Um 4 Uhr am nächsten Morgen rasselte der sorglich auf einem Emailleteller aufgestellte Wecker. Nicht ohne Bangen traten wir vor das Portal des »Grand Hotel«. Regnet es immer noch? Nein. Dem Schicksal sei Dank. Ein wolkenloser Sternenhimmel von großartiger Pracht spannt sich über die Berge. Noch ist es Nacht.

Als wir zum Ausritt bereit waren, begann ein Naturschauspiel von unvergeßlicher, geradezu berückender Schönheit – der Sonnenaufgang. Im Westen am dunklen Himmel erblich der Mond, im Osten, von tiefschwarzen Silhouetten der Berge eingesäumt, begann der Himmel sich rot zu färben, ein Rot von so dunklem satten Ton, als rührte es von einem mächtigen Kohlenfeuer her. In dieser Farbe leuchteten plötzlich die Schneekoppen der Hauptkordillere auf. Zu unseren Füßen dehnte sich unübersehbar weit ein brauendes Nebelmeer aus, das sich wie die Wellenbrandung eines märchenhaften Ozeans durcheinanderschob, milchig, von fast bläulichem Weiß, bis auch hier der Lichtschein hindrang und die ganze grenzenlose Fläche rosenrot färbte. Es war schwer hierbei seine fünf Sinne beisammenzubehalten und noch dazu auf die Mula aufzupassen, die im unsicheren Morgenlichte schnuppernd ihren Weg suchte.

In der Ferne auf dem Kamm eines Berges sah man die winzig scheinende Gestalt eines Indianers stehen. Ich dachte daran, daß diese Naturkinder, wie man mich versichert hat, heute noch alle Sonnenanbeter sind, trotzdem viele von ihnen, besonders in den Umgebungen der Städte, natürlich getauft sind. Und ich dachte daran, daß ihre Religion vielleicht doch nicht so ganz inferior ist, wie es uns von der Höhe unserer europäischen Weisheit herab, vielleicht scheinen mag. Naiv genug ist er ja, der Sonnenkultus der Indianer. Sie bringen ihrem Gott nicht einmal Opfer. Sie beschränken sich darauf, ihn als Erzeuger und Erhalter der Welt zu bewundern. Der Anschauung der Indianer nach gehören ihrem Gott alle Dinge, die er zuerst bescheint, das heißt, alles was sich auf dem Gipfel der Berge befindet. Dieser Gedanke ist schön und billig zugleich. Vielleicht glaubt der Indianer auch, daß auf den Höhen der Berge, die so wundervoll im Sonnenlicht glänzen, wer weiß was für Herrlichkeiten verborgen sind. Denn in den weiteren Postulaten seiner Weltanschauung ist der Indianer sehr bescheiden. Von den Produkten der Erde beansprucht er für sich nur die gewöhnlichsten, die ihm zur Nahrung, Kleidung und Behausung dienen. Alles was kostbar und schön ist, – das Gold, die Vicunnas, aus deren samtweichem Fell man die schönen Decken macht, die noch zarteren Chinchillas usw., alles das gehört ausschließlich den »Söhnen der Sonne«, den Inkas. Der ordinäre Indianer hat darauf kein Recht.

Was es mit den Inkas eigentlich für eine Bewandtnis hat, darüber habe ich übrigens in Bolivien ebensowenig sicheren Aufschluß finden können, wie in Europa. Die Geschichte des Landes setzt sich aus Legenden zusammen. Ziemlich allgemein nimmt man an, daß der Stamm der Inkas auf die Bemannung eines gestrandeten Normannen-Schiffes zurückzuführen ist, die wegen ihrer hellen Haare und Augen als Sonnenabkömmlinge angesehen wurden. In Peru gibt es noch Indianer, die ihre Herkunft von den Inkas ableiten. Jetzt freilich ist ihre Haut braun, wie die der übrigen Indianer. Doch sind es alles auffallend schöne, hochgewachsene Gestalten mit edlen reinen Gesichtszügen.

Von Tola Pampa begann ernstlich der Abstieg. Eine Stunde noch führte der Weg durch das steinige Felsgeröll, das wir schon zur Genüge kannten. Dann setzte die Vegetation ein, und zwar gleich mit völlig tropischem Charakter: Farrenbäume, Fächerpalmen, zuerst alles noch recht winzig, kaum mannshoch, und vereinzelt. Doch mit jedem Schritt, den wir hinab tun, wächst und verdichtet sich der Wald. Von den Maultieren sind wir abgestiegen und lassen sie hinterher laufen. Beim Abstieg brauchen wir sie nicht. Vor uns liegt ein sonnenüberglühter Grat, ein Weg von fast zwei Stunden. Er führt in leichter Neigung hinab. Nachdem wir ihn überschritten haben, kommen wir in Schatten. Gleichzeitig beginnt der Teil des Weges, der im Volksmunde mit Recht »amargurani« – Bitternis – heißt. Ein geradezu grauenhaft schlechter, vom Regen total ausgewaschener, von breiten Felsspalten durchschnittener Weg. Oft ist man in Verlegenheit, wohin man beim nächsten Schritt den Fuß setzen soll. Wenigstens geht es konstant abwärts. Es wird immer heißer. Man hat bald die Empfindung, daß man in dampfdurchglühter Treibhausluft vorwärts schreitet. Die Kleider kleben am Leibe. Der Schweiß fließt in Strömen.

