in unserer »Nummer« ein Feuer an, was schwierig war, da man sich in dem Räume, nachdem die Betten aufgestellt waren, kaum herumdrehen konnte. Immerhin hob sich der Lebensmut ganz beträchtlich, als wir in zwei Kesseln, die kunstreich an einem nassen Stabe übers Feuer gehängt waren, das Wasser brodeln hörten. Nun stellte sich zu unserer freudigen Überraschung heraus, daß preußische Bergassessoren auch mehr können, als Minen-Gutachten abgeben – nämlich Suppe kochen! Unser Assessor W. jedenfalls braute aus Knorrs Suppentafeln, Liebigs Fleischextrakt, Wurstresten, Cornedbeef, Erbsenkonserven und den Überbleibseln einer einst sehr schönen Hammelkeule eine Suppe zusammen, die dem maître d'hotel bei Adlon Tränen kollegialer Rührung in die Augen getrieben hätte. Dieses Meisterwerk der Kochkunst war unerreichbar. Und als dann das Wasser im zweiten Kessel sich in Grog verwandelt hatte, der immer mit Whisky »verdünnt« wurde, ward uns immer »wöhler« zu Mute, wie man hierzulande sagt. Um 8 Uhr lagen wir auf den nassen Betten, der Ariero, der übrigens seinem ominösen Namen – Don Botello (die Flasche) – alle Ehre machte, als Wächter quer vor der Türe.