Und dennoch vergißt man alle körperlichen Beschwerden über der vegetativen Pracht, die einen umgibt. Der Wald wird mit jedem Schritt dichter, endlich ist zu beiden Seiten des Weges richtiger undurchdringlicher Urwald.

Was für ein Wald! Kein Märchen kann ihn schöner schildern. Riesenfarren mit fächerartig ausgebreiteten Ästen, Schlingpflanzen, die wie Girlanden von Baum zu Baum und über den Weg hängen. Üppig wucherndes Buschwerk mit glänzenden, gleichsam lackierten Blättern; überall leuchten gelbe, rote, violette Blüten hervor, einzeln und in schweren Dolden. Tausende von Pflanzen, die bei uns als kostbare Ziergewächse gezüchtet werden, alles in riesengroßen unwahrscheinlichen Dimensionen, mannshohe Schilfblätter, sogenannte Gummibäume (die übrigens mit dem Nutz-Gummibaum nicht das Geringste gemeinsam haben), gigantische Nesseln, deren Blätter von einer Seite samtgrün, von der anderen scharlachrot sind, Palmen von jeder Form und Größe, einzeln und in Gruppen, wie sie kein Kunstgärtner schöner zusammenstellen kann. Ein Wirrwarr von saftigem Grün aller Schattierungen mit leuchtenden Farbenflecken dazwischen. Fast alle größeren Bäume sind mit Moosen bedeckt, Moosen von allen Farben, nilgrün, grau, bläulich, ja dunkel weinrot. Und hier, welch eine Pracht! Aus dem Moose schauen die ersten Orchideen hervor. Man traut seinen Augen nicht. Man greift nach den Blüten, und wenn man sie in der Hand hält, läßt sich ihre Existenz nicht mehr in Abrede stellen. Man kann sich nicht satt sehen an den feinen hellila und dunkelvioletten Blumen. Es sind wahre Wunderwerke der Natur, diese bizarren Kelche mit ihren exzentrischen Formen und herrlichen Farben. Am schönsten sind die großen, goldbraunen Dolden, an denen oft bis dreißig einzelne Blüten sitzen. Man hat bald den ganzen Arm voll von dieser Blütenpracht und weiß nicht, wohin damit.

Es ist Frühstückszeit! An einem kleinen Sumpfe, den sogenannten »Lagunillas« wird Halt gemacht. Hier lernen wir die erste Schattenseite der Tropen kennen – den Mangel an Trinkwasser. Die Thermosflaschen sind alle leer getrunken. Im ganzen Walde ist kein Stückchen trockenes Holz aufzutreiben, um Feuer zu machen und das Sumpfwasser zu kochen. Alle Versuche schlagen fehl. Der Durst wird immer quälender. Schließlich pfeift man auf Fieber und Typhus, schöpft einen Becher voll des trüben Wassers aus dem Sumpf, tut einen »Desinfektionsschuß« Whisky hinein, und nimmt einen herzhaften Schluck. Wie das wohltut, obgleich es scheußlich schmeckt. Nun kann die Reise weiter gehen.

Gleich nach dem Frühstück hatte ich Glück. Ich blieb mit meinem Gewehr eine halbe Stunde zurück, da ich in den Baumkronen mancherlei flattern sah, was mich interessierte. In den Wald zu schießen, hat keinen Zweck, wenn man nicht mit einem Schlagmesser, einer sogenannten »macheta« ausgerüstet ist, wie es hier jeder Indianer bei sich hat. Ohne dieses Instrument ist im Walde keine zwei Schritte vom Wege an ein Durchkommen zu denken. Man muß also geduldig warten, bis die erhoffte Beute über den Weg fliegt.

Da! ich schieße. Und vor mir auf dem Wege liegt ein regelrechter Papagei, prächtig grün und rot gefiedert. In der Freude meiner Seele werfe ich meine Papiros mitsamt meiner schönsten Bernsteinspitze in den Urwald – ich habe sie nie wiedergefunden – und hänge meine bunte Beute an den Sattelknopf. Die schönste Feder kommt an den Hut, der sich übrigens im Laufe der Wochen in einen regelrechten indianischen Federkopfputz verwandelte.